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Kybernetische Revolutionsanalyse und materialistische Geschichtsbetrachtung

  • Wolf Wagner
Part of the Uni-Taschenbücher book series (UT23, volume 189)

Zusammenfassung

Revolution kybernetisch analysieren heißt, ein theoretisches Analogiemodell konstruieren, an dem die entscheidenden Vorgänge und Veränderungen nachgespielt werden können. Dabei ist es von durchaus untergeordneter Bedeutung, ob das Modell mathematisch formalisiert oder lediglichverbal konstruiert ist — kybernetisch ist es, sobald dynamisches und zielgerichtetes Verhalten mit ihm nachgespielt werden kann und wenn die Art und Weise im Vordergrund steht, ≫auf die die lediglich durch ihre Input-Output-Koppelung gegebenen Elemente des Systems derart zu bestimmten Strukturen zusammengeschaltet werden≪, daß sie dynamisches und zielgerichtetes Verhalten realisieren können1.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Georg, Klaus, Stichwort „Kybernetisches System“ in: ders.; Wörterbuch der Kybernetik; Frankfurt/M. 1969, S. 337.Google Scholar
  2. 2.
    Anders also als bei unserem Konstruktionsversuch eines Modells revolutionären sozialen Wandels in: Buck, Friedrich, Sens, Wagner; „Kybernetische Systemtheorie — Ein Instrument zur Analyse revolutionären sozialen Wandels“ in: Probleme der Demokratie heute; Politisdie Vierteljahresschrift, Sonderheft 2/1970; Opladen 1971; S. 40–41 insbesondere S. 44.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. z. B. Grundriß der Geschichte, hg. Dittrich und Herzfeld, 2bändige Ausgabe B, Bd. 2, S. 5. Die französische Revolution wird als Geburtsstunde der bürgerlichen Gesellschaft gesehen.Google Scholar
  4. 4.
    Diese Schwierigkeit tritt immer dann auf, wenn die Definition des Modellsystems allein dem Interesse entspringt, gegebene Formen des Systemverhaltens und Systemzustände durch Modellsysteme zu untersuchen. Dieses bornierte Interesse verschleiert den Blick für die gesellschaftliche Bedingtheit der Verkehrsformen und damit der Verhaltens- und Zustandsformen: die Bedingungen, die das gegebene Systemverhalten und die gegebenen Systemzustände erzeugt haben und weiter verändernd darauf wirken, werden gar nicht in die Betrachtung aufgenommen und damit unbewußt als invariant und damit als ewig gültig gesetzt. Dies ist der Grund für die ideologischen Konstruktionen der meisten Systemtheorien. Vgl, dazu besonders K. H. Tjadens Einleitung und Nachwort in: K. H. Tjaden; Soziale Systeme; Soziologische Texte Nr. 68; Neuwied-Berlin 1971.Google Scholar
  5. 5.
    Zur Begrifflichkeit vgl. W. Ross Ashby, An Introduction to Cybernetics; Methuen-London 1964.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Band 1; MEW 23; 24. Kapitel „Die sogenannte ursprünglidie Akkumulation“, insbesondere S. 791.Google Scholar
  7. 7.
    Siehe Georg Klaus, Fußnote 1; Eine Zielbestimmung ist auch vom Krisenbegriff her für unsere Analyse notwendig, denn er impliziert gefährdendes, vom normalen abweichendes Systemverhalten, womit rückschließend die Frage aufgeworfen wird, was denn da gefährdet wird, was das „normale“ Verhalten des Systems bestimmt.Google Scholar
  8. 8.
    So war z. B. die Erfindung der Dampfmaschine 1765 durch James Watt ein Zufall, aber eben ein mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit ausgestatteter Zufall. Diese hohe Wahrscheinlichkeit erklärt sich aus der damals dringlichen Notwendigkeit, für die Industrie eine bewegliche Antriebsmaschine zu finden. Der Zufall konnte also aus den vielen Personen, die nach der Lösung des Problemes suchten, und aus den möglichen Antriebsformen lediglich die Person, die Antriebsform und den Zeitpunkt auswählen, wobei englische Techniker, die am Dampfantrieb arbeiteten, eindeutige Favoriten sein mußten. Es gilt also bei aller Zufälligkeit zu erklären, wie die gegebenen Alternativen und wie die Wahrscheinlichkeitsverteilung zustande gekommen ist. Erst wenn das geleistet wäre, wäre die Analyse geleistet. Wollten wir ein echtes Simulationsmodell konstruieren, so müßten wir demnach unser Modellsystem nach dem Markov-System konstruieren, um die verschiedenen möglidien Entwicklungen, die in einer Situation bestanden haben könnten, durchspielen zu können (vgl. Ashby, a.a.O., S. 165 ff.). Bei einem systemanalytischen Modell geht es jedoch allein darum, einen Strang in der Bandbreite der möglidien Entwicklungen zu verfolgen: nämlich welches die Bedingungen der Möglichkeit des zu analysierenden Ereignisses (in unserem Fall: der Revolution) sind und wie sie sich herstellen bzw. herstellen lassen. Genauso ging Marx auch vor in seiner Analyse der Entstehung des Kapitalismus: er untersuchte die Bedingungen, die den Kapitalismus möglich gemacht haben in England, und eben nidit den Inkastaat, wo sich zwar entwickelte Teilung der Arbeit, aber keine Geldbeziehungen herausgebildet haben (vgl. Grundrisse; S. 23).Google Scholar
  9. 9.
    Soweit sich aus der Beziehung zum übergeordneten System nicht im Ausnahmefall eine andere Orientierung ergibt, gilt diese logische Ableitung des Grundzieles selbstverständlich nicht nur fÜr das Gesamtsystem, sondern audi für jedes einigermaßen autonome Subsystem und Element.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. hierzu insbesondere Marx/Engels, „Deutsche Ideologie — I Feuerbach“; MEW 3, insbesondere S. 28.Google Scholar
  11. 11.
    Georg Klaus, siehe Fußnote 1 dieser Arbeit.Google Scholar
  12. 12.
    Ebenda, S. 173.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Georg Klaus, a.a.O., S. 18 f.; „aktive Elemente“ sind Elemente eines dynamischen Systems. Sie sind nach O. Lange folgendermaßen definiert: „Die Einwirkungen der Umgebung führen in E gewisse Zustände genau bestimmter Art herbei … Die einzelnen Arten soldier Zustände sind die Inputs von E. E wirkt auf die Umgebung, indem es gewisse Zustände genau bestimmter Art annimmt. Die Arten dieser Zustände sind die Outputs von E. E hat mindestens einen Input und einen Output.“ Die vierte Bedingung gibt entweder eine determinierte oder stochastische Beziehung zwischen Input und Output von E an.Google Scholar
  14. 14.
    Georg Klaus, „Umgebung“, in: a.a.O., S. 675; wird die Perspektive des einzelnen Elementes eingenommen, so wird es zum Subsystem.Google Scholar
  15. 15.
    So wie für den einzelnen Handwerksbetrieb in der mittelalterlichen Stadt die anderen Handwerksbetriebe der Zunft, für die einzelne Zunft die anderen Zünfte, für die Zünfte das Patriziat und für die ganze Stadt, die bereits auf der bürgerlichen Basis des beweglichen Eigentums steht, die feudale, d. h. grundherrschaftliche Gesellschaft naturwüchsig wirkende Umwelt ist. (vgl. Hans Mottek, Wirtschaftsgeschichte Deutschlands — ein Grundriß; Band 1: Von den Anfängen bis zur Zeit der Französischen Revolution; Berlin (DDR) 1968, S. 165 ff.).Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. Marx, Das Kapital I; S. 192 MEW 23.Google Scholar
  17. 17.
    Georg Klaus, siehe Fußnote 1 dieser Arbeit.Google Scholar
  18. 18.
    MultiStabilität bedeutet in einer arbeitsteilig gegliederten Gesellschaft, daß im Notfall z. B. die Bauern durch das Heer unterstützt werden.Google Scholar
  19. 19.
    So macht die Entwicklung der Rodung durch Feuer, die zugleich Düngung war, in der Urgemeinschaft der Germanen ein Mehrprodukt möglich, das lüngeres Verweilen an einem Ort und erste Ansätze von Arbeitsteilung in verschiedene Subsysteme erlaubt. Und erst das Mehrprodukt der Dreifelderwirtschaft macht die volle Entfaltung der Feudalordnung möglich (vgl. Mottek, Bd. 1, a.a.O.; S. 36 u. 77 ff.).Google Scholar
  20. 20.
    Beinahe klassisches Beispiel für die Motorik dieser Dynamik ist der fiktive Urstamm, der auf die Idee kommt, sich gegen den Winterhunger durch ein Vorratshaus zu sichern, und der dadurch über den notwendigen zusätzlichen Arbeitsaufwand hinaus auch noch die neue Sicherungsaufgabe entwickelt, das Vorratshaus gegen Diebstahl, Feuer und Tiere schützen zu müssen. — Diese Art der Dynamik entspricht der Analyse der materialistischen Geschichtsbetrachtung, wonach die Triebkraft der Geschichte die Produktion und Reproduktion des realen Lebenszusammenhangs ist: „das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung führt zu neuen Bedürfnissen“. (Marx/Engels, Deutsche Ideologie a.a.O.; S. 28).Google Scholar
  21. 21.
    In Buck, Friedrich, Sens, Wagner, Kybernetische Systemtheorie a.a.O.; S. 51, Fußnote 2; sind Ansätze zu einer Formalisierung der Zielhierarchie angegeben, die sich aus diesen Überlegungen ergibt.Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. 20. und 21. Kapitel des 2. Bandes von Karl Marx, Das Kapital; MEW 24. Die Notwendigkeit der erweiterten Reproduktion zur Sicherung der Möglichkeit der einfachen Reproduktion ergibt sich dort schon allein aus der nicht exakt festlegbaren Lebensdauer der Produktionsmittel.Google Scholar
  23. 23.
    Der Schweinezyklus ist hierfür das klassische Beispiel: wegen eines Überangebots fällt im 1. Jahr der Preis für Schweinefleisch. Folge: viele Bauern stellen die Schweineaufzucht ein. Dadurch herrscht Knappheit im 2. Jahr. Folge: die Preise steigen und sehr viele Bauern steigen in das Schweinegeschäft ein. Der Zyklus fängt auf quantitativ höherer Ebene wieder an. Die Preise fallen noch mehr und noch mehr Bauern steigen wieder aus dem Geschäft der Schweineaufzucht aus etc. etc.Google Scholar
  24. 24.
    In der geschichtlichen Entwicklung entspricht diese Modellvorstellung dem Stadium der Stämme von Sammlern und Jägern, die in der Frühgeschichte kaum miteinander in Verbindung standen.Google Scholar
  25. 25.
    Zur Zeit der Feuerrodung und Sammelwirtschaft konnten alle Tätigkeiten nur gemeinsam verrichtet werden, wenn sie effektiv sein sollten: Rodung, Bestellung, militärische Abwehr. Dem entsprach die Organisationsform der militärischen Demokratie (Mottek; a.a.O.; S. 52 f.).Google Scholar
  26. 26.
    Das Feuer z. B. wurde eben nicht nur einmal, sondern in jedem Stamm neu gefunden, weil das Wissen oft mit dem Stamm unterging.Google Scholar
  27. 27.
    Jede weitere Ausbildung der Arbeitsteilung bedeutet eine solche interne Differenzierung: die Gliederung in eine Militär- und Verwaltungskaste, in Handwerkszünfte, Kaufmannsgilden und Bauern auf der Basis des bäuerlichen Mehrprodukt im Hochmittelalter kann als Musterbeispiel für die Herausbildung spezialisierter Subsysteme gelten (vgl. Mottek, a.a.O., Teil 2 und 3).Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. das Zunftsystem in der mittelalterlichen Stadt: ebda., S. 170 ff.Google Scholar
  29. 29.
    Vgl. Georg, Klaus, a.a.O., S. 22 und Karl Steinbuch, Automat und Mensch — kybernetische Tatsachen und Hypothesen; Berlin-Heidelberg-New York, 19653; Kapitel 13 „Lernende Automaten“. Der Lernmatrix mit ihren eingegrabenen Schaltstrukturen entspricht im Original das Normen- und Gesetzessystem z. B. der Zunftordnung oder dem Lehenssystem, das aus der dezentralisierten, naturalwirtschaftlichen Produktionsweise und den militärischen Anforderungen entstand.Google Scholar
  30. 30.
    Sind solche algorithmisierten Verhaltensabläufe in wichtigen Bereichen über lange Perioden ungefährdet geblieben, so werden sie mit der Zeit immer enger mit dem Ziel verknüpft, das zu erreichen sie erfolgreiches Mittel sind, bis sie schließlich damit identifiziert werden und so die Flexibilität in der effektiven Grundzielsicherung einschränken können. Würde man dies, obwohl nicht zwingend aus der Automatentheorie folgend, als Konstruktionsprinzip in das Modell aufnehmen, so hätte man funktionale Analogie zur Mythisierung und allmählichen religiösen Überhöhung von ursprünglich allein zweckrationalen Handlungsabläufen hergestellt: so bekommen z. B. in den Märchen der nordamerikanischen Indianer die meisten existenzsichernden Tätigkeiten göttlichen Ursprung und ritualisierte Formen. (Vgl. insbesondere die Märchen 22 und 28 in: Nordamerikanische Indianermärchen, Hg. Gustav A. Konitzky, Düsseldorf-Köln 1963.) Klaus Heinrich (Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen; Frankfurt/M. 1964, und: Parmenides und Jona — Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie; Frankfurt 1966, z. B. 126 f.) zeigt in seinen religionswissenschaftlichen Schriften, daß es das Religiöse ausmacht, in überhöhter oder mythischer Form das darzustellen, was das Leben lebenswert macht — ohne das man nicht leben kann. Durch dieses Konstruktionsprinzip könnte man dann historische Erscheinungen wie die Entwicklung vom Lehenssystem zum Gottesgnadentum oder den kollektiven Selbstmord der jüdischen Besatzung der Festung Massada vor dem letzten Ansturm der römischen Belagerer mit dem Modell erfassen.Google Scholar
  31. 31.
    So findet zum Beispiel die Auflösung der ersten Leibeigenschaft durch die deutschen Feudalherrn erst statt, nachdem durch die Landflucht und reduzierte Arbeitsleistung im Fronsystem die erweiterte Reproduktion der Feudalherrn selbst gefährdet war, obwohl vorher schon die Bauern durch den verschärften außerökonomischen Zwang in immer größeren Mengen so in ihrer Existenz bedroht waren, daß sie in die Stadt flüchteten (vgl. Mottek, a.a.O., S. 130 ff.). Während es oben schien, als ob wir Adam Smith’s „invisible hand“ wieder eingeführt hätten, macht unser Modell nun deutlich, daß es für ein Subsystem durchaus möglich ist, seine eigenen Grundziele zu verfolgen und zugleich die Zielverfolgung des Gesamtsystems zu gefährden. Bedingung dieser Möglidikeit ist eine relativ hohe Autonomie dieses Subsystems, die wiederum nur denkbar ist, wenn das Subsystem die Verwendung zumindest großer Teile der freien Ressourcen eines größeren Teils des Gesamtsystems zur eigenen Zielverfolgung kontrollieren kann. Diese Kontrollposition wird im Text „günstige Reproduktionsbedingungen“ genannt.Google Scholar
  32. 32.
    Vgl. dazu das Herrschaft-Knechtschaft Kapitel in Hegels Phänomenologie des Geistes (in der Ausgabe des Meiner-Verlages, insbesondere S. 148 f.), wo der Herr, dadurch daß er nur vermittelst des Knechtes Kontakt zur sich wandelnden Wirklichkeit hat, kaum einen Lernprozeß durchmachen muß, während der Knecht unter dem Druck durch den Herrn einerseits und in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit andererseits sich das Mittel zur Erlangung seiner Selbständigkeit erarbeitet. In der Materialisierung von Marx bedeutet das sehr vereinfacht: das Proletariat kann auf Grund seiner konkreten Erfahrung im Produktionsprozeß die Fetischisierung des Kapitals zur eigenständigen, für den Bestand der Menschheit unverzichtbaren Produktivkraft durchstoßen und deshalb im Unterschied zu allen anderen Schichten und Klassen ein Bewußtsein und eine Praxis entwickeln, die den realen Kapitalfetisch, nämlich die dingliche Herrschaft des sich selbst verwertenden Werts, überwinden kann.Google Scholar
  33. 33.
    Dieses Interesse ist unverzichtbare Notwendigkeit für das Subsystem, weil direkt aus dem Grundziel abgeleitet. So muß die Sklavenhaltergesellschaft zur Sicherung der erweiterten Reproduktion bis zur Zerstörung ihrer eigenen Grundlage ausbeuten (vgl. Karl Marx, Der amerikanische Bürgerkrieg; MEW 15; oder: Batolomé de Las Casas; Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder; hg. H. M. Enzensberger, Frankfurt/M. 1966).Google Scholar
  34. 34.
    Eindrucksvollstes Beispiel ist wieder die Sklavenhaltergesellschaft, in der sich der Konflikt zwischen der unfreien Arbeit und der Notwendigkeit, sich mit dem Arbeitsprozeß zu identifizieren, um die Produktivkräfte weiterentwickeln zu können, als unterschiedliche Interessenlage von Sklaven, Kolonen und Sklavenhaltern ausdrückt. Ähnlich deutlich ist das Beispiel der Auflösung der 1. Leibeigenschaft. (Vgl. Geschichte des Mittelalters; hg. Kosminski und Skaskin — übersetzt aus dem Russischen; 2 Bde., Berlin [DDR] 1958; S. 3 ff.)Google Scholar
  35. 35.
    Siehe Fußnote 1 dieser Arbeit.Google Scholar
  36. 36.
    Dieses Vorverständnis wurde in Übereinstimmung mit der gesamten Literatur stillschweigend als gültig vorausgesetzt.Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. Vorwort zu: Kritik der politischen Ökonomie; MEW 13, S. 8 f.Google Scholar
  38. 38.
    Vgl. Karl Griewank, Der neuzeitliche Revolutionsbegriff — Entstehung und Entwicklung; Frankfurt/M. 19692.Google Scholar
  39. 39.
    Vgl. Georg, Klaus, „Semiotik“, in: Wörterbuch, a.a.O., S. 565; zur Bestimmung des Verhältnisses von Naturalform und Gebrauchswert vgl. 1. Kapitel des 1. Bandes von Karl Marx, Das Kapital. Dabei erfaßt der pragmatische Informationsgehalt das, was die Information für den Empfänger (bzw. den Sender oder Schöpfer) bedeutet. So hat z. B. ein gegrilltes Steak völlig verschiedenen pragmatischen Informationsgehalt für einen Menschen, je nachdem ob er hungrig oder satt, gesund oder magenkrank, Vegetarier oder Hindu ist. Entscheidend für den pragmatischen Informationsgehalt ist also die Vergangenheit, der Gedächtnisspeicher, die Zielkombination und die augenblickliche Situation — kurz die subjektive Situation des Empfängers (bzw. des Senders) der Information. Diese subjektive und qualitative Seite der Information ist letztlich auch genau das, was die Gebrauchswertseite des Dings und die konkrete Seite der menschlichen Arbeit bei Marx ausmacht, wobei der pragmatische Informationsgehalt allerdings etwas weiter gefaßt ist und sich nicht nur auf die Befriedigung irgendeines Bedürfnisses beschränkt. Der pragmatische Informationsaspekt ist der entscheidende für die Systemanalyse, weil dieser eigentlich qualitative Aspekt letztlich derjenige ist, der die Reaktionen der Elemente und Subsysteme bestimmt. Bezeichnenderweise ist es bisher nicht gelungen, diesen Informationsaspekt zu quantifizieren. In der Analogie macht die bürgerliche ökonomie den Versuch, den pragmatischen Informationsgehalt zu quantifizieren, indem sie mit der Grenznutzentheorie versucht, den Gebrauchswert der Waren zu quantifizieren: der Nutzen eines Dings bemißt sich für den Benutzer daran, auf wie viele zusätzliche Einheiten eines anderen Gutes für eine zusätzliche Ein heit des einen Gutes er bereit ist zu verzichten. Das Problem des unmittelbaren Produktenaustausches ist damit lediglich in das „nutzenerwägende“ Subjekt hineinverlegt. Es soll ein Gut gegen eine bestimmte Menge eines anderen Gutes eintauschen. Ergebnis sind daher auch Formulierungen wie: 20 Ellen Leinwand = 1 Rock oder 20 Ellen Leinwand = x Summe Geld, also Formulierungen, an denen Marx die Entwicklung der Wertform darstellt (vgl. Kapital I, S. 72 ff.). Diese Übereinstimmung ist nidit bloß zufällig: die Indifferenzkurven, auf denen die Grenznutzentheorie aufbaut, stellen das gleiche Problem dar, das sich beim unmittelbaren Produktenaustausch zwischen zwei Produzenten stellt, nämlich: wie können zwei Dinge völlig verschiedener Qualität so verglichen werden, daß sie nur noch unterschiedlicher Quantität sind? Was ist das gemeinsame Dritte, „wovon sie ein Mehr oder Minder darstellen“? (Kapital I, S. 51). Die Grenznutzentheorie ist also keine Quantifizierung des Gebrauchswertes und kann daher auch nicht Vorbild sein zur Quantifizierung des pragmatischen Informationsaspektes. Die Überlegung, daß mit jeder Quantifizierung die qualitative Seite am Gebrauchswert wie auch am pragmatischen Informationsaspekt verlorengehen muß, ist der Grund dafür, daß hier überhaupt keine Bemühungen unternommen wurden, ein formalisiertes mathematisches Modell zu konstruieren.Google Scholar
  40. 40.
    Dies wird übereinstimmend von so polaren Vertretern festgestellt wie Karl Marx (Deutsdie Ideologie; MEW 3; S. 22) und Walter Eucken (Grundsätze der Wirtschaftspolitik; O.O., RDE, 1959; S. 15).Google Scholar
  41. 41.
    Auch der abstrakteste Informationsaspekt, nämlich der syntaktische Informationsaspekt, ist selbstverständlich durch seine Träger geprägt: die Unterschiedlichkeit der Impulse, die den syntaktischen Aspekt ausmachen, ist zwar ein strukturelles Phänomen, kann aber selbstverständlich ohne materielle Träger gar nicht in Erscheinung treten. Von daher könnte der syntaktische Informationsaspekt zur Analogiebildung mit der Tauschwertseite herangezogen werden, wenn als Unterschied die Erzeugungsdauer genommen wird (siehe aber Fußnote 44).Google Scholar
  42. 42.
    Vgl. z. B. zur Bedeutung klimatischer und geographischer Faktoren: Mottek, a.a.O., S. 8 f.Google Scholar
  43. 43.
    Diese Folgen zeigt Marx an den fortgeschrittensten Ökonomen seiner Zeit auf: die Kurzschlüsse und Verzerrungen in Bewußtsein und wissenschaftlicher Analyse dieser Autoren kommen daher, daß sie nur die Zirkulationsseite und nicht den gesamten historischen Produktions- und Reproduktionsprozeß betrachten. Diese Unfähigkeit rührt daher, daß sie sich selbst nur auf der für Kapitalist und Ökonom entscheidenden Zirkulationsebene begegnen, wo die Gleichheit des Äquivalententausches und die Freiheit des Kaufvertrages herrschen. (Vgl. Kapital I z. B. S. 189 ff. und Band II, S. 226 ff.) Dies gilt um so mehr für die Soziologie und Politologie. Diese Disziplinen bewegen sich im allgemeinen nicht einmal mehr auf der unmittelbaren Zirkulationsebene, sondern noch viele Ebenen weiter vom Produktionsprozeß entfernt. Was in der Warenzirkulation an Resultaten des Produktionsprozesses und damit an gesellschaftlichen Bedingungsverhältnissen noch offen steckt, wird herausdividiert, indem die Waren- und Geldseite allenfalls noch als Ressourcen auftauchen, die allemal knapp, und daher ungleich verteilt sind. (So sind z. B. für Volker Rittberger vom Stanford Projekt „Historische Systemkrisen und Politische Entwicklung“ die Krisenformen „Performanzkrise“, „Herrschaftskrise“ und „Integrationskrise“ definitorisch bloß in der mildesten Form der „Performanzkrise“ durch die nichtssagende Floskel mit der materiellen Reproduktion des gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs in Verbindung gebracht: „Von Performanzkrise soll die Rede sein, wenn eine Situation vorliegt, in der Teile der politisierten Massen und/oder Eliten die Bewältigung der durch den sozio-äkonomischen Entwicklungsprozeß aufgeworfenen Probleme durch die herrschenden Eliten als unbefriedigend … erkennen und alternative Problemlösungen verfechten, ….“ (Rohfassung des Arbeitspapiers für die wissenschaftliche Konferenz „Herrschaft und Krise“ des Fachbereichs 15 der FU Berlin, 10.-13. 1. 1972 — „Politische Krisen und Entwicklungsprobleme“; S. 1). Martin Jänicke stellt zwar in seinem Papier „Krisenbegriff und Krisenforschung“ die Forderung auf, man müsse die konkrete Krisenform aus der konkreten Form der Organisation der materiellen Produktion bestimmen, verzichtet dann aber um einer „globalen Komparatistik“ willen auf das Herausarbeiten der spezifischen Differenz und bleibt damit eben doch wieder in der Allgemeinheit zirkulationsfixierter Herrschaftsbetrachtung stecken.) Als Betrachtungsebene bleibt übrig: die Interaktion von im Grundsatz gleichen Gruppen in ihrem Verhältnis zur Herrschafts- und Marktregulierung (als Basis der Pluralismusideologie) wenn es überhaupt zu solchen gesamtgesellschaftlichen Betrachtungen kommt. Herrschaft kann in diesem Kontext selbstverständlidi nie als Klassenherrschaft, Wirtschaftspolitik nie als Verwertungspolitik — im Kapitalismus die dominante Seite des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses — begriffen werden.Google Scholar
  44. 44.
    Dies ist der Grund, warum der syntaktische Informationsaspekt eben doch nicht zur Analogie mit dem Tauschwert taugt.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag Opladen 1973

Authors and Affiliations

  • Wolf Wagner
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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