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Der harte Weg zum sanften Ziel

Ernst Forsthoffs Rechts- und Staatstheorie als Paradigma konservativer Technikkritik
  • Volker Neumann

Zusammenfassung

Es ist fast schon trivial, dem rechtlichen Regelsystem sein Zurückbleiben hinter der Dynamik des technischen Prozesses vorzuhalten. Was an manchen juristischen Strategien, die zur Überwindung der Regelungslücke vorgeschlagen werden, stutzig macht, ist ihre Bereitschaft, die Diktate des „enormen Fortschritts der Technik“1 unbefragt hinzunehmen. So deutet Lukes das Verhältnis von Recht und Technik in den kantischen Kategorien von Sein und Sollen2, wobei es bereits dem Entwurf der Fragestellung als ausgemacht gilt, daß die Diskrepanz zwischen Technik und rechtlichem Sollen vermittels der Anpassung der Verfahren der Rechtserzeugung an die technischen Seinsstrukturen zu beseitigen sei. Die angestrebte „Sicherung eines ungehemmten technischen Fortschritts“3 scheint den Verzicht auf die Arbeit der praktischen Vernunft vorauszusetzen. Andere Autoren4 zeigen sich zwar skeptischer gegenüber den Segnungen des technischen Fortschritts. Jedoch fällt auch ihre Einschätzung der Fähigkeit des Rechts, die technische Entwicklung in die Bahnen rechtlichen Sollens zu zwingen, eher pessimistisch aus5. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Technik lassen auch diese Theorieansätze vermissen.

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Anmerkungen

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1984

Authors and Affiliations

  • Volker Neumann

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