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Die überflüssige Leistung

  • Christian Graf von Krockow
Part of the Universitätstaschenbücher book series (2809, volume 533)

Zusammenfassung

Bloße Selbstbestätigung oder gar Selbstgefälligkeit als einziges Ergebnis des Kulturvergleichs könnte schwerwiegende Fehldeutungen zur Folge haben. Denn die Gruppenbindung, die in vielen außereuropäischen Kulturen so stark betont wird, hat ja keineswegs nur den negativen Aspekt einer Kontrolle oder gar Gängelung individuellen Verhaltens, sondern sie meint zugleich: Fürsorge, Schutz, Orientierung, Anerkennung, Bestätigung. Daß viele, zumal junge Menschen in der westlichen Zivilisation sich voller Überdruß, ja mit Verachtung und Ekel vom konkurrenzorientierten Leistungsprinzip abwenden, nach neuen Formen der Bindung im Gruppenleben und dabei oft nach Vorbildern in fernen Ländern suchen, dürfte anzeigen, daß die Gruppenzugehörigkeit elementaren menschlichen Bedürfnissen entspricht. Jedenfalls wäre es allzu bequem und überdies gefährlich, herablassend von bloßen Modeerscheinungen zu reden; der Tatbestand bedarf der Erklärung. Und auch wenn die Kritik am Leistungsprinzip, die seiner vereinzelnden Wirkung gilt, in der Regel nur gefühlsbestimmt vorgetragen wird, wenn die meisten Experimente mit neuen Formen des Gruppenlebens kaum überzeugen und sich leicht als romantische Irrungen durchschauen lassen, darf es mit solchen negativen Einsichten doch nicht sein Bewenden haben. Kurz gesagt: Die selbst nur gefühlsbestimmte und pauschale Verteidigung einer dem Leistungsprinzip verpflichteten Gesellschaftsordnung erweist sich als ebenso problematisch wie die pauschale Leistungskritik.

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Anmerkungen

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    Sport, Arbeit, Leistungszwang, in: Leistungssport, 2/72, S. 66.Google Scholar
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    Eine eigenartig ritualisierte Form demonstrativer Verschwendung stellt das sogenannte Potlatch bei Indianerstämmen an der Nordwestküste Amerikas dar. Vgl. R. Benedict. Urformen der Kultur, Hamburg 1955; M. Mauss, Die Gabe — Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt 1968.Google Scholar
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    Oscar Lewis, der wie kein anderer die „Kultur der Armut“ untersuchte, führt drastische Beispiele an. Siehe etwa: A Study of Slum Culture, New York 1968, S. 71 ff. — Man erinnere sich auch an die scheinbar funktionswidrige „gute Stube“, die „kalte Pracht“ ausgerechnet unter armselig-beengten Wohnverhältnissen.Google Scholar
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    H. Popitz hat in „Prozesse der Machtbildung“, Tübingen 1968, den Sachverhalt an einfachen Beispielen anschaulich dargestellt.Google Scholar
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    Aus der kaum mehr übersehbaren Literatur seien drei Titel genannt: M. Greiffenhagen (Hrsg.), Demokratisierung in Staat und Gesellschaft, München 1973 (Sammelband mit umfangreicher Bibliographie); F. Vilmar, Strategien der Demokratisierung, 2 Bde., Darmstadt u. Neuwied 1973; F. Grube u. G. Richter (Hrsg.), Die Utopie der Konservativen, München 1974.Google Scholar
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Copyright information

© Leske Verlag + Budrich GmbH, Opladen 1977

Authors and Affiliations

  • Christian Graf von Krockow

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