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Prekarisierung von Erwerbsarbeit Zur Transformation des arbeitsweltlichen Integrationsmodus

  • Klaus Kraemer
  • Frederic Speidel
Chapter
Part of the Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration book series (ANALYSEN)

Zusammenfassung

In der viel beachteten Studie Les métamorphoses de la question sociale hat Robert Castel (1995, dt. 2000) die These einer doppelten Spaltung der Erwerbsgesellschaft formuliert. Im Einzelnen diagnostiziert er eine schrumpfende „Zone der Normalität“ mit Beschäftigungsverhältnissen, die nicht frontal den Unwägbarkeiten kurzatmiger Märkte ausgesetzt sind, sondern eine stabile gesellschaftliche Existenz ermöglichen und soziale Sicherheit durch Rechtsgarantien und andere Schutzmaßnahmen gewährleisten. Dieser relativ geschützten Zone steht eine größer werdende „Zone der Entkoppelung“ gegenüber, in der sich die „Entbehrlichen“ und „Überflüssigen“ der Arbeitsgesellschaft befinden, die nicht nur temporär, sondern dauerhaft aus dem Beschäftigungssystem ausgeschlossen sind (vgl. Kronauer 2002; Franzpötter 2003). Zwischen diesen beiden Polen der Erwerbsgesellschaft hat sich Castel zufolge eine „Zone der Prekarität“ heraus gebildet, die eine Vielfalt flexibilisierter Arbeitsverhältnisse umfasst und sowohl Zeit- und Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung und marginale Selbstständigkeit als auch befristete Projektarbeit sowie Vollerwerbsarbeit im Niedriglohn-sektor umfasst (vgl. hierzu Letourneux 1998; Giesecke/Groß 2002; Vogel 2003; Noller 2003; Pietrzyk 2003; Kim/Kurz 2003). Die kontinuierliche Ausbreitung der „Zone der Prekarität“ interpretiert Castel als schleichende Rekommodifizie-rung der Arbeitskraft, da die für die fordistische Erwerbsgesellschaft noch charakteristische enge Kopplung von Berufsarbeit und sozialen Sicherheitsgarantieren aufgehoben wird.

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© VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2005

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  • Klaus Kraemer
  • Frederic Speidel

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