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Forschungsmethodologie und Methoden

  • Gudrun Meister
Chapter
Part of the Studien zur Schul- und Bildungsforschung book series (SZSBF, volume 21)

Zusammenfassung

Den Denk-, Deutungs- und Handlungsmustern, ihrer Genese und den Entwicklungsmöglichkeiten wird in jüngerer Zeit in unterschiedlichen Forschungsrichtungen nachgegangen und zwar insbesondere in der Wissenssoziologie, der allgemeinen Entwicklungspsychologie, der Kognitionspsychologie, der soziologischen Berufsforschung, der Biographie- und Sozialisationsforschung. Auch in der Unterrichtsforschung und der Schulpädagogik wurden in Theoriebildung und Forschung der Subjektivität bzw. den,subjektiven Theorien‘von Lehrerinnen im Zusammenhang mit der Rezeption interaktionistischer sowie sozialisations-, kommunikations- und handlungstheoretischer Ansätze seit Ende der 1960er Jahre verstärkte Aufmerksamkeit entgegengebracht (vgl. Ackermann/Rosenbusch 1995). „Die Wertungsperspektive des Subjekts, die die Grundlage seiner Handlungsorientierung bildet, ist zum zentralen Gegenstand im Forschungsprozess geworden“(ebenda, 139).

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Literatur

  1. 104.
    Der Begriff,Deutungsmuster‘wurde in dem 1973 vorgelegten Manuskript „Zur Analyse der Struktur von sozialen Deutungsmustern“von Oevermann geprägt. Unmittelbar im Anschluss an das Manuskript Oevermanns entstanden in den 1970er und 1980er Jahren zunächst eine ganze Reihe von Aufsätzen, in denen die theoretische Skizze auf die unterschiedlichste Weise interpretiert und ergänzt wurde (vgl. dazu Überblicke in: Meuser/Sackmann 1992, Lüders 1991). Meuser und Sackmann fanden bei aller Unterschiedlichkeit dieser Arbeiten sechs Gemeinsamkeiten, die sie als „essentials“des Konzepts betrachten: ein funktionaler Bezug zu objektiven Handlungsproblemen, kollektive Verbreitung, normative Geltungskraft, durch generative Regeln verbürgte innere Konsistenz, begrenzt reflexive Verfügbarkeit sowie eine relative Autonomie der Deutungsmuster gegenüber den gedeuteten Sachverhalten.Google Scholar
  2. 105.
    „Beide Begriffe haben nichts miteinander zu tun. (…) Als „latent“habe ich die Sinnstrukturen bezeichnet, um sie vom subjektiv gemeinten Sinn abzuheben, der in enger Fassung bewusstseinsfähig sein muss, in weiterer Fassung einer aktualen psychischen oder mentalen Realität entsprechen muss, und zum Ausdruck zu bringen, dass die Realität bzw. Existenz dieser Sinnstrukturen logisch unabhängig von einer Bindung an irgendwelche psychischen oder mentalen Repräsentanzen anzusetzen ist, und gewissermaßen ein Potenzial für eine korrespondierende Realisierung oder Repräsentation im subjektiv gemeinten Sinn darstellt. Hingegen bezeichnet das Attribut „tacit“in dem Ausdruck „tacit knowledge“tatsächlich einen wie auch immer als psychische Instanz zu interpretierenden Status der Nicht-Bewusstheit im Operieren eines Wissens, meint also eine ganz andere Eigenschaft als sie mit „latent“intendiert ist. Während ein „tacit knowledge“faktisch im Handeln operiert, obwohl es nicht bewusst repräsentiert ist und entsprechend tatsächlich ihm eine psychische Repräsentanz in welcher Weise auch immer zukommt, es also das Wissen eines konkret handelnden Subjekts betrifft und damit einen Gegenstand in unseren Wissenschaften, sind „latente Sinnstrukturen“eine logisch von der Intentionalität und den psychischen Repräsentanzen der je konkret handelnden Subjekte unabhängige und entsprechend auch nicht notwendigerweise aktual psychisch repräsentierte Realität, die gleichwohl eine empirisch nachweisbare ist und auf das Operieren algorithmischer Regeln zurückzufuhren ist“(Oevermann 2001a, 41).Google Scholar
  3. 107.
    Oevermann selbst bestimmt diesen Begriff nicht näher, die inhaltliche Konkretion wird jedoch im Gesamtzusammenhang seiner Ausführungen deutlich. Anzumerken ist an dieser Stelle noch, dass der Begriff der „Derivation“nicht auf Oevermann selbst, sondern auf Pareto (1935, 88ff.) zurück geht. Der wesentliche Unterschied zwischen dem Paretoschen und dem hier zugrundegelegten Derivationsbegriff besteht darin, dass ersterer alle Formen von Handlungsrationalisierungen umfasst, während hier nur solche Handlungsbegründungen als Derivationen bezeichnet werden, die sich auf sozial geteilte Deutungsmuster beziehen.Google Scholar
  4. 108.
    Die deutlichsten Schwierigkeiten bereitet Oevermann die Abgrenzung zur Habitusformation bei Bourdieu. Er stellt heraus, dass diese mit Deutungsmustern etwas Wesentliches teilen: „Ebenso wie diese operieren sie unbewusst, „schweigend“und ebenso wie diese erzeugen sie ein vergleichsweise scharf geschnittenes Urteil der Angemessenheit, ohne dass dessen Gründe vom so urteilenden Subjekt auf Befragen expliziert werden könnten. Und ebenso wie diese sind sie durch eine interne quasi-argumentative Strukturiertheit und eine sinnlogische Architektonik geprägt. (…) Ebenso wie diese bestimmen sie das konkrete praktische Handeln nach dem Modus, wie Logarithmen konkrete Äußerungen generieren“(Oevermann 2001a, 46). Aber — und hier liegt ein entscheidender Unterschied — „Deutungsmuster lassen sich eher bewusst machen und durch bewusste Klärung und durch Konfrontation mit widersprechender Realität verändern“(ebenda, 47). Dies hängt damit zusammen, dass diese „im Vergleich zu Habitusformationen „reiner“spezifische kognitive Bildungen sind, bei denen eine emotive oder affektuale Aufladung fehlt. (…) Habitusformationen gehen im Unterschied zu Deutungsmustern gewissermaßen in psychische Formationen der Persönlichkeit über, weil sie sehr früh angeeignet werden und deshalb eine hohe Chance der automatisch erfolgenden Reproduktion haben“(ebenda).Google Scholar
  5. 111.
    Die folgende Darstellung bezieht sich auf die Analysemöglichkeiten lebensweltlich verankerter Deutungsmuster. Insbesondere Untersuchungen, die auf die langfristige Veränderung zeitstabiler und sozial-räumlich verbreiteter Deutungsmuster zielen (z.B. Honegger 1978, Schütze 1986), erfordern dagegen die Analyse öffentlicher Diskurse. Hier wäre es daher angemessener von Diskurs- und nicht von Deutungsmusteranalyse zu sprechen (zur Diskursanalyse vgl. Keller 1997).Google Scholar
  6. 112.
    „In Begründungen, in denen nach dem Warum gefragt wird, ist dabei der Grund oder das Motiv des Handelnden für die Handlung, in Erklärungen, in denen nach dem Wozu gefragt wird, die Absicht des Handelnden oder das Interesse (der Zweck oder das Ziel), das der Handelnde mit der Handlung verfolgt, thematisch“(Völzing 1986, S. 76).Google Scholar
  7. 113.
    Vgl. hierzu Schütze 1981, 1983, 1984, 1996.Google Scholar
  8. 114.
    „Die Rhetorik kann aufgefasst werden als Theorie der argumentativen Aufbereitung der Welt, die in der Lage ist, Anfangsgründe für Argumente zu finden und regelrechte Schlussfolgerungen zu ermöglichen, die geplante oder vollzogene Handlungen begründen können“(Radtke 1996, 116).Google Scholar
  9. 116.
    Erzähltexte sind indexikalisch und szenisch. Sie zeichnen sich u.a. durch die Rekapitulation von singulären „Zeit-, Orts- und Motivationsbezügen, (…) elementaren und höherstufigen Orientierungskategorien, (…) Aktivitäts- und Reaktionsbedingungen, (…) Planungsstrategien, (…) grundlegenden Standpunkt- bzw. Basispositionen und Planungs- und Realisierungskapazitäten“(Schütze 1987, 14) aus. Im Kontrast zu den folgenden Textsorten besteht zwischen den narrativen Passagen und faktischen Ereignisabläufen eine relativ starke Nähe. Hier werden „ die elementarsten Orientierungs- und Darstellungsraster für das, was in der Welt an Ereignissen und Erfahrungen aus der Sicht persönlichen Erlebens der Fall sein kann und was sich die Interaktionspartner als Plattform gemeinsamen Welterlebens wechselseitig als selbstverständlich unterstellen“(Schütze 1984, 80) erbracht. Für die Interpretation einer Lebensgeschichte sind die narrativen Passagen die wichtigsten Sequenzen, um zur biographischen Gesamtformung des Biographieträgers zu gelangen. Beschreibungstexte beziehen sich anders als die Erzählungen auf mehr oder weniger statische, routinierte Vorgänge, auf Situationen und Eigenschaften der jeweiligen Sachverhalte sowie auf psychische Situationen und ihre Veränderungen (Schütze 1977, 201ff.). Argumentationstexte sind Textpassagen, die auf der Ebene der praktischen Erläuterung und sekundären Legitimation festgehalten werden können. Sie spiegeln die Argumentationen der Befragten als plausibilisierende Handlungserläuterungen wieder und sind weder indexikalisch noch szenisch. Die Dominanz von Argumentationspassagen lässt auf einen noch nicht abgeschlossenen Verstrickungsprozess schließen.Google Scholar
  10. 121.
    Vgl. Wenzel u.a. 1999.Google Scholar
  11. 122.
    Vgl. dazu Wenzel u.a. 1999, 56f. (Triangulation), 256ff. (zusammenfassende Thesen).Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2005

Authors and Affiliations

  • Gudrun Meister

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