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Moralische Entwicklung und Macht

  • Tilmann Sutter
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Zusammenfassung

Was ist Gehorsam? Wie weit gehen die Möglichkeiten, Menschen in machtgesteuerten Beziehungen zu Gehorsam anzuhalten? Wie weit sind Menschen bereit, sich gegenüber Macht und Autorität in Gehorsam zu beugen und dabei eigene Verantwortlichkeiten und Überzeugungen beiseite zu schieben? Welchen Schutz bietet die jeweils entwickelte Moral gegen blinden Gehorsam? Beispiele, in denen Menschen moralische Gesichtspunkte der Unterordnung unter Zwänge aller Art opfern, gibt es genug. Dass wir hierbei keinesfalls bloß an vergleichsweise extreme Situationen, an Kriege etwa, zu denken haben, sondern auch wesentlich harmlosere Verhältnisse betrachten können, haben auf bemerkenswerte Weise die klassischen Studien von Stanley Milgram (1982) zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität gezeigt. In diesen Experimenten wurden die Probanden von einem Versuchsleiter angehalten, einer Person Wortfolgen vorzulesen, welche diese zu lernen hatte, und dem „Schüler“ im Falle von Fehlern immer stärkere Stromstöße zu verabreichen. Beginnend mit 15 Volt wurden die Stromstöße in 30 Schritten bis zu einer lebensbedrohlichen Stärke von 450 Volt gesteigert. Auf der einen Seite versicherte der Versuchsleiter, ein Wissenschaftler der Yale-Universität, dass die Stromstöße letztlich keine dauernden Schäden verursachen würden, dass der Versuch unbedingt bis zum Ende durchgeführt werden müsste und er die Verantwortung übernehmen würde. Auf der anderen Seite waren die Qualen des Opfers bis hin zur Gefahr für Leib und Leben für die Probanden deutlich zu vernehmen.

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