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Spezifische Interessenkonsense trotz generellem Orientierungsdissens: Ein Integrationsmechanismus polyzentrischer Gesellschaften

  • Uwe Schimank

Zusammenfassung

Dieses Kapitel — ursprünglich erschienen in: Hans-Joachim Giegel (Hrsg.), Kommunikation und Konsens. Frankfurt/M., 1992: Suhrkamp, 235–275 — vertieft die im vorausgegangenen Kapitel aufgegriffene Thematik der Systemintegration der modernen Gesellschaft. Eine akteurtheoretische Fundierung vermag zu zeigen, wie intersystemische Abstimmung funktioniert.

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Literatur

  1. 172.
    Zu diesem empirischen Beispiel siehe die historischen Aufarbeitungen von Stamm (1981: 155–194) und vor allem von Radkau (1983: 34–195); bei Hohn/Schimank (1990: 236–248) findet sich eine knappe soziologische Interpretation. Die illustrativen Verwendungen dieses Falles sind natürlich in vielen Hinsichten gegenüber der komplexen historischen Realität stark vereinfacht.Google Scholar
  2. 173.
    Soweit besteht Konsens. Siehe etwa Gross (1956), Newcomb (1959: 279–283), Shils (1968), Partridge (1971: 79/80), Hartfiel (1972: 110), Fuchs et al. (1973: 364), Graham (1984: 91–94), Abercrombie et al. (1984: 52), Endruweit/Trommsdorf (1989: 356).Google Scholar
  3. 174.
    Wenn letzteres lediglich durch einen Beobachter geschieht, liegt ein Konsens als latentes “agreement” von Akteuren vor; wenn hingegen den Akteuren selbst ihre Übereinstimmung miteinander bewusst wird, wird Konsens als “co-orientation” erfahren (Scheff 1967; Siegrist 1970). Diese in anderen Zusammenhängen nicht unwichtige Unterscheidung — man denke z.B. an „Konsensfiktionen“ in Ehen (Hahn 1983) — kann hier außer acht bleiben.Google Scholar
  4. 175.
    Siehe dazu auch die Bemerkung bei Amitai Etzioni (1968: 469): „… many actors whose goals are similar are in dissensus and bitter conflict, as is illustrated by the famous statement of the king of Austria about himself and the ruler of Spain: ‚We both want the same thing; we both want Milan.’”Google Scholar
  5. 177.
    Zu Habermas im Folgenden noch Näheres. Bei Schütz (1953: 11–13) ist in diesem Zusammenhang insbesondere die von ihm behauptete „idealization of the congruency of perspectives“ und die daraus hervorgehende, für die Konstitution lebensweltlicher Ordnung essentielle Fiktion des „everyone’s knowledge“ anzuführen.Google Scholar
  6. 178.
    Zur interaktiven Zweierbeziehung siehe etwa Laing et al. (1966) oder die bereits erwähnte Untersuchung von Hahn (1983); zu Kleingruppen siehe z.B. Gross (1956), Bales/Slater (1956: 274–277) oder Jones/Gerard (1967: 331–386); zu Organisationen siehe beispielsweise Gabriel (1974) oder Geser (1975).Google Scholar
  7. 179.
    Bei Lindblom (1965: 21–84) findet man eine noch weiter aufgefächerte Klassifikation von Abstimmungsformen, wobei die im Folgenden erstgenannte dort nicht berücksichtigt ist.Google Scholar
  8. 180.
    Siehe etwa die bei Graham (1984: 103) referierte Position von Francis Canavan, der einen Konsens über spezifische Politiken stets in einem Konsens über generelle Ziele eingebettet sieht.Google Scholar
  9. 181.
    Die übliche Bezeichnung lautet: „funktional differenzierte“ Gesellschaft (Luhmann 1977a). Damit wird die gesellschaftliche Funktion eines Handelns zum Differenzierungsprinzip gemacht. Das ist in Parsons analytischem Realismus konsequent. Bei Luhmann scheint dies allerdings mittlerweile nur noch ein mitgeschlepptes begriffliches Relikt zu sein. Denn die gesellschaftliche Funktion eines Teilsystems ist bei ihm in dem Maße, wie er dessen selbstreferentielle Geschlossenheit akzentuiert, in den Hintergrund gerückt — siehe Kapitel 3. Erst recht kann eine Differenzierungstheorie, die Differenzierungsvorgänge akteurtheoretisch rekonstruieren will, die gesellschaftliche Funktion eines Teilsystems eigentlich nur noch als nach innen identitätsstiftende und teilweise nach außen legitimationsfördernde Selbstbeschreibung — aber eben nient als dessen Ausdinerenzierung kausal herbeiführende und aufrecht erhaltende Kraft — zur Kenntnis nehmen. Anstelle von sehr generellen Funktionszuschreibungen rücken gesellschaftliche Akteure in den meisten Fällen eher spezifische Leistungsbezüge eines gesellschaftlichen Teilsystems für bestimmte andere in den Vordergrund — etwa die „Nützlichkeit“ wissenschaftlicher Forschung für die Wirtschaft, die Politik, die Medizin oder das Militär (Mayntz 1988: 17–20, 37–42).Google Scholar
  10. 182.
    Als nicht weiter fortgeführten Versuch einer differenzierungstheoretischen Rekonstruktion dieser bekannten marxistischen Vorstellung siehe Schimank (1983: 8–20).Google Scholar
  11. 183.
    Vergleichsweise unkontrovers ist die Behauptung, dass bestimmte teilsystemische Handlungslogiken zeitweise eine gesamtgesellschaftliche Dominanz gewinnen können. Das am häufigsten vorkommende Beispiel dafür sind Kriege, in denen der militärische Sieg auch bei nicht zum Militärsystem gehörenden Akteuren alle anderen Handlungslogiken in den Hintergrund drängen und insofern den normalerweise bestehenden intersystemischen generellen Orientierungsdissens suspendieren kann. Sehr anschaulich dafür ist etwa das historische Material in Richard Rhodes (1986) Studie zum Bau der amerikanischen Atombombe im Zweiten Weltkrieg. Rhodes zeigt, wie selbst eingeschworene Grundlagenforscher völlig in den Bann der militärischen Handlungslogik geraten.Google Scholar
  12. 184.
    Speziell dazu siehe auch Elias (1939), Luhmann (1965b: 50/51), Schimank (1983: 94–101).Google Scholar
  13. 186.
    Siehe dazu Luhmann (1987b: 339–341) und Teubner (1989: 105–111).Google Scholar
  14. 187.
    So ein Einwand Fritz Scharpfs (1989b: 19, Fn. 4) gegen Luhmanns These der wechselseitigen Intransparenz gesellschaftlicher Teilsysteme füreinander.Google Scholar
  15. 188.
    So wirkt beispielsweise — gegen die Interpretation von Scharpf (1989b: 15/16) — die Rechtsabteilung eines Unternehmens wohl nicht so sehr als „Außenstelle“ des Rechtssystems im Wirtschaftssystem, sondern eher als Defensivakteur des Unternehmens, der die ökonomische Handlungslogik gegen rechtliche Restriktionen abzuschirmen sucht; und die Technologietransferstelle einer Universität wirkt als deren Akquisitionsakteur gegenüber der Wirtschaft, der der Forschung zusätzliche finanzielle Ressourcen zu beschaffen versucht. Mit James D. Thompson (1967) könnte man sagen: Diese Organisationseinheiten puffern den teilsystemspezifischen „technical core“ gegen Umweltkontingenzen ab.Google Scholar
  16. 190.
    Siehe dazu aus systemtheoretischer Perspektive die Überlegungen bei Eichmann (1989a: 135–194; 1989b) und, daran anschließend, Willke (1989: 135–140) — weiterhin Hahn (1989: 354–357) zu „Verständigung auch ohne Konsens“.Google Scholar
  17. 191.
    Dies ist in der Typologie Max Millers (1992) die vierte, von ihm gar nicht gesehene Möglichkeit des „unkoordinierten Dissenses“. Weiterhin ist auch die Parallele zu Hartmut Neuendorffs (1973: 91) Wiedergabe von Adam Smiths Betrachtung des Warentauschs interessant: „Das eine Individuum besitzt in seinen Waren die Gegenstände der Bedürfhisse des anderen Individuums, wie dieses die Gegenstände der Bedürfnisse des ersteren besitzt. Vermittels des freien gewaltlosen Austauschs der Waren, wozu jeder den anderen überredet…, wird jeder zum Mittel des anderen und realisiert gleichwohl nur sich als Selbstzweck. Keiner redet von seinen Bedürfnissen x… keiner spekuliert auf das Wohlwollen des anderen…, jeder redet nur von den Vorteilen des anderen…“Google Scholar
  18. 192.
    Diesen Übersetzungsvorgang hebt auch Johannes Weyer (1989; Zitat: 107) mit Beispielen aus der Weltraumpolitik als Strategie zur „Erhöhung von Anschlußwahrscheinlichkeiten“ hervor. Siehe ferner Bruno Latours (1984) Darstellung der „Pasteurization“ Frankreichs.Google Scholar
  19. 193.
    Bei Latour (1987: 108–111) ist dies die Umschreibung einer spezifischen Strategie der Interessenkompatibilisierung; man kann so aber auch das Ergebnis von jeder Art der Interessenkompatibilisierung umschreiben.Google Scholar
  20. 194.
    Siehe etwa auch Johannes Weyers (1989) Untersuchungen zur Weltraumforschung.Google Scholar
  21. 196.
    Bela Pokols (1990) Vorschlag, zumindest einige der ausdifferenzierten Teilsysteme der modernen Gesellschaft als „professionelle Institutionssysteme“ zu begreifen, also als Systeme, die sich um jeweils bestimmte professionalisierte Berufe herum gruppieren, könnte dies eventuell noch schärfer fassen. Die Undurchschaubarkeit eines Teilsystems für seine Umwelt wäre dann nicht nur eine sachzwanghafte Folge hochgradiger Spezialisierung, sondern immer auch eine Strategie der jeweiligen Profession, ihren monopolistischen Kompetenzanspruch zu behaupten: eine Strategie „sozialer Schließung“ im Weberschen Sinne.Google Scholar
  22. 197.
    Dies ist auch eine Idee Fritz Scharpfs (1989a: 45, Hervorheb. weggel), der neben die teilsystemspezifischen Handlungsorientierungen teilsystemunspezifische Eigeninteressen von individuellen und korporativen Akteuren stellt: „… definitions of self-interest that are so general and so basic that they may plausibly be imputed to most actors.“Google Scholar
  23. 198.
    Um Missverständnisse zu vermeiden, sei ausdrücklich angemerkt, dass die Reflexivität dieser Interessen nicht darin besteht, dass ihnen eine Vergegenwärtigung des auch andere Akteure einbeziehenden Interessenkontextes zugrunde liegt. Letzteres wäre, um Luhmanns (1984b: 601/602) zweckmäßige Unterscheidung aufzugreifen, Reflexion, und kann, muss aber nicht mit der hier gemeinten Reflexivität einhergehen.Google Scholar
  24. 199.
    Unter diesem Aspekt diskutiert auch Scharpf (1989a: 45/46) solche Ausformungen des „self-interest“ eines Akteurs.Google Scholar
  25. 200.
    Durchaus analog den in Ehen vorzufindenden Phänomenen (Hahn 1983).Google Scholar

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© VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2005

Authors and Affiliations

  • Uwe Schimank

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