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„Meine antisowjetische Tätigkeit ...“ — Sieben Jahre plus ein Kerkerjahr im Leben von Lew Landau

  • Gennady Gorelik

Zusammenfassung

Natürlich meint der Titel dieses Unterkapitels nicht Geschichte der Physik allgemein, sondern die der sowjetischen Physik, insbesondere in den 30er Jahren. Gab es einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, den der sowjetische Staatssicherheitsdienst nicht überwacht hätte? Politische Hauptverwaltung und Volkskommissariat für Inneres sicherten den Aufbau des Stalinismus in den 30er Jahren allseitig, rast- und schonungslos sowohl vor äußeren als auch vor inneren Feinden. Zu Feinden des Sozialismus wurden auch nicht wenige sowjetische Physiker erklärt, unter ihnen Wissenschaftler von Weltrang, der Stolz und die Zukunft Rußlands. Diese Zukunft wurde jedoch ausgelöscht: Matwej Bronstein (1906–1938), Alexander Witt (1902–1938), Semjon Schubin (1908–1938), Lew Schubnikow (1901–1937) ...

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Notes

  1. 1.
    Wergleiche Kapitel 9.2.Google Scholar
  2. 2.
    Tscheka — Abkürzung für: (Allrussische) Sonderkommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage, ab 1922 (O)GPU [(Vereinigte) Politische Hauptverwaltung]; 1934 wurde die GPU in das NKWD übernommen. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  3. 3.
    Maija J. Bessarab, Landau. Kapitel seines Lebens. Moskowski rabotschi, 4. Auflage, Moskau 1990Google Scholar
  4. 4.
    Moskauer Abendzeitung Wjetschemaja Mockwa vom 25.1.1991: Verlag Moskowski rabotschi dementiert. Denunziant unbekannt. Unterzeichnet von Lektorin und Autorin, heißt es: […] Wir müssen zugeben, daβ Landaus Darstellung dessen, was er von dem Untersuchungsrichter des NKWD über den „Denunzianten“ zu wissen bekam, in dem Buch unkritisch wiedergegeben wurde. Wie aus einer dem Gericht vorliegenden Auskunft des Archivs des KGB der UdSSR hervorgeht, gibt es in der Sache Landau überhaupt keinerlei Aussagen von L. Pjatigorski. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  5. 5.
    Das Wortspiel ZK-ZKGB als Anspielung auf das alle Lebensbereiche durchsetzende allmächtige KGB der ehemaligen Sowjetunion dürfte auch im Deutschen einsichtig sein. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  6. 6.
    P. L. Kapitza, Pis’ma o nauke [Briefe zur Wissenschaft], Hgb. P. E. Rubinin, Moskowski rabotschi, Moskau 1989 (russ.)Google Scholar
  7. 7.
    Siehe Kapitel 4.2.Google Scholar
  8. 8.
    Siehe Kapitel 2.1.Google Scholar
  9. 9.
    Siehe Kapitel 3.Google Scholar
  10. 10.
    Diese Idee fand 1964 unter völlig veränderten Voraussetzungen eine späte Verwirklichung, als nach Landaus schwerem Autounfall (1962) seine Schüler unter der Führung von I. M. Chalatnikow ein selbständiges Institut für Theoretische Physik innerhalb der Akademie der Wissenschaften der UdSSR gründen konnten, das den Geist der Landauschen Schule bewahren und seine Schüler auf den verschiedensten Gebieten der theoretischen Physik vereinen sollte. Seit 1968, dem Todesjahr Landaus, trägt das Institut seinen Namen. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  11. 11.
    Cham bedeutet im Russischen Flegel. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  12. 12.
    In der „roten“ Industriestadt Charkow (1921–1934 Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik) war 1929 auf Initiative von Joffe das Ukrainische Physikalisch-Technische Institut (UPhTI) gegründet worden; ähnliche Institutsneugründungen erfolgten zu dieser Zeit in Swerdlowsk und Tomsk. Begabte junge Physiker, überwiegend aus Joffes LPhTI kommend, betrieben in Charkow Forschung an vorderster Front auf modernen Gebieten wie Festkörper-, Tieftemperatur-und Kernphysik. Sinelnikow, Leipunski, Walter und Latyschew begannen im Herbst 1932 erste Kernreaktionsuntersuchungen mit beschleunigten Protonen (300–400 keV), indem sie zunächst das Experiment von Cockcroft und Walton (7Li(p,α)4He) wiederholten. Lew Schubnikow (Schubnikow-de-Haas-Effekt, Leiden 1930) baute im UPhTI das erste Kryolabor der Sowjetunion (weltweit damals das vierte) auf und entdeckte zusammen mit J. Rjabinin 1934 unabhängig von Meissner und Ochsenfeld das vollständige Verschwinden eines Magnetfeldes in einem Supraleiter und 1935 die Supraleiter 2. Art. Die Aktivität des neuen physikalischen Zentrums fand seinen Ausdruck ferner in der Herausgabe der deutschsprachigen Physikalischen Zeitschrift der Sowjetunion (seit 1932, verboten 1937) und in der Organisation von Konferenzen mit internationaler Beteiligung. Dirac, Podolski, Peierls, Weisskopf u. a. kamen nach Charkow zu Arbeitsaufenthalten. Nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten aus Deutschland arbeiteten im UPhTI bis zur Verhaftungswelle 1937 mehrere deutsch-jüdische oder links-orientierte Physiker, unter ihnen F. G. Houtermans (über Neutronenphysik). [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  13. 13.
    O. N. Trapesnikowa, Erinnerungen, in: L. W. Schubnikow, Ausgewählte Arbeiten. Erinnerungen, Naukowa Dumka, Kiew 1990, S. 285. — Landaus Vatersname Davidowitsch wird auf der 2. Silbe betont, der Nachname Davidowitsch dagegen auf der 3. Silbe. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  14. 14.
    H. B. G. Casimir, Haphazard Reality, Harper and Row, New York 1983 (Das Kapitel über Landau ist abgedruckt in: I. M. Chalatnikow (Hsg.), Erinnerungen an L. D. Landau, Nauka, Moskau 1988. [Anm. d. Übers.])Google Scholar
  15. 15.
    Ein Beispiel hierfür ist die populärwissenschaftliche Darstellung Was ist Relativitätstheorie? von Landau und Rumer, in der Zeitschriftenversion zuerst 1939 erschienen (deutsch bei Geest u. Portig, Leipzig 1965). Landau plante ferner Physiklehrbücher für sämtliche Bildungsstufen. Er schuf zusammen mit E. M. Lifschitz nicht nur das weltbekannte zehnbändige Lehrbuch der theoretischen Physik, sondern arbeitete mit E. M. Lifschitz und A. I. Achieser auch an einem Lehrbuch der allgemeinen Physik für die Anfangssemester (von diesem wurde nur der 1. Band Mechanik und Molekularphysik fertiggestellt) und initiierte eine Lehrbuchreihe Physik für alle in Zusammenarbeit mit A. I. Kitaigorodski. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  16. 16.
    Nikolai I. Bucharin (1887–1938, hingerichtet) gehörte zur ideologischen Führungselite um Lenin, war Cheftheoretiker z. B. der Neuen Ökonomischen Politik (1924–28). Stalin entledigte sich seiner 1937 und ließ ihm den Prozeß machen. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  17. 17.
    Gespräch des Autors mit L. M. Pjatigorski am 22. Juli 1986.Google Scholar
  18. 18.
    Zur Erklärung: Sprichwörtlich war Landaus Vorliebe, alle Dinge einschließlich menschlicher Verhaltensweisen zu klassifizieren; bekannt ist seine logarithmische Leistungsskala der theoretischen Physiker. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  19. 19.
    Das russische Wortspiel Jeshow (von jesh, gesprochen: josh, [Igel] — jeshowye rukawitzy [eiserne Hand] hat keine Entsprechung im Deutschen). [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  20. 20.
    Unter den Opfern befanden sich auch die in Kapitel 4.2 in der „Hymne“ genannten theoretischen Physiker Viktor Bursian (geb. 1887) und Wsewolod Frederix (geb. 1885), die beide 1937 erschossen wurden, und Juri Krutkow (1890–1952), der gegen Ende seiner Lagerhaft zu Arbeiten für das Atombombenprojekt herangezogen wurde (vergl. H. und E. Barwich, Das rote Atom, Scherz, München 1967, S. 72ff.). [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  21. 21.
    N. W. Uspenskaja, Diversion… in der Sache Sonnenfinsternisuntersuchung, Priroda, Jg. 1989, Nr. 8, S. 86–98.Google Scholar
  22. 22.
    Dem heutigen Leser mag die Nachbarschaft von Verhaftungen und Abtreibung merkwürdig vorkommen. Aber 1938 war noch allgemein gegenwärtig, daß bis 1935 der Frau die Abtreibung freigestellt war und dem Stalinschen Gesetz über das Abtreibungsverbot eine der ersten Volksaussprachen (im Vorfeld der Stalinschen sozialistischen Verfassung von 1936) vorausgegangen war, die das Gesetz — natürlich — billigte. 23 Ino-Spezialist: ausländischer Fachmann. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  23. 24.
    Siehe Kapitel 5.Google Scholar

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© Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Gennady Gorelik

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