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Anarchismus (Zusammenfassende Darstellung)

  • Gabor Kiss
Part of the Studienbücher zur Sozialwissenschaft book series (WVST, volume 13)

Zusammenfassung

Die Einbeziehung des Anarchismus in die »soziologischen Hauptrichtungen« läßt sich aus zwei Gründen rechtfertigen: Erstens aus der Eigenständigkeit seines theoretischen und zweitens seines methodologischen Konzeptes. Die anarchistische Gesellschaftstheorie ist auf der Grundlage einer theoretischen Synthese liberalistischer und sozialistischer Gedanken entstanden, die — einmalig in dieser Form — zur Radikalisierung der Dialektik und zur Theorie der Herrschaftslosigkeit führte. Die anarchistische Gesellschaftsbetrachtung (um 1870) brachte aber auch einen für die spätere Soziologie wichtigen Ansatz in die Diskussion; das Problem der gesellschaftskonstitutiven Rolle der Gruppe auf der mittleren Ebene zwischen Individuum und Gesamtgesellschaft, zwischen den atomistischen Teilen und dem Ganzen. Der gruppentheoretische Ansatz der Anarchisten wies auf eine Entwicklung hin, deren wichtigste Merkmale in den Dezentralisierungstendenzen komplexer Wirtschaftssysteme (Selbstverwaltung), in der Verselbständigung der Gruppengebilde und in der Eigendynamik der Gruppenexistenz des Menschen unter selbstentwickelten und situationsadäquaten Normsystemen zu sehen sind.

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Literaturverzeichnis

  1. l.
    Weber: »Wenn nur soziale Gebilde beständen, denen die Gewaltsamkeit als Mittel unbekannt wäre, würde der Begriff „Staat“ fortgefallen sein: dann wäre eingetreten, was man in diesem besonderen Sinne des Wortes als „Anarchie“ bezeichnen würde« (Wirtschaft und Gesellschaft, Köln-Berlin 1964, II, S. 1043).Google Scholar
  2. 2.
    Berölkerungslehre, Heidelberg 1955, S. 142.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Sarkysianz, Emanuel: Rußland und der Messianismus des Orients, Tübingen 1955, S. 110.Google Scholar
  4. 4.
    In der Antwort auf die Frage von Vera Sassulić, ob der »Mir« aufgrun’d seiner besonderen kollektivistischen Verfassung nicht geeignet wäre, den Sozialismus in Rußland, durch Überspringen der kapitalistischen Entwicklungsphase, sofort zu verwirklichen, schrieb Marx in seinem dritten Antwortentwurf, daß die Theorie der historischen Unvermeidlichkeit als »ausschließlich auf die Länder Westeuropas beschränkt« gelte (in: MEW, Bd. 19, S. 384).Google Scholar
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    Vgl. Nötzel, K.: Die soziale Bewegung in Rußland, Leipzig 1923.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Kiss, Gabor: Die gesellschaftspolitische Rolle der Studentenbewegung im vorrevolutionären Rußland, Diss. München 1963; (Heller-Verlag), S. 107 ff.Google Scholar
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  8. 8.
    Stellvertretend für die konservative Auffassung, sollte dieses Zitat aus dem Brief des Popen Petrov gebracht werden (Pis’mo svjaéćennika Grigorija Petrova Mitropolitu Antoniju, Sankt-Peterburg 1908, S. 7). — So z. B. sah der Slavophile Kirejevskij die Funktion des Staates im »Durchdrungenwerden vom Geiste der Kirche«; Mereskovskij behauptet, daß »das Leben des Staates der Tod der Kirche« sei; Dostojewskii sah die Verwirklichungsmöglichkeiten einer »allweltlichen, allvölkischen Kirche« in Rußland, wonach »jeder Staat auf Erden sich völlig zur Kirche verwandeln und nichts anderes als Kirche werden müßte«, usw. (nach: Kiss, Studentenbewegung, op. cit. S. 112 ff.).Google Scholar
  9. 9.
    The Crucifixion of Liberty, New-York 1934, S. 31 ff.Google Scholar
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    Stolp pravdy (Stütze der Wahrheit), Moskva 1914, S. 91 f. Das russische Wort »pravda« ist semantisch doppeldeutig: es bedeutet einerseits »Wahrheit«, andererseits »Gerechtigkeit«. Mit der Benennung seines zentralen Presseorgans hat also Lenin sowohl die mitschwingenden religiösen Gefühle als auch das sozialistische »Moment« auf die denkbar glücklichste Weise eingefangen.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Zen’kovskij, V. V.: Istorija russkoj filosofii (Geschichte der russischen Philosophie), t. I, II, Paris 1948.Google Scholar
  12. 12.
    Ebenda, II, S. 391 ff.Google Scholar
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    Nach: Sarkisyanz, op. cit. S. 110.Google Scholar
  14. 14.
    Ivanov, Vlaćeslav: Die russische Idee, Tübingen 1930, S. 30 ff.Google Scholar
  15. 15.
    Diesbezügliche Meinungen finden sich in vielen Quellen des ganzen 19. Jahrhunderts, angefangen von General Rostopcin (der den Dekabristenaufstand 1825 niederschlug) bis zum Weißgardistengeneral Denikin, daß »die Haltung der Mehrheit der Bourgeoisie gegenüber (seinem) Regime besonders merkwürdig war, (obwohl er) die bürgerliche Ordnung und den Privatbesitz wiederherstellen (wollte). Die von den besitzenden Klassen geleistete Hilfe der Armee und Regierung war verschwindend gering …« (nach: Kiss, Studentenbewegung,’ op. cit. S. 118). Auch Max Weber bemerkte, daß die liberalen Elemente, z. B. auch im Zemstvo (adelige Selbstverwaltung) im allgemeinen aus »Nicht-Interessenten« bestünden und eher Träger »eines politischen und sozialpolitischen Idealismus« gewesen seien (Zur Lage … op. cit. S. 244).Google Scholar
  16. 16.
    Berdjajev, N.: The bourgeois mind, New-York 1934, S. 11.Google Scholar
  17. 17.
    Nach: Sarkisyanz, op. cit. S. 149 f.Google Scholar
  18. 18.
    Proletarskaja ideologija (Proletarische Ideologie), in: Russkoe Bogatstvo, 1907, Nr. 7, S. 2-28 (S. 4).Google Scholar
  19. 19.
    In: Le Tribun du Peuple, Nr. 36 (10. 12. 1795), nach: Mazauric, Claude: Babeuf, Textes choisis, Paris 1965, S. 220.Google Scholar
  20. 20.
    Ethymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, hrsg. Kluge, F., 18. Aufl. Berlin 1960, S. 21.Google Scholar
  21. 21.
    Vgl. aus dem religiös-politischen Bereich: Rammstedt Ottheim: Sekte und soziale Bewegung, — Dortmunder Schriften zur Sozialforschung, Bd. 34, Köln-Opladen 1966.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Cannac, René: Netchaiev. Du nihilisme au terrorisme, Paris 1961. — Pravdin (Carol), M.: Necaev, Frankfurt a. M. 1961.Google Scholar
  23. 23.
    Kiss, Studentenbewegung, op. cit., S. 29-63.Google Scholar
  24. 24.
    Auch nach: Sub, D.: Lenin, “Wiesbaden 1952, S. 17. — Sub ist neben anderen Rußland-Kennern ebenfalls der Ansicht, daß die Nećacvsche Taktik der Geheimorganisation Lenin in vieler Hinsicht beeinflußt haben muß. In seiner Polemik gegen die Spontaneität sagt z. B. Lenin in »Was tun?«: (der spezielle Kampf gegen die politische Polizei) »muß nach allen Regeln der Kunst von Leuten organisiert werden, denen die revolutionäre Arbeit zum Beruf geworden ist« (S. 240) … (Es soll eine »Organisation ohne Mitglieder« geben.) »Wer aber unter dem Absolutismus eine breite Arbeiterorganisation mit Wahlen, Berichten, allgemeinen Abstimmungen usw. haben will, der ist einfach ein unverbesserlicher Utopist« (S. 247) … Stellt ihr aber die Frage, daß die Organisationen geschnappt werden, und geht davon nicht ab, so will ich euch sagen, daß es viel schwieriger ist, ein Dutzend Schlauköpfe zu schnappen als hundert Dummköpfe. Und ich werde diesen Grundsatz verfechten, so sehr ihr auch die Menge wegen meines »Antidemokratismus« usw. gegen mich aufhetzen möget. Unter den Schlauköpfen sind, wie ich schon wiederholt betont habe, in organisatorischer Beziehung nur die Berufsrevolutionäre zu verstehen, einerlei, ob sie sich aus Studenten oder Arbeitern hierzu entwickeln« (S. 251 f.) — in: Was tun?, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Bd. I, Berlin-Ost 1966 (Dietz).Google Scholar
  25. 25.
    In der »Erklärung des Generalrates zum Mißbrauch des Namens der Internationale durch Netschajew«, in: MEW, Bd. 17, S. 382 und 435.Google Scholar
  26. 26.
    Für ihre Mitarbeit im Rahmen eines Seminars (WS 1969/70) möchte ich den Herren Studenten Riepe, Axt und Wienand danken.Google Scholar
  27. 27.
    Nicht das Menschenbild, sondern nur das Staatsmodell von Rousseau wird von den Anarchisten abgelehnt (vgl. z. B. Bakunin, Gott und der Staat, S. 130).Google Scholar
  28. 28.
    Bakunin, M.: Das knutogermanische Kaiserreich und die soziale Revolution, in: Gesammelte Werke, hrsg. Rholfs-Nettlau, Bd. I-III, Berlin 1921-24, Bd. I, S..35 ff.Google Scholar
  29. 29.
    Anonym: Freiheit, in: Anarchismus, S. 105-108.Google Scholar
  30. 30.
    Der Rationalitätsbegriff der Anarchisten orientiert sich stark an der Tradition der Aufklärung, zumal es sich hier nicht um Endzwecke (— im Weberschen Sinne: Wert-Rationalität —), sondern aufgrund der kritischen Denkfähigkeit erkannte zweckrationale Regelungen handelt, die allerdings dann in der Wahl der Mittel auch die Gewaltsamkeit einschließen. Die Frage, ob die dem Schein nach pazifistischen Mittel einer »unternehmerischen Rationalität« sich wesentlich von dem anarchistischen Begriff der Rationalität unterscheiden, müßte verneint werden: auch das »ökonomische Mittel« greift im äußersten Fall (Verletzung des ökonomischen Interesses als Unrecht) auf Gewaltanwendung (Kriege) zurück.Google Scholar
  31. 31.
    »Die erste Bedingung der Gleichheit — sagt Reclus —, ohne die jeder andere Fortschritt reinster Spott wäre — das Bestreben aller Sozialisten ohne Ausnahme — ist, daß jedermann Brot hat. Hungernden von Pflicht, von Entsagung, von ätherischen Tugenden zu sprechen, ist nichts Geringeres als Feigheit. Der reiche Mann hat kein Recht, dem Bettler vor seiner Tür Moral zu predigen …« (in: Anarchismus, S. 112).Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. Mao-Tse-Tung: Theorie des Guerillakrieges oder die Strategie der Dritten Welt, Hamburg 1966 (Rowohlt), insbesondere, S. 14 ff.Google Scholar
  33. 33.
    Solidarität, in: Wörterbuch der Soziologie, hrsg. Bernsdorf, 2. Ausgabe, Stuttgart 1969, S. 944.Google Scholar
  34. 34.
    Vgl. Kropotkin: »Wenn der Mensch Gut und Schlecht zu unterscheiden weiß, sagen die Priester, so ist es, weil Gott ihm die Idee einflößte. Da gibt es kein Diskutieren. Nützlich oder schädlich bleibt ihm gleich, da heißt es einfach blindlings dem Gutdünken seines Schöpfers zu folgen … Andere (wie Hobbes) haben es durch da.s Gesetz zu erklären gesucht. Das Gesetz sollte es sein, welches bei den Menschen das Gefühl von Recht und Unrecht, von Gut und Schlecht entwickelt hat. Unsere Leser werden diese Erklärung wohl selbst abzuschätzen verstehen. Sie wissen, daß das Gesetz die gesellschaftlichen Gefühle des Menschen bloß ausnutzte, um ihn „Moralvorschriften“, die er nicht gerne annahm, einzuflößen und die den Ausbeutern, der Minorität, nützlichen Befehle, gegen welche er sich sträubte, befolgen zu lassen. Das Gesetz hat das Rechtsgefühl nicht entwickelt, sondern im Gegenteil verdorben …Google Scholar
  35. 35.
    Nach: Heintz, Peter: Anarchismus und Gegenwart, Zürich 1951, S. 30.Google Scholar
  36. 36.
    Nach: Braunthal, Julius: Geschichte der Internationale, Bd. I-II, Hannover 1961-1963, I, S. 152. — Der endgültige Bruch mit dem Marxismus erfolgte um 1872 während der I. Internationale (im Haag): abgestoßen von den autoritären Bestrebungen seines geschäftsführenden Ausschusses, den Marx beherrschte, empfahl Bakunin eine föderalistische Organisation der Assoziation, die jeder Sektion weitgehendes Selbstbestimmungsrecht ließ.Google Scholar
  37. 37.
    Folgende Quellentexte in deutscher Übersetzung, nach: Heintz, Anarchismus, op. cit.Google Scholar
  38. 38.
    Gide, Charles — Rist, Charles, Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen, 2. Aufl. Jena 1921, S. 680.Google Scholar
  39. 39.
    Autour d’une vie (S. 410), nach: Gide, Rist, Geschichte, op. cit., S. 690.Google Scholar
  40. 40.
    Hartmann, Heinz: Funktionale Autorität, Stuttgart 1964.Google Scholar
  41. 41.
    Hartmann, op. cit. S. 131: »Bei allem Lippenbekenntnis zum Leistungsprinzip bleibt das establishment den Experten übergeordnet.«Google Scholar
  42. 42.
    Vgl. Friedmann, Aurel: Das Anarcho-Kommunistische System des Fürsten Peter Kropotkin, Diss. Köln 1931 (insbesondere, S. 63 ff.).Google Scholar
  43. 43.
    Friedmann, op. cit. S. 37 ff.Google Scholar
  44. 44.
    Friedmann, op. cit. S. 46. — Die Aufrechterhaltung dieses Prinzips war die ökonomische Grundlage der Kulturrevolution in China (um 1966), die sich gegen das »revisionistische« Modell des leistungsorientierten Lohnsystems in der Sowjetunion richtete. Dadurch versuchen die Chinesen das Gleichheitsprinzip strikt weiter zu verfolgen und die nach Leistung gestaffelte Entlohnung, die notwendigerweise zur sozialen Differenzierung führt, zu verringern.Google Scholar
  45. 45.
    Nach: Heintz, Anarchismus, op. cit. S. 25 (126), — und nach: Friedmann, op. cit. S. 47 (Kropotkin, P.: Kommunismus und Anarchismus, Berlin, S. 13).Google Scholar

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  • Gabor Kiss

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