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Musik, Theater, Richard Wagner

  • Michael Mönninger

Zusammenfassung

Der geistige Rahmen, in dem Camillo Sitte seine Auffassung von Geschichte, Handwerk und Kunst ausbildete, war die Kunstreligion und Geschichtsmythologie von Richard Wagner (1813–1883). Die Sehnsucht nach einem geistig und national manifesten Deutschtum und die Suche nach kultureller Sicherheit in einer radikal sich wandelnden Welt drückten sich in den Jahren zwischen der Revolution von 1848/1849 und der deutschen Reichsgründung von 1871 nirgends so deutlich aus wie in Wagners Schriften.1 Nach 1870 gingen die frustrierten großdeutschen Bestrebungen in Österreich in einer politischen Bewegung auf, die mit ihrer Los-von-Rom-Kampagne den Anschluß an das protestantisch dominierte Preußen-Deutschland erreichen wollte und einen ausgeprägten Bismarck- und Wagner-Kult entwickelte. Noch einflußreicher wirkte dieser Pangermanismus, wo er den Bereich explizit politischer Kampagnen verließ und kulturelle und weltanschauliche Fragen ansprach.2 Gerade die Oper war im 19. Jahrhundert zur zentralen nationalen Kunstgattung geworden, in der politisch-weltanschauliche Gedanken nationaler Einheit und Befreiung zur Darstellung kamen.3 Nach der auch in Österreich-Ungarn spürbaren Wirtschaftskrise von 1873 besaß Wagners Verherrlichung der mittelalterlichen Handwerksgemeinschaft und Künstlerzunft, wie sie vor allem in den 1868 uraufgeführten »Meistersingern« zum Ausdruck kam, eine zusätzliche Faszination für diejenigen, die der modernen kapitalistischen Industrie und Großstadt skeptisch gegenüberstanden. Zwar knüpfte Wagners Musik, anders als Schumann, Schubert oder Brahms, nicht an die Tradition der deutschen Volksmusik an, weshalb sie Thomas Mann zutreffend »mehr national als volkstümlich«4 nannte. Aber im politischen Sinne war Wagner eher ein Sozialutopist denn ein patriotischer Anhänger des Machtstaates. Was auf den ebenfalls eher politikfernen Sitte eine andauernde Anziehungskraft ausübte, waren vor allem Wagners Suche nach dem geistigen Deutschtum, seine Kritik an der modernen Ratio, sein historischer und ästhetischer Organismus-Gedanke und seine Funktionalisierung der Kunst als Regenerationskraft für das Leben.

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Anmerkungen

  1. 1.
    In seiner Schrift »Was ist deutsch?« von 1865 spricht Wagner vom »Verfalle des deutschen Wesens«, vom »Erlöschen der deutschen Nation« und von der »Sehnsucht nach deutscher,Herrlichkeit‘«, in: R.W., Gesammelte Schriften und Dichtungen. Hg. v. W.Golther. Berlin/Leipzig/Wien/Stuttgart 1914. Bd. 10, S. 39 f.Google Scholar
  2. Zum deutschen Zeitgeist Mitte des 19. Jahrhunderts vgl. auch: Gordon A. Craig, Über die Deutschen, München 1985. S. 30 ffGoogle Scholar
  3. 2.
    Vgl. Albert Fuchs, Geistige Strömungen in Osterreich (1949). Wien 1984, S. 192–194.Google Scholar
  4. Vgl. auch Heinrich Lutz, Von Königgrätz zum Zweibund. Aspekte europäischer Entscheidungen, in: Historische Zeitschrift 217, 1974. S. 347–380Google Scholar
  5. 3.
    Etwa in Rossinis »Wilhelm Tell« (1829) oder Verdis »Nabucco« (1842). Vgl. Stefan Kunze, Richard Wagners Idee des »Gesamtkunstwerks«, in: Beiträge zur Theorie der Künste im 19. Jahrhundert. Hg. v. Helmut Koopmann u. J.A. Schmoll gen. Eisenwerth. Frankfurt 1972. Bd. 2, S. 199 fGoogle Scholar
  6. 4.
    Thomas Mann, Leiden und Größe Richard Wagners, in: Th.M., Leiden und Größe der Meister. Gesammelte Werke, Frankfurter Ausgabe. Frankfurt am Main 1982, S. 774 fGoogle Scholar
  7. 5.
    Über Sitzes Freundeskreis am Piaristengymnasium und am Löwenburgischen Sängerknabenkonvikt: Heinrich Sitte, »Camillo Sitte«, in: Neue Österreichische Biographie, VI. Band. Wien 1929. S. 137–139.Google Scholar
  8. Das Zitat »hoffnungsvoller Cellist« ebd., S.138.Google Scholar
  9. Siehe auch den Artikel: Wiener Geselligkeit um 1870, NWT, 20. 11. 1929. Inv.-Nr. 607. Er weist auf das Erscheinen des sechsten Bandes der Neuen Österreichischen Biographie hin und enthält einen Auszug aus Heinrich Sittes o.g. Text, was die Bedeutung belegt, die C. Sitte noch Ende der Zwanziger Jahre in Wien beigemessen wurde.Google Scholar
  10. Vgl. auch Isabella Ackerl, Wiener Salonkultur um die Jahrhundertwende, in: Jürgen Nautz, Richard Vahrenkamp, (Hg.), Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse, Umwelt, Wirkungen. Wien/ Köln/ Graz 1993, S. 694–709Google Scholar
  11. 6.
    Hans Richter (1843–1916) war von 1875 bis 1900 Kapellmeister der Hofoper in Wien und leitete 1876 die gesamte Uraufführung von Wagners »Ring des Nibelungen« in Bayreuth. »Richter stand sein ganzes Leben lang im Dienste Richard Wagners [...] Drum zog er (Wagner, A.d.V.) ihn ganz an sich, öffnete ihm sein Haus, in dem es Richter vergönnt war auch die Freundschaft Cosima Wagners mitzuerwerben.« Ludwig Karpath, Richard Wagner. Briefe an Hans Richter. Berlin, Wien, Leipzig 1924. S. X IV.Google Scholar
  12. Gustav Mahler nannte Richter den »biederen Hans«, vgl. Reinhard Kapp, Tradition und Schlamperei. Mahlers Einsatz: Bedingungen und Konsequenzen, in: Jürgen Nautz, Richard Vahrenkamp, ( Hg. ), Die Wiener Jahrhundertwende. A.a.O., S. 669–671Google Scholar
  13. 8.
    Dort schreibt ein Anonymus zu Sittes Tod: »Sein Apostolat für die Wagnersche Richtung trug ihm die persönliche Freundschaft Richard Wagners ein, der ihn wiederholt in Bayreuth als gerngesehenen Gast beherbergte.« Kamillo Sitte gestorben. NWT, 16. 11. 1903Google Scholar
  14. 9.
    Sitte had already written on Wagner, who was his idol for a number of reasons, and on this occasion he actually met the composer und seems to have been commissioned to design stage sets for Parsifal«. George R. Collins, Christiane Crasemann Collins, Camillo Sitte, The Birth of Modern City Planning. New York 1986. S. 26.Google Scholar
  15. Dies ist ebenso wenig zu belegen wie Carl E. Schorskes Behauptung daß Sitte Kostüme für den »Parsifal« entworfen habe, vgl. Carl E. Schorske. Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle. Frankfurt 1982. S. 107, Anm. 58Google Scholar
  16. 10.
    Richard-Wagner-Nationalarchiv Bayreuth, Inv.-Nr. NA IV A 24–9, datiert v. Dez. 1873. Siehe den vollständig im Anhang wiedergegebenen Brief, S. 186 ff. Es ist das einzige Briefmanuskript Sittes, das im Bayreuther Wagner-Archiv aufzufinden ist. Aus Bescheidenheit formuliert Sitte seinen Brief anonym und bittet um postlagernde Antwort.Google Scholar
  17. 11.
    Vgl. Ernst Haeckel, Gesammelte populäre Vorträge aus dem Gebiete der Entwickelungslehre. Bonn 1879. Zweites Heft, S. 121–164.Google Scholar
  18. Der Genauigkeit halber sei angefügt, daß Haeckel den o.g.Google Scholar
  19. Vortrag erst 1878 in Wien gehalten hatte und daß Sitte sich in seinem Brief an Wagner 1873 anderer Schriften Haeckels bedient haben muß. Über Sittes Bühnenvorstellung vgl. S. 107 f. Über Haeckel vgl. S. 123 fGoogle Scholar
  20. 12.
    Cosima Wagner, Antwortschreiben im Namen Richard Wagners, Sitte-Archiv, Inv.-Nr. 400Google Scholar
  21. 13.
    Heinrich Habel, Festspielhaus und Wahnfried. Geplante und ausgeführte Bauten Richard Wagners. München 1985. S. 358Google Scholar
  22. 14.
    H. Habel, a.a.O., S. 412, Anm. 307Google Scholar
  23. 15.
    Brief von Hans Richter an C.S., 1876. Sitte-Archiv, Inv.-Nr. 400Google Scholar
  24. 16.
    Siehe den Brief an Ferdinand von Feldegg im Anhang, 5.198 ffGoogle Scholar
  25. 18.
    Der Dirigent und Komponist Joseph Sucher (1843–1908) gehörte ebenso wie Hans Richter zum Freundeskreis Camillo Sittes und war gefeierter Wagner-Interpret.Google Scholar
  26. 19.
    C. S., Ein Berufener, a.a.O., alle folgenden Zitate ebd.Google Scholar
  27. 20.
    Vgl. »Joseph Sucher«, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Hg. von Friedrich Blume. Band 12. Kassel, Basel, London, New York 1965. S. 1664 fGoogle Scholar
  28. 23.
    Siehe auch Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks. Richard Wagners politisch-ästhetische Utopie. Frankfurt 1994. S.106. Bermbach bezeichnet die Zürcher Kunstschriften als »eines der am weitesten durchreflektierten ästhetischen Konzepte des 19. Jahrhunderts«.Google Scholar
  29. 24.
    C.S, Wagner, a.a.O., S. 5Google Scholar
  30. 26.
    Sitte schlägt hier mit wenigen Worten den Bogen von Hegels These vom symbolischen Ursprung der Kunst über die Einfühlungstheorie von Volkelt, Lipps und Vischer bis zur Kunstpsychologie Wilhelm Worringers. Worringer hatte 1908 die idealisierende Abstraktion als gleichberechtigten Kunsttrieb neben die naturalisierende Einfühlung gestellt. Eine Übersicht über ästhetische Theorien im 19. Jahrhundert bei Stephan Nachtsheim, Kunstphilosophie und empirische Kunstforschung 1870–1920. Berlin 1984Google Scholar
  31. 27.
    C.S., Wagner a.a.O., S. 9. Damit spricht Sitte nichts anderes aus als Hegel, der die Vortrefflichkeit eines Kunstwerkes nach dem Grade der Einheit von Idee und Gestalt bestimmt hatte.Google Scholar
  32. 30.
    Wagner: »Die fränkische Stammsage zeigt uns nun in ihrer fernsten Erkennbarkeit den individualisirten Licht-oder Sonnengott, wie er das Ungethüm der chaotischen Urnacht besiegt und erlegt: — dieß ist die ursprüngliche Bedeutung von Siegfried’s Drachenkampf, einem Kampfe, wie ihn Apollon gegen den Drachen Python stritt. Wie nun der Tag endlich doch der Nacht wieder erliegt, wie der Sommer endlich doch dem Winter wieder weichen muß, ist aber Siegfried endlich auch wieder erlegt worden; der Gott ward also Mensch.« Richard Wagner, Die Wibelungen. Weltgeschichte aus der Sage (1848), in: Gesammelte Schriften und Dichtungen. Leipzig 1897 (3. Aufl.) Bd. 2, S. 131 fGoogle Scholar
  33. 31.
    Martin Gregor-Dellin schreibt, Wagner zeige 1845 »eine seltsame Unruhe, in die ihn die Lektüre von Jacob Grimms,Deutscher Mythologie versetzte«. Gregor-Dellin, Richard Wagner. Sein Leben, sein Werk, sein Jahrhundert. ( 1980 ). München 1991, S. 195Google Scholar
  34. 32.
    Jacob Grimm, Deutsche Mythologie. Göttingen 1835. S. 3 fGoogle Scholar
  35. 33.
    Wagner: »Der freie Grieche, der sich an die Spitze der Natur stellte, konnte aus der Freude des Menschen an sich die Kunst erschaffen: der Christ, der die Natur und sich gleichmäßig verwarf, konnte seinem Gotte nur auf dem Altar der Entsagung opfern, nicht seine Thaten, sein Wirken durfte er ihm als Gabe darbringen, sondern durch die Enthaltung von allem selbständig kühnem Schaffen glaubte er ihn sich verbindlich machen zu müssen.« Richard Wagner, Die Kunst und die Revolution. (1849), in: R.W. Gesammelte Dichtungen und Schriften. Leipzig 1887 (2. Aufl.), Bd. 3, S. 15Google Scholar
  36. 34.
    C.S., Wagner, a.a.O., 5.12Google Scholar
  37. 37.
    Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft (1849), in: R.W., Gesammelte Schriften und Dichtungen. Leipzig 1887. (2. Aufl.), Bd. 3 S. 45Google Scholar
  38. 38.
    C.S., Wagner, a.a.O., S. 16 f. Diese Kritik hat Sitte in seinen Schriften zur Malerei ausführlich entwickelt.Google Scholar
  39. 41.
    Wagner, Kunst und Revolution, a.a.O., S. 20Google Scholar
  40. 43.
    C.S., Wagner, a.a.O., S. 20Google Scholar
  41. 44.
    Wagner, Kunst und Revolution, a.a.O., S. 9 fGoogle Scholar
  42. 45.
    beide Wagner-Zitate a.a.O., S. 32Google Scholar
  43. 46.
    Martin Gregor-Dellin beschreibt, wie Wagner versucht habe, in der Gestalt des Siegfried »die Sagen und die Sozialisten unter einen Hut zu bringen«. Gregor-Dellin, Wagner, a.a.O., S. 245 fGoogle Scholar
  44. 47.
    C.S., Wagner, a.a.O., S. 21Google Scholar
  45. 54.
    Über Semper und die Naturgeschichte vgl. S. 100 ffGoogle Scholar
  46. 55.
    Über die Klassifikationsschemata von Cuvier und Lamarck und den Methodenwandel in der Naturwissenschaft vgl. Ernst Mayr, Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Vielfalt, Evolution und Vererbung. Berlin/Heidelberg/New York 1984. S. 146 ffGoogle Scholar
  47. 56.
    Über Wagners Bezug auf Aischylos und das antike Gesamtkunstwerk der Tragödie vgl. Dieter Borchmeyer, Das Theater Richard Wagners. Stuttgart 1982. S. 47, 72Google Scholar
  48. 57.
    C.S., Wagner, a.a.O., S. 37. Das korrekt wiedergegebene Wagner-Zitat findet sich in R.W., Oper und Drama, a.a.O., S. 34Google Scholar
  49. 59.
    Über die Substitution der Politik durch Asthetik vgl. Bermbach, Gesamtkunstwerk, a.a.O., S. 167, 272. Über Wagners weitergehende Aufhebung der Metaphysik in die Asthetik vgl. Dieter Piel, Die Krise des neuzeitlichen Menschen im Werk Richard Wagners. Köln, Wien 1990, S. 89 ffGoogle Scholar
  50. 60.
    Vgl. Wagner: »Er [der Mensch, A.d.V.] kann nur noch das Allgemeinsame, Wahre, Unbedingte wollen; sein eigenes Aufgehen nicht in der Liebe zu diesem oder jenem Gegenstande, sondern in der Liebe überhaupt: somit wird der Egoist Kommunist, der Eine Alle, der Mensch Gott, die Kunstart Kunst.« in: R.W., Das Kunstwerk der Zukunft, a.a.O., S. 67Google Scholar
  51. 61.
    Wagner beschreibt diese ästhetische Selbsterfahrung in der Antike: »So war der Grieche selbst Darsteller, Sänger und Tänzer, seine Mitwirkung bei der Aufführung einer Tragödie war ihm höchster Genuß an dem Kunstwerke selbst, und es galt ihm mit Recht als Auszeichnung durch Schönheit und Bildung zu diesem Genusse berechtigt zu sein.« R.W., Kunst und Revolution, a.a.O., S. 24. Vgl. auch Udo Bermbach, Gesamtkunstwerk, a.a.O., S. 181 fGoogle Scholar
  52. 62.
    Bermbach, a.a.O., S. 181Google Scholar
  53. 63.
    Seine Erstausgabe von »Kunstwerk der Zukunft« 1850 hatte Wagner Ludwig Feuerbach gewidmet.Google Scholar
  54. 64.
    Thomas Mann, Leiden und Größe Richard Wagners, a.a.O., S. 727Google Scholar
  55. 65.
    Über Sitte und die Naturwissenschaften vgl. S. 117 ffGoogle Scholar
  56. 66.
    Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Exkurs von Joseph Rykwert, der im Werk von Gottfried Semper den Begriff der »Not« mit dem der »Naht« und des »Knotens« — Sempers Urformen des Handwerks — zusammenbringt und etymologisch von der existenziellen menschlichen Grundtätigkeit des Zusammenfügens und Fabrizierens herleitet. Vgl. Joseph Rykwert, Semper and the Conception of Style, in: Gottfried Semper und die Mitte des 19. Jahrhunderts. Schriftenreihe des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich. Basel/Stuttgart 1976. S. 72 fGoogle Scholar
  57. 67.
    C.S., Wagner, a.a.O., S. 32Google Scholar
  58. 69.
    Vgl. Kunstwerk der Zukunft, a.a.O., S. 148 fGoogle Scholar
  59. 70.
    Wagner, Kunst und Revolution, a.a.O., S. 32Google Scholar

Copyright information

© Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Michael Mönninger

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