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Vorgeschichte

  • Frank Haase

Zusammenfassung

Berlin 1806. Nach der Biederlage bei Jena und unter dem Eindruck der an stürmenden Truppen Napoleons beginnt ein Aufruf des Gouverneurs von Berlin, Graf v.d. Schulenburg-Kehnert, mit der Feststellung „Der König hat eine Bataille verloren“ und mit der Aufforderung „Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht“. Der Skandal, den diese Aufforderung auslöste, ist nicht so sehr in ihrem „polizeistaatlichen Tenor“ (1) zu sehen, sondern gründet vielmehr in ihrem pädagogischen Gegenstück aus Pestalozzis „Fragment über die Grundlage der Bildung“: „Ruherist für das menschliche Kind das erste Nothwendige“ (2). Daß Bürger Kleinkindern gleichgesetzt werden und Pflichten naturgemäß Notwendigkeiten (3) heißen, spricht zum ersten Mal unverhohlen das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft und das Pädagogicum staatlicher Lebensorganisation und -Verwaltung aus. Die Empörung tadelte ein Sprechen offizieller Stellen, von denen die Bürger ansonsten gewohnt waren, daß dieser pädagogische Hintergrund zugunsten ihrer Selbstverantwortung verdeckt blieb. Aber gerade weil die Pädagogisierung des Alltags in Preußen schon im Gange war, konnte der Gouverneur die Wahrheit seiner Zeit aussprechen, Er konnte sie auch sagen, weil an den Grundlagen zur Bildung der Nation schon gearbeitet wurde. Was beim Kleinkind Affektivität, Spontaneität und Rezeptivität, sollte für die Nation „Treue und Glauben, Liebe zum Könige und Vaterlande“ (4), „der aktive Staatsbürger“ (5) und die erfolgreiche Alphabetisierung sein. Wenn Kant 1784 in seiner „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“ die öffentliche Ruhe des friderizianischen Preußens noch von einem „wohldisziplinierten Heer“ (6) garantiert sah, so konnte in den Tagen, wo der Kollaps des alten Preußens erfolgte, jener Gouverneur den Versuch wagen, an eine andere Instanz zu appellieren, wodurch die öffentliche Ruhe gewährleistet werden sollte: an den „Geist des Volkes“ (7).

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1986

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  • Frank Haase

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