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Beobachtung, Wissen, Erkenntnis

  • Jensen Stefan

Übersicht

Die Frage: Was können wir wissen? bezieht sich auf das Problem der begründeten Erkenntnis. Was ist und woher stammt Erkenntnis? Der Konstruktivismus definiert Erkenntnis über die kognitiven Operationen von Beobachtern. Diese erzeugen eine besondere kognitive Realität, die zwischen den ‘klassischen’ Erkenntnisbereichen (Innenwelt/Außenwelt) vermittelt. Neuerdings tritt neben das ‘klassische’ Erkenntnisproblem die Frage nach dem empirischen Aufbau des menschlichen Wissens: Wie kommt der Mensch zu seinem Wissen? Ihr wendet sich die Kognitionsforschung zu. Sie ist Teil des Programms der ‘naturalisierten Erkenntnis’.

Man hat also zwei erkenntnistheoretische Linien zu verfolgen — das klassische Begründungsproblem, in der es um die Methodologie der kognitiven Operationen geht, und die postklassische Erkenntnisforschung, die empirische Aspekte der Kognition einbezieht. Kognitionsprozesse liefern zunächst nur die ‚rohen‘ Daten, die symbolisch kodiert und in der anschließnden Kommunikation systemisch prozessiert werden müssen, um gesellschaftliche Erkenntnis zu erzeugen. Daraus folgt, daß an den Prozeß der Kognition — das Wissen über den Aufbau der Wahrnehmungswelt — weitere Prozesse anschließen müssen, die aus diesem kognitiven Wissen eine (philosophisch vertiefte) Erkenntnis machen. Wahrnehmung und Kognition sind zwar die konditionale Basis für das Erkennen der Umwelt, aber ihre empirische Erforschung reicht nicht aus, um Erkenntnis kulturell zu erklären. Der Konstruktivismus muß zu einer Theorie der systemischen Prozesse ausgebaut werden, aus denen im Zuge von Wahrnehmungskommunikation gesellschaftliche Beobachtungen entstehem. Das ist auch tatsächlich in der Entwicklung des Konstruktivismus geschehen, und der Darstellung dieser Entwicklung wird sich der Bericht nunmehr zuwenden.

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Literatur

  1. 78.
    „Wissen ist durch Symbole vermittelter Glaube“ (Santayana, wie schon zitiert, in Hampe/Maaßen 1991: 78).Google Scholar
  2. 79.
    Als Einführung Arthur Arthur Das neue Denken der modernen Physik, 1957.Google Scholar
  3. 80.
    Dazu Pais 1995: 143; 172.Google Scholar
  4. 81.
    Philosophiehistorisch sei an Epikur erinnert, der naturphilosophischen Theorien für hypothetisch ansah und zugleich eine instrumentalistische Auffassung wissenschaftlicher Theorien vertrat. Vgl. Röd, Bd. I (1994) 194.Google Scholar
  5. 82.
    Siehe Alan Musgrave Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus, 1993.Google Scholar
  6. 83.
    „Der Name Erkenntnistheorie stammt aus erst aus dem 19. Jahrhundert: Ernst Reinhold… spricht 1832 von «Theorie der Erkenntnis», der Philosophiehistoriker Eduard Zeller 1862 von «Erkenntnistheorie».“Quelle Kropp 1950: 9. Aber da nicht die Bezeichnung entscheidend ist, sondern ‘die Sache selbst’, hier also die besondere Art der auf ‘Erkennen der Erkenntnis’ gerichteten Philosophie, muß man an die „kopernikanische Wendung“ erinnern, als welche ‘die Reflexion der Erkenntnistheorie auf sich selbst’ von Kant charakterisiert wird: Sie liegt in der Abwendung von einem ontologisch-metaphysischen Denken und der Hinwendung zum epistemischen Denken: Wie gewinnt der erkennende Geist Erkenntnis? Die ‘epistemische Wendung’, die Kant beschreibt, nimmt einen langen historischen Anlauf, denn schon in der Spätantike und zu Beginn des Mittelalters wird immer wieder gefragt, womit denn Erkenntnis vollzogen werde — also nach dem menschlichen Geist. Was wir rückblickend als Mentalismus identifizieren, beginnt durchaus nicht erst mit Descartes, aber erst bei ihm wird diese Idee in den Geist-Körper-Dualismus gefaßt, der seitdem Grundlage fast aller Erkenntnisüberlegungen ist. Siehe als knappe Skizze Rorty Spiegel der Natur, 1987: 149ff.Google Scholar
  7. 84.
    Dazu ein Zitat: „In der gegenwärtigen Wissenschaftstheorie schwimmen verschiedene Methodologien herum; sie unterscheiden sich alle in beträchdichem Ausmaß von dem, was man im 17. Und 18. Jahrhundert unter>Methodologie<verstand. Man hatte damals die Hoffnung, daft eine Methodologie einem Wissenschaftler mechanische Regeln zur Lösung von Problemen an die Hand geben würde. Diese Hoffnung ist heute aufgegeben: Moderne Methodologien oder>Forschungslogiken<bestehen bloß noch aus einer Reihe von (nicht sehr eng geknüpften und keinesfalls mechanischen) Regeln zur Einschätzung [appraisa] fertiger, schon artikulierter Theorien…“Das Zitat stammt von Imre Lakatos: Die Geschichte der Wissenschaft und ihre rationalen Rekonstruktionen. In: Werner Diederich: Theorien der Wissenschaftsgeschichte. Beiträge zur Diachronischen Wissenschaftstheorie. Frankfurt/Main (Suhrkamp, Theorie) 1974: 55–119; Zitat S.Google Scholar
  8. 85.
    Dazu Richard Milton 1996.Google Scholar
  9. 86.
    Vgl. die Erklärungen Reichenbachs (1968: 197f) über die Dualität von Wellen und Korpuskeln in der Theorie (zunächst des Lichts, dann allgemein) der Materie. Zitat: „Was für einen Sinn hat es, wenn man sagt, daß die Materie sowohl aus Teilchen als auch aus Wellen bestehe? Zwar war die mathematische Theorie vorhanden, doch ihre Interpretation bereitete große Schwierigkeiten. Hier haben wir ein Beispiel für die verhältnismäßige Unabhängigkeit des mathematischen Formalismus; die mathematischen Symbole führen sozusagen ihr eigenes Leben und liefern richtige Ergebnisse…“ an dieser Stelle muß man sinngemäß gleich, aber etwas präziser als im Original fortfahren: „ehe der Physiker ihren physikalischen Sinn versteht und eine physikalische Semantik entwickelt, mit der er diese Symbole handhabt.“ Die Beschreibung der Wirklichkeit erfolgt immer in einer besonderen Semantik, die entwickelt sein muß, ehe es ein Begreifen der Tatsachen gibt, die im Lichte dieser Semantik erscheinen. Siehe dazu auch die passende Stelle bei Weizsäcker 1994: 501, wo dieser zu einer ähnlichen Frage sagt: „Die mathematische Theorie war doch schon abgeschlossen, was fehlte denn noch? In der Sprache des gegenwärtigen Buches kann man antworten: es fehlte die physikalische Semantik“ Erst in der Theorie erscheint die Realität, denn “erst die Theorie entscheidet, was beobachtet werden kann”, sagt Werner Heisenberg (zitiert Von Weizsäcker, a.a.O.)Google Scholar
  10. 87.
    Gibt es Operationen, die aus diesem geschlossenen Zusammenhang hinausführen? Der ‘ältere’ Konstruktivismus glaubte das. Symbolische Operationen sollten durch methodische Verfahren ergänzt werden, durch reale Konstruktionen auf Basis physischer Operationen. Darauf geht der Bericht noch ein.Google Scholar
  11. 88.
    PopperLogik der Forschung, 1934.Google Scholar
  12. 89.
    Luhmann -Legitimation durch Verfahren, 1969. Der Band enthält u. a. auch sehr lesenswerte Partien über den Begriff des Sozialsystems und die Abgrenzung verschiedener Typen von Handlungssystemen.Google Scholar
  13. 90.
    Zum Projekt des Naturalismus siehe Bieri Analytische Philosophie des Geistes, 1997.Google Scholar
  14. 91.
    Umwelt ist ein biologischer Begriff, der auf Jacob von Uexküll 1928 zurückgeht (Theoretische Biologie, Berlin 1928, hier zit. nach der Suhrkamp Ausgabe von 1973); siehe insbesondere Kap. 8, Abschnitt Welt und Umwelt, 334rf. Der Ausdruck wird hier aber in einem allgemeinen Sinne verwendet.Google Scholar
  15. 92.
    Diese Begriffe sind in dieser Form Hypostasierungen: Weder ‘der Mensch’ noch ‘die Gesellschaft’ können direkt als Beobachter auftreten. Mit Erklärungen, was ein Beobachter ‘eigentlich’ ist, wird sich der Bericht nicht aufhalten; die relevante Einheit ist die Beobachtung, genauer gesagt: die Operation Beobachtung. Google Scholar
  16. 93.
    Im Gegenteil: Um von Wahrnehmungsstrukturen in Lebewesen sprechen zu können, müssen Wahrnehmung’ und ‘Lebewesen’ bereits als Gegebenheiten der Außenwelt vorausgesetzt sein. Die weiteren Befunde, die sich aus dieser Annahme ergeben, können aber dann hinterher nicht dazu dienen, die Annahme der Außenwelt zu rechtfertigen.Google Scholar
  17. 94.
    Der vorliegende Bericht gibt nicht nur eine Übersicht den Konstruktivismus und seine Strömungen, sondern er enthält auch eine Stellungnahme zugunsten des systemischen Konstruktivismus, den vor allem Luhmann geschaffen hat. Dieser systemische Konstruktivismus rechnet Beobachtungen ausdrücklich nicht dem Menschen zu, sondern der Gesellschaft, er ist eine Theorie der gesellschaftlichen Beobachtung. Auf der Ebene des Menschen sind Beobachter Aktoren in der Rolle eines Beobachters. Dafür dient der Begriff Aktor/Beobachter. Auf der Ebene der Gesellschaft sind Beobachter hingegen Beobachtungssysteme. Google Scholar
  18. 95.
    Duchamp verwendete Ready-mades (wie beispielsweise einen Flaschentrocker), in denen der Betrachter ‘Kunst sehen’ kann, wenn er denn dazu fähig ist. Duchamp will demonstrieren, daß es nicht der Künstler ist, der Kunst erzeugt, sondern sie erst in einem künstlich erzeugten Zusammenhang gesellschaftlicher Kommunikation entsteht. Diesem Gedanken liegen Überlegungen zugrunde, die schon Hume formulierte: der Sitz des (moralischen) Urteils ist der Zuschauer; der solitär handelnde Akteur weiß über den Wert seines Tuns nichts. Google Scholar
  19. 96.
    Beispielsweise ist der Autor ebenso wie jeder seiner Leser ein Individuensystem, das sinnhafte Eingaben im Bewußtsein verarbeitet; das Programm jedoch, aas bei dieser Verarbeitung verwendet wird, ist kultureller Art und kann nicht ‘naturalistisch’ (biologisch, neurologisch, psychologisch), sondern nur sinnhaft erklärt werden.Google Scholar
  20. 97.
    Sie durchdringen sich; das soziologische Stichwort dafür heißt „Interpenetration“; siehe dazu Luhmann Interpenetration, 1977b; Jensen Interpenetration, 1978.Google Scholar
  21. 98.
    Diese konditionalen Faktoren sind — in einem berühmten Bild — „das Netz, mit dem wir fischen“. Nicht nur die Theorie ist das Netz, das wir auswerfen, um in der Natur Phänomene einzufangen, sondern der gesamte kognitive Apparat ist das Netz, in dem sich die Daten der Erfahrung sammeln, die dann interpretiert werden müssen. Nur was in diesem Netz hängen bleibt, ist für uns faßbar. Und genau diesen Gedanken müssen wir in der philosophischen Reflexion erfassen.Google Scholar
  22. 99.
    Eine berühmte Untersuchung. Nachweis in Maturana 2 /1985: 320.Google Scholar
  23. 100.
    Siehe dazu Anette Gerhard Der Laboransatz als konstruktivistische Methode. In: Bardmann 1997: 39–48.Google Scholar
  24. 101.
    Diese Bemerkung bezieht sich auf die Formulierung in Einstein/Podolski/ Rosen 1935, mit der Einstein glaubte, Bohr widerlegen zu können — wobei sich dann erwies, daß Einstein — ganz entgegen seiner Absicht — einen weiteres starkes gedankliches Argument zugunsten der quantentheoretischen Auffassung der Realität geliefert hatte. Vgl. dazu beispielsweise Davies 1997: 206ff.Google Scholar
  25. 102.
    Dazu ein Zitat: „Unsere Philosophie hebt… nicht den Unterschied zwischen Wahrheit und Falschheit auf. Es wäre jedoch kurzsichtig, die Vielfalt der wahren [besser: möglichen] Beschreibungen einfach außer acht zu lassen. Die physikalische Wirklichkeit läßt eine Klasse gleichwertiger Beschreibungen zu; davon wählen wir uns eine aus…, aber diese Wahl hängt nur von einer Konvention ab und bedeutet eine willkürliche Entscheidung.… Diese Beschreibung will ich das Normalsystem nennen. Es is eine ganz grundlegende Tatsache, daß die physikalische Welt mit Hilfe eines Normalsystems beschrieben werden kann.“(Reichenbach 1968: 204f). Was als Realität erscheint, hängt von der Konstruktion des gewählten „Normalsystems“ ab.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

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