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Übersicht

Dieses Kapitel beginnt mit Überlegungen zur scheinbaren Freiheit des Anfangs. In gerafften Darstellungen wird die Geschichte der Erde gern auf das Zifferblatt einer Uhr projiziert. Darin besetzt die Entwicklung der Wissenschaft einen Bruchteil der letzten Sekunde. Der Blick auf die zurückliegenden Perioden lehrt, daß wir nur sehen, was wir verstehen. Manche vermuten hinter der verstandenen Realität ein tieferes Wesen, dessen Zeichen zu lesen wir lernen können. Diesen wesensgläubigen Essentialisten stehen die agnostischen Kognitivisten gegenüber, die alle Wahrnehmungen der Realität nur der eigenen (kognitiven) Leistung zurechnen. Das führt zur Idee der ‘erfundenen Wirklichkeit’ oder zumindest der selbstkonstruierten Realität. Beruht diese Konstruktion auf biologischer oder auf kultureller Grundlage?

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Literatur

  1. 103.
    So beispielsweise Schmidt Der Radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs, darin besonders Abschnitt 2 „Grundzüge einer konstruktivistischen Kognitionstheorie“, in S. J. Schmidt 1987: 13–21. Ausgangspunkt für Schmidt ist der physiologische Befund, „daß Wahrnehmung sich nicht in den Sinnesorganen vollzieht, sondern in spezifischen sensorischen Hirnregionen.“Er zitiert dazu den Biologen Gerhardt Roth: „Wahrnehmung ist demnach Bedeutungszuweisung zu an sich bedeutungsfreien neuronalen Prozesse, ist Konstruktion und Interpretation.“In Schmidt 1987:14.Google Scholar
  2. 104.
    Diese Richtung hat sich speziell mit der aktiven Rolle des Erkennenden im Erkenntnisprozeß beschäftigt, der deshalb als Konstruktion der zu erkennenden Realität verstanden wird. Das konstruktivistische Interesse gilt deshalb allen am Wahrnehmen und Erkennen beteiligten Prozesse, insbesondere der Kognition, sowie der Sprache als entscheidendem Instrument des Denkens und Erkennens. Diese Richtung hat sich daher insbesondere mit den sprachlichen Aspekten eines konstruktiven Aufbaus der Wissenschaft beschäftigt. Die Konstruktion des sprachlichen Instrumentariums für die Wissenschaften steht im Zentrum der konstruktivistischen Wissenschaftstheorie, die an die Ergebnisse der sprachanalytischen Wende in der Sprachphilosophie anknüpft. Eine der Grundaxiome ist, daß die Wissenschaften in der vorwissenschaftlichen Lebenswelt verankert ist. In Deutschland knüpfte die von Paul Lorenzen begründete Erlanger Schule an Wittgensteins Idee der Sprachspiele an, mit dem Ziel eines vollständigen und widerspruchsfreien Begründungsmodell für sämtliche Bereiche der Wissenschaft.Google Scholar
  3. 105.
    Neben Kamlah/Lorenzen 1967 siehe Überlegungen über Die Hintergeh barkeit der Sprache von Lorenz/Mittelstraß in Kant-Studien 58/1967; oder auch M. Weingarten übet Anfänge und Ursprünge in Hartmann/Janich 1996: 285–314.Google Scholar
  4. 106.
    Singularität bedeutet, daß die Theorie Bezüge auf Bereiche enthält, in denen die Feldgesetze (allgemein die physikalischen Gesetze) nicht gelten; vgl. Einstein in Schilpp(Hg.)1979:501.Google Scholar
  5. 107.
    Man kann an dieser Stelle an die berühmte Datierung des Weltbeginns durch James Ussher erinnern (Erzbischof von Armagh, Primas der protestantischen Kirche von Irland). Sie ist in seinen Annalen (erschienen in zwei Bänden 1650 und 1654) enthalten: Am Mittag des 23. Oktober 4004 schied Gott das Licht von der Finsternis. Dieses Datum ergibt sich aus dem genauen Studium der biblischen Angaben. 480 Jahre vor dem Tempelbau führte Moses die Israeliten aus Ägypten heraus; aufgrund vorheriger Berechnungen ergibt sich daraus das Jahr 1492. Rechnet man weiter zurück, so ergibt sich für Abrahams Wanderung das Jahr 1992. Abraham stammt direkt von Noah ab, von Noah führt die Genealogie weiter bis zu Adam. Dieser wurde im Alter von 130 Jahren zum ersten Male Vater, das war 3874. Die Erschaffung der Welt fiel begab sich also im Jahre 4004. Nach jüdischer Tradition beginnt das Jahr im Herbst, der erste Wochentag ist der Sonntag. Da Ussher den Julianischen Kalender zugrunde legte, fiel der erste Sonntag der Tag- und Nachtgleiche im Jahre 4004 auf den 23. Oktober. Dies ist der Tag der Schöpfung. (Quelle für diese geraffte Darstellung ist ein Beitrag von Patrick Bahner in der FAZ vom 25. Oktober 1997.)Google Scholar
  6. 108.
    Zahlenangaben beispielsweise bei Stephen Jay Gould 1987 (insbesondere Kapitel 31: Weite der Zeit) sowie Gould Tiefenzeit, 1990. Naturwissenschaftlich exakte Zahlen (nach heutigem Wissen) liefern Weinberg 1977 oder Davies 1997, Kapitel 5 (Anfang der Zeit), zusammen mit allen Argumenten, die gegen die exakte Altersbestimmung des Universums sprechen. Ein Zitat daraus: „Wir müssen offenbar mit dem absurden Schluß leben, daß das Universum (im Ganzen) jünger ist, als einige seiner Bestandteile.“(182). Diese Absurdität hängt von den Zahlen ab, die in die kosmologische Modelle eingesetzt werden, insbesondere von der Größe der sogenannten Hubble-Konstanten für die Fluchtgeschwindigkeit der Galaxien aufgrund des kosmischen Expansion.Google Scholar
  7. Aber welche Bedeutung haben diese Zeitmodelle für unsere Kultur? Dazu Edgar Ziilsel über Geschichte und biologische Evolution (1976: 212–219): „… einige populäre Bücher über die Geschichte der Welt durchkreuzen die Trennungslinie und Sozial- und Naturwissenschaft. Sie beginnen mit dem Anfang des Sonnensystems, beschreiben die Entwicklung der Erdkruste und des Lebens, wenden sich der prähistorischen Zivilisation und dem alten Ägypten zu und enden schließlich bei der Geschichte der Gegenwart. Es ist auffällig, daß diese Ausführungen um so detaillierter werden, je näher sie ihrem Ende zugehen. Am Anfang beschreiben sie den Zeitraum von 10 Millionen Jahren, am Ende den von zehn Monaten.“(S. 212). Zilsel zeigt dann, daß diese Art der ‘unprofessionellen’ Betrachtung verschiedene Ebenen durcheinanderwirft. Die Geschichte hat ihre besondere Ebene, die einem bestimmten Zeitmaß entspricht — eine Betrachtungslänge, die sich aus dem inneren Entwicklungsmaß der Kultursysteme und ihrer Traditionen ergibt. Der kosmische Rhythmus ist ein anderer, der mit ganz anderen Zeitmaßstäben rechnet, die uns menschlich fremd sind und trotz allen Bemühens auch für immer unanschaulich bleiben. Auf der anderen (uns näheren) Seite der Geschichte stehen die Sozialwissenschaften, deren Rhythmen das spontane Handeln des Menschen in seiner Welt der modernen Sozialsysteme einschließt, das bis zu Bruchteilen von Sekunden gegliedert ist — eine Entwicklung des ‘beschleunigten Welterlebens’, das in der Renaissance einsetzt, seine volle Ausprägung aber erst durch den industriellen Prozeß erfährt. Siehe dazu die Darstellung von Paul Davies 1995 aus Sicht der Naturwissenschaft sowie jene von Norbert Elias 2 /1969 von Seiten der Kultur; dazu auch als Ergänzung dazu Gleichmann/Goudsblom/Korte: Materialien, 1979.Google Scholar
  8. 109.
    „Der Blick in den Brunnen der Geschichte ist tief…“So beginnt Thomas Mann den Roman Joseph und seine Brüder. Frankfurt (Fischer) 1969.Google Scholar
  9. 110.
    Siehe als typisches Produkt in hoher Vollendung Slawik/Reichert Atlas der Sternbilder, Berlin/Heidelberg: Spektrum, 1998.Google Scholar
  10. 111.
    Als Grundlage dazu Redaktion Spektrum Akademischer Verlag (Hrsg.): Verständliche Forschung: Gehirn und Nervensystem. Woraus sie bestehen. Wie sie funktionieren. Was sie leisten. Heidelberg, 1988; ders.: Verständliche Forschung. Signale und Kommunikation. Heidelberg, 1993.Google Scholar
  11. 112.
    Gould 1990: 15.Google Scholar
  12. 113.
    Die beste Übersicht darüber, wie man auf den Schultern von Riesen sitzt, samt aller dabei auftretender Probleme und akrobatischer Leistungen („sie standen einander auf den Schultern“oder „sie stehen auf den Schultern der Riesen, neben denen sie sitzen“) gibt Robert K. Merton 1980 mit 46 Variationen über das berühmte Glasmosaik von ‘Zwergen auf den Schultern von Riesen’ in der Kathedrale von Chartres.Google Scholar
  13. 114.
    „Ich betrachtete den Text vor mir mit einer Niedergeschlagenheit, die ich mit keinem anderen Gefühl besser vergleichen kann, als mit dem trostlosen Erwachen eines Theorienschreibers aus seinem Formulierungsrausch, dem bitteren Zurücksinken in die graue Empiriewirklichkeit, wenn der verklärende Hypothesenwahn unerbittlich zerrissen wird. Es war ein frostiges Erstarren, ein Erliegen aller Schöpferkraft — kurz eine hilflose Traurigkeit der Gedanken, wie sie sich in unzähligen wissenschaftlichen Abhandlungen und Aufsätzen manifestiert.“Edgar Allan Poe Der Untergang des Hauses Usher. In Gesammelte Werke, Berlin (Propyläen) o. J. Bd 2: 111, in einer Adaptation von Hosode.Google Scholar
  14. 115.
    Die Vorstellung, daß die Sterne die Buchstaben Gottes seien, war noch zu Zeiten Luthers weit verbreitet und die Grundlage der Astrologie. Luther selbst war ein Gegner des „astrologischen Unfugs“, aber sein Lehrer und Kollege, Philipp Melanchthon, Theologus Viuttenbergae, war ein großer Anhänger der wissenschaftlichen Astrologie, der viele Horoskope erstellen ließ, sie mit erklärenden Anmerkungen versah, Vorlesungen über das astrologische Lehrbuch des Ptolemäus hielt und versuchte, Geschichte und Zukunft astrologisch zu entziffern. Grundlage dafür war seine Überzeugung, Gott habe seine Pläne im voraus im Himmel und ‘an die Himmel’ geschrieben. Dieser Glaube war auch den Fürstenhöfen weit verbreitet, die durchweg ihre Hofastrologen beschäftigten (Kepler, Brahe), ebenso hatten die Universitäten Professoren, die astrologische Vorlesungen hielten.Google Scholar
  15. 116.
    Diese Auffassung des Menschen, sich selbst für die Quelle des Sinns der Welt zu halten, hat das Mittelalter noch verworfen. Augustinus verurteilt es als sündhaften Versuch des Menschen, sich selbst zum Mittelpunkt der Welt zu machen. Mt der Befreiung von der Scholastik wird auch diese fundamentalistische Strenge mit ihrer Orientierung an bestimmten autoritativen Leitbildern gelockert, und es wird mehr und mehr eine individualistische und empirische Auffassung vertreten. Diese Entwicklung (seit Roger Bacon und Wilhelm von Ockham) wird wesentlich durch die Gründung der Universitäten gefördert, die zur Lösung der Philosophie und Wissenschaften von den Klosterschulen und Bischofssitzen führt, wobei diese „Befreiung der Lehre“wiederum mit der zunehmenden Lehrtätigkeit der großen Ordensgemeinschaften, der Dominikaner und Franziskaner, zu tun hat, die in vielen rallen der päpstlichen Lehrmeinung widersprachen und daher Zuflucht und Schutz in den großen Städten und bei weltlichen Herren suchten. Siehe dazu allgemein Sloterdijk/Macho 1991; philosophiehistorisch Russel 1992: 190ff.Google Scholar
  16. 117.
    Siehe dazu G. Böhme Am Ende des Baconschen Zeitalters, 1993, Teil II, Kapitel 2, Die Bildung des wissenschaftlichen Gegenstandes (50ff.). Böhme reflektiert u. a., daß Wissenschaft nicht von der Wirklichk eit ausgeht, sondern von Daten, die ihrerseits im Lichte von Theorien entstehen und besondere Verfahren oder Meßeinrichtungen (wie beispielsweise Waagen) voraussetzen. Daten sind nicht Von Natur aus’ mit einander verknüpft, aber sie können methodisch miteinander verknüpft werden, und aus dieser Verknüpfung entstehen dann die Gegenstände, denen aie weiteren Erfahrungen zugerechnet werden.Google Scholar
  17. Aber stimmt es wirklich, daß Beobachtung von Daten ausgeht? Wir formulieren gerne so; wir sprechen von den ‘Sinnesdaten’, von denen all unsere psychophysischen Erfahrungen ausgehen. Und doch ist das alles möglicherweise nur façon de parler — denn was rechtfertigt die Annahme, die Welt bestehe primär aus Daten? Aus welchen Daten? Die gemeinten Daten werden von Programmen erzeugt und von Programmen verarbeitet; und diese Programme sind biologisch in uns angelegt und von evolutionär späteren Strukturen überlagert. Auch die Wissenschaft ist insofern nur ein Programm, welches die Daten erzeugt, die sie verarbeitet.Google Scholar
  18. 118.
    Diese These stammt nicht aus dem Konstruktivismus, sondern aus dem Futurismus, genauer gesagt, aus der Periode der sechziger Jahre, in der die Zukunftsforschung entdeckt wurde. Möglicherweise ist Dennis Gabor (ein späterer Physik-Nobelpreisträger) mit seiner Theorie der „normativen Prognose“der Begründer der genannten These gewesen, die bei ihm noch die Form hatte: „Die Zukunft erfinden! “(Gabor, Inventing the Future, 1963, dtsch 1969).Google Scholar
  19. 119.
    Luhmann hat die Theorie hinreichend allgemein angelegt, um sie als allgemeine Theorie der gesellschaftlichen Beobachtung zu entwickeln. Aber das läßt sich hier nicht nachvollziehen; der Bericht beschränkt sich auf die Theorie der wissen-schaftlichen Beobachtung.Google Scholar
  20. 120.
    In diesem Bericht wird der Begriff des Sozialsystems als der allgemeinere und der Begriff des Handlungssystems als der speziellere verwendet (also anders als bei Parsons). Handlungssysteme sind Teilklassen von Sozialsystemen — und zwar deswegen, weil sie speziellere Operationen verwenden; mehr dazu in Teil 3 — Systemtheorie. Google Scholar
  21. 121.
    ‘Realität insgesamt’ ist die kognitive Realität — im Gegensatz zur ontischen Realität, zu der Erkenntnis über Beobachtung keinen Zugang hat.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Jensen Stefan

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