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Die gesellschaftliche Verantwortung von Ingenieuren — zwischen technisch-ökonomischen Zwängen und politisch-normativen Zielen für den technischen Fortschritt

  • Eva Senghaas-Knobloch

Zusammenfassung

Die großen politischen Auseinandersetzungen über gesamtgesellschaftliche Einrichtungen zur Technikbewertung als Voraussetzung für verantwortliche Gestaltung begannen in der Bundesrepublik und anderen westeuropäischen Ländern (mit einer fast 10-jährigen Zeitverschiebung gegenüber entsprechenden Debatten in den USA) erst in den 70er Jahren. 1982 wurde im Bundesministerium für Forschung und Technologie eine eigene Arbeitseinheit zum Thema ‘Technikfolgenabschätzung’ gebildet (Technikfolgenabschätzung, 1987). Ungeklärt blieb jedoch die Frage, welcher Art von Beratungskapazität das Parlament bedarf, um seine Kontrollfunktion gegenüber der Forschungsbürokratie wahrnehmen zu können. Nach der Einsetzung von parlamentarischen Enquete-Kommissionen zu einzelnen technischen Weichenstellungen, den Kommissionen Zukünftige Kernenergiepolitik (1979/ 80; 1981–1983) Neue Informations- und Kommunikationstechniken (1981–1983) und Chancen und Risiken der Gen-Technologie (1984–1986) begann im März 1986 die Enquête-Kommission Einschätzung und Bewertung von TechnikfolgenGestaltung von Rahmenbedingungen der technischen Entwicklung ihre Arbeit mit einer übergreifenden Fragestellung. Sie hatte den Auftrag, grundsätzliche konkrete Vorschläge zur Institutionalisierung einer Beratungskapazität für Technikfolgenabschätzung und -bewertung beim Deutschen Bundestag sowie exemplarische Technikbewertungsexpertisen zu einzelnen Problemstellungen zu erarbeiten (vgl. Drucksache 10/5844 des Deutschen Bundestages; Böhret, 1987; Ulrich, 1987; Büllingen, 1987).

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References

  1. 1.
    Einen Überblick vermitteln Paschen, Gresser, Konrad (1978); Bohret, Franz (1982); Huisinga (1985).Google Scholar
  2. 2.
    Zum Verhältnis von Parlament und technikbezogenen Politikvorstellungen vgl. Dierkes, Petermann, von Thienen (1986); von Thienen (1987).Google Scholar
  3. 3.
    Das Symposium ist in den Materialien dokumentiert, die die Enquête-Kommission als Drucksache 10/6801 des Deutschen Bundestages im März 1987 in drei Bänden vorgelegt hat.Google Scholar
  4. 4.
    Das Manuskript wurde 1988 abgeschlossen. Am 16. November 1990 wurde ein aufgrund der vielfältigen Kritik grundlegend veränderter Institutionalisie-rungsvorschlag vom 11. Bundestag mehrheitlich angenommen.Google Scholar
  5. 5.
    Hortleder (19743, 103) hat dafür den Begriff des Leitbildzentrums entwickelt.Google Scholar
  6. 6.
    Dabei ging es um Probleme, die die Generativität der jeweiligen Landesbevölkerung beeinträchtigten: industrielle Arbeitsbedingungen, Normalarbeitszeit und Beachtung von natürlichen Merkmalen wie Alter und Geschlecht. Mit obligatorischen Versicherungen sollten Mindeststandards der Versorgung in Krankheits-, Invaliditäts-, Unfall-und Altersfall erreicht werden (Senghaas-Knobloch, 1979,12ff).Google Scholar
  7. 7.
    Das sich wandelnde gewerkschaftliche Technikverständnis ist neuerdings Ausgangspunkt gewerkschaftlicher Ingenieurinitiativen, vgl. dazu das vorhergehende Kapitel „Ingenieure in der IG Metall—zwischen gewerkschaftlicher Schutz-und Technikgestaltungspolitik“.Google Scholar
  8. 8.
    Es ist wohl kein Zufall, daß auf den Unterschied und die eigenständige Geltung von kollektiven Überzeugungskonflikten gegenüber Interessenkonflikten während des erwähnten Symposiums der Enquête-Kommission des Bundestages gerade von Vertretern der katholischen Kirche hingewiesen wurde. Die eigenständige Bedeutung von Wertvorstellungen gegenüber Interessen wird in Fragen der Technikbewertung auf neue Weise aktuell. Vgl. dazu das Kapitel „Die berufliche Verantwortungssituation von Ingenieuren in der Entwicklung“, in Teil I.Google Scholar
  9. 9.
    Darauf verweisen Hortleder (1974, 103), Ludwig (1974, 29) und durchgängig die Aufsätze in der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen des VDI, hrsg. von Ludwig unter Mitwirkung von König (1981).Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. dazu Burke (1975, 3l4ff), der die erfolgreichen Aktivitäten amerikanischer Ingenieure für eine Bundesgesetzgebung zur Verhütung von Dampfkesselexplosionen beschreibt.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. für die Zeit von 1856–1890 Lundgreen (1981), für die Zeit von 1890–1918 Burchardt (1981).Google Scholar
  12. 12.
    So kam es auf Initiative einer bestimmten Richtung unter den Ingenieuren nicht zufällig gerade in den Kriegsjahren zur Gründung des Normalienaus-schuβ; für den allgemeinen Maschinenbau, später Normenausschuβ der Deutschen Industrie, seit 1926 Deutscher Normenausschuβ (DNA), seit 1975 Deutsches Institut für Normung (DIN).Google Scholar
  13. 13.
    So drückte sich der Ingenieur Waldemar Hellmich (1927) im Rückblick auf 10 Jahre deutsche Normung aus; Hellmich hatte den DNA besonders befördert (Ludwig, 1974, 32).Google Scholar
  14. 14.
    Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer kollektiven Betäubung des Bewußtseins über beispiellose Vernichtung und Zerstörung in den Bemühungen um materiellen Wiederaufbau hatten für frühe ökologisch-kulturelle Einsichten, wie sie beispielsweise Georg Friedrich Jünger in den 30er Jahren entwickelt, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg publiziert hatte, keine Resonanz: „Der Mensch, der vergessen und verlernt hat, die Erde wie eine Mutter zu behandeln, ist kein Sohn der Erde mehr. Er befindet sich auf dem cartesianischen Globus, der tot ist und als tote Kugel rücksichtslos vernutzt wird. Sein Verhältnis zur Geschichte schließt die wehrlos gedachte Natur ein“ (Jünger, 19534, 362f).Google Scholar
  15. 15.
    Allerdings zeichnen sich derzeit erhebliche Einsparungen gerade auf dem letztgenannten Bereich ab, die vor allem vom Maschinenbauverband (VDMA) scharf kritisiert wurden (Frankfurter Rundschau vom 2.4.88). Man spricht von Einsparungen über 1,3 Milliarden DM. Eine solche Änderung würde wiederum die wenigen Großkonzerne, an die zwischen 1973 und 1983 schon die Hälfte der bis dahin gezahlten Gelder des Bundesministeriums für Forschung und Technologie ging, bevorzugen.Google Scholar
  16. 16.
    Eine ökologische Umorientierung der Produktionsprozesse und der Wirtschaftsrechnungen wird seit Jahren in der Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung und entsprechenden Instituten erkundet. Vgl. Öko-Institut (1985); Leipert, Simonis (1985).Google Scholar
  17. 17.
    Wie sie der Untersuchung von Ropohl, Schuchardt & Lauruschkat (1984) zugrundeliegt.Google Scholar
  18. 18.
    Die Arbeitsgruppe Ingenieurethik des VDE-Ausschusses Berufsfragen änderte ihren Namen in Arbeitsgruppe Technik und Gesellschaft. Vgl. zum Problem der Moral im Beruf das obige Kapitel „Die Moral von Ingenieuren und die Ethik technischen Handelns—Sozialpsychologische Überlegungen zur Gestaltbarkeit der Technik durch den Wandel kultureller Werte“.Google Scholar
  19. 19.
    Böhret (1987, 6ff) kommt zu einer ähnlichen Bewertung. Das industriegesellschaftlich eingeübte Nutzenkalkül widerspricht Askeseforderungen.Google Scholar
  20. 20.
    Diese Problematik wird von Anatol Rapoport (1984) mit dem Begriff Technologischer Imperativ bezeichnet. Gar nicht unähnlich sprach Sombart (1927, Wiederabdruck 1987, 93) von den Motiven: „Lust am Erfinden“, bzw. „rein technischer Betätigungsdrang“; „an den Erfolg geknüpften Interessen“ und dem „Erwerbstrieb“.Google Scholar
  21. 21.
    Eine ausführliche Analyse hierzu findet sich in B. Volmerg und E. Senghaas-Knobloch (1990, i.E.), Kapitel „Ingenieurkompetenz für eine gesellschaftliche Technikbewertung“.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Eva Senghaas-Knobloch

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