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Protestträger und Protestformen in den Unruhen von 1830 bis 1832

  • Heinrich Volkmann
Chapter
Part of the Scriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin book series (SZFB, volume 44)

Zusammenfassung

Diese knappe Zeitungsnotiz ist typisch für die Berichterstattung über die Konfliktbeteiligten und gehört bei allem Mangel an Information noch zu den ergiebigsten. Ebenso typisch ist die geschilderte Parteienkonstellation. Dem Text läßt sich entnehmen, daß die Unruhen von den Unterschichten ausgegangen sind. Andere hätten schwerlich die Führung eines Bürstenbinders akzeptiert. Dies ist zugleich die einzige Berufsbezeichnung. Unter dem Pauschaletikett „Pöbel“ bleibt die Struktur der Protestpartei verborgen. Objekt des Protests sind staatliche Institutionen, zunächst der Zoll, danach die Justiz. Die traurige Rolle der Ordnungskräfte wird nur angedeutet, ist aber teilweise zu erschließen. Sie haben den „Aufruhr“ offenbar nicht verhindern können. Als sie dann nach dem Ende des Tumults den „Rädelsführer“ verhaften, schaffen sie den Anlaß für neue Unruhen auf breiterer Basis, deren sie erst recht nicht Herr zu werden vermögen. Militär ist in der kleinen homburgischen Enklave nicht verfügbar oder wird nicht eingesetzt. Die Haltung der Bürgerschaft wechselt von der wohlwollenden Duldung der Gewaltaktionen, ohne an ihnen teilzunehmen, über die offene Solidarisierung mit den Tumultuanten in der Protestdemonstration vor dem Hause des Justizbeamten bis zur erfolgreichen Wahrnehmung der Ordnungsfunktion. Die „wohlhabendere Klasse“ ist also zunächst passive, dann aktive Protestpartei und schließlich sogar Ordnungspartei. Zugleich präzisiert sie in der rechtlich zulässigen Form der Petion als politische Forderung, was die Träger der traditionellen Volksunruhe nur in der gewaltsamen Aktion auszudrücken vermögen: die Abschaffung des Zolls.

„In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober ist in Meisenheim ein Aufruhr ausgebrochen und daselbst die Landesinsignien und das Mautamt zerstört worden. Der Rädelsführer war ein Bürstenbinder, der am Morgen arretiert und ins Gefängnis abgeführt wurde. Gegen Abend versammelte sich die ganze Bürgerschaft, nicht allein der Pöbel, sondern auch die wohlhabendere Klasse, und begab sich vor die Wohnung des Justizbeamten, von demselben die Freilassung des Arrestanten verlangend, die auch zugestanden werden mußte, worauf die bewaffneten Bürger die Wache bezogen. Dieser Maßregel verdankt man die Herstellung der Ruhe. Gegenwärtig ist man mit Abfassung einer Bittschrift an den Landgrafen von Hessen-Homburg beschäftigt, worin derselbe um Abschaffung der Maut gebeten wird.“1

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1984

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  • Heinrich Volkmann

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