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Der Verlust der Mitte

  • Dieter Munk

Zusammenfassung

Aufstieg und Untergang ist natürlich bei der Vielzahl großer und kleiner Kulturen von einer ebenso großen Vielzahl unterschiedlicher geographischer, wirtschaftlicher, politischer Bedingungen und vor allem von Zufällen abhängig. Allen aber ist ein Merkmal gemeinsam: Alle haben sich aus dem vorgefundenen Chaos, als dem Eindruck vom Urzustand der Welt, erst eine religiöse Erklärung, dann eine religiöse Ordnung und ein Weltbild geschaffen und daraus abgeleitet ein Wertesystem für eine Gemeinschaft. Antwort auf die Frage nach den Merkmalen dieser Ordnungen — und da kommt die Archäologie ins Spiel — gibt uns die jeweilige Hinterlassenschaft, und das sind, vor allem in Kulturen ohne literarische Zeugnisse, die bildhaften Formulierungen in Kunst und Architektur. Durch die Darstellung zum Beispiel in Höhlenmalereien oder durch die Bauweise von Kultanlagen und Herrschersitzen wurden die entwickelten Ordnungen für alle Menschen ablesbar und verbindlich gemacht.

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Anmerkungen

  1. (1).
    Arnheim, Rudolf: Anschauliches Denken — Zur Einheit von Bild und Begriff, DuMont Dokumente, Köln 1972Google Scholar
  2. (2).
    Grözinger, Wolfgang: Kinder kritzeln, zeichnen, malen. München 1952Google Scholar
  3. (3).
    Arnheim, Rudolf: Die Macht der Mitte — Eine Kompositionslehre für die bildenden Künste. DuMont, Köln 1982, S.7 ffGoogle Scholar
  4. (4).
    Metzger, Wolfgang: Gesetze des Sehens. Frankfurt 1953Google Scholar
  5. (5).
    Der sog. „Binarismus“ ist eine sprachwissenschaftliche Theorie, wonach sich Sprachsysteme auf eine begrenzte Anzahl binärer/ bipolarer Oppositionen zurückführen lassen.Google Scholar
  6. (6).
    Vgl. Asimov, Isaac: Understanding Physics. New York 1966. Ausführliche Tests haben gezeigt, daß der Mensch bereits minimale Magnetfeldänderungen spürt (Versuche des Physikers Zaboj Harvalik).Google Scholar
  7. (7).
    In Zarathustras Lehre ist die altpersische Mythologie geprägt vom Kampf zwischen Licht und Finsternis: Kampf zwischen Ahura Mazda, dem Schöpfer der Welt der Wahrheit und des Lichts, und seinem Widerpart Ahriman, dem Herrn des Truges und der Finsternis. Über dualistische Strukturen bei den präkolumbianischen Maya Mittelamerikas vgl. Lanczkowski, Günter: Die Religionen der Azteken, Maya und Inka. Darmstadt 1989, S.81 ff; Anders, Ferdinand. Das Pantheon der Maya. Graz 1963, S. 34 ffGoogle Scholar
  8. (8).
    Beim Ab originalstamm der Achilpa (Australien) findet sich ein Pfahl aus dem Holz des Gummibaumes, an dem der Traumzeitahn in den Himmel kletterte. Über ähnliche Verbindungen kommt man auch in die Unter- oder Gegenwelt: die Seelen der toten Maori gelangen über die Wurzel eines am Ufer stehenden Baumes (Cape Reinga) in das Wasser und zur Insel ihrer Herkunft.Google Scholar
  9. (9).
    Ein bemerkenswerter Nachweis wurde von salesianischen Missionaren erbracht, die beim Versuch, die Indianer eines Dorfes zu christianisieren, eine Veränderung der Anordnung der Hütten veranlaßten. Die Analyse von Claude Lévy-Strauss ist deutlich: „Desorientiert in den Himmelsrichtungen, des Planes beraubt, der die Grundlage ihres Wissens bildet, geht den Eingeborenen schnell der Sinnzusammenhang ihrer Tradition verloren, so als wären ihre sozialen und religiösen Systeme zu kompliziert, um das Schema entbehren zu können, das der Plan des Dorfes anschaulich machte, und dessen Konturen im täglichen Umgang aufgefrischt, werden.“ Lévy-Strauss, Claude. TraurigeTropen. Köln/Berlin 1970, S. 166 f; Carlini, Alessandro/Schneider, Bernhard. Konzept 3. Die Stadt als Text, Tübingen 1976.Google Scholar
  10. (10).
    Im Bericht eines Missionars wird zum Beispiel in Tula ein Haus des Quetzalcoatl aufgeführt mit vier Zimmern in jeder Himmelsrichtung.Google Scholar
  11. (11).
    Aus einer angeborenen, genetisch bedingten Überlebensstrategie halten sich die Angehörigen der meisten primitiven, aber auch die höher entwickelten Kulturen für die einzigen eigentlichen Menschen, möglichst von den Göttern direkt abstammend. Dementsprechend besteht weder Interesse noch Notwendigkeit, anderes Denken, sofern man es überhaupt zubilligt, gleichberechtigt ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Vgl. dazu Gebser, Jean. Ursprung und Gegenwart. Stuttgart 1966.Google Scholar
  12. (11).
    Das am einfachsten strukturierte Wertesystem prägt sich jedermann am schnellsten und tiefsten ein und ist deshalb auch am wenigsten revisionsfähig.Google Scholar
  13. (12).
    Auch im Thomas-Evangelium (Logion 50) lesen wir, daß das Zeichen des Vaters in uns Ruhe und Bewegung ist.Google Scholar
  14. (13).
    Vgl. die Bestätigung eines einzigen „energy events“ als Ursprung dieser Welt.Google Scholar
  15. (14).
    Rückgriff auf eine Vergangenheit, die nach der buddhistischen Vorstellung auch die Zukunft ist. Da Vergangenheit das einzige ist, was sich der Betrachtung öffnet und da nach Bloch die Vergangenheit nicht nur Tradition ist, auf die man sich in einem rein reaktionären Sinn beziehen kann, sondern schon die utopischen Elemente der Zukunft enthält, ist es naheliegend, auf der Suche nach der Zukunft die Vergangenheit zu befragen. Es lohnt, unsere physische und moralische Entwicklung in der Vergangenheit (und an vielen Stellen) aufmerksam zu betrachten. Die augenblickliche Krise des menschlichen Fortschritts zeigt die Grenzen, die von den menschlichen Lebensbedürfnissen gesetzt sind. Die Rückbesinnung auf die geschichtliche Vergangenheit liefert das ungeheure Erfahrungsmaterial für den Nachweis darüber, was der Mensch zu leisten vermag, wieviel von ihm erwartet werden kann und was wahrscheinlich seine Kraft übersteigt.Google Scholar
  16. (15).
    An dieser Stelle ist natürlich die Frage berechtigt, warum um alles in der Welt der chinesische Kommunismus, der insgeheim ja immer dem Konfuzianismus verpflichtet war und seit Deng Xiao Ping die alte Lehre vehement aufrüstete und publizierte, warum China heute, trotz aller Fortschrittseuphorie, vielleicht vor einer der größten Katastrophen seiner Geschichte steht. Die Antwort liegt in der opportunistischen selektiven Auswahl aus der Lehre unter Vernachlässigung ihres Kerns — der Mitte — das heißt der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit, der Sittlichkeit, dem moralischen Wissen und vor allem der Gegenseitigkeit. Die chinesische Lehre befürwortet durchaus eine vertikale hierarchische Gesellschaftsgliederung, da unter den Naturbedingungen nur in einer Gesellschaft alle Menschen gleichermaßen überleben können, die arbeitsteilig gegliedert ist. Der große Konfuzianer Xunzi sagte im dritten vorchristlichen Jahrhundert: „Wären alle Rollen gleich, so würde keine Ausgeglichenheit herrschen!“ und fand damit eine dialektische Vermittlung zwischen den beiden Polen „Gleichheit“und„Ungleichheit“. Aber — und das wird heute von Staats wegen verschwiegen — der Ausgleich der gesellschaftlichen Polarität hat von oben nach unten stattzufinden-. Der Kaiser hat zwar Macht über sein Volk, aber diese Macht darf sich nicht verselbständigen, sondern muß den Interessen der Beherrschten dienlich sein. Die moralische Vorbildfunktion ist von zentraler Bedeutung und es heißt wiederholt, daß die Unteren sich notwendigerweise ebenso verhalten werden wie es die Oberen tun.Google Scholar
  17. (16).
    Die kosmozentrisch strukturierten Welt-, Gesellschafts- und Menschenbilder wie in Ägypten, Indien, China sind im Umfeld tributärer Gesellschaftsformen entstanden (kleine, tributeintreibende Oberschicht und große, abhängige Unterschicht) und, wie die Geschichte lehrt, einer unerbittlichen immanenten Zyklizität — Aufstieg und Verfall — unterworfen. Die traditionellen Umfelder waren nicht nur durch die extreme Ungleichheit gekennzeichnet, sondern auch durch strukturelle Immobilität. Weltbilder und Lebensperspektiven der in solchen Umfeldern entstandenen Religionen disharmonieren dementsprechend mit einer modernen Welt, die durch soziale Mobilisierung gekennzeichnet ist und durch erhebliche Kompetenzsteigerung des Individuums. Deshalb sind herkömmliche Kosmologien wirklichkeitsfremd unterkomplex und nicht einfach auf die Gegenwart übertragbar. Mann, M: Geschichte der Macht 2 Bde, Frankfurt/M. 1991/2 Senghaas: Dieter. Wohin driftet die Welt? Frankfurt/M. 1994.Google Scholar
  18. (17).
    Als die Futurologen der 60er Jahre die „postindustrielle Gesellschaft“ mit grenzenloser Freizeit voraussahen, da der Mensch zumindest in den Produktionsverfahren fast total entbehrlich würde, da hat man das allerdings weniger als Chance geistiger Selbstverwirklichung gesehen, sondern mehr als ein Zeit- und Beschäftigungsvakuum, das als riesiger neuer Freizeitmarkt genutzt werden könne.Google Scholar
  19. (18).
    Philosophen bezeichnen den Menschen mittlerweile auch als „Irrläufer der Evolution“ (Koestler), „Attentat auf die Natur“(Cioran), „Untier“ (Horstmann) und Claude Lévy-Strauss spricht von„Humanismus der maßlosen Überheblichkeit“; Lévy-Strauss, Claude: Mythos und Bedeutung. Frankfurt 1980; Bastian, Till: Ökologie und Humanität — Konflikt oder Partnerschaft?, Uni-versitas 5, Stuttgart 1988.Google Scholar
  20. (19).
    Der medizinische Fortschritt verlängert einerseits das Leben, macht aber das Alter immer unbezahlbarer und vertieft die Überflüssigkeit der Alten in unserer Gesellschaft. Die Verbesserungen in Wissenschaft und Technik sind fast immer mit Verschlechterungen verbunden. Die unerhörte Steigerung der Naturbeherrschung ist zugleich auch ein vergleichbares Anwachsen der Möglichkeiten zu zerstören und zu vernichten.Google Scholar
  21. (20).
    Angesichts der unterschiedlichen Bedingungen auf dieser Erde ist eine Globalität zum Beispiel im Sinne von Ausgleich natürlich eine reine Illusion. Die Losung „Gleiches Glück für alle“ ist nie umzusetzen und würde höchstens gleicher Konsum für alle bedeuten. Allerorten werden Wachstumsmodelle entworfen, die, bei Verwirklichung, die Welt bestenfalls zu einem riesigen Supermarkt machen würden. Aber: Allein der Versuch, die Drittländer auf das Niveau der sogenannten Ersten Welt hinaufzumodernisieren, würde, allen Voraussagen nach, zum ökologischen Kollaps führen. Vgl. Gross, Peter: Die Multioptionsgesellschaft. Frankfurt/M. 1994Google Scholar
  22. (21).
    Meyer-Abich, K.M: Vom bürgerlichen Rechtsstaat zur Rechtsgemeinschaft mit der Natur. In: Scheidewege, Heft 3/4, 1982.Google Scholar

Copyright information

© Gabler 1996

Authors and Affiliations

  • Dieter Munk

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