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Drei Marxisten in der sowjetischen Physik der 30er Jahre

  • Gennady Gorelik

Zusammenfassung

Die Sozialgeschichte der sowjetischen Wissenschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Sie muß an die Stelle dessen treten, was sich sozialistische Wissenschaftsgeschichte nannte und zur Wissenschaft nicht mehr Beziehung hatte als der sozialistische Realismus zur Realität. Die Kinderkrankheit, die dem jungen Forschungsgebiet droht, ist die Tendenz, die Vergangenheit in nur zwei Farben zu malen. Wer die geschichtliche Realität kennt, weiß um das Unzureichende eines solchen Rot-Weiβ-Bildzs. Jedoch ist es gar nicht leicht, die rot-weiße Farbpalette zu komplettieren und das echte Sozialkolorit der Vergangenheit wiedererstehen zu lassen. Bei genauerer Betrachtung erweist sich beispielsweise, daß in der sowjetischen Vergangenheit selbst unter einen scheinbar so eindeutigen Begriff wie marxistischer Philosoph Vertreter mit grundverschiedenen Auffassungen subsumiert wurden, die an mehrere Modifikationen des Marxismus denken lassen. Drei besonders charakteristische Beispiele marxistischer Philosophen, die in der sowjetischen Physik ganz und gar unterschiedliche Rollen spielten, seien im folgenden betrachtet.

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Notes

  1. 1.
    G. Gamov, My World Line. An informal autobiography. Viking press, New York 1970, p. 94. (Die Übersetzung der hier wiedergegebenen Passagen ins Deutsche folgt einer russischen Übersetzung. [Anm. d. Übers.])Google Scholar
  2. 2.
    Ebenda, S. 96.Google Scholar
  3. 3.
    Stalin sprach 1929, als er den Ausdruck prägte, von gewaltigen Erfolgen bei der Industrialisierung und demagogisch von ersten ernsthaften Erfolgen in der Landwirtschaft, in der die Aufgabe der Liquidierung des Kulakentums als Klasse (sprich: Enteignung und Vernichtung der Bauernschaft durch Zwangskollektivierung) herangereift sei. 1931 entstand auf höchster Ebene der Plan, die ukrainische Dorfbewohnerschaft, den eigentlichen Lebensnerv der Ukraine und ihrer erstarkten Unabhängigkeitsbestrebungen, sowie das Don-und Kubankosakentum durch „organisierten“ Hunger gefügig zu machen. Sonderkommandos konfiszierten 1932 sämtliches Getreide, ohne daß der Getreideexport (zur Finanzierung der Industrialisierung) gestiegen wäre. Die organisierte Hungersnot raffte 1932–33 schätzungsweise 7 Millionen Dorfbewohner hinweg. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  4. 4.
    Die erwähnten Prozesse sind Beispiele für bereits Ende der 20er Jahre inszenierte Schauprozesse; sie verfolgten den Zweck, Sündenböcke für die Fehlschläge bei der erbarmungslos forcierten Industrialisierung Rußlands vor der Öffentlichkeit zu brandmarken. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  5. 5.
    E. Kolman, PSM, Jg. 1931, Nr. 9–10, S. 163–172Google Scholar
  6. 6.
    Siehe Kapitel 4.2.Google Scholar
  7. 7.
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  8. 8.
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  12. 12.
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  13. 13.
    Den im Russischen gebräuchlichen Allerweltshundenamen Scharik ersetzte der Übersetzer Thomas Reschke durch das deutsche Pendant Bello und Scharikow entsprechend durch Bellow. [Anm. d. Übers.]Google Scholar
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  18. 18.
    Am 1. Dezember 1934 ließ Stalin seinen Rivalen Kirow — aussichtsreicher Kandidat für den Generalsekretärsposten der Partei — umbringen (siehe Anm. in Kap. 1). [Anm. d. Übers.]Google Scholar
  19. 19.
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  22. 22.
    L. E. Tamm (1901–1942), Chemie-Ingenieur, wurde eines der Opfer der Schauprozesse von 1937 (siehe Kapitel 5).Google Scholar
  23. 23.
    Siehe Kapitel 5.Google Scholar
  24. 24.
    Zentrales KGB-Archiv, Verfahren Nr. R-761Google Scholar

Copyright information

© Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden 1995

Authors and Affiliations

  • Gennady Gorelik

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