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Die Wiederkehr mythischer Mächte

  • Johannes Harnischfeger

Zusammenfassung

Neben den verschiedenen Bedeutungen, die sich an das Symbol der Schlange knüpfen, hat die Tiergestalt Serpentinas zugleich den Sinn, auf ihre Unerlöstheit zu verweisen. Hoffmann erinnert damit an ein Motiv, das dem Leser bereits aus den Volksmärchen vertraut ist: Von verwunschenen Prinzen oder Prinzessinnen wird hier oft berichtet, daß sie ihr menschliches Aussehen verlieren und sich in ein abscheuliches Tier verwandeln. Sobald sie einem liebenden Menschen begegnen, dürfen sie aber darauf hoffen, von ihrer Tiergestalt befreit zu werden. Denn in der Welt der Märchen gibt es keine Verwünschung, die der Liebe widerstehen könnte. „Liebe ist ja selber der stärkste Zauber, jede andere Verzauberung muß ihr weichen.“1 Bevor der Märchenheld das verzauberte Wesen erlösen kann, wird aber erst die Reinheit seiner Gesinnung auf eine Probe gestellt. Meist hat er gefahrvolle Abenteuer zu bestehen, aus denen er nur siegreich hervorgeht, wenn er ohne zu schwanken an seinem Vorsatz festhält.2

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References

  1. 1.
    Heine: Elementargeister, S. 659.Google Scholar
  2. 2.
    Das Motiv der liebesprobe kannte Hoffmann aus den vielen Feengeschichten, die das 18. Jahrhundert hervorgebracht hat. So wie in den Volksmärchen geht es auch in ihnen darum, daß sich der Held in seiner Liebe zu einer verzauberten Prinzessin “durch keine Schwierigkeiten abschrecken” läßt. (Wieland: Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva, S. 73) Von einer besonders schweren Prüfung handelt eine Märchenkomödie von Carlo Gozzi, die Hoffmann als Quelle für den ‘Goldnen Topf’ gedient haben soll: Um die Geliebte von ihrer Tiergestalt zu erlösen, wird von dem Prinzen Farruskad verlangt, daß er seinen Abscheu überwinde und ein gräßliches Schlangenungeheuer küsse. (Vgl. Gozzi: Die Frau als Schlange, S. 76ff. und dazu Dahmen: E.T.A. Hoffmann, S. 442ff.)Google Scholar
  3. 1.
    Tieck: Sehr wunderbare Historie von der Melusina, S. 145.Google Scholar
  4. 2.
    Wieland: Die Salamandrin und die Bildsäule, S. 413.Google Scholar
  5. 3.
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    Vgl. Goethe: Die neue Melusine, S. 392f.Google Scholar
  7. 1.
    Vgl. 1. Kor. 13, 13.Google Scholar
  8. 1.
    Strich: Die Mythologie Bd 2, S. 305.Google Scholar
  9. 2.
    Stegmann, S. 89.Google Scholar
  10. 1.
    Vgl. Bächtold-Stäubli Bd VIII, Sp. 20.Google Scholar
  11. 2.
    Vgl. Freud: Fetischismus, S. 311 und dazu Rosolato, S. 68ff.Google Scholar
  12. 3.
    Vgl. Lacan/Granoff, S. 268ff.Google Scholar
  13. 1.
    Hegel: Ästhetik Bd 2, S. 389.Google Scholar
  14. 2.
    Theweleit Bd 2, S. 133. — Vgl. auch Schneider/Laermann, S. 50f. und Manthey, S. 104.Google Scholar
  15. 1.
    Jochen Schmidt, S. 161.Google Scholar
  16. 1.
    Die Fälligkeit des goldenen Topfs, dem Betrachter ein inneres, verborgenes Wissen zu offenbaren, erinnert an den Spiegelzauber und die Kristallomantie. Der alte Brauch, einen ‘wissenden’ Spiegel zu befragen, um sich in Liebesangelegenheiten Auskunft zu holen, war noch zur Zeit der Romantik weit verbreitet. Meist verwendete man dazu Kristallspiegel oder gläserne Kugeln, gelegentlich auch hell polierte Gegenstände aus Metall. In einer Märchennovelle von Tieck ist es ein goldener Becher, der in seinem schimmernden Glanz das Bild der Geliebten sichtbar macht. (Vgl. Tieck: Der Pokal, S. 191f.)Google Scholar
  17. 1.
    Vgl. Schubert: Ahndungen. Zweyter Theil, S. 88 und Ansichten, S. 200.Google Scholar
  18. 2.
    Schelling: Die vier edlen Metalle, S. 575.Google Scholar
  19. 3.
    Frank: Steinherz und Geldseele, S. 259.Google Scholar
  20. 4.
    Schelling: Die vier edlen Metalle, S. 571.Google Scholar
  21. 1.
    Wöllner, S. 84.Google Scholar
  22. 2.
    In der Lilie hat man seit jeher ein “Symbol der Reinheit” gesehen, und damit ein “Attribut der Jungfrau Maria” (Bächtold-Stäubli Bd V, Sp. 1300).Google Scholar
  23. 3.
    Hoffmann: Der Artushof, S. 166. — Vgl. Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe, S. 60Iff. und Karl Ludwig Schneider, S. 203ff.Google Scholar
  24. 1.
    Hoffmann: Kater Murr, S. 513.Google Scholar
  25. 2.
    Ebd., S. 355f. — Die Vorstellung, daß es die Sehnsucht nach der Geliebten sei, die den Künstler inspiriere, begegnet auch in manchen Werken der frühen Romantik. Für Franz Sternbald, den Helden aus Tiecks berühmtem Künstlerroman, ist die ferne, unbekannte Geliebte, die ihm seit seiner Kindheit vor Augen schwebt, “(s)ein Genius, (s)ein schützender Enger”, der seine Phantasie “auf eine magische Weise” beherrscht. (Tieck: Franz Stembalds Wanderungen, S. 744 und 836) Ihm kommt sogar die Idee, daß sein Schaffensdrang versiegen könnte, falls er ans Ziel seiner Sehnsucht gelangen und die Geliebte wirklich finden sollte. Der Erzähler hat sich freilich — ähnlich wie andere frühe Romantiker — nicht mit der Vorstellung anfreunden können, daß der Künstler um seiner Berufung willen auf die Erfüllung der Liebe verzichten müsse. Tiecks Romanheld verwirft jedenfalls sogleich diesen unerfreulichen Gedanken: “(…) kann ich vielleicht nur dichtend malen, bis ich sie wiederfinde? und dann sollte wohl in ihrer Gegenwart mein Talent erlöschen, weil mein Geist sie nicht mehr zu suchen brauchte? Nein, ich will es nicht glauben (…)” (ebd., S. 838).Google Scholar
  26. 3.
    Safranski, S. 249.Google Scholar
  27. 4.
  28. 1.
    Karl Ludwig Schneider, S. 202.Google Scholar
  29. 2.
    Am 30. Mälz 1812, in: Hoffmann: Tagebücher, S. 147.Google Scholar
  30. 3.
    Karl Ludwig Schneider, S. 202.Google Scholar
  31. 4.
    Vgl. ebd., S. 207.Google Scholar
  32. 5.
  33. 6.
    Hoffmann: Die Automate, S. 336. — Vgl. dazu Jaffé, S. 82f.Google Scholar
  34. 7.
    Hoffmann: Die Doppeltgänger, S. 460.Google Scholar
  35. 1.
    Hoffmann: Kater Murr, S. 430.Google Scholar
  36. 2.
    Ebd., S. 431.Google Scholar
  37. 3.
    Vgl. Freud: Der Mann Moses, S. 228 und Totem und Tabu, S. 34.Google Scholar
  38. 4.
    Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, S. 82.Google Scholar
  39. 5.
    Hoffmann: Die Elixiere des Teufels, S. 41 — Unter den Künstlergestalten Hoffmanns verteidigt der Kapellmeister Kreisler wohl am entschiedensten die Reinheit der liebe. Aber auch ihn quälen gelegentlich Zweifel, ob der Künstler an einem unberührbaren Ideal wirklich Genüge finden könne. (Vgl. Hoffmann: Kater Murr, S. 513f.)Google Scholar
  40. 1.
    de Loecker, S. 57.Google Scholar
  41. 1.
    Hegel: Ästhetik Bd 2, S. 219.Google Scholar
  42. 1.
    Preisendanz: Humor, S. 90. — Vgl. auch Lindken, S. 97.Google Scholar
  43. 2.
    Emma Jung, S. 273.Google Scholar
  44. 3.
    Vgl. dazu Freud: Der Untergang des Ödipus-Komplexes, S. 399.Google Scholar
  45. 1.
    Vgl. dazu Theweleit Bd 1, S. 392f.Google Scholar
  46. 1.
    Luhmann, S. 175.Google Scholar
  47. 2.
    Mühlher: Liebestod und Spiegelmythe, S. 43. — Vgl. auch Reber, S. 155.Google Scholar
  48. 3.
    Karl Ludwig Schneider, S. 213.Google Scholar
  49. 1.
    Wührl: Die poetische Wirklichkeit, S. 114. — Vgl. auch Fühmann, S. 84f., Grob, S. 36 und Nehring, S. 8.Google Scholar
  50. 1.
    Hoffann: Der Artushof, S. 166.Google Scholar
  51. 2.
  52. 1.
    Franz Füder dem ‘Fräulein Veronika Paulmann’ einen eigenen Aufsatz gewidmet hat, glaubt dagegen, über ihre wahren Absichten unterrichtet zu sein. Seiner Meinung nach hat Veronika nur “Eines im Sinn (…): die nächste Stufe auf der gesellschaftlichen Rangleiter zu erklimmen und eine Frau Hofrätin zu werden!” Bei ihrem Pakt mit der Rauerin war ihr angeblich auch bewußt, daß sie den Anselmus in Gefahr bringen wurde; doch “sie ist zu allem entschlossen gewesen, einschließlich des Anselmus Verderben (…)” (FüS. 84f.). Diese Deutung übersieht jedoch, daß sich in Veronikas bedrohlichen Eigenschaften vielleicht nur die Angst ihres Geliebten spiegelt. Das Mädchen selbst gibt jedenfalls eine andere Begründung, warum sie sich auf das Bündnis mit der Rauerin eingelassen hat: “(…) der Anselmus ist verstrickt in wunderliche Bande, aber ich erlöse ihn daraus und nenne ihn mein immerdar und ewiglich (…)”(211). Der Leser kann sich allerdings auch auf diese Erklärung nicht verlassen. Es wäre möglich, daß Veronika sich nur einredet, dem Geliebten zu helfen, weil sie die Zweifel an ihrem eigennützigen Verhalten niederkämpfen will.Google Scholar
  53. 1.
    Negus: ‘Der goldne Topf’, S. 272.Google Scholar
  54. 2.
    Vgl. Bruning, S. 116 und Pix, S. 19.Google Scholar
  55. 3.
    Nussbächer, S. 137. — Vgl. auch Schumacher, S. 115.Google Scholar
  56. 4.
    Jochen Schmidt, S. 171.Google Scholar
  57. 5.
    Ebd., S. 174. — Auch ihr mythischer Vorfahre, der schwarze Drache, hat ähnliche Deutungen erfahren. Das Ungeheuer aus den Abgründen der Erde, das ‘in uralter Zeit’ gegen den Lichtengel Phosphorus gekämpft hat, soll der “Drache der Aufklärung” gewesen sein. (Cerny, S. 22 und Strich: Die Mythologie Bd 2, S. 305; vgl. auch Ricci, S. 338 und Hewett-Thayer, S. — 226.)Google Scholar
  58. 6.
    Ricci, S. 341.Google Scholar
  59. 1.
    Vgl. Wolfgang Schneider, S. 81.Google Scholar
  60. 2.
    Jaffé, S. 143.Google Scholar
  61. 1.
    Michelet, S. 20.Google Scholar
  62. 2.
    Honegger, S. 61.Google Scholar
  63. 3.
    Theweleit Bd 1, S. 87. — Vgl. dazu Jones, S. 106ff., Röheim: Aphrodite, S. 246ff. und Friedeil, S. 325ff.Google Scholar
  64. 1.
    Die Vorstellung, daß ihr Rachen spitze Zähne besitzt, stellt sich im Augenblick der Gefahr, als die Alte über ihr Opfer herfallt, offenbar automatisch ein. Der Erzähler scheint hier einem unbewußten Zwang zu unterliegen, denn in einer früheren Szene hatte er er noch versichert, daß die Rauerin, so wie andere alte Frauen, ein “zahnloses Maul”(208) habe.Google Scholar
  65. 1.
    Kittler: Aufschreibesysteme, S. 96. — Vgl. auch Róheim: Aphrodite, S, 240.Google Scholar
  66. 2.
    Lang, S. 207.Google Scholar
  67. 1.
    Vgl. Gubar, S. 94ff.Google Scholar
  68. 1.
    Vgl. Fink, S. 92.Google Scholar
  69. 2.
    Ebd., S. 96.Google Scholar
  70. 1.
    Haonelore Schlaffer: Mutterbilder, S. 14.Google Scholar
  71. 1.
    “A peine ses plis ajoutent-ils un trouble imperceptible, mais ce bouillonnement de linge est en avance seulement d’une nudité prochaine: il est, de ce corps qu’il cache, comme l’image froissée déjà, la douceur molestée.” (Foucault: Un si cruel savoir, S. 602)Google Scholar
  72. 1.
    Theweleit Bd 1, S. 113.Google Scholar
  73. 2.
    Tieck: Liebeszauber, S. 92 und 99.Google Scholar
  74. 3.
  75. 4.
  76. 1.
  77. 1.
    Obwohl es im biblischen Text keinen Hinweis dafür gibt, wird die verbotene Frucht des Paradieses meist als Apfel vorgestellt. Vielleicht haben sich in dieser Auslegung der Paradiesgeschichte heidnische Einflüsse erhalten. Im Volksglauben wurde der Apfel zu verschiedenen Formen der Liebesmagie verwandt, und in der griechischen Mythologie ist er ein Attribut der Liebesgöttin Aphrodite. (Vgl. Róheim: Aphrodite, S. 261ff. und Spiegelzauber, S. 146f.)Google Scholar
  78. 1.
    Roters, S. 77.Google Scholar
  79. 1.
    Jaffé, S. 96.Google Scholar
  80. 2.
    de Loecker, S. 44.Google Scholar
  81. 1.
    Beardsley: E.T.A. Hoffmann, S. 22.Google Scholar
  82. 2.
    de Loecker, S. 45.Google Scholar
  83. 1.
    Vgl. Freud: Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia, S. 240f.Google Scholar
  84. 1.
    Freud: Zur Einführung des Narzißmus, S. 163.Google Scholar
  85. 2.
    Vgl. dazu Freud: Die Verneinung, S. 13.Google Scholar
  86. 1.
    Die Fälligkeit, selbst verborgene Dinge wahrzunehmen, ist eine der hervorstechendsten Eigenschaften des christlichen Gottes. In vielen Kirchen begegnet man daher einem Sinnbild für diese Allwissenheit: Es ist ein großes Auge, das meist von einem “gleichseitigen Dreieck” eingefaßt und “von einer Strahlenglorie umgeben” ist. (Aurenhammer, S. 259) Das ‘Auge Gottes’ hat kein Lid und keine Wimpern, denn es schlummert nie. Sein Blick schweift über die ganze Erde und durchdringt alle Verhältnisse, so daß ihm nicht verborgen bleibt. (Vgl. Schulze, S. 149f. und Metzner, S. 96f.)Google Scholar
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    Freud: Eifersucht, Paranoia und Homosexualität, S. 200.Google Scholar
  88. 2.
    Vgl. Freud: Mitteilung, S. 237 und Eine Teufelsneurose, S. 330f.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1988

Authors and Affiliations

  • Johannes Harnischfeger

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