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Auguste Comte pp 235-277 | Cite as

Erweiterungen im Spätwerk, Ausbau zur Religion

  • Werner Fuchs-Heinritz
Part of the Hagener Studientexte zur Soziologie book series (STSO, volume 2)

Zusammenfassung

Im Système tritt Comte nicht mehr als Begründer der Soziologie, sondern als Begründer der Religion der Humanité und als Hohepriester einer Glaubensgemeinschaft auf. Die theoretische Arbeit des Cours will ihm fast wie eine Episode erscheinen: Sein Resultat sei rein intellektuell geblieben. Jetzt soll le coeur, das Herz, das Gefühlsleben, die Liebe dominieren.1 Was dem Positivismus bis jetzt fehle, sei eine umfassende Systematisierung aller Aspekte der menschlichen Existenz; es komme darauf an, im Gefühlsleben die Basis des sozialen Lebens zu erkennen und von ihm her die anderen Bereiche des menschlichen Daseins (also Verstand und Aktivität) systematisch zu fassen.2

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Literatur

  1. 1).
    Système I, 3f. Im Cours habe er nur die systematische Grundlage für seine „mission sociale“ gelegt, bemerkt er gegen die Auffassung von Mill, er verlasse jetzt die methodologischen Prinzipien des Cours (6. Jahresrundschreiben vom 15.1. 1855, in: Appel, XXV).Google Scholar
  2. 2).
    Système I, 8ff. Eine ähnliche, wenngleich weniger ausgearbeitete Position bei den Saint-Simonisten (Lehre 1962, 170ff.).Google Scholar
  3. 3).
    6. Jahresrundschreiben vom 15.1. 1855, in: Appel, XXVIIf.Google Scholar
  4. 4).
    Kapitel IV von Système I liest sich wie ein Bündnisangebot des Philosophen an die Frauen (ähnlich wie Kapitel III als ein solches an die Proletarier). Dabei handele es sich, so Ducassé (1939b, 325ff.), um den Versuch, den noch ungeschöpften seelischen Reichtum der beiden bislang unterdrückten Gruppen (Frauen und Proletarier) wirksam werden zu lassen.Google Scholar
  5. 5).
    Système I, 247. Comte ist sicher, daß es eine Tendenz der Zivilisation ist, für die Frauen ein häusliches Leben vorzusehen (Système I, 211).Google Scholar
  6. 6).
    Catéchisme, 68. Insofern ist Mills (1973, 134) Auffassung, das Grand-Etre sei das Insgesamt der „human race“ in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sehr ungenau.Google Scholar
  7. 7).
    Der Gott des Mittelalters habe den Gläubigen ein „antizipiertes Bild der Humanité“ geboten, in der Fleischwerdung Gottes (und im Abendmahl) sei die Einheit von Anbetendem und angebetetem Wesen vorbereitet worden (Système III, 455).Google Scholar
  8. 8).
    Système I, 618. Immerhin rechnet Comte (Système I, 625f.) damit, daß sich die höheren Tiere zu einer Art Polytheismus entwickeln werden, demzufolge die Menschen die Urheber aller Dinge sind.Google Scholar
  9. 9).
    Altruismus ist eine Wortschöpfung von Comte, schreibt Mill (1973, 139).Google Scholar
  10. 10).
    Catéchisme, 272f. Das katholische Zölibat sei zwar geeignet gewesen, die (theokratische) Erblichkeit des Priesterberufs abzuschaffen, habe aber den moralischen Aufgaben des Erwachsenenalters entgegen gestanden (Système III, 461). Im Cours war Comte noch unsicher gewesen, ob die Mitglieder der neuen spirituellen Gewalt zölibatär leben sollten (Soziologie II, 263f.).Google Scholar
  11. 11).
    Die Abschnitte über den Kult zeigten „the extra-ordinary heigh to which he carries the mania for regulation by which Frenchmen are distinguished among Europeans, and M. Comte among Frenchmen. It is this which throws an irresistible air of ridicule over the whole subject.“ (Mill 1973, 153) Schon Saint-Simon hatte es eilig gehabt, der neuen spirituellen Macht konkrete Gestalt zu geben, und hierfür pittoreske Entwürfe vorgelegt (vgl. Gouhier 1936, 309).Google Scholar
  12. 12).
    Système IV, 123. Für die von Comte entworfenen Sakramente gibt es eine Vorlage in der Revolutionszeit, und zwar in einem Antrag eines Deputierten im Jahre 1792 (Gouhier 1933, 6).Google Scholar
  13. 13).
    Catéchisme, 121. Comte nennt dies Prinzip „soziokratische Vererbung“-im Unterschied zur Nachfolge durch Geburt bzw. Erbrecht. In dieser Regel sieht er eine große Chance, die Kontinuität im Berufsleben optimal zu sichern. Er hält diese Form übrigens auch für viel geeigneter (geeigneter als Vererbung) für die Weitergabe von Reichtümern (Catéchisme, 310).Google Scholar
  14. 14).
    Es ist nicht klar, ob dies Sakrament für Männer und Frauen gelten soll (vgl. Système IV, 113).Google Scholar
  15. 15).
    Système IV, 335. Hier wird deutlich, wie sehr sich diese Sakramente von den katholischen unterscheiden: Nicht Gott, sondern der Priester teilt das Leben nach dem Tode zu. — Der Psychologe Hall (1915, 582f.) hat einen ähnlichen Gedanken vorgebracht: Zur Steigerung der ethischen Kultur möge ein „court of the dead“ eingerichtet werden, der sich mit jedem einzelnen Leben beschäftigt und die „good lessons“ und „meanings“ aufbewahrt. „The fear of death, instead of wasting itself in abortive ways, would be set to work for the normalisation of lives.“Google Scholar
  16. 16).
    Tableau und Erläuterung der 13 Monate und ihrer Feste in: Catéchisme, 131 und 137ff.Google Scholar
  17. 17) s. den positivistischen Kalender, der das Jahr unter diesem Gesichtspunkt strukturiert.Google Scholar
  18. 18) Système I, 103. Karl der Große heißt bei Comte Charlemagne und gilt unverhohlen als französischer Herrscher. Die Völkerwanderung nennt Comte — übereinstimmend mit dem französischen Geschichtsbild bis heute -„die germanischen Invasionen“ (Système III, 469) und bemerkt nicht, daß Charlemagne aus eben jenem germanischen Stamm kommt, der Gallien erobert hat.Google Scholar
  19. 19).
    Système II, 60. Bei dieser Vorstellung vom Leben als einer Prüfung sehe man, merkt Levy-Bruhl (1905, 392f.) an, wie stark bei Comte die christliche Religion nachwirke. Vgl. auch Fuchs-Heinritz 1995, 57.Google Scholar
  20. 20).
    Solche Unterordnung des wirklichen Lebens unter eine künftige Existenzweise hatte Comte im Cours (Soziologie III, 744) noch scharf kritisiert.Google Scholar
  21. 21).
    Für die „Evokation“ nennt Comte auch einige meditationsähnliche Regeln, darunter die, nach Möglichkeit nur an die guten Eigenschaften usw. zu denken (Catéchisme, 91 ff.).Google Scholar
  22. 22).
    Für die Zukunft will Comte eine Änderung nicht ausschließen: Weil Bilder und Vorstellungen bei geistig Kranken oft kräftiger sind als Eindrücke von wirklichen Menschen, kann eine Kultivierung des Umgangs mit den Toten eventuell zu heute kaum vorstellbaren Verbesserungen führen (Catéchisme, 88). Comte hat vom Tode Clotildes an täglich die Vergegenwärtigung der Toten geübt und war möglicherweise zu halluzinatorischen Erfahrungen gelangt (vgl. Dumas 1905, 216f.).Google Scholar
  23. 23).
    Système I, 261. Der autobiographische Ton ist nicht zu überhören.Google Scholar
  24. 24).
    Système IV, 36. — Das klingt verstiegen, ist aber so weit nicht von anderen Ideen im Felde der Sozialwissenschaften entfernt: Auch der radikale Gesellschaftskritiker (erst recht der Revolutionär) hält Sozialität unter gegenwärtigen Bedingungen für unerfüllbar und schreibt deshalb die Generationen der Lebenden ab.Google Scholar
  25. 25).
    Système I, 347. Ähnlich Rede (1966, 157): „Da das Individuum sein Leben nur durch die Gattung zu verlängern vermag, wird es so dazu geführt, sich möglichst vollständig in sie einzugliedern…“Google Scholar
  26. 26).
    Zur Vorstellung von der „sozialen Eigengesetzlichkeit“, die unterm Eindruck der industriellen Revolution entsteht, vgl. Klages (1972, 68f.). Daß die gegenwärtige Sozialwelt das Werk der Toten ist und von den Lebenden nur partiell verändert werden kann, wird in vielen soziologischen Konzepten unterstellt, z.B.: Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, Kapitalismus, Industrialisierung, Modernisierung, Zivilisationsprozeß, Gesellschaftsstrukturen, soziales System.Google Scholar
  27. 27).
    Vgl. Brief an den Senator Vieillard vom 4.2. 1852 (in: Système II, XXXI): „… weil die Zukunft, die wir vorbereiten wollen, wesentlich aus einer Vergangenheit resultiert, die wir niemals verändern können.“Google Scholar
  28. 28).
    Auf die Nähe von Comtes positivistischem Kalender zum Kalender der Französischen Revolution, der bis 1806 galt, verweist Gouhier (1933, 6, auch 10).Google Scholar
  29. 29).
    Appel, 116. Es handelt sich um eine Art Heiligenverzeichnis, meint Dumas (1905, 228f.).Google Scholar
  30. 30).
    Beilage im Appel, 114–115. Dieser Montag heißt übrigens Sainte-Clotilde.Google Scholar
  31. 31).
    Système IV, 269f. Dieser Plan empört Mill (1973, 179f.): „When mankind have enlisted under his banner, they must burn their ships.“Google Scholar
  32. 32).
    Mit „subjektiv“ ist nicht der Bezug aufs Individuum gemeint, sondern der auf die Interessen der Menschheit.Google Scholar
  33. 33).
    Système IV, 276. Vgl. die kalte Zurückweisung dieser „subjektiven Kombination“ bei Littré (1863, 584ff.).Google Scholar
  34. 34).
    Système IV, 413. Ob hier eine Anregung für Luhmanns soziale Selbstschöpfung als Autopoiesis liegt?Google Scholar
  35. 35).
    Vgl. Fisichella 1965, 248f. Comte (Rede, 185) beklagt auch allgemein „die bereits allzu ausgeprägte verhängnisvolle Tendenz zur allgemeinen Aufhebung der Klassenunterschiede…“Google Scholar
  36. 36).
    Système IV, 503. Z.B. geht Comte davon aus, daß sich die indischen Brahmanen dem positiven Glauben anschließen werden, weil darin die von ihnen erträumte Universalität verwirklicht ist (Système IV, 514).Google Scholar
  37. 37).
    Eine erste Formulierung („die Erde idealisieren“) in: Appel, 39. Vgl. die sarkastischen Bemerkungen dazu bei Mill (1973, 193f.), aber auch Comtes (Soziologie II, 30) frühere Kritik an jener moderneren Vergleichung der Erde mit einem unermeßlich großen, lebendigen Tiere…“Google Scholar
  38. 38).
    Z.B. im Brief vom 30.3. 1825 an Valat (Corr.gen.I, 156): „Wir befinden uns in einer Situation, die der der letzten Zeit des Heidentums sehr ähnlich ist, als die alte Lehre aufgehört hatte, die Köpfe zu regieren, ohne daß die neue schon ausreichend Festigkeit gewonnen hätte, um sie in dieser Hauptfunktion mit Nutzen zu ersetzen…“ Übrigens weist Durkheim (1971, 207ff.) für Saint-Simon nach, daß auch dieser nicht erst im Spätwerk, sondern in seinem ganzen Denken mit religiösen Fragen befaßt war und niemals einen Widerspruch zwischen positiver Philosophie und Religion gesehen hat.Google Scholar
  39. 39).
    Die „Irreligion des Fortschritts“, so Löwith (1973, 108) bei Besprechung von Voltaire, sei „eine Art Religion, die von dem christlichen Glauben an ein künftiges Ziel abgeleitet ist, obgleich sie an die Stelle eines bestimmten und überweltlichen eschaton ein unbestimmtes und innerweltliches setzt.“Google Scholar
  40. 40).
    Ebenso Charlton (1963, 5): Saint-Simons, Comtes und anderer Religionsentwürfe haben zu Vorläufern die religiosen Kulte der Revolutionsjahre. „Against this background, Saint-Simons «Temple of Newton» or Comte’s «Positivist Calendar» for instance, look rather less improbable and artificial than they might appear to us at first sight.“Google Scholar
  41. 41).
    Vgl. hierzu Voegelin 1975, 157. „Dieses armselige Gemächte der menschlichen Selbstanbetung“— so Löwiths (1973, 86) Urteil.Google Scholar
  42. 42).
    „Religiöser Rationalismus“sagt Plé (1996, 447) vielleicht treffender.Google Scholar
  43. 43).
    Vgl. seine Deutung von den Wirkungen der Entdeckung, daß die Erde nicht das Zentrum der Himmelskörper ist (Cours I, 360ff.). Zur Diesseitigkeit seines Denkens vgl. auch Sombart (1955, 100f.).Google Scholar
  44. 44).
    Weshalb wir künftig auch mit den noch nicht Geborenen „Umgang“ werden haben können, wird z.B. so begründet (Système I, 261 f.): „Eine Vielzahl von Beispielen belegt uns die Fähigkeit des menschlichen Herzens zu Gefühlen ohne jede objektive Grundlage, wenn nur idealen Charakters. Die bekannten Visionen des Polytheisten, die mystischen Gefühle des Monotheisten zeigen (für die Vergangenheit) eine natürliche Tendenz an, die man in der Zukunft nutzen muß, indem man ihr — zufolge einer besseren allgemeinen Philosophie — eine wirklichkeitsbezogenere und edlere Bestimmung gibt.“Google Scholar
  45. 45).
    Im Brief an den Senator Vieillard vom 28.2. 1852 (in: Système II, XXXI) beschreibt er seinen Übergang vom Philosophen und Wissenschaftler des Cours zum Religionsgründer des Système so: „… der Karriere des Aristoteles mußte also die des heiligen Paulus folgen…“Google Scholar
  46. 46).
    Système III, 409f. Schon Saint-Simon sah in Paulus (und nicht in Jesus Christus) den eigentlichen Gründer der christlichen Religion; vgl. Pickering (1993, 75).Google Scholar
  47. 47).
    Ähnlich Voegelin (1975, 155): „The place of God has been taken by social entities (by family, country and mankind) and more particularly by woman as the integrating, harmonizing principle. Woman in general and Clotilde concretely as the representative of the principle has become the unifying power for the soul of man; hence the cult of Clotilde is an essential part of the Comtean religious foundation.“ — „Für Comte ist Clotilde die perfekte Offenbarung der Humanité…“ Ducassé 1939a (196, Fußn. 2)Google Scholar
  48. 48).
    „Die Religion bildet so für die Seele einen normalen Konsensus, der dem der Gesundheit in Beziehung zum Körper genau entspricht.“ (Système 11, 8)Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Werner Fuchs-Heinritz

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