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Psychoanalytische Überlegungen zur Entwicklung der weiblichen Identität

  • Mechthild Klingenburg-Vogel

Zusammenfassung

Die Formulierung ‚Entwicklung der weiblichen Identität’ suggeriert, daß es eine, d.h. ‚normale, gesunde’ weibliche Identität geben müßte, und steht im Widerspruch zu psychoanalytischem Denken, dem normative und wertende Kategorisierungen eigentlich eher fremd sind, da es in Psychoanalysen vor allem darum geht, gemeinsam mit dem Patienten zu verstehen, welche biographische Erfahrungen und welche innere — unbewußte — Verarbeitung dieser Erfahrungen dazu beiträgt, daß er oder sie sich zu gerade dieser Person mit ihrem spezifischen Identitätsgefühl entwickelt hat. Das eingrenzende Pronomen ‚der’ weiblichen Identität konfrontiert damit, wie tief das Bedürfnis verankert ist, die Welt in Antinomien von normal und unnormal, gesund und krank, letzlich gut und böse einzuteilen und damit das Erschreckende und Fremde auszuschließen, und daß dieses Bedürfnis auch in der psychoanalytischen Theorie noch bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts dazu führte, ‚männlich’ und ‚weiblich’ nicht in ihrer dialektischen Verbundenheit zu sehen, sondern als antinom, als wesensmäßig, d.h. von Natur aus — und damit ‚normal’ — männlich gleichbedeutend mit aktiv und weiblich gleichbedeutend mit passiv zu verstehen (J. Benjamin 2000). Dies verweist darauf, wieviel angstbesetzte Unsicherheit die Frage nach der eigenen Identität als Mann oder Frau in sich birgt und, da sie so eng mit dem Selbst- und dem Selbstwerterleben verknüpft ist, die Zuflucht hinter die sicheren Grenzen von ‚Normalität’ nahelegt.

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© Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Mechthild Klingenburg-Vogel

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