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Machiavellis Machttheorie. Versuch der Rekonstruktion einer bis heute verkannten grundlegenden Neuerung

  • Bernhard H. F. Taureck
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Zusammenfassung

Macht als Kategorie des Politischen findet heute neues Interesse, auch im Sinne einer Diachronie der Theorien.1 Machiavelli gilt als Begründer einer methodisch verselbständigten Konzeption von Politik. Dass dies nicht ohne eine latente oder manifeste Theorie der Macht möglich wäre, scheint evident. Nun bietet Machiavelli keine manifeste Theorie der Macht. Die reichhaltige Literatur zu Machiavelli enthält seltsamerweise kaum Versuche einer Rekonstruktion seiner latenten Annahmen zu einer Theorie politischer Macht.2 Die folgenden Überlegungen verstehen sich als eine Art erster Versuch dieses Thema einmal zu bearbeiten.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. Zum Beispiel: Il potere (1999). A cura di G. Duso. Per la storia delia filosofia política moderna. Roma: Carocci. Zu einer historisch-politischen Darstellung Machiavellis im enzyklopädischen Kontext vgl. Q. Skinner (1990) ** in: The Cambridge History of Renaissance Philosophy, ed. Charles Schmitt and Quentin Skinner. Cambridge: Cambridge University Press: S. 387–453.Google Scholar
  2. 2.
    Auch in der Empire-Studie von M. Hardt und A.Negri fehlt eine Rekonstruktion der Machtkonzeption Machiavellis. Sie wird durch die Machiavelli, Spinoza und Marx umfassende These ersetzt: „Their thought is always grounded within the real process of the constitution of modern sovereignty, attempting to make its contradictions explode and open the space for an alternative society. The outside is constructed from within.“ M. Hardt and A. Negri (2001) Empire. Cambridge: Harvard University Press, Massachusetts/London: S. 178.Google Scholar
  3. 3.
    Verf. (2002) Machiavelli-ABC. Leipzig: Reclam.Google Scholar
  4. 4.
    Übersetzt nach La Bruyère (1962) Les Caractères. Paris: Garnier, S. 146 (Du cœur 55).Google Scholar
  5. 5.
    La Bruyère verwendet in seinem Aphorismus nachweislich eine überlieferten Zeile des Komödiendichters Publius Syrus „Verhalte dich so zu deinem Freund, dass du vermutest, er könne dein Feind werden. (Ita amicum habeas, posse inimicum fieri ut putes).“ Vgl. Dazu die Fußnote von R. Garapon, aaO, S. 146.Google Scholar
  6. 6.
    Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (2000) ed. Corrado Vivanti. Torino: Einaudi I.3,I.6, I.18,I. 25,I.55. II, Proemio. III.8Google Scholar
  7. 7.
    Cicero, De divinatione 1.55.125.Google Scholar
  8. 8.
    “Der Zweck unserer Gründung ist die Erkenntnis der Ursachen und Bewegungen sowie der verborgenen Kräfte in der Natur und die Erweiterung der menschlichen Herrschaft bis an die Grenzen des überhaupt Möglichen.“ F. Bacon (1638/ 1975) Nova Atlantis. In: Der utopische Staat. Reinbek: Rowohlt, S. 205.Google Scholar
  9. 9.
    Il Principe (1995) Nuova Edizione di Giorgio Inglese. Torino: Einaudi, 118.(18.15)Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. die entsprechenden Ausführungen bei Aristoteles, Nikomachische Ethik 1140 a 1ff. und pass.Google Scholar
  11. 11.
    Il Principe (1995), S. 118 (18.15).Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Verf. (2002) Machiavelli-ABC. Leipzig: Reclam, S. 98f. (Art. Fürstenspiegel). Google Scholar
  13. 13.
    Ein Beispiel dafür bietet ein englisches Handbuch. Es reiht kontextfrei Zitate aneinander und kommentiert sie mit der Bemerkung „These are epigrams of terror“ Die Quintessenz von Ma-chiavelli soll hinauslaufen auf: „He divised a theory and a technique of illegitimate politics“. B. P. Copenhaver and Ch. B. Schmitt (1992) Renaissance Philosophy. Oxford/New York: Oxford University Press, S. 280f.Google Scholar
  14. 14a.
    F. Nietzsche (1972) Kritische Gesamtausgabe. De Gruyter: Berlin/New York. Bd. VII.2, 267ff. Nr. 11 [54]. Zu den anderen Aspekten von Nietzsches Machiavelli-Aneignung vgl.Google Scholar
  15. 14b.
    Verf. (1991) Nietzsches Alternativen zum Nihilismus. Hamburg: Junius, S. 241–261Google Scholar
  16. 14c.
    und Verf. (2000) Nietzsche und der Faschismus. Ein Politikum. Leipzig: Reclam, S. 207–223.Google Scholar
  17. 15.
    Die von P. Nitschke zusammengefasste Generallinie der Machiavelli-Deutung sieht dies anders. Ihr zufolge geht es Machiavelli um „Macht als Endzweck“, um die Reduktion des zôon Politikón auf „Machtvollzug“. Wie Macht hierbei zu denken und weshalb Machiavelli gleichwohl kein „Befürworter einer gewaltorientierten Politik“ sei, wird dabei nicht klar. Vgl. P. Nitschke (2002) Politische Philosophie. Stuttgart/Weimar: Metzler, S. 56–61.Google Scholar
  18. 16.
    Discorsi III.8.Google Scholar
  19. 17.
    Vgl. den Artikel Kontinuität/Wandel von Thomas Prüfer in: Lexikon Geschichtswissenschaft (2002). Hundert Grundbegriffe, hg. Stefan Jordan. Stuttgart: Reclam, S. 187–190.Google Scholar
  20. 18.
    Kein Interpret Machiavellis sollte von der Frage dispensiert werden, was Machiavelli vom Faschismus trennt. Machiavellis Anstößigkeit liegt in seiner Zulassung des politischen Mordes, nicht des Tyrannenmordes. Doch dies macht ihn noch nicht zu einem Präfaschisten. Grund: die Erlaubnis zu politischem Einzelmord geht einher mit ausdrücklicher Verwerfung von Massenmord (Il Principe, S. 17, ebenso Guicciardini, Ricordi, S. 8). Noch allgemeiner schließt das Prinzip korrelativer Macht Faschismus normativ aus. Die Ansicht des französischen Machiavelli-Forschers G. Sfez, Machiavelli vertrete angesichts der von ihm diagnostizierten Bösartigkeit der Menschen „une politique du moindre mal“, könnte dagegen von jeder Diktatur für sich beansprucht werden und bietet keine normative Sperre. Vgl. G. Sfez (2001) Machiavel et le mal dans l’histoire. In: G. Sfez, M. Senellart, Hg. (2001) L’enjeu Machiavel. Paris: Presses universitaires de France, S. 151–179.Google Scholar
  21. 19.
    Vgl. Matth. 6.6. Ausführlicher zum Thema der Freigebigkeit bei Machiavelli vgl. Verf. (2002), Artikel Freigebigkeit. Google Scholar
  22. 20.
    Il Principe (1995), 15.5., aaO, S. 103.Google Scholar
  23. 21.
    Vgl. C. A. J. Cody (2000) ‚Dirty Hands‘. In: N. Waburton, J. Pike, D. Matravers, Reading Political Philosophy. Machiavelli to Mill. London/New York: Routledge/The Open University, S. 59–68.Google Scholar
  24. 22.
    Dafür stehen Positionen wie die von R. M. Hare oder J. Rawls.Google Scholar
  25. 23.
    Zu Nietzsches Versuch einer Quasi-Metaphysik der Welt als Willen zur Macht vgl. aus meiner Sicht Verf. (1991) Nietzsches Alternativen zum Nihilismus. Hamburg: Junius, S. 200–240. Zu Foucault vgl. Verf. (2001) Michel Foucault. Reinbek: Rowohlt, S. 88ff.Google Scholar
  26. 24.
    I. Kant (1794/1963) Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft B34. Kant, Werke in sechs Bänden. Band IV, hg. W. Weischedel. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 685.Google Scholar
  27. 25.
    Vgl. Verf. Machiavelli-ABC (2002), Artikel Fichte, Johann Gottlieb, S. 77–79.Google Scholar
  28. 26.
    Kant (1794/1963) B 38, S. 697.Google Scholar
  29. 27.
    Machiavelli (2000) Discorsi I.3, aa0, S. 15.Google Scholar
  30. 28.
    Kant (1793/1963) B 62f., S. 703f. Machiavelli (2000) Discorsi I.3, S. 16.Google Scholar
  31. 29.
    Kant (1793/1963) B 61f., S. 703f.Google Scholar
  32. 30.
    Hinzuzufügen ist, dass Kant nicht nur eine Ethik, sondern ebenso einer Rechtslehre entworfen und beide in einer bis heute diskutierten Dualität (Ethik als Gebote der Zuwendung, Recht als Verbote der Verletzung) gehalten hat. Vgl. dazu die Darstellung (mit weiterer Literatur) und die Überlegungen von G. Irrlitz (2002) Kant-Handbuch. Leben und Werk. Stuttgart/Weimar: Metzler, S. 457–459.Google Scholar
  33. 31.
    Discorsi II.2, aaO, S. 143.Google Scholar
  34. 32.
    Discorsi I.10, dazu Verf. (2002), Artikel Caesar, S. 38–41.Google Scholar
  35. 33.
    Vgl. dazu die Fußnote von Giorgo Inglese zu Il Principe 15.4, aa0, S. 102 mit expliziten Hinweisen auf Negationen Piatons bei Palimieri, Vettori und Guicciardini.Google Scholar
  36. 34.
    Discorsi II.l2, aa0, S.41Google Scholar
  37. 35.
    Il Principe (1995), S. 118 (18.14).Google Scholar
  38. 36.
    Il Principe (1995), S. 63 (9.2).Google Scholar
  39. 37.
    Discorsi (2000), S. 19(1.15).Google Scholar
  40. 38.
    Machiavelli (1998) Tutte le opere. Roma: Newton, S. 504, Istorie florentine II.12.Google Scholar
  41. 39.
    Vgl. für die Alleinherschersicht: Il Principe (1995), S. 119 (18.18). Für die Sicht des Volkes: Istorie florentine, aa0, S. 521 (II.34).Google Scholar
  42. 40.
    Vgl. T. Ball (1995) Power. In: A Companion to Contemporary Political Philosophy, ed. R. E. Goodin/Ph.Pettit. Oxford: Blackwell, S. 548–558.Google Scholar
  43. 41.
    Aristoteles, Metaphysik 9.2. 1046b 4–8. Vgl. dazu und im Unterschied zu Platon: W. Bröcker (1967) Platos Gespräche. Frankfurt am Main: Klostermann, S. 56.Google Scholar
  44. 42.
    Il Principe 15.6, aa0, S. 103.Google Scholar
  45. 43a.
    Zum Thema der virtù bei Machiavelli ist Unzähliges geschrieben worden. Zu einem Überblick vgl. Verf. (2002), Artikel Virtù, S. 227–231. Nicht unpassend übersetzt Kurt Flasch virtù daher mit Gestaltungskraft. K. Flasch (1986) Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli. Stuttgart: Reclam, S. 579.Google Scholar
  46. 43b.
    Zu einer philosophischen Rekonstruktion des Habitus-Begriffs von der Antike bis Bourdieu, an die auch noch Machiavelli anschlussfähig wäre, vgl. die hilfreiche Studie von P. Nicki (2001) Ordnung der Gefühle. Studien zum Begriff des habitus. Hamburg: Meiner.Google Scholar
  47. 44.
    Discorsi (2000), S. 65 (1.25).Google Scholar
  48. 45.
    Vgl. Platon, Politeia 389 b.Google Scholar
  49. 46.
    Der Satz des Thomas von Aquin modus operandi uniusque rei sequitur modum essendi ipsius (Summa theologiae q 89, a 1) wird von Machiavelli politisch obsoletiert.Google Scholar
  50. 47.
    Vgl. Verf.(2002), Artikel Machiavelli für Manager und Machiavellifor women. Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Bernhard H. F. Taureck

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