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Der Behandlung Grenzen Setzen. Selbsthilfe und Fixer-Autonomie am Beispiel der Junkiebünde

  • Sebastian Scheerer

Zusammenfassung

Im klassischen Therapieverständnis ist es die freiwillige Übereinkunft zwischen Therapeut und Klient, die sowohl das Ob wie auch das Wie und Wozu einer Behandlung definiert. Das Individuum will zum Klienten werden, weil es unter Anteilen seiner eigenen Persönlichkeit leidet und den Wunsch nach Veränderung spürt. Es sucht sich einen Therapeuten, zu dessen Persönlichkeit und Methode es vertrauen hat und von dem es sich Verschwiegenheit und Loyalität erwartet. Die Macht, die der Therapeut gegenüber dem sich preisgebenden Individuum besitzt, wird hierdurch in Grenzen gehalten, der therapeutische Eingriff in das forum internum des Subjekts legitimiert. Etwas anderes gilt dort, wo das Individuum von staatlichen Sanktionsinstanzen in die Klientenrolle genötigt (durch vis compulsiva gezwungen) wird. Ein solcher Fall ist die Zwangsbehandlung von Opiatabhängigen, die, aufeinem komplizierten Geflecht unterschiedlicher Rechtsgrundlagen beruhend, meist über die Androhung von Gefängnisstrafen realisiert wird. Hier regiert nicht der Wunsch des Abhängigen nach Autonomie, sondern der staatliche Strafanspruch gepaart mit einer gesetzlich fixierten Vorstellung von Ordnung und Normalität. Das heteronome Prinzip der Drogentherapie manifestiert sich in alien Stadien der Behandlung: der Zeitpunkt der Aufnahme der Therapeut-Klient-Beziehung wird nicht vom Entschluß des Abhängigen, sondern vom Tätigwerden der Verfolgungsinstanzen, die Wahl der Therapieeinrichtung, -art und der konkreten Therapeuten nicht vom Willen des Opiatkonsumenten, sondern von Willkür, das Therapieziel schließlich nicht von individueller Vereinbarung, sondern vom Strafgesetz bestimmt.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1984

Authors and Affiliations

  • Sebastian Scheerer

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