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(Schreiben und) Lesen

  • Elisabeth K. Paefgen
Part of the Kulturwissenschaftliche Studien zur deutschen Literatur book series

Zusammenfassung

Die hier vorgelegte Untersuchung geht vom Schreiben aus. Daß Lesen und Gelesenes in jedes Schreiben einfließt und dieses begleitet, wird dabei weder übersehen noch ignoriert. Wenn hier dem Schreiben gleichwohl eine Priorität eingeräumt wird, so vor allem aus dem Grund, daß wir nur erfahren, wie und was jemand lesend wahrgenommen hat, wenn der Leser — währenddessen oder anschließend oder überhaupt irgendwann — redet oder schreibt; d.h.: Nur über eine andere Aktionsform erhalten Außenstehende Einblick in das, was sich — wie auch immer — lesend ‘ereignet’ hat/haben könnte. Wenn der Leser nur läse, gelangten wir höchstens zu statistischen Ergebnissen bezüglich der gelesenen Menge, der Titelauswahl, seiner bevorzugten Haltung während des Lesens, eventuell zu Vermutungen über seine gefühlsmäßigen Reaktionen — ganz abgesehen von der dazu notwendigen störenden Beaufsichtigung des Lesenden —, aber nicht zu inhaltlichen Aussagen. Auch lautes Lesen garantiert einem Dritten nicht, Einblick in das zu nehmen, was das Lesen für den jeweils Lesenden tatsächlich bewirkt. Wir hören seine Stimme, aber ‘lesen’ nicht seine Gedanken. Da das Lesen in der Schule zu einem kommunikativen Zwecke geschieht — anderen gilt es mündlich oder schriftlich Mitteilung darüber zu machen, was wie gelesen wurde —, muß es in eine andere Aktionsform ‘übersetzt’ werden, in unserem Fall in die schreibende: Schreiben wird als verbindliches Medium betrachtet, mit dessen Hilfe das Lesen öffentlich gemacht und der Privatheit entrissen werden kann. Hinzu kommt, daß das Wort Literatur nicht auf Lesen, sondern auf Schreiben verweist (Gadamer 1960/1986, S.165). Littera als der Buchstabe muß zunächst geschrieben werden, bevor er zusammen mit anderen, Worte bildend, gelesen werden kann1. Auch dieses ist ein Argument, dem Schreiben im Zusammenhang mit Literatur den Vorrang einzuräumen.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Elisabeth K. Paefgen

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