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Psychoanalytiker interpretieren „das Gespräch, in dem die psychoanalytische Behandlung besteht“

  • Ulrich Streeck

Zusammenfassung

Wenn in der Psychoanalyse von Interpretieren die Rede ist, sind damit zumeist Deutungen des Psychoanalytikers angesprochen. Deuten ist aber nicht die einzige interpretierende Aktivität im psychoanalytischen Dialog. Die psychoanalytische Behandlung ist ein Gespräch, und wie jedes Gespräch ist auch therapeutische Interaktion ein fortlaufender und wechselseitiger interpretativer Prozeß. Der Analytiker interpretiert den Patienten und umgekehrt interpretiert der Patient den Analytiker. Im wechselseitigen Interpretieren ihrer Äußerungen wird Verständigung sichergestellt2. Allerdings gelten in diesem Gespräch für die Beteiligten unterschiedliche Rederegeln3. Der Patient soll sich der sogenannten Grundregel gemäß verhalten:

“Noch eines, ehe Sie beginnen. Ihre Erzählung soll sich doch in einem Punkte von einer gewöhnlichen Konversation unterscheiden. Während Sie sonst mit Recht versuchen, in Ihrer Darstellung den Faden des Zusammenhangs festzuhalten, und alle störenden Einfälle und Nebengedanken abweisen, um nicht wie man sagt aus dem Hundertsten ins Tausendste zu kommen, sollen Sie hier anders vorgehen. Sie werden beobachten, daß Ihnen während Ihrer Erzählung verschiedene Gedanken kommen, welche Sie mit gewissen kritischen Einwendungen zurückweisen möchten. Sie werden versucht sein, sich zu sagen: Dies oder jenes gehört nicht hieher, oder es ist ganz unwichtig, oder es ist unsinnig, man braucht es darum nicht zu sagen. Geben Sie dieser Kritik niemals nach und sagen Sie es trotzdem, ja gerade darum, weil Sie eine Abneigung dagegen verspüren ... Sagen Sie also alles, was Ihnen durch den Sinn geht (FREUD, 1913, S. 468).

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Ulrich Streeck

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