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Inklusion und Exklusion in der kapitalistischen Produktionsweise

  • Max Koch

Zusammenfassung

Ausgangspunkt dieses ersten Kapitels ist Karl Marx’ Behandlung des kapitalistischen Arbeitsmarkts unter dem Gesichtspunkt der Auslastung des in einem gegebenen Wirtschaftsraum verfügbaren Beschäftigungskörpers (1.1). Danach werden die Interaktion zwischen Wirtschaft und Staat (1.2) und die internationale Arbeitsteilung (1.3) in die Untersuchung aufgenommen, und es wird gefragt, welche neuen Bestimmungen sich jeweils für das Verständnis gesellschafdicher Kohäsion ergeben. Dieses Kapitel verbleibt in dem Sinne auf einem abstrakten Niveau, als von nationalen Besonderheiten der arbeitsmarktpolitischen Regulation abgesehen wird. Nicht nur für die Theoriebildung, sondern durchaus auch für eine effiziente Implementation von Regulationsstrategien ist aber die Frage relevant, ob wir von einer der kapitalistischen Produktionsweise inhärenten Dialektik von Akkumulation und Beschäftigungsentwicklung auszugehen haben.

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Notes

  1. 2.
    Dem Surpluskonzept kommt vor allem im Bezugsrahmen der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, an die im Folgenden angeknüpft werden soll, höchste Priorität zu. Dass dies auch für Webers Klassentheorie gilt, zeigt Jürgen Ritsert (1998).Google Scholar
  2. 3.
    Flexibilität kann auf verschiedenen Wegen entstehen. Zur Frage, „wer oder was...“ im kapitalistischen Betrieb „flexibel sein“ kann, vgl. Ganßmann 2000: 91 ff..Google Scholar
  3. 4.
    Dass die Kämpfe zwischen Arbeit und Kapital um Umfang und Einsatz der Arbeitszeit auch im neuen Jahrhundert zu den erstrangigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zählen, zeigen Meissner et al. (2000).Google Scholar
  4. 5.
    Ob die „notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit“ einen unabhängig von ihrem Preis zu bestimmenden und empirisch identifizierbaren „Wert“ verkörpert, ist umstritten. Vgl. für einen Überblick zum „Transformationsproblem“ von Werten und Preisen Heinrich 1999.Google Scholar
  5. 6.
    Marx war nicht der erste politische Ökonom, der die Entstehung von Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung im Zusammenhang mit dem Akkumulationsprozess des Kapitals thematisierte. Neben John Barton, Richard Jones und George Ramsay nennt Marx vor allem David Ricardo, von dem der Begriff der redundant population, einer Art überflüssigen Restgesellschaft, stammt (vgl. MEW 23: 660).Google Scholar
  6. 7.
    Vgl. die gelungene Rekonstruktion der Malthusschen Bevölkerungstheorie von Ursula Ferdinand (1999).Google Scholar
  7. 9.
    Anders steht die Sache, wenn der Produktionsprozess als Verwertungsprozess betrachtet wird. In dieser Bestimmung steht er der Verausgabung konkret-nützlicher und spezifisch qualifizierter Arbeitskraft gleichgültig gegenüber, und die „Selbstverwirklichung durch selbstbewusste Verausgabung der körperlichen und geistigen Kräfte“ (ebd.:49) wird zum nachgeordneten Moment.Google Scholar
  8. 10.
    Eine beidseitige Abhängigkeit zu konstatieren, heißt nicht notwendig, von einem symmetrischen Kräfteverhältnis auszugehen. Ganßmann verweist auf sechs Tatbestände, die für einen strukturellen Vorteil der Unternehmerseite sprechen (Ganßmann 1999: 100 ff., vgl. auch die dort zitierte Literatur): a) Nur die über Geld verfügenden Unternehmer- nicht aber die Arbeiter- können durch ihr Ausgabe-und insbesondere ihr Investitionsverhalten das Aktivitätsniveau der Wirtschaft bestimmen; b) Unternehmer können Arbeiter mieten. Umgekehrt können aber Arbeiter aufgrund ihrer eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten zu Krediten nur selten Kapital mieten; c) Lohnsenkungen führen dann zur Deflation, wenn die Preisentwicklung primär durch die Reallöhne bestimmt wird. Ist einmal ein Überangebot von Arbeitskräften vorhanden, lässt es sich nicht auf dem marktüblichen Weg — durch Preissenkung — beseitigen. Den Arbeitslosen ist dann der Zugang zum Arbeitsmarkt noch zusätzlich verstellt: sie können ihre Arbeitskraft selbst dann nicht verkaufen, wenn sie Lohnsenkungen hinzunehmen bereit wären; d) die Arbeitskräfte können in eine Zwangssituation geraten, wenn Vollbeschäftigung nur bei einer Lohnhöhe erreicht wird, mit der das Subsistenzniveau unterschritten wird; e) die Zeitspanne, mit der die Arbeitsmarktparteien im Konfliktfall durchhalten können, ist unterschiedlich. Unternehmer verfügen normalerweise über mehr Ressourcen und sind somit im Vorteil; f) aufgrund eines dauerhaften Überangebots von Arbeitskräften, sei es infolge eines überproportionalen Bevölkerungswachstums, sei es aufgrund einer die Realabsorption übersteigenden Freisetzung von Arbeitskräften.Google Scholar
  9. 12.
    Anders als im bürgerlichen Recht war es ein Moment des römischen Rechts, dass „der servus... als einer bestimmt (ist), der nicht durch den Austausch erwerben kann.“ (Grundrisse: 911)Google Scholar
  10. 13.
    Die Unterdrückung der Frauen durch die Männer beispielsweise stellt eine historische Konstante dar. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sich die Stellung der Frauen im Übergang von feudalen zu kapitalistischen Verhältnissen entscheidend verändert. Ursula Beer (1990) beschreibt, wie die Entstehung der kapitalistischen Gesellschaft, von Lohnarbeit, staatsbürgerlicher Freiheit, Demokratie und Staat ein „kapitalistisches Patriarchat“ hat entstehen lassen, in dem sich die Inhalte und die Mechanismen der Unterdrückung wie die Bedingungen ihrer Aufhebung transformiert haben. Joachim Hirsch (1995: 25) ergänzt, dass erst mit der Besonderung des kapitalistischen Staats jener Gegensatz zwischen „Öffentlichkeit“ und „Privatheit“ hervorgebracht wurde, der „als einer der entscheidenden Mechanismen geschlechdicher Unterdrückung betrachtet wird...“.Google Scholar
  11. 14.
    Ein Musterbeispiel für die von Jürgen Ritsert (1998) so genannte „institutionalisierte Form des Aneinandervorbeiredens“ in der deutschen Sozialstrukturdiskussion findet sich in dem häufig vorgebrachten Einwand, die Klassenstruktur zeige sich nicht deutlich genug auf der Ebene von Wahlentscheidungen. Dieser Vorwurf kann nur eine Klassentheorie treffen, die von einer direkten Repräsentation der Klassenverhältnisse auf der politischen Bühne ausginge — eine Position, die nach meiner Kenntnis von niemandem vertreten wird.Google Scholar
  12. 15.
    Der topographische Begriff „Süden“ hat mittlerweile die Kategorie des Sozialen angenommen. Der Begriff „neuer Süden“ ist von Fred Scholz (2000: 13) eingeführt worden, um auszudrücken, dass der Begriff Peripherie dabei ist, „seine drittweltliche Verortung“ zu verlieren. Die neue internationale Arbeitsteilung schließt keineswegs aus, dass bestimmte Regionen „in die Welt der globalen Orte aufsteigen oder immer wieder neue Personen, Personengruppen und Unternehmen erfolgreich sein und zu den global players aufschließen können.“ Strukturell bleibt diese Option gleichwohl nur wenigen vorbehalten. Mehrheidich kann dieser neue Süden „als Absatzmarkt für Gebrauchtwaren aller Art und von Billigerzeugnissen dienen, gelegendich von Almosen und Katastrophenhilfe profitieren und Ziel militärischer Befriedungsaktionen sein. Auch mag er als abrufbarer Lieferant mineralischer und agrarischer Rohstoffe sowie vereinzelt von Spezialisten, Hochleistungssportlern, exotischen Frauen und seltenen Haustieren sowie als touristisches Tummelfeld fungieren. Mehrheitlich wird diese ausgegrenzte Restwelt, der neue Süden, jedoch abgekoppelt und weitgehend sich selbst überlassen bleiben. Er wird sich an seinen internen Widersprüchen aufreiben, an seiner Morbidität zerbrechen, unter Gewalt, Armut und Rückständigkeit leiden.“Google Scholar
  13. 16.
    Wenn auch die Existenz und Reproduktion von Arbeitsmarktmarginalisierung eine strukturelle und insofern allgemeine Begleiterscheinung der Akkumulation von Kapital ist, so weist Marx selbst darauf hin, dass sich dieser Zusammenhang nur in Abhängigkeit „mannigfacher Umstände“ geltend mache, „deren Analyse nicht hierher“, sprich: in „Das Kapital“und die Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise gehöre (vgl. MEW 23: 674).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Max Koch

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