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SchreibenundLesen

  • Elisabeth K. Paefgen
Part of the Kulturwissenschaftliche Studien zur deutschen Literatur book series

Zusammenfassung

In der Nachfolge der rezeptionsästhetischen Theoretisierung der Literaturwissenschaft entstand in eigentlich nur konsequenter Weiterentwicklung eine Tendenz, die produzierende — d.i. die schreibende — und die rezipierende — d.i. zunächst einmal die lesende — Tätigkeit in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, als sich gegenseitig beeinflussende, um den literarischen Text gruppierte Arbeitsformen zu sehen. Allerdings nicht erst in der Nachfolge: Jean-Paul Sartre, dessen in der französischen Originalausgabe 1948 erstmals erschienener Essay Was ist Literatur? als frühe rezeptionsästhetische Studie gilt, spricht bereits vom Lesen als „gelenktem Schaffen“ (Sartre 1958, S.28); allerdings ist mit diesem Schaffen nicht’ schreiben’ gemeint: Vielmehr’ schafft’ der Autor als Schreibender das „konkrete“ Objekt, der Leser ergänzt als ‘Enthüllender’ — was der Autor nicht kann — und’ schafft’ so das „imaginäre“ Objekt (ibid). Sartre versichert zwar, daß „der Vorgang des Schreibens (...) als dialektisches Korrelativ den Vorgang des Lesens“ unbedingt einschließe (ibid., S.27/28), versteht aber Lesen (nur) als eine in der Wahrnehmung schaffende Tätigkeit. Für den Leser ist „alles noch zu tun, und doch ist alles schon getan“ (ibid., S.29). Das Werk ist — obwohl ohne Leser unvollständig, unfertig — gleichwohl ohne ihn fertig und vollständig. Die beiden „zusammenhängenden Akte (des Schreibens und Lesens; E.K.P.) verlangen zwei verschieden tätige Menschen“ (ibid., S.28; Hervorh. E.K.P.). — Im Sartreschen Schreib-Lese-Entwurf, in dem Schreiben übrigens auch die erste Position besetzt, werden diese beiden Tätigkeiten aufeinander bezogen, bleiben aber voneinander getrennt, indem es nicht zum Rollentausch kommt: der Lesende wird nicht zum Schreibenden, der Schreibende wird nicht als Leser, schon gar nicht als der seiner eigenen Werke, gesehen. Anders als Jauß und Iser geht Sartre aber vom Schreiben aus und diskutiert das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den beiden Tätigkeiten, so daß sein rezeptionsästhetischer Ansatz — abgesehen von der historischen und sozialen Verankerung — nicht auf ein Lesen beschränkt bleibt. Sartre, der aus den unüberwindbaren Begrenztheiten des literarischen Schreibens die Notwendigkeit eines ‘objektivierenden’ Lesers zu begründen sucht und somit literarisches Schreiben als auf einen anderen angewiesenes Schreiben erläutert, braucht für diesen Argumentationszusammenhang zunächst den lesenden Leser, der sich von dem „erschaffene(n) Objekt“ (ibid., S.25) lenken läßt.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

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  • Elisabeth K. Paefgen

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