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Das ist doch keine Kunst!

Zur Ästhetik der Personalentwicklung
  • Oswald Neuberger

Zusammenfassung

Personalentwicklung (PE) wird normalerweise als eine technische Dienstleistung verstanden, die ihre Existenzberechtigung aus ihrem Beitrag zur Förderung der Unternehmensziele herleitet; PE unterliegt deshalb in Planung, Realisation und Evaluation ökonomischen Effizienzkriterien. Damit ist jedoch ihre Wirklichkeit nicht erschöpfend beschrieben: Prozesse und Produkte der PE sind soziale Gestaltungsleistungen, die nicht nur technisch-ökonomischen, sondern auch moralischen und ästhetischen Geltungsansprüchen zu genügen haben. Mit den letzteren befaßt sich dieser Beitrag. Zielsetzung ist, sich durch Themen und Probleme ästhetischer Diskurse inspirieren zu lassen, um eine neue Perspektive auf PE zu gewinnen. Es geht nicht um Theorienübertragung, pragmatische Verwertbarkeit oder Methodenkritik, sondern um eine Erweiterung des Blickfelds, die sich der Methode der Analogisierung bedient.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, daß — keineswegs generell, sondern vor allem beim Management-Training und der Organisationsentwicklung — die (technische) Wirksamkeit in der Praxis fast nie exakt untersucht wird — so als ob sie gar nicht interessierte. Neben dem weitgehenden Fehlen von Evaluationen fallen die Vagheit der Ziele und Kriterien auf, der zuweilen abrupte (modische?) Themen- und Verfahrenswechsel in der Bildungsarbeit, die vollmundige Vermarktung (nicht: Marketing) des PE-Gedankens, die große Bedeutung der ‘äußeren Form’ (von Materialien, Personen und Programmen, Ambiente). Es scheint wichtig zu sein, Akzeptanz oder Resonanz zu finden (ankommen, gefallen), neue Sichtweisen anzubieten [anregen oder auch (ver)stören], über eine unbefriedigende Wirklichkeit hinwegzuhelfen (oder auch nur: hinwegzutrösten), Modelle einer alternativen Realität zu entwerfen oder die gegebene Realität zu simulieren. Damit ergeben sich auffällige Parallelen zu Fragestellungen, die in ästhetischen Diskursen behandelt werden (Schein und Wirklichkeit, Transformation der Wirklichkeit, Mimesis, Distinktion, Verkitschung, Vermarktung, Zwecklosigkeit usw.). Die Ästhetisierung der Lebenswelt, die in Werbung, Politik, Produktgestaltung, Unterhaltung zunehmende Bedeutung gewonnen hat, macht vor den Toren der Unternehmungen nicht halt.

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Copyright information

© Manzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, Wien and Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. gabler GmbH, Wiesbaden 1993

Authors and Affiliations

  • Oswald Neuberger

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