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Versuch einer Definition der Familie (1946/1974)

  • René König
  • Rosemarie Nave-Herz
Chapter
Part of the René König · Schriften · Ausgabe letzter Hand book series (RKSALH, volume 14)

Zusammenfassung

Wenn vielfach in der neueren Soziologie der Entwicklungssinn der modernen Gesellschaft dahingehend gedeutet wurde, daß die Gemeinschafts- und Gruppenordnungen der Vergangenheit durch eine ausgesprochene Individualkultur abgelöst worden sind, so ist damit gewiß etwas Richtiges erfaßt. Die Wirtschaftsgesellschaft des Kapitalismus hat in der Tat in einem bisher noch nie gesehenen Ausmaße den sozialen Prozeß auf das sozial-kulturelle Einzelindividuum und seine Leistung gestellt. Das gilt nicht nur für die wirtschaftliche Seite des Lebens, sondern letztlich für jede soziale Daseinsweise überhaupt, also auch für die Familie. So besteht eine ziemlich weitgehende Übereinstimmung in der Familiensoziologie darüber, daß die letzte Entwicklungsphase der Familie im Sinne der Entstehung eines individualistischen Familien typs zu begreifen sei. Am besten bringt dies Durkheims Begriff der „Gattenfamilie“ zum Ausdruck, die auf der höchst individuellen Vereinigung der Gatten als individueller Einzelpersönlichkeiten aufgebaut ist (wobei zugleich ein starker Einschuß an kontraktuellem Geist nicht zu übersehen ist). Weiter wird allseitig betont, daß die Familie gerade durch diese Individualisierung und durch die Kontraktion auf einen engsten Personenkreis, der um das Gattenpaar zentriert, eine ganz außerordentliche Erschütterung erfahren habe. Diese wird von manchen Theoretikern so hoch eingeschätzt, daß man immer wieder die Befürchtung hören kann, die moderne Gattenfamilie sei kaum mehr imstande, ihre angestammten Funktionen zu erfüllen. Wir müssen hinzufügen, daß diese Befürchtung sicher zu Recht besteht, solange die Familie wirklich als rein individuelle Gemeinschaft angesehen wird. Die Frage, die sich hier aufwirft, ist aber die, ob diese Definition der modernen Familie wirklich die zentrale Strukturver fas sung der Familie zum Ausdruck bringt, oder ob sie nicht nur der Niederschlag einer gewissen Übergangsperiode ist, deren Grenzen man sichtbar machen könnte.

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Literatur

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    Auf Grund dieser Einsicht wurde dann auch zuzeiten der Erkenntniswert der Tiersoziologie fur die Humansoziologie vollig geleugnet, was nach obigen Bemerkungen zweifellos iibertrieben ist. Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 4. Aufl. Tübingen 1956, S. 7/8.Google Scholar
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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2002

Authors and Affiliations

  • René König
  • Rosemarie Nave-Herz

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