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Nationalsozialismus und Arbeiterklasse bis Mai 1933

  • Timothy W. Mason
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Zusammenfassung

Das folgende Kapitel soll die Vorgeschichte der in diesem Buch dargestellten Probleme nationalsozialistischer Herrschaftspraxis beleuchten. Eine angemessene Perspektive für die Analyse der Klassenverhältnisse in Deutschland nach 1933 läßt sich erst gewinnen, wenn man zunächst kurz die Entwicklung und soziale Zusammensetzung der nationalsozialistischen Bewegung vor der Machtergreifung umreißt und den Prozeß rekonstruiert, der 1933 zur Zerstörung der Organisationen der Arbeiterklasse führte. Weiterhin ist es von größter Wichtigkeit, jene Veränderungen in der wirtschaftlichen und politischen Kräftekonstellation aufzuzeigen, welche die Weltwirtschaftskrise erzeugte. Eine ausführliche und differenzierte Behandlung dieser Themen ist in dem gegebenen Rahmen natürlich unmöglich. Die Diskussion muß sich darum auf jene Aspekte des Aufstiegs der NSDAP konzentrieren, die sich dann später für die Entwicklung des Herrschaftssystems nach 1933 als maßgebend erweisen sollten.

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Notes

  1. 1.
    Das Protokoll ist von Hannes Heer, Burgfrieden oder Klassenkampf. Zur Politik der sozialdemokratischen Gewerkschaften 1930–1933. Neuwied/Berlin 1971, S. 168–173, veröffentlicht; das angeführte Zitat, S. 170.Google Scholar
  2. 1a.
    Diese Lösung scheiterte auch an der Uneinigkeit unter ihren eigenen Verfechtern; ferner daran, daß sie in der politischen Öffentlichkeit nicht genug Überzeugungskraft besaß; sie scheiterte schließlich an der bloßen Existenz der KPD, die nicht zu zähmen gewesen wäre.Google Scholar
  3. 1b.
    Die allgemeinen Fragestellungen dieses Absatzes bleiben im Rest des Buchs implizit; sie bilden ein größtenteils unsichtbares Gerüst für die Arbeit. Es kann nicht die Aufgabe dieser Veröffentlichung sein, die theoretischen Implikationen des Ansatzes und der Forschungsergebnisse im einzelnen herauszuarbeiten. Hier kommen theoretische Ansätze also vor allem als Hilfsmittel für die empirische Forschung zur Geltung. Zum Verhältnis dieser beiden Elemente in der Analyse des Faschismus siehe nun vor allem Jane Caplan, ”Theories of Jascism: Nicos Poulantzas as Historian“, History Workshop — a Journal of Socialist Historians, Nr. 3, 1977. Vgl. auch u. S. 312 ff.Google Scholar
  4. 2.
    Eine detaillierte Darstellung dieser Propaganda bietet Max H. Kele, Nazis and Workers, National Socialist Appeals to German Labor 1919–1933, Chapel Hill 1972. Keles Analyse läßt viel zu wünschen übrig —vgl. den Literaturbericht ”The Coming of the Nazis“, Times Literary Supplement, 1. Februar 1974.Google Scholar
  5. 3.
    Siehe vor allem die detaillierte und abgewogene Studie von Wilfried Böhnke, Die NSDAP im Ruhrgebiet 1920–1933 (Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung Bd. 106), Bonn-Bad Godesberg 1974, Teil C; Herbert Kühr, Parteien und Wahlen im Stadt-und Landkreis Essen in der Zeit der Weimarer Republik (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien Bd. 49), Düsseldorf 1973, S. 282 ff.; Detlef W. Mühlberger, ”The Rise of National Socialism in Westphalia 1920–1933“, D. Phil. thesis, Univ. of London 1975 (Masch.), S. 297 ff., 333 f. Vergleichbare Studien über Sachsen und Thüringen stehen noch aus; kurze Diskussionen bei Kele, Nazis, S. 108 f., 161; und bei Gerhard Schulz, Aufstieg des Nationalsozialismus, Krise und Revolution in Deutschland, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1975, S. 479 ff.Google Scholar
  6. 4.
    So verlief auch zunächst teilweise die Entwicklung: Aufstieg der Landvolkbewegung, der Wirtschaftspartei usw.Google Scholar
  7. 5.
    In einigen Gegenden zeichnete sich auch die KPD durch einen geschulten und erfahrenen Stamm von Mitgliedern und Wählern aus, die von der SPD zur USPD und dann zur KPD übergetreten waren.Google Scholar
  8. 6.
    Vgl. Kele, Nazis, S. 117 f.; Böhnke, Ruhrgebiet, Teil E, Kap. II.Google Scholar
  9. 7.
    In der auf Arbeiter abgestellten Propaganda spielte der Antisemitismus eine untergeordnete Rolle: vgl. Böhnke, Ruhrgebiet, S. 219.Google Scholar
  10. 8.
    Dieses wichtige Thema verdient weitere wissenschaftliche Erforschung. Der intensive Nationalismus der 20er Jahre war gewiß einer der schwerwiegendsten politischen Nachteile für die Arbeiterparteien in ihrem Kampf um die Erhaltung und Erweiterung ihrer Basis. Die unveröff. Diss. von Ursula Hüllbüsch, „Gewerkschaften und Staat. Ein Beitrag zur Geschichte der Gewerkschaften zu Anfang und zu Ende der Weimarer Republik“, Heidelberg 1958, gibt wichtigen Auschluß darüber, insbes. über nationalistische Tendenzen im ADGB 1932–33. Heer, Burgfrieden, lehnt sich im einzelnen stark an diese Analyse an, mißachtet jedoch ihre historische Perspektive.Google Scholar
  11. 9.
    Siehe Dietrich Orlow, The History of the Nazi Party, Bd. I, 1919–1933, Newton Abbot 1971, S. 102 ff., 168.; Kele, Nazis, S. 97–103.Google Scholar
  12. 10.
    Mein Kampf, S. 679. Hitlers irrationale Neigung, strukturelle Probleme zu personalisieren, wird nirgendwo so klar wie in der Fortsetzung dieses Gedankens: „Wer in jener Zeit die marxistischen Gewerkschaften wirklich zertrümmert hätte, um … der nationalsozialistischen Gewerkschaftsidee zum Siege zu verhelfen, der gehörte mit zu den ganz großen Männern unseres Volkes, und seine Büste hätte dereinst in der Walhalla zu Regensburg der Nachwelt gewidmet werden müssen. Ich habe aber keinen Schädel gekannt, der auf ein solches Postament gepaßt hätte.“ Ebda., im Original gesperrt gedruckt, mit Ausnahme des letzten Satzes.Google Scholar
  13. 11.
    Ebda., S. 680 f. Die letzten beiden Sätze sind im Original gesperrt gedruckt.Google Scholar
  14. 12.
    Im Gegensatz zur Obersten Heeresleitung im I.Weltkrieg weigerte sich Hitler einzusehen, daß Gewerkschaften auch andere Funktionen haben können.Google Scholar
  15. 13.
    Mein Kampf, S. 675, 677. Kele, Nazis, S. 110 f., 176 ff. stellt die Bedeutung der besonderen Linie Hitlers in diesen Fragen nicht deutlich genug heraus. Siehe nun Henry Ashby Turner jr., „Hitlers Einstellung zu Wirtschaft und Gesellschaft vor 1933“, in Geschichte und Gesellschaft, 2. Jhg. Heft 1, 1976, S. 89–117.Google Scholar
  16. 14.
    Selbst bei den Angestellten spielte dieses Problem eine wichtige Rolle; so führte die anti-gewerkschaftliche Grundhaltung der NSDAP zu starken Spannungen zwischen der Parteiführung und der Verbandsleitung der DHV, was freilich nicht verhinderte, daß die Parteiführung zahlreiche DHV-Mitglieder für sich gewann: Iris Hamel, Völkischer Verband und nationale Gewerkschaft. Der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband 1893–1933, Frankfurt a.M. 1967, Kap. 4.Google Scholar
  17. 15.
    Aus der Fülle der Literatur zu diesem Thema s. vor allem Jeremy Noakes, The Nazi Party in Lower Saxony 1921–1933, London 1971; Rudolf Heberle, Landbevölkerung und Nationalsozialismus. Eine soziologische Untersuchung der politischen Willensbildung in Schleswig-Holstein 1918–1932, Stuttgart 1963; Heinrich August Winkler, Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die politische Entwicklung von Handwerk und Kleinhandel in der Weimarer Republik, Köln 1972.Google Scholar
  18. 16.
    Dieses Risiko wurde durch den Umstand vermindert, daß die Bewegung so starke regionale Unterschiede aufwies: so ist es z.B. fraglich, ob Nazis in Ostpreußen oder in Bayern die radikale Rhetorik etwa der Berliner Partei überhaupt zur Kenntnis nehmen mußten. Dennoch stellt die Notwendigkeit, schon gewonnene Mitglieder und Wähler zu halten, einen sehr wichtigen Aspekt in der Entwicklung der NSDAP dar, dem bislang zu wenig Beachtung geschenkt worden ist. Alle Studien betonen einseitig die Rekrutierung immer weiterer Kreise für die Bewegung. Schulz, Aufstieg, S. 550, 858 f., gibt einen summarischen Überblick über die — sehr hohe — Fluktuationsrate der Parteimitgliedschaft vor 1934.Google Scholar
  19. 17.
    Siehe z.B. Krebs, Tendenzen, S. 44.Google Scholar
  20. 18.
    Neben den schon erwähnten Untersuchungen von Noakes, Böhnke und Kühr, s. hierzu auch Geoffrey Pridham, Hitler’s Rise to Power. The Nazi Movement in Bavaria, 1923–1933, London 1973. Daß es sich bei diesen Kadern nicht um gescheiterte bürgerliche Existenzen handelte, wird zu Recht von Theodore Abel, The Nazi Movenment. Why Hitler came to Power, New York 21966, S. 315, betont; vgl. auch Krebs, Tendenzen, S. 45 f., 48.Google Scholar
  21. 19.
    Albert Krebs, zeitweilig Gauleiter in Hamburg, gehörte in dieser Hinsicht zu den wohl nicht sehr zahlreichen Ausnahmen. Über das Streben nach Anerkennung und sozialem Aufstieg in diesen Kreisen innerhalb der NSDAP, s. William Jannen Jr., ”National Socialists and Social Moblility“, in Journal of Social History, Bd. 9 Nr. 3, 1976, S. 339–366.CrossRefGoogle Scholar
  22. 20.
    Siehe Orlow, Nazi Party, Bd. I, S. 146 f.; Pridham, Bavaria, S. 85–115; Noakes, Lower Saxony, S. 89–100, 159 f.; Krebs, Tendenzen, S. 47 ff.Google Scholar
  23. 21.
    Unter Abels Gruppe von alten Kämpfern waren nur 7 % Mitglieder linker Organisationen gewesen, ehe sie sich der NSDAP anschlossen: Nazi Movement, S. 314. Die Einstufung der KPD dieser Jahre als einer’ totalitären ‘Partei unter einseitiger Hervorhebung der anti-republikanischen und antisozialdemokratischen Linie des ZK ist auch darum wenig befriedigend, weil sie die Motivationen der Mitglieder und vor allem der Wähler außer Acht läßt, die die Partei unterstützten. Sie interssierte wohl eher der Kampf gegen den NS als der Kampf gegen die SPD!Google Scholar
  24. 22.
    Siehe Alfred Milatz, Wähler und Wahlen in der Weimarer Republik. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Heft 66), Bonn 1965, S. 90, 108, 126–150. Die im folgenden erörterten wahlsoziologischen Aspekte der politischen Entwicklung haben in diesem Zusammenhang in erster Linie die Funktion eines allgemeinen (und leicht zugänglichen) Indikators.Google Scholar
  25. 23.
    Weder in bezug auf ihre gegenseitigen Beziehungen noch in bezug auf die Krise waren die Strategien der Arbeiterparteien der Situation angemessen. Zu den wirtschaftspolitischen Vorstellungen der SPD und der Freien Gewerkschaften, s. die Beiträge von Robert Gates und Michael Schneider in Hans Mommsen, Dietmar Petzina und Bernd Weisbrod (Hrsg.), Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1974, S. 206–237.Google Scholar
  26. 24.
    Zu nicht-verfassungsmäßigen Schritten waren SPD und ADGB nicht bereit.Google Scholar
  27. 25.
    Diese Zahlen stellen grobe Schätzungen dar, auf Grund von Angaben in Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes, Stuttgart 1967, S. 22, 51; Milatz, Wähler, S. 128; Statistisches Handbuch von Deutschland 1928–1944, hrsg. vom Länderrat des Amerikanischen Besatzungsgebiets, München 1949, S. 32. Zählt man die Angestellten hinzu, so steigt die Zahl der Wahlberechtigten, die für ihren Lebenunterhalt allein auf ihre Arbeitskraft angewiesen waren, auf insgesamt 28–32 Mill. Für ein genaues Bild der Sozialstruktur der wahlberechtigten Bevölkerung bräuchte man eine Altersgliederung der Erwerbspersonen und der Berufszugehörigen. Milatz, Wähler, Kap. IV/4, geht auf diese Frage nicht ein.Google Scholar
  28. 26.
    Johannes Schauff, Das Wahlverhalten der deutschen Katholiken im Kaiserreich und in der Weimarer Republik (Hrsg. Rudolf Morsey), Mainz 1975, gibt keinen Aufschluß über die Sozialstruktur der Zentrums-, bzw. der BVP-Wähler. Unter ihnen gab es wohl 2–3 Mill. Lohnarbeiter (einschl. Angehörige). Setzt man voraus, daß gut die Hälfte der Nicht-Wähler ebenfalls Lohnarbeiter (einschl. Angehörige) waren, so hat man in den 4 Gruppen — KPD, SPD, Zentrum-BVP und Nicht-Wähler — etwa 17,5 bis 19 Mill, der Wahlberechtigten aus der Arbeiterklasse gezählt. Übrig bleiben 5 bis 8 Mill.Google Scholar
  29. 27.
    E.P. Thompson, The Making of the English Working Class, London 1963, S. 9.Google Scholar
  30. 28.
    Stat. Handbuch, S. 32; Stat. Jahrbuch 1936, S. 331. Die Zahl von 16 Mill. schließt auch Arbeitslose ein. Die enge Kategorie der Industriearbeiter war nicht mit vollkommener Klarheit definiert: s. Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft, S. 1239 ff. Selbst wenn man die bei der Reichsbahn und in größeren Handwerksbetrieben Beschäftigten hinzuzählt, kommt man längst nicht auf „zehn Millionen Industriearbeiter“ (Schulz, Aufstieg, S. 551). Es muß jedoch auch berücksichtigt werden, daß es einen ständigen und wohl auch relativ starken Zugang und Abgang von der Industriearbeiterschaft gab, so daß erheblich mehr Menschen eine Grunderfahrung von Indsutriear-beit besaßen, als zu irgendeinem Zeitpunkt zu dieser Beschäftigungsgruppe gezählt wurden — Abgang wegen Berufswechsel, Rationalisierung, Krankheit, Pensionierung, Eheschließung (Frauen) usw.Google Scholar
  31. 29.
    Mein Aufsatz, ”Women in Germany, 1925–1940: Family, Welfare and Work“, in History Workshop — a Journal of Socialist Historians, Nr. 1 und 2, 1976, enthält einige Bemerkungen zu dieser Frage. Kurzfassung auf deutsch in H.-G. Backhaus et al. (Hrsg.), Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, Bd. 6, Frankfurt a.M. 1976, S. 118–193.Google Scholar
  32. 30.
    Die Kategorie „Arbeiter“ schließt hier wieder erwachsene Angehörige ein. Das Tautologische an der Argumentation der vorangegangenen Absätze ist unübersehbar. Die Schwierigkeit liegt zum größten Teil darin, daß die unorganisierten Arbeiter soviel weniger Quellen hinterlassen haben, auf Grund derer man ihre Lage und ihr Verhalten erforschen könnte — nicht zuletzt auch eben deshalb, weil sie nicht organisiert waren. Allgemeine Statistiken über die im Handel und Handwerk Beschäftigten: Winkler, Mittelstand, S. 30 f., Anhang I. Winkler konnte bemerkenswert wenig über die Lohnabhängigen unter ihnen in Erfahrung bringen.Google Scholar
  33. 31.
    — Etwa durch die Reformen, die auf dem Gebiet des Arbeitsrechts, der Betriebsfassung, des Mutterschutzes und der Arbeitslosenversicherung durchgesetzt wurden, auch durch die Auswirkung der Tarifverträge auf die Verdienste der nicht-organisierten Arbeiter.Google Scholar
  34. 32.
    Albrecht Tyrell (Hrsg.), Führer befiehl… Selbstzeugnisse aus der Kampfzeit der NSDAP. Dokumentation und Analyse, Düsseldorf 1969, S. 379 f; David Schoenbaum, Hitler’s Social Revolution. Class and Status in Nazi Germany 1933–1939, New York 1966, S. 29, 38; Schulz, Aufstieg, S. 550. Die %-Zahlen sind vom beschränktem Wert, weil sie sich (im Gegensatz zu den absoluten Zahlen) nur auf diejenigen Personen beziehen, die Ende 1934 noch immer Parteimitglieder waren. Die soziale Zusammensetzung des flukturierenden Teils der Mitgliedschaft kann bislang nur grob geschätzt werden; es ist möglich, daß in dieser Gruppe Arbeiter relativ stark vertreten waren. Alle diese Zahlen sind auch deswegen mit Vorsicht zu behandeln, weil sie auf der gesellschaftlichen Selbsteinschätzung der Parteimitglieder beruhen. Besonders unklar und eher vom jeweiligen Sprachgebrauch als von bedeutenden berufsmäßigen Unterschieden bestimmt war wohl die Grenze zwischen’ Handwerker ‘und’ Arbeiter ‘in der Industrie: vgl. Kele, Nazis, S. 30, 36, 61, 69 f., 73, 124, 167; Böhnke, Ruhrgebiet, S. 198 f. Selbst eine genaue Mitgliederstatistik besäße nur begrenzte Aussagekraft, denn nicht alle Mitglieder waren politisch aktiv, und von den Aktiven unter ihnen hing der Aufstieg der Partei tatsächlich ab. Darum ist es so wichtig, daß die soziale Zusammensetzung der SA erforscht wird.Google Scholar
  35. 33.
    Siehe Milatz, Wähler; Mühlberger, „Westphalia“, Kap. IX/iii; Böhnke, Ruhrgebiet, S. 178–180.Google Scholar
  36. 34.
    Vgl. Goebbels’ Anweisungen für den Reichstagswahlkampf vom Juni 1932, die grundverschiedene Richtungen für die Propaganda vorschrieben, je nachdem welches Publikum erreicht werden sollte: zit. in Kele, Nazis, S. 206. Zur’ nationalsozialistischen Linken ‘insgesamt s. auch die präzise Einschätzung von Ernst Nolte. „Zur Phänomenologie des Faschismus“, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jhg. 10 Heft 4, 1962, S. 395.Google Scholar
  37. 35.
    Dies arbeitet Kele, Nazis, S. 91 ff., 104 ff., 131 ff. heraus. Dabei baut er auf der scharfsinnigen Analyse von Martin Broszat auf, „Die Anfänge der Berliner NSDAP 1926/27“, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jhg. 8 Heft 1, 1960, S. 85 ff.Google Scholar
  38. 36.
    Diese Tendenz verstärkte sich noch nach 1933; zur Zurückdrängung der NSBO, s. u. S. 107 ff., 178 ff. Die Erinnerungen von Krebs, Tendenzen, S. 69–71, sind für dieses Thema sehr wertvoll.Google Scholar
  39. 37.
    Unter ihnen, insbes. unter den jungen, gab es auch genuine Idealisten: s. z.B. Krebs, Tendenzen, S. 50 f.Google Scholar
  40. 38.
    Vgl. Heinrich Bennecke, Hitler und die SA, München/Wien 1962, S. 213 f. Für die SA im allgemeinen, siehe vor allem den Beitrag von Wolfgang Sauer, in Bracher/Sauer/Schulz, Die nationalsozialistische Machtergreifung, S. 829–896.Google Scholar
  41. 39.
    Vgl. Krebs, Tendenzen, S. 92; Rudolf Diels, Lucifer ante Portas. Zwischen Severing und Heydrich, Zürich o.J. (1950), S. 55; Böhnke, Ruhrgebiet, S. 154, 157 f., wo der Anteil der Arbeitslosen unter den SA-Männern auf 30 %-40 % geschätzt wird — keine sehr hohe Zahl angesichts der Sozialstruktur dieser Gegend.Google Scholar
  42. 40.
    Krebs, Tendenzen, S. 74. Die Mehrheit der großstädtischen Arbeitslosen ging wohl zur KPD, ohne daß sie freilich dort fest integriert worden wären. Auf die Labilität ihrer politischen Bindung zur KPD verweisen, neben den zahlreichen Augenzeugenberichten über Übertritte in die NSDAP, verschiedene Wahlergebnisse aus dem Jahr 1932, vor allem die des zweiten Wahlgangs bei der Reichspräsidentenwahl: s. Kühr, Essen, S. 291; Kele, Nazis, S. 205–8;Böhnke, Ruhrgebiet, S. 185; Henning Timpke (Hrsg.), Dokumente zur Gleichschaltung des Landes Hamburg 1933, Frankfurt a.M. 1964, S. 19–31. Böhnke, S. 192, hebt den Rückstrom dieser Wähler zur KPD im Laufe der zweiten Jahreshälfte 1932 hervor. Es ist wahrscheinlich, daß diese Kreise der städtischen Arbeitslosen ebenfalls unter den zahlreichen fluktuierenden Mitgliedern der NSDAP in den Krisenjahren stark vertreten waren.Google Scholar
  43. 41.
    Broszat, „Berliner NSDAP“, S. 91. Es ist möglich, daß eine weitere Erforschung dieser Fragen zu dem Ergebnis führen würde, daß die Lage der jungen Arbeitslosen in den Großstädten eher durch einen vollkommenen Zusammenbruch von sozialen und familiären Bindungen bzw. politischen Traditionen gekennzeichnet war, als dies bei den jungen Arbeitslosen in den typischen mittleren Industriestädten der Fall war, die vielleicht eine größere Homogenität und Geschlossenheit aufwiesen.Google Scholar
  44. 42.
    Siehe Noakes, Lower Saxony, S. 175, 178; Böhnke, Ruhrgebiet, S. 174; William Sheridan Allen, The Nazi Seizure of Power. The Experience of a single German Town 1930–1935, London 1966, S. 210 f. Es sei hier auch an den Streik der Berliner Verkehrsarbeiter im November 1932 erinnert. Unter diesen Arbeitern der öffentlichen Hand waren die Freien Gewerkschaften keineswegs überall schwach vertreten.Google Scholar
  45. 43.
    Vgl. Allen, Seizure, S. 29, 61, über die Aufmärsche in „Thalburg“, zu denen SA-Männer aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gezogen wurden. Die bald als Diss. vorliegende Untersuchung von Richard Bessel (Oxford) über die SA in den Ostprovinzen, insbes. in Ostpreußen, ergibt ein ähnliches Bild. Nützliche allgemeine Diskussionen über die Herkunft und Rolle von Lohnarbeitern in der nationalsozialistischen Bewegung: Geiger, Soziale Schichtung, S. 109–122; Martin Broszat, Der Staat Hitlers, München 1969, S. 49–52.Google Scholar
  46. 44.
    Böhnke, Ruhrgebiet, S. 173 f., 200.Google Scholar
  47. 45.
    Alle bislang durchgeführten Lokal-und Regionalstudien gelangen zu diesem Schluß. Siehe insbes. Mühlberger, ”Westphalia“, S. 363–381. Es darf hierbei nicht vergessen werden, daß die Sozialstruktur selbst der vollkommen von der Industrie abhängigen Städte höchst differenziert war: So waren z.B. in Essen 40%, in Chemnitz 42,8 % der Erwerbspersonen nicht Lohnarbeiter (1933) — Stat. Jahrbuch 1934, S. 24 f.Google Scholar
  48. 46.
    Noakes, Lower Saxony, S. 146, 179. (Der Bemerkung in Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft, S. 20 Anm. 9, daß auch Johannes Engel, effektiver Gründer der NSBO, zuvor Kommunist gewesen sei, liegt eine Verwechselung zugrunde.)Google Scholar
  49. 47.
    Zusammenfassend zur Anfangsphase der NSBO: Hans-Gerd Schumann, Nationalsozialismus und Gewerkschaftsbewegung. Die Vernichtung der deutschen Gewerkschaften und der Aufbau der’ Deutschen Arbeitsfront‘, Hannover/Frankfurt a.M. 1958, S. 30–38; Kele, Nazis, S. 149 ff.Google Scholar
  50. 48.
    Böhnke, Ruhrgebiet, S. 173 ff.;Noakes, Lower Saxony, S. 178, 180; Kele, Nazis, S. 202 f.Google Scholar
  51. 49.
    Siehe Hamel, Völkischer Verband, Kap. 4; Krebs, Tendenzen, S. 13 ff., 69 ff.; Kele, Nazis, S. 108 f., 144, 202 f.; Jürgen Kocka, „Zur Problematik der deutschen Angestellten 1914–1933“, in Mommsen/ Petzina/ Weisbrod (Hrsg.), Industrielles System, S. 792 ff. Die Überrepräsentation der Angestellten in der nationalsozialistischen Bewegung insgesamt war umso stärker, wenn man bedenkt, daß 39 % aller Angestellten weiblich waren, Frauen hingegen in der NSDAP kaum vertreten waren. Siehe Stat. Jahrbuch 1934, S. 19.Google Scholar
  52. 50.
    Noakes, Lower Saxony, S. 174–182; dieser kurze Abschnitt stellt die beste empirisch fundierte Analyse der NSBO dar, die bislang vorliegt. Vgl. auch Schumann, Gewerkschaftsbewegung, S. 34.Google Scholar
  53. 51.
    Schumann, Gewerkschaftsbewegung, S. 38; s. auch S. 39 ff., 167. Vgl. ferner Kele, Nazis, S. 198–201.Google Scholar
  54. 52.
    Weiteres zu dieser Hypothese, s.u.S. 96 ff. Über die Herkunft des Zustroms neuer Mitglieder in die NSBO in der zweiten Jahreshälfte 1932 ist noch wenig bekannt; ein Teil kam aus dem gewerblichen Mittelstand: Noakes, Lower Saxony, S. 180–2. Es wäre interessant zu wissen, ob zahlreiche Arbeitslose aufgenommen wurden. In einigen Gegenden entrichteten Industriearbeiter, die in die NSBO eintraten, weiterhin ihre Beiträge an ihre Gewerkschaft.Google Scholar
  55. 53.
    Die Zahl von 5,8 Mill. Gewerkschaftern schließt die Mitglieder der Freien und Christlichen Arbeiter-und Angestelltenverbände ein, nicht dagegen die der Hirsch-Dunckerschen und sonstiger Verbände: Schumann, Gewerkschaftsbewegung, S. 163 f. Siehe ferner Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Düsseldorf 1966, S. 73; Schulz, Aufstieg, S. 554–9, 859 f. Schulz ‘Kritik an der Mitgliederstatistik der SPD ist methodisch gewiß berechtigt, doch erscheint die implizite Schlußfolgerung, daß ein sehr großer Teil der SPD-Mitglieder aus dem neuen oder alten Mittelstand stammte, wenig plausibel.Google Scholar
  56. 54.
    Schumann, Gewerkschaftsbewegung, S. 38–48; Schulz, Aufstieg, S. 550–4, der die Statistik über die Zusammensetzung der Partei jedoch ganz anders deutet; dabei unterschätzt er vielleicht die Zahl wie auch den Erfolg von extrem nationalistischen Gruppen, die vor und neben der NSDAP um Unterstützung aus Arbeiterkreisen warben, freilich ohne dabei als politische Parteien hervorzutreten.Google Scholar
  57. 55.
    Der bürgerliche Kult des ‚Arbeiters ‘in den 20er Jahren wäre einer detaillierten Untersuchung wert. Ein besonders prägnantes Beispiel zitiert Noakes, Lower Saxony, S. 22. Treffende ideologiekritische Bemerkungen macht J.P. Stern, Ernst Jünger. A Writer of our Time, Cambridge 1953, S. 43 ff. Zum allgemeinen Thema bürgerlicher Anti-Bürgerlichkeit siehe vor allem Schoenbaum, Hitler’s Social Revolution.Google Scholar
  58. 56.
    Kühr, Essen, S. 146, 154 f., hebt die Tatsache besonders stark hervor, daß die Straßenschlachten vor allem von den Lohnarbeitern in der NSDAP ausgefochten wurden. Vgl. auch Diels, Lucifer, S. 152 f., 157 f. Die Nazis nannten die stark kommunistischen Bezirke Berlins ‚die Komune‘. — Es wäre zu fragen, ob die Masse der bürgerlichen NSDAP-Wähler in den Großstädten je direkt Augenzeuge der gewalttätigen Aktionen der von ihnen unterstützten Bewegung gewesen ist, fanden doch die meisten solcher Tumulte und Überfälle in den Stadtzentren bzw. in den Arbeitervierteln statt. Auch in dieser Hinsicht fällt der uneinheitliche Charakter der nationalsozialistischen Bewegung stark auf.Google Scholar
  59. 57.
    Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, daß SA und NSBO die Organisationen der Arbeiterbewegung in einer offenen Konfrontation allein hätten bezwingen können; dazu kam es eben nicht.Google Scholar
  60. 58.
    Diese Drohungen wurden natürlich nicht ausgesprochen; genau genommen handelt es sich dabei um die Besorgnis konservativer Kreise. Weder die eine noch die andere Entwicklung konnte der Parteiführung recht sein, doch die Bildung des ‚Kabinetts der Barone ‘durch v.Papen zwang sie, sich rhetorisch radikaler zu gebärden.Google Scholar
  61. 59.
    Heer, Burgfrieden, S. 172 f; Hans Mommsen, „Die deutschen Gewerkschaften zwischen Anpassung und Widerstand 1930–1944“, in Heinz Oskar Vetter (Hrsg.), Vom Sozialistengesetz zur Mitbestimmung. Zum 100. Geburtstag von Hans Böckler, Köln 1975, S. 279; Gerhard Beier, „Einheitsgewerkschaft. Zur Geschichte eines organisatorischen Prinzips der deutschen Arbeiterbewegung“, in Archiv für Sozialgeschichte, Bd. XIII, 1973; ders., „Zur Entstehung des Führerkreises der vereinigten Gewerkschaften Ende April 1933“, ebda., Bd. XV, 1975.Google Scholar
  62. 60.
    Siehe vor allem Allen, Seizure.Google Scholar
  63. 61.
    Unter den zahlreichen Beiträgen zur neueren Diskussion über diese Frage, s. Eberhard Czichon, Wer verhalf Hitler zur Macht? (Stimmen zur Zeit, Heft 5), Köln 1967; Heinrich August Winkler, „Unternehmerverbände zwischen Ständeideologie und Nationalsozialismus“, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 17. Jhg. Heft 4, 1969; Eike Hennig, „Industrie und Faschismus“, in Neue Politische Literatur, Bd. XV Nr. 4, 1970; Reinhard Vogelsang, Der Freundeskreis Hitler, Göttingen 1972; Henry Ashby Turner jr., Faschismus und Kapitalismus in Deutschland, Göttingen 1972; ders., „Großunternehmertum und Nationalsozialismus 1930–1933“, in Historische Zeitschrift, Bd. 221, 1975, insbes. S. 68; Dirk Stegmann, „Zum Verhältnis von Großindustrie und Nationalsozialismus 1930–1933“, in Archiv für Sozialge schichte, Bd. XIII, 1973; ders., „Kapitalismus und Faschismus in Deutschland 1929–1934“, in Backhaus et al. (Hrsg.), Gesellschaft, Bd. 6Google Scholar
  64. 62.
    Dieser Ansatz soll auf einen möglichen Weg aus der Sackgasse der Agententheorien hindeuten; er stellt die Frage nach dem Unvermögen der wirtschaftlich herrschenden Klassen, nach 1930 ihre politische Macht zu konsolidieren, in den Vordergrund, hebt zugleich die grundsätzliche Konkordanz des Nationalsozialismus und der Interessen der Großindustrie hervor. Den Nachweis, daß es sich bei dieser Konkordanz nicht um ein Verhältnis einseitiger Abhängigkeit handelte, hat Henry Ashby Turner erbracht; eine neue Gesamtinterpretation dieses Verhältnisses steht jedoch noch aus.Google Scholar
  65. 63.
    Dörte Doering, „Deutsche Außenwirtschaftspolitik 1933–1935“, Diss., Wi.-So. Fakultät, FU Berlin, 1969; Alfred Sohn-Rethel, Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus. Aufzeichnungen und Analysen, Frankfurt a.M. 1973, Teil I; Edward W. Bennett, Germany and the Diplomacy of the Financial Crisis, 1931, Cambridge, Mass., 1962.Google Scholar
  66. 64.
    Diese Konfrontation bildete zugleich das Mittel, durch das die Regierung andere Hindernisse, die der Errichtung einer Diktatur im Wege standen — Bürgerrechte, Unabhängigkeit der Länderregierungen — beseitigte. Ein besonders deutliches Beispiel dieser Instrumentalisierung dokumentiert Timpke, Hamburg, S. 35–41, 57 f., 62 ff.Google Scholar
  67. 65.
    Hinsichtlich der Absicht, die KPD gewaltsam aufzulösen und zu unterdrükken, bestand keinerlei Unklarheit. Im folgenden wird vornehmlich das Schicksal der Gewerkschaften behandelt; zur Zerschlagung der Arbeiterparteien s. Erich Matthias/ Rudolf Morsey (Hrsg.), Das Ende der Parteien, Düsseldorf 1960; Bracher/Sauer/Schulz, Die nationalsozialistische Machtergreifung.Google Scholar
  68. 66.
    BA Koblenz, R43II, Bd. 369; DZA Potsdam, RAM, Bd. 6462. Weiteres Material über die vortastende Taktik der Regierung in diesen Wochen: Hüllbüsch, „Gewerkschaften und Staat“, S. 221–5.Google Scholar
  69. 67.
    Gerhard Starcke, 1934, zit. nach Schumann, Gewerkschaftsbewegung, S. 61.Google Scholar
  70. 68.
    Eingaben des ADGB vom 8.3.33 an Göring, vom 11.3. an v. Papen, vom 13. 3. an Hindenburg: DZA Potsdam, RAM, Bd. 6529, Bl. 16–40 und BA Koblenz, R43II, Bd. 531. Weitere Unterlagen, insbes. die Eingabe an Hindenburg u.a. vom 20. 3. 33: GPSA Berlin, Rep. 90 P, Bd. 71/1. Die Eingabe an Hindenburg vom 5.4. 33 ist nun von Gerhard Beier veröffentlicht worden: Das Lehrstück vom 1. und 2. Mai 1933, Frankfurt a.M./Köln 1975, S. 51 ff; siehe auch S. 27–29. Gerard Braunthal, „The German Free Trade Unions during the Rise of Nazism“, Journal of Central European Affairs, Bd. XV Nr. 4, 1956, S. 350 ff., zählt eine weitere Reihe ähnlicher Schriftstücke aus diesen Wochen auf. Bracher, Machtergreifung, S. 178, meint, die Organisationen in Schlesien und Sachsen seien „bis zuletzt unerschüttert“ gewesen. Der ADGB zählte diese Gegenden zu den am schwersten betroffenen: Eingabe an Seldte vom 14. 3. 33, DZA Potsdam, RAM,Bd. 6529, Bl. 16.Google Scholar
  71. 69.
    GPSA Berlin, Rep. 320, Bd. 10; dies geschah auch z.B. in Westfalen: Sauer, Machtergreifung, S. 870.Google Scholar
  72. 70.
    DZA Potsdam, RAM, Bd. 502, Bl. 130–140, 219 ff.; RWM, Bd. 10285; Bracher, Machtergreifung, S. 180; Schumann, Gewerkschaftsbewegung, S. 66; Beier, Lehrstück, S. 32 f.; RGBI. 1933, I, S. 161.Google Scholar
  73. 71.
    Letzterem lag ein Erlaß Görings vom 17. 2. 33 zugrunde, der der Polizei untersagte, strafbare Handlungen der SA zu verfolgen: Sauer, Machtergreifung, S. 865. Es ist aber unwahrscheinlich, daß Göring die Gewerkschaften zu den im Erlaß nicht näher definierten „staatsfeindlichen Organisationen“ gezählt wissen wollte. Das Interesse der Regierung lag zunächst in der Aufrechterhaltung einer strikten Trennung zwischen KPD einerseits und SPD/ADGB andererseits, was die Verfolgungs-und Unterdrückungsmaßnahmen anbelangte.Google Scholar
  74. 72.
    Diels, Lucifer, S. 199; vgl. auch S. 163 f.Google Scholar
  75. 73.
    SchulthessEuropäischer Geschichtskalender, 1933, S. 56; Schumann, Gewerkschaftbewegung, S. 63–65. Reaktion der SA auf diese Mahnungen: Diels, Lucifer, S. 199. Die lavierende Haltung von Göring und Hitler: Ebda., S. 69., 166 f., 173, 183 f. Schumanns Annahme, die Aktionen der SA wären von Partei-und Staatsführung „leicht … zu kontrollieren“ gewesen, ist kaum berechtigt: Gewerkschaftsbewegung, S. 63. Auch Sauer vertritt diesen Standpunkt: Machtergreifung, S. 868 ff. Siehe dagegen Pridham, Bavaria, S. 311.Google Scholar
  76. 74.
    Gutehoffnungshütte Sterkrade AG, Historisches Archiv (HAGHH), Bd. 400101290/20. Den Hinweis auf dieses Aktenstück verdanke ich Herrn Prof. Henry A. Turner. Ende April 1933 wurde Grauert zum Staatssekretär befördert.Google Scholar
  77. 75.
    Vgl. Heinrich Uhlig, Die Warenhäuser im Dritten Reich, Köln/Opladen 1956, S. 77–91; Helmut Genschel, Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich (Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft, Bd. 38), Göttingen 1966, S. 46, 79.Google Scholar
  78. 76.
    Die Eingabe des ADGB an Seldte vom 5. 4. 33 nannte über 60 Städte, in denen die Gewerkschaftsbüros besetzt bzw. zerstört worden waren, und beschrieb diese Fälle: DZA Potsdam, RAM, Bd. 6529, Bl. 2–8; Beier, Lehrstück. Die Eingabe an Hindenburg u.a. vom 20. 3. 33 schätzte die Gesamtzahl schon auf 200: GPSA Berlin, Rep. 90 P., Bd. 71/1.Google Scholar
  79. 77.
    Die vorhergehende Interpretation hat einen stark hypothetischen Charakter, denn die überlieferten Akten sind hinsichtlich des politischen Kalküls der Staats-und Parteiführung sehr unergiebig. Zwei Anträge der Obersten SA-Führung auf einen Freibrief zur Zerstörung der Gewerkschaften wurden vor Ende März von Hitler abgelehnt: Arthur Schweitzer, Big Business in the Third Reich, Bloomington 1964, S. 35. Vgl. auch Joseph Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, 22München 1937, S. 284. Einiges deutet darauf hin,daß Hitler, Göring u.a. die Gewerkschaftsfrage von der der Arbeiterparteien trennen wollten; das war schon deswegen schwierig, weil die Gewerkschaftsbüros sich oft in demselben Gebäude wie die Ortsleitungen der SPD befanden, die SA also beide gleichzeitig lahmlegen konnte. Die Zerschlagung der SPD wurde auch weitgehend von unten vollzogen, durch Angriffe auf die Ortsleitungen usw.: Matthias, in Matthias/Morsey (Hrsg.), Parteien, S. 171–175Google Scholar
  80. 78.
    Vgl. Krebs, Tendenzen, S. 92. Inwieweit die SA-Führungsschicht aus einem anderen sozialen Milieu stammte, ist noch nicht hinreichend geklärt.Google Scholar
  81. 79.
    Die Opfer konnten nicht glauben, daß der Staatsapparat den Terror decken würde und vertrauten auf die schützende Intervention der Reichsregierung; also erhielten die Gewerkschaftsmitglieder und-funktionäre keine Anweisungen, die Büros mit angemessenen Mitteln zu verteidigen. Wegen des starken Überraschungsmoments bei den SA-Angriffen wäre dies auch keine leichte Aufgabe gewesen, doch bleibt es bezeichnend, daß man auf solche Anweisungen von oben wartete.Google Scholar
  82. 80.
    Sauer, Machtergreifung, Kap. III/2, hebt die generelle rhetorische Befürwortung des Terrors durch Hitler und Göring gegenüber ihrer politisch-strategischen Konzeption viel zu stark hervor; er bezeichnet den Terror als „Impulsivität auf Befehl“, kann aber nur wenige Befehle anführen;er unterläßt es dagegen, auf die Erlasse und Aufrufe zur Einstellung der „Einzelaktionen“ einzugehen. Vgl. im Gegensatz dazu Bracher, ebda., S. 148 f., 179, der die Problematik aber nur beiläufig erwähnt; zum staatsrechtlichen Aspekt des Terrors s. Schulz, ebda., S. 427–442. Zahlreiche Aspekte der Vorgänge bleiben noch ungeklärt; es wäre z.B. aufschlußreich zu wissen, welche Institutionen von der Terrorwelle grundsätzlich verschont blieben, insbes. ob die Gleichschaltung der christlichen Gewerkschaften durch die gleichen Methoden erzwungen wurde. Die beste Beschreibung der Vorgänge ist noch immer das Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror, Basel 1933. Zur Mentalität der außerordentlich wichtigen, aber wohl nicht typischen Berliner SA s. Diels, Lucifer, S. 152 f., 163 f., 198.Google Scholar
  83. 81.
    Otto Wels, am 22. 8. 33 in Paris: „,Wir waren wirklich nur Objekte der Entwicklung. — Matthias/Morsey, Parteien, S. 101.Google Scholar
  84. 82.
    Außer den schon erwähnten Arbeiten s. Karl Dietrich Bracher, Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie, Stuttgart/Düsseldorf 1957.Google Scholar
  85. 83.
    Den besten Überblick über die Weltwirtschaftskrise gibt der emigrierte deutsche Gewerkschaftler Wladimir Woytinski, The Social Consequences of Economic Depression (International Labour Office, Studies and Reports, Series C, No. 21), Genf/London 1936. Zum Problem der Investitionen: Gerhard Kroll, Von der Weltwirtschaftskrise zur Staatskonjunktur, Berlin 1958, S. 105; Dietmar Keese, „Die volkswirtschaftlichen Gesamtgrößen für das Deutsche Reich in den Jahren 1925–1936“, in Werner Conze/Hans Raupach (Hrsg.), Die Staats-und Wirtschaftskrise des Deutschen Reiches 1929/1933, Stuttgart 1967Google Scholar
  86. 84.
    Woytinski, Consequences, S. 151;Preller, Sozialpolitik, S. 168.Google Scholar
  87. 85.
    Stat. Jahrbuch 1933, S. 296 f. Über die sog. unsichtbaren Arbeitslosen siehe Woytinski, Consequences, S. 175; Mason, ”Women“, part I.Google Scholar
  88. 86.
    Die Angaben über Kurzarbeit sind eine Schätzung auf Grund der Zahlen im Stat. Jahbuch 1933, S. 296, 308; die prozentuale Statistik über Kurzarbeit usw. von Gewerkschaftsmitgliedern ergibt als Summe immer weit über 100 %. Durchschnittliche Arbeitszeit: Woytinski, Consequences, S. 310.Google Scholar
  89. 87.
    Siehe Preller, Sozialpolitik, S. 150–164; Stat. Jahrbuch 1934, S. 502. Die Berechnung des Stat. Handbuchs von Deutschland 1928–1944, ergeben eine Verringerung des durchschnittlichen Realeinkommens von 1929 bis 1932 von nicht ganz 15 %. Die Angaben von Gerhard Bry, Wages in Germany 1871–1945, Princeton 1960, S. 189, 260, 304, 362, 409 ff., 423 ff., sind in diesem Punkt etwas unklar. Auf jeden Fall viel zu hoch sind die von Sidney Pollard zitierten Zahlen in seinem Beitrag in Mommsen/PetzinaAVeisbrod (Hrsg.), Industrielles System, S. 242 f.Google Scholar
  90. 88.
    Stat. Jahrbuch 1934, S. 333, 326 f.Google Scholar
  91. 89.
    1929–1933 ging die Zahl der Bergarbeiter um etwa 40 %, die Förderung dagegen nur um etwa 31 % zurück. Dank Lohnsenkung und Preisbindung stieg die Gewinnspanne pro verkaufter Tonne Steinkohle stark an: Stat. Jahrbuch 1934, S. 115, 259, 271 Bry, Wages, S. 405. — Vgl. auch Dok. 85.Google Scholar
  92. 90.
    Eine Sozialgeschichte der Wirtschaftskrise ist noch nicht geschrieben worden; einen brillianten Teilentwurf dafür liefert Rudolf Vierhaus, „Auswirkung der Krise um 1930 in Deutschland. Beiträge zu einer historisch-psychologischen Analyse“, in Conze/Raupach, Staats-und Wirtschaftskrise. Heinrich Bennecke, Wirtschaftliche Depression und politischer Radikalismus, München 1969, enthält einige interessante Einzelheiten, aber die Interpretation ist sehr schematisch. Als zeitgenössische Reportage s. insbes. Graf Alexander Stenbock-Fermor, Deutschland von unten — Reise durch die proletarische Provinz, Stuttgart 1931.Google Scholar
  93. 91.
    Stat. Jahrbuch 1933, S. 291, 307; vgl. auch Anm. 86 oben. Die Folgen der Massenarbeitslosigkeit für die Gewerkschaften sind noch nicht untersucht worden. Beier bemerkt, daß ihre Liquidität „kaum noch gesichert“ war: Lehrstück, S. 10.Google Scholar
  94. 92.
    Stat. Jahrbuch 1933, S. 311; Preller, Sozialpolitik, S. 416 f. VO zur Vermehrung und Erhaltung der Arbeitsgelegenheit vom 5. 9. 32; VO zur Aufhebung ders. vom 14. 12. 32, RGBI. I, S. 443, 545.Google Scholar
  95. 93.
    Weder Schumann, Gewerkschaftsbewegung, noch Ursula Hüllbüsch, „Die deutschen Gewerkschaften in der Weltwirtschaftskrise“, in Conze/Raupach, Staats-und Wirtschaftskrise, gehen auf diesen Aspekt ein. Pollards Ansatz ist in jeder Hinsicht breiter und darum überzeugender: Mommsen/Petzina/Weisbrod (Hrsg.), Industrielles System, S. 237–248.Google Scholar
  96. 94.
    Vgl. Heer, Burgfrieden, S. 131 ff., 193; Braunthal, „German Trade Unions“, S. 340 f.; Beier, Lehrstück, S. 22. Eine eingehende Untersuchung dieses Fragenkomplexes ist erforderlich; freilich sind nicht alle Aspekte der Gewerkschaftsführung auf das Bewußtsein ihrer Schwäche zurückzuführen — über den Opportunismus leitender Funktionäre in Hamburg, s. Timpke, Hamburg, S. 85–88.Google Scholar
  97. 95.
    Czichon, Wer verhalf Hitler zur Macht?; Wilhelm Treue, „Die deutschen Unternehmer in der Weltwirtschaftskrise 1928 bis 1933“, in Conze/Raupach, Staats-und Wirtschaftskrise, insbes. S. 82, 119; Bracher, Auflösung, S. 438 f., Schweitzer, Big Business, S. 89–96. Siehe auch die in Anm. 61 oben angeführte Literatur.Google Scholar
  98. 96.
    Karl Erich Born, Die deutsche Bankenkrise 1931, München 1967, S. 35 f., 158.Google Scholar
  99. 97.
    Treue, in Conze/Raupach, Staats-und Wirtschaftskrise, S. 123 ff.; Preller, Sozialpolitik, S. 196–204, 391–399, 512, 528; Turner, Faschismus und Kapitalismus, S. 149 ff.Google Scholar
  100. 98.
    Zit. von Matthias, in Matthias/Morsey (Hrsg.), Parteien, S. 214.Google Scholar
  101. 99.
    Zur Überalterung s. Richard N. Hunt, German Social Democracy 1918–1933, New Haven 1964, S. 71 f., 76, 86, 89 f., 106 f.Google Scholar
  102. 100.
    Beispiele u.a. bei Allen, Seizure, S. 180. Die zahlreichen Beispiele des aktiven Widerstandes in Geschicbte der deutschen Arbeiterbewegung, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkommittee der SKD, Bd. 5, Berlin 1966, S. 14–39, vermitteln wohl ein zutreffendes Bild, obwohl sie ohne Quellenbelege aufgeführt sind. Der Streikaufruf der KPD erging an eine in jeder Hinsicht ungenügend vorbereitete Mitgliederschaft; ohne praktische Unterstützung durch die Sozialdemokratie und dieGewerk-schaften mußte er auch wirkungslos bleiben.Google Scholar
  103. 101.
    Hierzu s.u. S. 135–137.Google Scholar
  104. 102.
    Schumann, Gewerkschaftsbewegung, S. 167;ein Teil der Überläufer wollte die NSBO bewußt unterwandern. Zur SPD s. Matthias, in Matthias/Morsey (Hrsg.), Parteien, S. 239 ff. Die neue Regierung nutzte ihre Macht als Arbeitgeber in allen Sparten des öffentlichen Dienstes rücksichtslos aus: vgl. Timpke, Hamburg, S. 82.Google Scholar
  105. 103.
    Persönlicher Bericht an den Verf. Den gleichen resignierenden Opportunismus dokumentieren u.a. Böhnke, Ruhrgebiet, S. 158 Anm. 101; Rudolf Heberle. „Zur Soziologie der nationalsozialistischen Revolution. Notizen aus dem Jahre 1934“, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 13 Jhg. Heft 4, 1965, S. 438 ff.; Bernhard Tacke, „Erinnerungen um den 1. Mai 1933“, Gewerkschaftliche Monatshefte, 26. Jhg. Heft 7, 1975, S. 433.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1977

Authors and Affiliations

  • Timothy W. Mason

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