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Die Ethik der Chemischen Therapie in der Psychiatrie

  • Wilhelm Burian

Zusammenfassung

Die Geschichte der Psychiatrie zeigt, daß die moderne medikamentöse Behandlung psychischer Störungen zwar ihre Wurzeln in der altertümlichen Behandlung von Krankheiten hat, wie sie von Medizinmännern und Schamanen geübt wurde, andererseits aber in der Gegenwart erst durch die Entwicklung der Chemie bzw. der industriellen Produktion eine massenhafte Anwendung möglich geworden ist. Neben den traditionellen Behandlungsmitteln mit narkotischer und halluzinogener Wirkung, die heute alle zu den süchtigmachenden und daher verbotenen Drogen gezählt werden, kam es etwa vor 100 Jahren zum Aufschwung der beruhigenden bzw. dämpfenden Medikamente. Nachdem Anfang des 19. Jahrhunderts die Bromide entdeckt worden waren, wurden sie bei psychiatrischen Erkrankungen weithin angewandt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stellten die Ärzte test, daß unkontrollierbare Erregungszustände durch die Verabreichung von Bromiden merklich beruhigt werden konnten. Mitte der zwanziger Jahre behaupteten viele Psychiater, das Bromid könnte fast alle ernsten Symptome gestörten Verhaltens lindern. Die amerikanische Öffentlichkeit, notiert Alexander (1972) in seiner „Geschichte der Psychiatrie“, bekundete unter dem Einfluß dieser Ärzte eine solche Nachfrage nach Bromiden, daß 1928 unter fünf Rezepten jeweils eins auf Bromide ausgestellt wurde. Wie immer, wenn neue Medikamente als Heilmittel für Geisteskrankheiten angepriesen werden, setzteallmählich die Ernüchterung ein und die Bromide wurden dann auch durch durch andere Substanzen, in der Hauptsache Barbiturate und ähnlich wirkende Medikamente abgelöst.

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Literatur

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1984

Authors and Affiliations

  • Wilhelm Burian

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