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Malerei, Landschaft, Bühnenbild

  • Michael Mönninger

Zusammenfassung

Obwohl Camillo Sittes katholisch-liberales Elternhaus in Wien zum deutsch-österreichischen Bildungsbürgertum gehörte, war es wegen des ausgeprägten künstlerischen Selbstverständnisses des Vaters nicht dem Zentrum der Wiener Gesellschaft zuzurechnen. Schon die Berufsbezeichnung des Vaters Franz Sitte als »Privatarchitekt« deutete auf die Spannung zwischen der Tradition des freien Baumeisters und dem Übergang zum modernen, staatlich geprüften Architekten hin.1 Der 1818 im nordböhmischen Weißkirchen geborene und 1876 in Wien gestorbene Vater war ein geachteter Kirchenbauer und Restaurator, aus dessen Ehe mit der dreizehn Jahre älteren, aus Niederösterreich stammenden Schuhmacherstochter Theresia Schabes am 17. April 1843 der einzige Sohn Camillo hervorging. Zeitgenossen berichten übereinstimmend von der frühen Mitarbeit Camillos im Atelier des Vaters, von dem er auch den Auftrag zum Bau der Wiener Mechitaristenkirche von 1871 an übernahm, einem der wenigen realisierten Bauwerke Camillo Sittes. Franz Sitte wollte, daß sein Sohn die Laufbahn eines freien Künstlerarchitekten einschlug. Als Camillo 1875 aus wirtschaftlichen Gründen wegen seiner bevorstehenden Heirat die Verbeamtung als Leiter der neugegründeten Salzburger Staatsgewerbeschule von 1875 annahm, reagierte der Vater äußerst enttäuscht.2

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Carl E. Schorske, Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de siècle. (1980). Frankfurt am Main 1982, S. 62Google Scholar
  2. 9.
    Vgl. Robert A. Kann, Geschichte des Habsburgerreiches 1526–1918. (3. Aufl.) Wien, Köln, Weimar 1993, S. 315 fGoogle Scholar
  3. 10.
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  4. 11.
    Über Sittes späten Entwurf einer Universalkunstgeschichte vgl. S. 171 ffGoogle Scholar
  5. 16.
    Wagner schrieb: »Unsere moderne Bildhauerkunst entkeimte nicht dem Drange nach Darstellung des wirklich vorhandenen Menschen, den sie durch seine modische Verhüllung kaum zu gewahren vermochte, sondern dem Verlangen nach Nachahmung des nachgeahmten, sinnlich unvorhandenen Menschen.« Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, (1849), in: Gesammelte Schriften und Dichtungen. Verlag E.W. Fritzsch, 2. Aufl. Leipzig 1887, Bd. 3, 5.138Google Scholar
  6. 17.
    Albert Fuchs schrieb in seiner österreichischen Geistesgeschichte: »Auf dem Höhepunkt seiner Macht war der Liberalismus imstande, den römischen Glauben in den Intelligenzkreisen weit zurückzudrängen. Um 1870 existierte keine nennenswerte Literatur mit katholischer Orientierung, die gesamte »große« Presse war liberal, an den Universitäten lehrten in überwältigender Majorität liberale Professoren. Nur in gewissen städtischen Unterschichten (am wenigsten im eigentlichen Proletariat) und auf dem Lande erhielt sich die Anhänglichkeit an die Kirche.« Albert Fuchs, Geistige Strömungen in Osterreich 1867–1918. (1949). Wien 1984. S. 68Google Scholar
  7. 19.
    A. Teichlein, Zur Charakteristik Wilhelm von Kaulbach’s, in: Zeitschrift für Bildende Kunst, 1876, S. 264. Zitiert nach Michael Brix/Monika Steinhauser, Geschichte allein ist zeitgemäß. Historismus in Deutschland. Lahn-Gießen 1978. S. 272Google Scholar
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    Peter von Arbues, eigentlich Pedro de Arbues (um 1441–1485), Chorherr an der Kathedrale von Zaragoza, von 1481 an erster Inquisator für Aragonien, besonders gefürchtet wegen seines Fanatismus. Er wurde von der Kirche 1664 selig-und 1867 heiliggesprochenGoogle Scholar
  10. 23.
    C.S., Matejkos neuestes Bild. NWT, 10. 10. 1872, Inv.-Nr. 141. In diesem, eigentlich dem polnischen Historienmaler Jan Matejko (1838–1893) gewidmeten Artikel geht Sitte ausführlich auf Kaulbach ein.Google Scholar
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    Hermann Schlösser (1832–1894), deutschrömischer Historien-, Akt-, Bildnismaler und BildhauerGoogle Scholar
  12. 32.
    C.S., Kunstbericht. NWT, 20.1. 1873, Inv.-Nr. 142Google Scholar
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    Über die österreichische Literatur vgl. Robert A. Kann, Geschichte des Habsburgerreiches 15261918, a.a.O., S. 338Google Scholar
  14. 37.
    C.S., Makart. Eine Studie. NWT, 19.8. 1871, Inv.-Nr. 135. Der Text setzt sich in der ersten Hälfte aus einem veröffentlichten Bericht im NWT und in der zweiten Hälfte aus einem Manuskript Sittes zusammen. Alle folgenden Zitate ebd.Google Scholar
  15. 44.
    Die erste Weltausstellung fand 1851 in London statt; danach folgten Paris 1855, London 1862, Paris 1867. Die erste Ausstellung, die Sitte selber besucht hat, war vermutlich Wien 1873, also sieben Jahre nach seiner Schrift über Makart. Vgl. S. 140 ffGoogle Scholar
  16. 48.
    Den Mangel an Modellfreiheit kritisiert Sitte bei Makart, aber auch bei Böcklin in dem Aufsatz: C.S., Ein merkwürdiges Bild. NWT, 4. 10. 1887. Inv.-Nr. 247. Vgl. S. 125 ffGoogle Scholar
  17. 49.
    C.S., Aus dem Künstlerhause. NWT, 29. 1. 1874, Inv.-Nr. 130Google Scholar
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    Vgl. Allan Janik, Stephen Toulmin, Wittgensteins Wien. (1973) München 1984, S. 41–81. Obwohl die Autoren überwiegend einen späteren Zeitraum darstellen, zählt ihr Kapitel über »Das Wien Kaiser Franz-Josephs, Stadt der Widersprüche« zu einem der besten Rückblicke auf die sogenannte »gute alte Zeit« vor dem Fin de siècle.Google Scholar
  19. 52.
    Aus der Vielzahl der Literatur über Kunsttheorie im 19. Jahrhundert seien stellvertretend zwei Überblickswerke genannt: Ernst Meumann, Einführung in die Ästhetik der Gegenwart. (1908). Leipzig 1919. 5.11 f.; Stephan Nachtsheim, Kunstphilosophie und empirische Kunstforschung 1870–1920. Berlin 1984. S. 34 ffGoogle Scholar
  20. 53.
    C.S., Unter Platonikern. NWT, 21.3. 1874, Inv.-Nr. 149Google Scholar
  21. 54.
    Auch bei Böcklin kritisiert er den »Zwiespalt zwischen idealem Stoff und realistischer Form«, vgl. C.S., Ein merkwürdiges Bild. NWT, 4. 10. 1887, Inv.-Nr. 247Google Scholar
  22. 56.
    So thematisierte beispielsweise der einflußreiche Kunstkritiker Friedrich Pecht (1814–1903) vor allem die immanenten Gesetze der Wahrscheinlichkeit, Glaubwürdigkeit und Logik des Bildes als ästhetische Kriterien. Vgl. Michael Bringmann, Friedrich Pecht. Maßstäbe der deutschen Kunstkritik zwischen 1850 und 1900. Berlin 1982. S. 120 fGoogle Scholar
  23. 57.
    C.S., Kunstbericht. Vierte internationale Ausstellung I. NWT, 16.4. 1872, Inv.-Nr. 140. Alle folgenden Zitate ebd.Google Scholar
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    Vgl. Martin Seel, Eine Ästhetik der Natur, Frankfurt am Main 1991, S. 23 fGoogle Scholar
  25. 59.
    Pradilla y Ortiz (1848–1921), Historienmaler, bekannt für seine tiefenräumlich aufgebauten, theatralischen Bilder. Daneben malte er auch kleinformatige, realistische Genreszenen, über die Sitte hier spricht.Google Scholar
  26. 60.
    C.S., Die Ausstellung im Künstlerhause. NWT, 2.4. 1892, Inv.-Nr. 166Google Scholar
  27. 61.
    Vgl. Klaus Herding, Realismus als Widerspruch. Die Wirklichkeit in Courbets Malerei, Frankfurt 1978Google Scholar
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    C.S., Die Sensations-Venus. NWT, 12.2. 1872, Inv.-Nr. 138. Alle folgenden Zitate ebd.Google Scholar
  29. 66.
    C.S., Ein merkwürdiges Bild. NWT, 4. 10. 1887, Inv.-Nr. 247. Alle folgenden Zitate ebd.Google Scholar
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    Vgl. Jochen Schmidt, Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750–1945. Darmstadt 1985, 2.Band, S. 169 ffGoogle Scholar
  31. 69.
    Vgl. Otto Stelzer, Die Vorgeschichte der abstrakten Kunst. A.a.O., S. 37Google Scholar
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    Vgl. Zeitschrift für bildende Kunst I. 1866. 5. 247Google Scholar
  34. 83.
    Vgl. Detta und Michael Petzet, Die Richard Wagner-Bühne Ludwigs II. München 1970, S. 228–243. Über die Bühnenbilder der Brüder Bruckner vg. Michael Petzet, Das Brücknersche Atelier in Coburg und der erste Bayreuther »Ring« von 1876, in: Beiträge zur Denkmalkunde. Tilmann Breuer zum 60. Geburtstag. Arbeitsheft 56. Bayrisches Landesamt für Denkmalpflege. München 1991, S. 79–105Google Scholar
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  36. 90.
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  37. 92.
    C.S., Joseph Hoffmann. NWT, 18. 1. 1900, Inv.-Nr. 176Google Scholar
  38. 93.
    Georg Simmel, Philosophie der Landschaft (1913), in: Das Individuum und die Freiheit. Berlin 1984. S. 133Google Scholar
  39. 99.
    Dabei handelt es sich allerdings um eher metaphorische Umschreibungen und nicht um strukturelle Analogien. C.S., Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. (1889) Braunschweig/ Wiesbaden 1983. Die Musikmetaphern finden sich auf den Seiten 12, 17, 51, 162, 199.Google Scholar
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    Vgl. Kurt Schawelka, Klimts Beethovenfries und das Ideal des »Musikalischen«, in: Jürgen Nautz/ Richard Vahrenkamp (Hg.), Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse, Umwelt, Wirkungen. Wien, Köln, Graz 1993. S. 559 ff. Die weitere Entwicklung hin zur modernen Musik und Kunst bei: Dieter Bogner, Musik und bildende Kunst in Wien, in: Karin von Maur, Vom Klang der Bilder. Die Musik in der Kunst des 20. Jahrhunderts. München 1985. S. 346 ffGoogle Scholar
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    C.S., Beobachtung über bildende Kunst, besonders über Architectur, vom Standpuncte der Perspective. Unveröff. Ms. dat. v. 12.2. 1868. Inv.-Nr. 249. Vgl. S. 117 ff.Google Scholar
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    Eine umfassade Darstellung von Schinkels Panoramen bei Franz Kugler, K.F. Schinkel. Eine Charakteristik seiner Künstlerischen Wirksamkeit. Berlin 1842, S. 18 u. S. 137–152. Überblicksdarstellungen bei Hermann Pundt, Schinkels Berlin. Frankfurt/Berlin/Wien 1981. S. 116–119; ebenso bei Stephan Oettermann, Das Panorama. A.a.O., S. 158–160Google Scholar
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    Vgl. Elisabeth Pfeil, Großstadtforschung. Entwicklung und gegenwärtiger Stand. Hannover 1972. S. 313Google Scholar
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    Einer der ersten, der sich vom zweidimensionalen Wahrnehmungsraster und dem damit verbundenen Bedeutungszwang freimachte, war Schinkel. Als Theater-und Panoramamaler kam er zu,malerischen` Eindrücken.« Stefan Fisch, Stadtplanung im 19. Jahrhundert. Das Beispiel München bis zur Ara Theodor Fischer. München 1988, S. 132Google Scholar
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    C.S. Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. Wien 1889. Reprint der 4. Auflage von 1909. Braunschweig/Wiesbaden 1983Google Scholar
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    Vgl. Daniel Wieczorek, Camille Sitte et les débuts de l’urbanisme moderne. Brüssel 1981. S. 184. Wieczorek leitet diese, dem Strukturalismus entstammende Kategorien aus Sittes Hauptwerk ab und zieht überdies Prinzipien aus Wölfflins »Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen« heran.Google Scholar
  51. 137.
    Vgl. Ernst Meumann, Einführung in die Ästhetik der Gegenwart. Leipzig 1908.3. Aufl. 1919. S. 18 fGoogle Scholar
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  53. 145.
    Es ist in seinem (Hildebrands, A.d.V.) Buch von durchaus einfachen Dingen die Rede, von Dingen, die vielleicht mancher selbstverständlich findet. Sie waren auch einmal selbstverständlich, und der künstlerische Instinkt fand das Richtige, ohne daß es in ein Gesetz formuliert zu werden brauchte. Heutzutage aber scheint dieser Instinkt in weiten Kreisen fast völlig verloren oder verdorben zu sein.« Heinrich Wölfflin, Ein Künstler über Kunst (1893), in: Kleine Schriften. Basel 1946. S. 84Google Scholar

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© Friedr. Vieweg & Sohn Verlagsgesellschaft mbH, Braunschweig/Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Michael Mönninger

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