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Einleitung: Naturschutz und Umweltdiskurs in Deutschland. Zur historischen Verortung ökologischer Kommunikation

  • Karl-Werner Brand

Zusammenfassung

Umweltschutz kann, als organisierte Bewegung in die Tradition der Kampagnen der frühen viktorianischen Zeit gegen Tierquälerei und für Vogelschutz, auf die rasche Verbreitung von »natural history societies« in England seit Mitte des 19. Jahrhunderts oder auch auf die Anfänge eines romantisch inspirierten Denkmal-und Naturschutzes in Deutschland eingereiht werden. So wurde 1836 der Drachenfels im Rheinland, 1852 die Teufelsmauer im Harz, 1858 der »Urwald« am Kubany im Böhmerwald unter Schutz gestellt. Diese Ansätze gewinnen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts an Dynamik. Die wachsende Großstadtfeindlichkeit und die kompensatorische Verklärung von Natur und ländlichem Leben um die Jahrhundertwende verleihen den Bestrebungen des Natur- und Denkmalschutzes, des Tier- und Pflanzenschutzes sowie den Bemühungen um die Errichtung von Nationalparks, um Gewässer- und Emissionsschutz starken Rückenwind. Beherrschten im aufblühenden »age of capital« (Hobsbawm 1975) Technikfaszination, Sozialdarwinismus und mechanistischer Fortschrittsglaube das öffentliche Denken, so treten nun, ausgelöst durch die in den 80er Jahren einsetzende wirtschaftliche Depression, die häßlichen Seiten der Industrialisierung ins Blickfeld: das neue Massenelend in den Slums der wuchernden Industriestädte, der moralische Verfall, die erschreckenden hygienischen Verhältnisse, die starke Luft- und Wasserverschmutzung im Umfeld industrieller Anlagen, nicht zuletzt auch die Erschütterung der sozialen und politischen Ordnung durch Arbeitskämpfe und Massenstreiks. Ein Gefühl der wachsenden Bedrohung, der Überzivilisation, des schleichenden Sinnverlusts verbreitet sich vor allem in den Kreisen des alten und des gebildeten neuen Kleinbürgertums und nährt großstadtfeindliche, agrarromantische Stimmungslagen (Bergmann 1970, Lears 1981, Sieferle 1982, Vondung 1976). »Natur«—landschaftliche Schönheiten, unberührte »wilderness« oder auch die sanft kultivierte Gartenlandschaft, das einfache, ländliche Leben, Handwerk und Folklore—wird zum romantisch aufgeladenen Gegenbild von Großstadt und Industrie, zur Quelle moralischer Erneuerung (Higham 1970, Linse 1986, Marsh 1982, Nash 1982).

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1997

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  • Karl-Werner Brand

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