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Zwischen Individualisierungszwang und Normalisierungsdruck. Konstruktion von Autorschaft um 1900

  • Klaus-Michael Bogdal
Part of the Historische Diskursanalyse der Literatur book series (HDL)

Zusammenfassung

1886 erhält ein gerade zweiundzwanzigjähriger Lyriker außergewöhnlich gute Startbedingungen für eine Dichterkarriere. In seiner viel beachteten, mehrfach aufgelegten „Revolution der Literatur“ schreibt Carl Bleibtreu überschwänglich:

„Das bedeutendste rein lyrische Talent unter den Jüngeren besitzt Wilhelm Arent. Ungekünstelte Anmuth und zarter Wohllaut der Sprache verbinden sich zu Gedichten von traumhafter Lieblichkeit, aus den Tiefen innigster Sehnsucht geboren, in welchen Shelley’scher „Pantheismus der Liebe“ mit der sanften Wehmuth des Volksliedes sich paart. Die brünstige Sehnsucht, sich den reinen Elementen zu vermählen, ist oft mit hinreissender Frische hingehaucht. In knapper Abrundung der Form wird, in die süssen Mysterien der Schöpfung niedertauchend, dem intensivsten Gefühle fesselloser Ausdruck verliehen. In den „Freien Rhythmen“, einer Spezialität Arent’s, die er seinem Liebling Reinhold Lenz abgelauscht, sehe ich freilich die Gefahr, sich in’s Ungemessene schweifend zu verlieren. (…) Nirgends aber begegnen wir Formspielerei, alles strömt aus dem Innern. (…) Und das alles in einer Sprache von wundersam durchgeistigter Innerlichkeit.“1

Noch fünfundzwanzig Jahre später fällt Albert Soergel, dem für seine Literaturgeschichte „Dichtung und Dichter der Zeit. Eine Schilderung der deutschen Literatur der letzten Jahrzehnte“ eine Fülle zeitgenössischer Quellen zur Verfügung standen, die emphatische Hochschätzung der Erstlingswerke Arents auf: „Man nannte ihn einen Lyriker von Gottes Gnaden, stellte ihn über Liliencron, neben Goethe, Byron, Shelley.“2

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Literatur

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Klaus-Michael Bogdal

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