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Krisenbegriff und Krisenforschung

  • Martin Jänicke
Part of the Uni-Taschenbücher book series (UT23, volume 189)

Zusammenfassung

Auf den ersten Blick gesehen, scheint es kaum nötig, die Relevanz einer internationalen politologischen Konferenz zum Thema ≫Herrschaft und Krise≪ zu begründen. Schließlich ist der Krisenbegriff heute in aller Munde. Und in dem Gefühl, in einer heilen Welt zu leben, befinden sich gewiß nur wenige. Die Neigung, von der Wissenschaft entsprechende Lösungsvorschläge zu erwarten, ist also nicht eben gering.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Randolph Starn, Historians and „Crisis“, Past and Present Nr. 52. Aug. 1971, S. 3–22. Martin Jänicke, Zum Konzept der politischen Systemkrise, PVS 12. Jg., 1971, Nr. 4, S. 530 f.Google Scholar
  2. 2.
    H. D. Lasswell/A. Kaplan, Power and Society. New Haven und London 1968 (1950), S. 242.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. insbesondere die Beiträge von Johan Galtung und Herman Schmid in: Kritische Friedensforschung, hg. v. Dieter Senghaas, Frankfurt/M. 1971.Google Scholar
  4. 4.
    Gabriel A. Almond, Scott C. Flanagan und Robert J. Mundt (Hg.), Crisis, Choice and Change: Historical Case Studies in Comparative Politics, erscheint bei Little, Brown & Co. (Boston 1972). Vgl. hierzu den Bericht Volker Rittbergers.Google Scholar
  5. 5.
    Leonard Binder, James S. Coleman, Joseph LaPalombara, Lucian W. Pye, Sidney Verba und Myron Weiner, Crisis and Sequences in Political Development. Studies in Political Development VIL Princeton, N. J. 1971. Bedenkt man, daß an diesem Ansatz bereits seit sechs Jahren gearbeitet wird, so ist die folgende Schlußbemerkung von Verba ein nicht eben vielversprechendes Urteil: „It is hoped that the potential usefulness of this approach to development will lead to attempts to deal with the more difficult task of converting the „five crisis scheme“ into a more precise model of political development. Until that processing is done, discussions of sequence — as exemplified, I am afraid, by the present chapter — may remain quite vague.“ (A.a.O., S. 316). Über den ersten Versuch einer Verknüpfung von Pyes Entwicklungssyndrom (capacity — equality — differentiation) mit fünf Typen von Entwicklungskrisen (Identitätskrise, Legitimationskrise, Penetrationskrise, Distributionskrise, Integrationskrise) ist man hier immer noch nicht wesentlich hinausgekommen. Vgl. Lucian W. Pye, Aspects of Political Development. Boston 1966, S. 45 ff. Das Committee on Comparative Politics plant außer der vorliegenden Arbeit zwei weitere Projekte: Der in der angeführten ersten Studie entwickelte begriffliche Rahmen soll in einer von Raymond Grew herausgegebenen historisch vergleichenden Arbeit über europäische Entwicklungsmuster auf seinen heuristischen Nutzen getestet werden. In einem dritten Band, den Binder, Verba und Philip E. Converse herausgeben, sollen noch einmal die begrifflichen und methodischen Probleme des Entwicklungskrisen-Ansatzes diskutiert werden.Google Scholar
  6. 6.
    Außer den in Anm. 9 genannten Fallstudien wird im Rahmen des Projekts an einem Reader zum Thema „Politische Systemkrisen“ gearbeitet, der Anfang 1973 bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Zwei Arbeitspapiere, eine Literaturaufarbeitung des Verfassers und eine weiterführende Systematisierung in Form eines Krisenmodells von Knuth Dohse erschienen in Nr. 4/1971 der PVS.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. etwa Zygmunt Bauman, Twenty Years After: The Crisis of Soviet-Type Systems, Problems of Communism 20. Jg., 1971, H. 6.Google Scholar
  8. 8.
    Kirchheimers wichtiger Begriff der „restriktiven Bedingungen“ — mit der Frage nach dem Ge- oder Mißlingen des „revolutionären Durchbruchs“ nach der Machtergreifung durch die Gegenelite — ist hier durch systemexterne Faktoren zu ergänzen. Otto Kirchheimer, Restriktive Bedingungen und revolutionäre Durchbrüche, in: Ders., Politische Herrschaft. Fünf Beiträge zur Lehre vom Staat. Frankfurt/M. 1967.Google Scholar
  9. 9.
    Untersucht werden im Rahmen des Projekts u. a.: Die Maikrise 1968 in Frankreich; die Krise des parlamentarischen Systems in Griechenland 1965–67; die Subsystemkrisen und die prekäre Labilität des Herrschaftssystems der USA; die Potentialität einer nationalen Integrationskrise in Kanada (Quebec); die Krise der spanischen II Republik; die akute Integrationskrise in Pakistan; Revolution ohne revolutionären Durchbruch — Bolivien 1952 und 1971; die Krise des Diem-Regimes; Ghana vor und nach Nkrumah; der 17. Juni 1953 in der DDR; die Dezemberunruhen 1970 in Polen, die Ungarn-Krise 1956; die Chinesische Kulturrevolution.Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. Charles Herman in diesem Band.Google Scholar
  11. 11.
    James A. Robinson, Crisis in: International Encyclopedia of the Social Sciences, Bd. III., New York 1968, S. 510.Google Scholar
  12. 12.
    Zum Begriff der Krisenintensivierung vgl. Volker Rittberger, über sozialwissenschaftliche Theorien der Revolution, in: PVS Nr. 4/1971, S. 527. Sowie Scott C. Flanagan, Models and Methods of Analysis, in: Crisis, Choice and Change, a.a.O., Kap. II. „Krisenintensivierung“ weist dort auf situationale Änderungen durdi „moves and events“. Hier soll der Begriff dagegen die aktive Anstrengung derjenigen Akteure bezeichnen, die Krisen als die Chance zur Durchsetzung ihrer Ziele ansehen. Vgl. Knuth Dohse, Das politische System in der Krise. Modell einer revolutionären Situation, in: PVS Nr. 4/1971, S. 575 ff.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. 5. C. Flanagan, a.a.O.Google Scholar
  14. 14.
    Institutionalisierung einer „strategischen Subvention“ (um im Beispiel zu bleiben) wäre deren feste, auf der Einnahmenseite abgesicherte Verankerung im Staatshaushalt. Allgemein bedeutet „Institutionalisierung“ hier (a) Dauerhaftigkeit, (b) Regelmäßigkeit und (c) zumindest passive Hinnahme eines sozialen Tatbestandes durch die von ihm Betroffenen, die sich (d) in stabilen, internalisierten Verhaltensmustern niedersdilägt. Die aktive Wertsdiätzung, die für Parsons und Huntingtons Begriff der Institutionalisierung wichtig ist, wird also als zu eng gefaßtes Begriffsmerkmal abgelehnt. Das angeführte Beispiel des staatlichen Sicherheitsdienstes dürfte dies Argument plausibel machen: Die Institutionalisierung eines Polizeisystems ist dessen dauerhafte Verankerung, nicht durch „Wertschätzung“, sondern durch resignative Hinnahme und Internalisierung seiner Abschreckungsfunktion. Dem entspricht in der Regel der Rückgang des manifesten Terrors zugunsten des latenten. Relativ stabil kann solch ein System jedodi nur genannt werden, wenn zur Repression auch Konzessionsstrategien hinzutreten (im Sinne einer „gemischten“ Gesamtstrategie), man also nicht nur auf die Funktionsfähigkeit des Sicherheitssystems angewiesen ist. Daß der Stabilitätsbegriff audi auf solchermaßen abgesicherte „wohlwollende Autoritarismen“ (benevolent authoritarianism im Sinne von Lickert) mit hoher Zwangsinternalisierung, vorwiegend latentem Terror und starker Anpassungsfähigkeit angewendet wird, dürfte deutlich machen, daß es sich hier nicht eben um einen positiv wertenden Begriff handelt (s. o.).Google Scholar
  15. 15.
    Martin Jänicke, Zum Konzept der politischen Systemkrise, in: PVS Nr. 4/1971, S. 532 ff. Die exzessive akute Krise, der Fall einer gleichgewichtigen Mobilisierung von Kampfressourcen über einen längeren Zeitraum hinweg ist ein seltener, wenn auch wichtiger Grenzfall. In der Regel zeigt sich, daß eine der Konfliktparteien in bezug auf die extreme Ressourcenmobilisierung nicht „mithalten“ kann; ein gleichwohl fortbestehendes Kräftegleichgewicht ist dann das Resultat systemexterner Verstärkungen. So etwa in Spanien, Südvietnam, Nigeria, Pakistan.Google Scholar
  16. 16.
    Zum „Strategiebewußtsein“ vgl. K. Dohse, a.a.O., S. 570 ff.Google Scholar
  17. 17.
    Wer nimmt den Personalwechsel vor? Die herrschende Klasse, die ihre regierenden „Agenten“ erneuert bzw. den Dissidenten als Sündenböcke opfert? Dies ist häufig der Fall. Dennoch wäre es noch nützlicher, mit einem offeneren Schema zu operieren, das die Frage nach der jeweiligen Basis eines Regimes für empirisch unterschiedliche Aussagen offenhält. Unterteilt man generell zwischen drei Ebenen: Regime (funktional definiert als die Gruppe, die im Krisenfall die zentralen Entscheidungen des Systems fällt) — Elite (die Summe der Inhaber von Machtpositionen außerhalb des Regimes) — Masse (die Summe der Herrschaftsunterworfenen), so bestehen zunädist einmal ganz allgemein zwei Koalitions- und Basierungsmöglichkeiten: Die Elitenbasierung und die Massenbasierung des Regimes. Da man es in der Regel mit gemischten Basierungen zu tun hat, sollte auf der Elite- wie auf der Massenebene unterschieden werden zwischen den Status-quo-Anhängern in der „Mitte“ und den unzufriedenen Kollektiven auf der Rechten und Linken, den unzufriedenen Traditionalisten und den unzufriedenen Progressiven. (Von dem Reservoir der politisch Inaktiven wird hier abgesehen.) Das politische Regime kann durchaus auch aus eigener Kraft seine Position auf der Rechts-links-Skala und damit auch seine soziale Basis verändern; zumal wenn eine soziale Basis bei rückläufigem Anhang unhaltbar geworden ist und eine andere sich „anbietet“. Dieser Basiswechsel kann selbstverständlich nie ein totaler sein. Er vollzieht sich in der Regel als Koalitionswechsel (nicht nur im parlamentarischen Sinn). Die Möglichkeit des Personalwechsels im Regime unter dem Einfluß unzufriedener Basisgruppierungen ist natürlich abhängig vom Grad der konkreten Basisbindung des Regimes. Die „Agententheorie“ ist allzusehr auf eine einzige Elitefraktion fixiert. Die Regime-Basis einer Volksfront-Koalition z. B. hat in ihr wenig Raum. Die Krise gerade solcher Regime mit Massenbasis — die Krise einer demokratischen Interessenkonstellation also — verdient aber doch gewiß Interesse. Vgl. M. Jänicke, Zum Konzept …, a.a.O., S. 549 ff.Google Scholar
  18. 18.
    Die Möglichkeit der reaktionären Krisenintensivierung durch unzufriedene traditionalistische Eliten, die die „Bereinigung“ einer für sie ungünstig gewordenen Situation anstreben, ist in diesem Schema selbstverständlich impliziert.Google Scholar
  19. 19.
    W. I. Lenin, Der Zusammenbruch der II. Internationale, Werke, Bd. XXI, S. 206 f. Ted R. Gurr, Why Men Rebel, Princeton, N.J., 1970, insbes. die Kennzeichnung von „Turmoil“ vs. „Internal War“ (= Revolution und Bürgerkrieg).Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag Opladen 1973

Authors and Affiliations

  • Martin Jänicke
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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