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„Krisen des Krisenmanagement“: Elemente einer politischen Krisentheorie

  • Claus Offe
Part of the Uni-Taschenbücher book series (UT23, volume 189)

Zusammenfassung

Die forschungsstrategische Orientierung unseres Arbeitsvorhabens* ist durch die Absicht bestimmt, eine empirisch begründete politische Krisentheorie zu entwickeln. Dadurch unterscheidet sich unsere Arbeit von ökonomischen Krisentheorien (die wir aus noch zu erläuternden Gründen für unzulänglich halten) einerseits, von normativ-analytischen Ansätzen der Politikwissenschaft (d. h. dem verwaltungswissenschaftlichen Kochbuchapproach) andererseits.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Zur Begriffsbestimmung vgl. die Einleitung zu Narr/Offe, Wohlfahrtsstaat und Massenloyalität, Kiepenheuer & Witsch, Köln, im Erscheinen.Google Scholar
  2. 2.
    Robert Dahl und Charles E, Lindblom, Politics, Economics and Welfare: Planning and Politico-Economic Systems Resolved into Basic Social Processes, Harper & Row, 1971, vgl. audi J. Stohler, Wirtschaftswachstum und Wohlfahrtsstaat, in: Zeitschrift für Nationalökonomie 24 (1964), Heft 4.Google Scholar
  3. 3.
    Der Handlungstypus, den wir in bargaining-Prozessen antreffen, enthält normative, tauschförmige und hierarchische Elemente. Weil er daher auf einer anderen logischen Ebene liegt, kann er hier vernachlässigt werden — nicht, weil seine Bedeutung als Mischtypus ignoriert werden soll. — Dic Frage, ob diese Trias von gesellschaftlichen Steuerungsmedien vollständig ist, könnte mit dem Hinweis auf die Kategorie „Wissen“ bzw. „Wahrheit“ verneint werden; diese Kategorie spielt bekanntlich bei den Theoretikern der „post-industrial society“ (Bell, Etzioni, Tonraine), aber auch in soziologischen Systemen wie dem von Luhmann eine zentrale Rolle. Wir ziehen es hier jedoch vor, diese Kategorien nicht analytisch zu verselbständigen, sondern sie als Element der Selbstobjektivierung bzw. Selbstprogrammierung zu behandeln, durch die Gesellschaftssysteme „praktische Kontingenz“ über sich selbst gewinnen.Google Scholar
  4. 4.
    A. Etzioni, A Comparative Analysis of Complex Organizations, New York 1961, pp. 23–40.Google Scholar
  5. 5.
    Der letztere Tatbestand wird auch von E. Altvater in seinem Beitrag zur Berliner Krisenkonferenz herausgestellt; dagegen wird die funktionale Relevanz des Normensystems und seiner letigimatorischen Leistungen von Altvater nicht berücksichtigt.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. die Ausarbeitung dieser These in 5. M. Miller et. al., Neo-Imperialism Critique: Do the Rich Nations Need the Poor? in: New York University, Center for International Studies Policy Papers, vol. 4, No. 5, 1971.Google Scholar
  7. 7.
    Das kann ein gedankliches Experiment verdeutlichen: Wenn plötzlich eine merkwürdig selektive Naturkatastrophe Indien, Indochina, große Teile Lateinamerikas und Afrikas heimsuchen und diese Weltteile physisch vernichten würde, ja selbst wenn sich eine solche Kapastrophe auch noch auf die Ghettos der amerikanischen Großstädte und auf die Armenregionen der USA selbst erstrecken würde (bzw. für europäische Verhältnisse: auf Neapel und Süditalien), so lägen die Probleme, die sich daraus für den Bestand des amerikanischen Imperialismus ergäben, allenfalls in der Größenordnung mittlerer und mittelfristiger Anpassungsschwierigkeiten (dasselbe traf auf den klassischen Kolonialismus offensichtlich nicht zu). Nur diese Tatsache kann die — durch eigene Ausbeutungsinteressen nicht mehr gebändigte — Praxis des Völkermordes verständlich machen, die von den USA in Indochina uneingeschränkt verfolgt und im eigenen Lande selektiv vorbereitet wird.Google Scholar
  8. 8.
    Denn: welche Gruppen und Schichten waren in der Periode seit dem Zweiten Weltkrieg die hauptsächlichen Adressaten und Opfer des staatlichen Gewaltapparates und seiner innenpolitischen Schutz- und Abwehrfunktionen? Gewiß nicht die organisierte Arbeiterschaft, gewiß nicht die Gewerkschaften (deren „disziplinierende“ Funktionen oftmals geradezu als Äquivalent von Polizeieinsätzen wirkten), auch nicht die Industriearbeiterschaft als solche war Gegenstand der Mehrzahl direkter Repressionsakte, und auch die radikalen Arbeiterparteien standen jedenfalls nicht in deren Zentrum. Sondern: je „produktions/erwer“ die Konfliktgruppen, je irrelevanter sie für die Aufrechterhaltung der materiellen Produktion bzw. ihr Beitrag zu ihr, desto systematischer und häufiger waren sie Gegenstand direkter Repressionen: in den Studenten- und anderen Anstaltsrevolten, bei der Bekämpfung von Ghetto-Aufständen und von den „Spielregeln“ abweichenden Bürgerinitiativen. — Das Problem der Systemerhaltung stellt sich heute — so zeigt also auch das „Inzidenz-Profil“ staatlicher Repressionen — als Abwehrproblem gegenüber nichtintegrierbaren Elementen der kapitalistischen Sozialstruktur, also an deren Peripherie.Google Scholar
  9. 9.
    Dieser Begriff der „Interdependenz“ bedarf selbst der Erläuterung. Er wird normalerweise so gefaßt, daß jeder Handlungsvollzug, jeder Arbeitsprozeß andere (vor-, nebenoder nachgeordnete) Vollzüge voraussetzt, d. h. nicht selbstgenügsam ist. Daraus folgt dann, daß die Störung eines Vollzuges eine Kette von Folgestörungen hat, deren Reichweite um so größer ist, je mehr Interdependenz besteht: das System wird störanfälliger und fragiler. Diese Implikationen des Interdependenz-Begriffes sind organischen, mechanischen und sozialen Systemen gemeinsam. Ein spezifisch sozialwissenschaftlicher Begriff von Interdependenz wird aber erst erreicht, wenn wir in Betracht ziehen, daß soziale Systeme ihre Interdependenz dadurch zum Thema ihrer weiteren Entwicklung und Ausdifferenzierung machen können, daß sie „reflexive Mechanismen“ aufbauen (Luhmann). Sie erwerben in solchen Mechanismen die Fähigkeit, ihre eigene interdependenz-bedingte Störanfälligkeit zu kontrollieren. Dies geschieht z. B. dadurch, daß bestimmte Interdependenzbeziehungen temporär blockiert werden, funktionale Äquivalente für eine prekäre Funktion in Anspruch genommen werden usw. Diese Dimension des Interdependenz-Begriffes, die nur auf soziale Systeme anwendbar ist, spielt aber nur insoweit eine Rolle, wie soziale Systeme sich selbst gegenüber praktische Kontingenz gewinnen; sie müssen Elemente besitzen, die hinreichend autonom sind, um über andere Elemente (und deren wechselseitige Störung) disponieren zu können. — Diese formalen Überlegungen führen zu einer interessanten Konsequenz für das Verhältnis von Interdependenz und Autonomie: je weiter das Netz der Interdependenzbeziehungen ist, das im kapitalistischen Vergesellschaftungsprozeß aufgebaut wird, und je störanfälliger das System dieser Beziehungen infolgedessen ist, desto autonomer müssen die Elemente des Systems, die durch reflexive Disposition über das System dessen Störgrößen manipulieren, sein.Google Scholar
  10. 10.
    Hier ist noch einmal an die von uns verwendete Fassung des Krisenbegriffs zu erinnern. Der kapitalistische Staat, der das dominante ökonomische System weder sich selbst überlassen noch ernsthaft antasten kann, weist die Tendenz auf, den durch diese widersprüchlichen Bedingungen definierten „Gleichgewichtspfad“ zu verlassen. Diese Tendenz ist krisenhaft. Die gleiche logische Figur simultan geltender, aber kontradiktorischer funktionaler Imperative liegt im übrigen auch dem Theorem vom tendenziellen Fall der Profitrate zugrunde (die Einzelkapitale können nicht anders als in einer Weise zu akkumulieren, die die organische Zusammensetzung erhöht, aber genau das dürfen sie um der Erhaltung ihrer Profitrate und damit der Akkumulation willen nicht tun). Hier wie dort ist mit dem Krisenbegriff über die Existenz und Wirksamkeit von „entgegenwirkenden Tendenzen“, über das Ob und Wann des „Zusammenbruchs“, nichts präjudiziert. Ebensowenig ist natürlich über die gesellschaftliche Qualität der Resultate dieser Krisentendenz, über die Frage nämlich a fortioni auszumachen, ob sie auf die Erriditung einer sozialistischen Gesellschaft oder die Permanenz eines historisch unproduktiven Verrottungsprozesses hinausläuft. Das ist eine. Frage der politischen Praxis, die sich die Kenntnis von Krisentendenzen zwar zunutze machen kann, sich hinter einer krisentheoretisch erschlichenen Zusammenbruchs-Gewißheit aber nicht attentistisch verstecken darf.Google Scholar
  11. 11.
    Zwischen der inversen Entwicklung der Schwelle, die das Minimum hoheitlicher Interventionen determiniert, und der Schwelle, an der das system-kompatible Maximum dieser Interventionen abzulesen ist, und dem oben explizierten Krisenbegriff besteht ein ersichtlicher Zusammenhang: das Kapital nimmt hoheitliche Organisations- und Steuerungsleistungen in Anspruch, deren legitimationsabhängige Eigendynamik das Ausgrenzungsproblem der „negativen Subordination“ kumulativ verschärft.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag Opladen 1973

Authors and Affiliations

  • Claus Offe
    • 1
  1. 1.StarnbergDeutschland

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