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Politik als Beruf: Max Webers Einsichten und die Bedingungen der Gegenwart

  • Dietrich Herzog
Part of the Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin book series (SZFB, volume 70)

Zusammenfassung

“Wie Max Weber bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert prophezeite, ist der professionelle Politiker, für den Politik ein permanenter Beruf, statt nur eine zeitweilige Beschäftigung bedeutet, in der modernen Demokratie zur zentralen Figur geworden.” So faßte Robert Putnam in seiner ausführlichen Bestandsaufnahme die wichtigsten Ergebnisse der historisch-politologischen Elitenforschung zusammen1. Nachdem die Wellen der Demokratisierung und Industrialisierung des 19 Jahrhunderts mit ihren tiefgreifenden Auswirkungen auf die sozialstrukturellen Wandlungen der politischen Führungsschichten inzwischen verebbt seien, beginne, wie Putnam hervorhebt, ein neuer Veränderungszyklus, mit dem zugleich ein neuer Typ des Politikers hervortrete — der Berufspolitiker. Doch worin besteht dieser neue Typ? Wann und wie trat er als gesellschaftliche Figur auf die historische Bühne? Und welche Rolle spielt er im Institutionengefüge der modernen Demokratie? Dies sind Fragen, die, zunehmend dringlicher, eine Antwort verlangen.

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Literatur

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    Näheres in meinem Buch Politische Karrieren — Selektion und Professionalisierung politischer Führungsgruppen, Opladen: Westdeutscher Verlag 1975. Die Untersuchung beruht auf Befragungen zu Ende der sechziger Jahre. Mangels neuerer Analysen mit gleichartigem Forschungsansatz, die gleichfalls auf gesamtstaatliches Führungspersonal bezogen sind, muß zunächst offen bleiben, ob die Ergebnisse auch für die achtziger Jahre Gültigkeit beanspruchen können. Zu denken wäre hier vor allem an die neue Partei der Grünen; zwar lehnt sie programmatisch jegliche Professionalisierung ihres Führungspersonals ab und versucht, dies in der Praxis zu verhindern. Jedoch ist keineswegs ausgemacht, ob sich nicht auch dort im Zuge ihrer organisatorischen Verfestigung und “Parlamentarisierung” bestimmte Karrieremuster herausbilden werden. Siehe Helmut Fogt, Die Grünen in den Parlamenten der Bundesrepublik, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 14. Jg. 1983, S. 500–517;Google Scholar
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    vgl. auch Lilian Klotzsch et al., Zwischen Systemopposition und staatstragender Funktion: Die Grünen unter dem Anpassungsdruck parlamentarischer Mechanismen, in: Dietrich Herzog/Bernhard Weßels (Hrsg.), Konfliktpotentiale und Konsensstrategien — Beiträge zur politischen Soziologie der Bundesrepublik, Opladen: Westdeutscher Verlag 1989.Google Scholar
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    Unter dem Gesichtspunkt der Funktionsprinzipien repräsentativer Demokratien, also auch der möglichst engen Kommunikation zwischen Repräsentanten und Repräsentierten, ist eine derartige lokale Verankerung von Parlamentsabgeordneten allerdings eine außerordentlich wichtige Voraussetzung wirksamer Interessenvertretung und demokratischer Legitimation. Vgl. dazu meinen Beitrag “Was heißt und zu welchem Ende studiert man Repräsentation?”, in: Herzog/ Weßels, Konfliktpotentiale (Anm.18).Google Scholar
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    Die Aussage “Zentralisierung” müßte freilich differenziert werden. Es gibt in den westlichen Demokratien offenkundig auch Tendenzen zur Dezentralisierung (vgl.u.a. L.J. Sharpe, The Growth and Decentralization of the Modern Democratic State, in: European Journal of Political Research, 16. Jg. 1988, S. 365–380). Aber das macht das Problem politischer Steuerung nur noch relevanter.Google Scholar
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    Vgl. die zahlreichen neueren Ansätze zur Rekonstruktion einer modernen politologisch-soziologischen Staatstheorie, wie sie unter anderem in den Arbeiten von Fritz Scharpf, Renate Mayntz, Jürgen Fijalkowski, Niklas Luhmann, Helmut Willke entfaltet worden sind.Google Scholar
  33. 24a.
    Vgl. Amitai Etzioni, The Active SocietyA Theory of Societal and Political Processes, Glencoe: Free Press 1968;Google Scholar
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    neuerdings Fritz W. Scharpf, Verhandlungssysteme, Verteilungskonflikte und Pathologien der politischen Steuerung, in: Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 19/1988, hrsg.von Manfred G. Schmidt, S. 61–87. Wie Scharpf (ebd., S. 70) hervorhebt, “wandelt sich die hierarchische Relation zwischen Staat und ‘Steuerungsobjekten’ zu einem Verhandlungssystem, in dem es statt um Befehl und Gehorsam um beiderseits konsensfahige Lösungen geht”.Google Scholar
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    So argumentiert auch Peter Molt in seiner parlamentsgeschichtlichen Untersuchung (Der Reichstag vor der improvisierten Revolution, Köln: Westdeutscher Verlag 1963): “... nur der Berufspolitiker konnte in der sich ständig komplizierenden gesetzgeberischen Tätigkeit sich jenes Fachwissen aneignen, das nötig war, um der Bürokratie wirksam zu begegnen...Der moderne Parlamentarismus steht und fällt mit dem Berufspolitiker.”(S. 350 f.)Google Scholar
  39. 27.
    Zu denken wäre beispielsweise an die Aufnahme von führenden Repräsentanten der Gewerkschaften in eine Regierung, um auf diese Weise die Chance gewerkschaftlicher Kooperation für bestimmte strategische Ziele zu erhöhen.Google Scholar
  40. 28.
    Für den einzelnen Politiker dürfte darüber hinaus die Professionalisierung ein Mittel zur “Frustrationsresistenz” sein.Google Scholar
  41. 29a.
    Vgl. Suzanne Keller, Beyond the Ruling ClassStrategic Elites in Modern Society, New York: Random House 1963;Google Scholar
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    Samuel Huntington, Political Order in Changing Societies, New Haven: Yale University Press 1968.Google Scholar
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    Edward Shils hat in einem interessanten Beitrag die Auffassung vertreten, daß in der gegenwärtigen “Massengesellschaft” die Herausbildung einer integrierten “politischen Klasse” (im Sinne Gaetano Moscas) unmöglich geworden sei. Doch scheint er die Bedeutung des Prozesses der politischen Professionalisierung dabei nicht genügend in Rechnung gestellt zu haben. Siehe Edward Shils, The Political Class in the Age of Mass Society, in: Moshe M. Czudnowski (Hrsg.), Does Who Governs Matter?, Dekalb: Northern Illinois University Press 1981, S.13–32.Google Scholar
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    Vgl. Robert Putnam, Studying Elite Political Culture — The Case of “Ideology”, in: American Political Science Review, 65. Jg. 1971, S. 651–681.Google Scholar
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  47. 33a.
    Das trifft sicher auf die Bundesrepublik, und inzwischen wohl auch auf Großbritannien zu. Unter den europäischen Demokratien scheint lediglich das französische Erziehungssystem weiterhin als Ausbildungs- und Selektionssystem für die politische Klasse wirksam zu sein. Vgl.u.a. Ezra N. Suleiman, Elites in French SocietyThe Politics of Survival, Princeton: Princeton University Press 1978;Google Scholar
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    Pierre Birnbaum et al., La classe dirigeante française, Paris: Presse Universitaire de France 1978.Google Scholar
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    Während die Inter-Eliten-Kommunikation inzwischen zu einem ausgedehnten Forschungsfeld geworden ist, stehen entsprechende Ansätze zur Analyse der Kommunikation zwischen politischen Führungsgruppen, z.B. dem Parlament, und der Bevölkerung noch aus. Vgl. im Bereich der Elitenforschung u.a. Ursula Hoffmann-Lange et al., Konsens und Konflikt zwischen Führungsgruppen in der Bundesrepublik, Frankfurt a.M.: Lang 1980; im Bereich der Parlamentarismus- und Repräsentationsforschung Heinrich Oberreuter, Parlament und Öffentlichkeit, in: Wolfgang R. Langenbucher (Hrsg.), Politik und Kommunikation — Über die öffentliche Meinungsbildung, München: Piper 1979, S. 62–78;Google Scholar
  50. 34b.
    ders., Legitimation durch Kommunikation — Zur Parlamentarismusforschung in der Bundesrepublik, in: Jürgen W.Falter/Christian Fenner/Michael Th. Greven (Hrsg.), Politische Willensbildung und Interessenvermittlung, Opladen: Westdeutscher Verlag 1984, S. 238–253.Google Scholar
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    In einer interessanten Kritik soziologischer Politikanalysen hat Giovanni Sartori auf die Notwendigkeit hingewiesen, das Handeln von Führungseliten systematisch in die Forschungsansätze einzubeziehen. Vgl. Giovanni Sartori, From the Sociology of Politics to Political Sociology, in: Seymour M. Lipset (Hrsg.), Politics and the Social Sciences, New York: Oxford University Press 1969, S. 65–100.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1993

Authors and Affiliations

  • Dietrich Herzog

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