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Die Marxsche Klassentheorie

  • Horst Röder

Zusammenfassung

Die “Kritik der bürgerlichen Soziologie”, so wie sie bisher, dargestellt wurde, steht sowohl am Beginn der Konstituierung einer selbständigen Disziplin in der DDR als auch einer systematischen Auseinandersetzung mit den außerhalb der sozialistischen Länder, besonders in den USA und der Bundesrepublik, vertretenen theoretischen Positionen. Die Bezeichnung “bürgerlich” oder “nicht-marxistisch” beruht auf der Überzeugung, es gebe prinzipiell zwei unterschiedliche Soziologien, zwischen denen keine Vermittlung möglich sei. Wie gezeigt werden konnte, wurden die Attribute “objektiv” (im Sinne von “wahr”) und “wissenschaftlich” für die marxistische Soziologie reserviert, während die bürgerlichen Theorien als “unwissenschaftlich” galten. Während inzwischen die Soziologie in den meisten sozialistischen Ländern einen gesteigerten Reflexionsprozeß durchmacht, der nicht zuletzt sich auf eine zunehmende Entdogmatisierung wie auch auf eine Rezeption neopositivistischer, phänomenologischer u.a. Strömungen zu bewegt,1) so daß der Zagreber Soziologe Oleg Mandić hervorhebt, “that there is no Marxist and no non-Marxist sociology”, hält die Soziologie in der DDR weiterhin entschieden an dieser Differenzierung fest. Für Mandić gibt es nur eine soziologische Wissenschaft, innerhalb derer im Laufe der Zeit verschiedene grundlegende Konzeptionen entwickelt wurden, die in verschiedene Schulen mündeten und unter denen eine die marxistische Schule der Soziologie ist. Die im Rahmen der “Kritik der bürgerlichen Soziologie” in der DDR vertretene Polarisierung und Kampfhaltung wird hier durch den Wunsch nach Zusammenarbeit und Überwindung der Diverganz abgelöst: “The relations between the Marxist stream and other sociological schools ought to be grounded on the search for common elements, enabling scholars to build bridgeheads for mutual comprehension and collaboration. ”2) Der Prager B. Baumann geht noch einen Schritt weiter: Seinen kritischen Überlegungen über den Verlust an philosophischer und wissenschaftlicher Initiative, den die marxistische Theorie seit Lukács’ “Geschichte und Klassenbewußtsein” im Stalinismus erlitten habe, schließt er folgende Sätze an: “The main requirement for Marxists in Eastern Europe in order once more to acquire this intellectual initiative is that they break through the isolation from relevant Western ideas and movements of thought, contemporary, recent and past. They must deal not only with the classics of sociological theory, as exemplified in the thought of Max Weber, Durkheim, Mead, Mills and others, but also with the work of outstanding contemporary humanists …”3) In demselben Heft, daß die Auffassungen dieser beiden Soziologen präsentiert, findet sich auch ein Aufsatz von Erich Hahn, in dem — wenn auch abgeschwächt — die alte Gegenüberstellung beschworen wird. Für die Beziehungen zwischen “marxistischer” und “nicht-marxistischer” Soziologie sieht Hahn die Situation immer noch charakterisiert durch theoretische Konzeptionslosigkeit auf seiten der bürgerlichen Soziologie und theoretische Geschlossenheit im Bereich der marxistischen Soziologie. “The opportunities of co-operating in the theoretical field will be enhanced to the extent to which present-day non-Marxist sociology proceeds toward the theoretical synthesis … of the extremely manifold and heterogeneous tendencies existing at the present time. Theoretical co-operating is impossible without clear theoretical positions. Nothing can be accomplished by blurring or veiling the existing front-lines. ”4)

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1972

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  • Horst Röder

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