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Was existiert? Was können wir wissen?

  • Jensen Stefan

Übersicht

Mit der ersten Frage der Überschrift beschäftigt sich die Seinslehre — das ist Thema dieses Kapitels; mit der zweiten die Erkenntnislehre — das ist Thema des nachfolgenden Kapitels. Es werden die möglichen ontoepistemischen Standpunkte und — darauf bezogen — die Positionen des Konstruktivismus erklärt. Der Konstruktivismus wird unter einer Reihe von Aspekten betrachtet; einer der wichtigsten ist seine Erklärung von Wirklichkeit und ihrer Erkenntnis.

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Literatur

  1. 39.
    Der Ausdruck stammt von W. Quine On what there is, in Quine 2 /1961: 1–19, zum „ontologischen Commitment“ siehe 15f. Eine Einführung in die Philosophie Quines gibt Essler: Willard Van Orman QUINE. Empirismus auf pragmatischer Grundlage, in Speck 2 /1984: 86–126; zur Ontologie siehe insbesondere S. 110.Google Scholar
  2. 40.
    Was in der Beobachtung erscheint, sind Phänomene; aus ihrer Deutung ergibt sich, was von einer Kulturgemeinschaft für deren Realität gehalten wird. Die Deutung der Phänomene ist eine soziale (gemeinschaftliche) Leistung; sie kann keinem einzelnen zugerechnet werden. Der Konstruktivismus legt daher als Beobachter Sozialsysteme zugrunde — nicht (individuelle) Akteure.Google Scholar
  3. 41.
    Zunächst überwiegend in Form des »Neuplatonismus«, der im 2. Bis 6. Jahrhundert entsteht und im wesentlichen (zunächst auf Ammonius Sakkas aus Alexandrien, vor allem aber) auf Plotinus (und die Sammlung der plotinischen Schriften durch seinen Schüler Porphyrius sowie schließlich Boethius und Cassiodorus) zurückgeht. Der gesamte Platon, soweit wir ihn überhaupt ‘insgesamt5 kennen (was zweifelhaft bleibt, insbesondere wegen gewisser Formulierungen Platons selbst, in denen er sagt, daß er den innersten Kern seiner Lehre niemals einer Schrift anvertrauen und so dem Unverständnis preisgeben würde), wurde erst später zugänglich. Der ‘mittelalterliche’ Platon ist im wesentlichen Auslegung des Timaios. Hinsichtlich der Bewertung des Sieges des Platonismus oder des Aristotelismus setzen andere Autoren andere Akzente. In der Gegenwart haben insbesondere Whitehead, Heisenberg und C. F. Von Weizsäcker dazu beigetragen, Platon als Kultfigur der abendländischen Naturphilosophie zu etablieren. Dazu ausführlicher Karin Gloy 1995: 79ff.Google Scholar
  4. 42.
    Vgl. Karin Gloy 1995: 106ff. Wie gewaltig der Sieg des Aristoteles war, kann man sich daran vor Augen führen, daß die Kirche, cue im dreizehnten Jahrhundert das Studium seiner Schriften in Paris noch verboten hatte, nachfolgend festsetzte, daß niemand Magister werden könne, der nicht Aristoteles gelesen habe. Sein Ansehen stieg so hoch, daß man ihn in einem Vergleich Johannes dem Täufer zur Seite stellte: So wie dieser Christus geistlich vorausgegangen sei, so Aristoteles in weltlichen Dingen. Seine Schriften (der corpus aristotelicum) galt als die Summe aller weltlichen Weisheit. „Niemals sonst hat ein einzelner das Denken des Abendlandes so vollständig beherrscht.“ Störig 15/1990: 248. Geht man dem Hinweis auf das Verbot der aristotelischen Schriften in Paris im dreizehnten Jahrhundert nach, so stößt man auf einen interessanten und komplexen Zusammenhang, zu dem sich einige Hinweise bei Blumenberg finden (Legitimität der Neuzeit, 1996: 159ff, 2/III — Epochenkrisen, insbesondere 178ff). Es ging um die Frage, ob die Welt nicht nur eine Demonstration der Macht Gottes sei, der sie erschaffen hatte, sondern auch Ausweis der Allmacht Gottes. Durfte Gott auf die (erkannte) Welt als Inbegriff seines schöpferischen Könnens festgelegt werden? Konnte es unendlich viele Welten geben? Dazu ein Zitat: „Der innersystematische Konflikt wurde 1277 offenkundig, als der Pariser Bischof Stephan Tempier eine Liste von Sätzen verurteilte, die im ganzen das Resultat der abgeschlossenen Aristoteles-Rezeption des 13. Jahrhunderts widerspiegelt. Drei Jahre nach dem Tode des Klassikers der Hochscholastik, des Thomas von Aquino, wird dessen Anerkennung des aristotelischen Beweises für die Einzigkeit der Welt als philosophische Einschränkung der göttlichen Allmacht verurteilt.“ (178f).Google Scholar
  5. 43.
    Der Peripatos (wörtlich ‘die Wandelhalle’, so benannt nach dem Umgang im Lykeion, entsprechend darin die Peripatetiker) war eine Hochschule; im modernen Sinne eine Universität oder ein Forschungsinstitut für philosophische, naturwissenschaftliche und empirische Studien.Google Scholar
  6. 44.
    Dabei wurden spätere Auslegungen gelegentlich mit den Originalschriften verwechselt, sowohl denen des Aristoteles als auch denen Platons, die man zudem untereinander unwissentlich auch oft noch vertauschte; das bekannteste Beispiel dafür sind die causa libri des Boethius. Dazu ausführlich Crombie Von Augustinus bis Galilei, 1977. Als knappe Übersicht Hirschberger, Bd 1 (14 /1991) 375ff. Zur Vita und Schriften sowie Zielen des Boethius ein Zitat: „... wollte alle Schriften Platons und Aristoteles ins Lateinische übertragen und gleichzeitig zeigen, daß die beiden Philosophen in den wesentlichen Lehren übereinstimmten. ... [Er] legte diese Überzeugung in seine Übersetzungen und Kommentare hinein. ... Boethius lieferte dem Mittelalter eine Fülle von Gedanken und Problemen. Er hatte sich zur Aufgabe gestellt, seine Zeit mit dem ganzen Platon und Aristoteles vertraut zu machen. Es kommt aber auch die Stoa nicht zu kurz. Vor allem war er es, der grundlegende Begriffe der aristotelischen Logik und Metaphysik in die Scholastik einführte ... Er ist die fast ausschließliche Quelle für den mittelalterlichen Aristotelismus vor dem 13. Jahrhundert. ... Es ist ein Mißgeschick des Islam und der Menschheit, daß Platon und sogar Aristoteles hauptsächlich in neoplatonischer Gestalt zur Kenntnis der Muselmanen kamen: Platon in der Auslegung des Porphyrios und Aristoteles durch Vermittlung der entstellenden apokryphen Theologie des Aristoteles eines Neoplatonikers des fünften oder sechsten Jahrhunderts, die als echtes Erzeugnis des Stagiriten ins Arabische übersetzt worden war. Platons und Aristoteles’ Werke wurden fast vollständig übersetzt, wenn auch mit vielen Ungenauigkeiten; da aber die muselmanischen Gelehrten die griechische Philosophie mit den Lehren des Koran in Übereinstimmung zu bringen trachteten, hielten sie sich lieber an neoplatonische Interpretationen als an die Originalwerke selbst. Der wirkliche Aristoteles gelangte nur in seiner Logik und Naturwissenschaft in den Islam.“ Durant, Bd. 5 (1981) 496.Google Scholar
  7. 45.
    Vgl. Hirschberger, Bd. I (1991) 293f.Google Scholar
  8. 46.
    Also in Hinblick auf die Entstehung der modernen Naturwissenschaft — nicht in Hinblick auf umfassendere Deutungsmodelle der Wirklichkeit, in denen der Platonismus mindestens eine vergleichbare Rolle spielt.Google Scholar
  9. 47.
    Persischer Arzt und Gelehrter im 10. Jahrhundert.Google Scholar
  10. 48.
    Averroes galt als der Kommentator par excellence, die größte Autorität des Aristotelismus.Google Scholar
  11. 49.
    Etwa 1170–1250, ebenfalls Franziskaner, Bischof von London und Lehrer in Oxford, Begründer der Schule von Oxford. Google Scholar
  12. 50.
    Bacon spottete über Kollegen, die dicke Bände über Aristoteles schrieben, ohne dessen Sprache zu verstehen — gemeint ThomasVonAquin, der sich die Übersetzung durch Wilhelmvon Moerbeke anfertigen ließ. Robert Grosseteste hingegen war selbst einer der großen Übersetzer seiner Zeit. Weniger als persönlichen Rivalitäten waren jedoch der Auslegungsstreit zwischen Franziskanern und Thomisten entscheidend für den zitierten ‘Sieg des Aristoteles’, der ganz wesentlich auf AlbertusMagnus und Thomasvon Aquin beruht; es war die thomistische Fassung des Aristoteles, die sich in der katholischen Theorie bis in 19. Jahrhundert durchsetzt.Google Scholar
  13. 51.
    Dazu André Leroi-Gourhan, Hand und Wort, 1984; siehe auch Clark 1984: 109 mit einem Argument, das Clark im Zusammenhang mit der Messung des (vermuteten) Ätherdrifts entwickelt: „ ... and ‘pure’ science was able to move forward one again on the vehicle provided by technology. This has happened frequently. From the days of William Herschel, whose discovery of infrared rays in 1800 was aided by sensitive thermometers, through the work of Oerstedt, von Fraunhofer, Wheatstone, and Joule, knowledge of the physical world has marched steadily forward on the achievements of the craftsmen. Maxwell, on arriving at Aberdeen, had stated significantly: „I am happy in the knowledge of a good instrument maker, in addition to a smith, an optician, and a carpenter.“ In another field, accurate gravimetric analysis was made possible by improvements in the chemical balance. Hermann Bondi has emphasized that „the enormous stream of discoveries at the end of the nineteenth century that gave us such insights as the discovery of X rays, working with radioactivity, and all that, is entirely due to the fact that the technologists developed decent vacuum pumps.“ Others, commenting on the difference between the science of the twentieth and earlier centuries, have pointed out that we are on a higher level today not because we have more imagination, but because we have better instruments. The process of pure science moving forward with the packhorses of technology was now illustrated by Michelson and Morley...“Google Scholar
  14. 52.
    „Am 22. Juni 1633 kniete Galileo Galilei, ein von chronischer Krankheit geschwächter Greis von 70 Jahren, im Dominikanerkloster Santa Maria sopra Minerva in Rom vor den Kardinälen und Prälaten des Heiligen Officiums und schwor dem Kopernikanischen System ab.“Becker 1982: 5.Google Scholar
  15. 53.
    Mit der sprachlichen Herleitung aus dem lateinischen Stamm res = Ding, Sache. Realität ist doppeldeutig sowohl die Realität, in der sich die Beobachter befinden, als auch die Realität, die den Beobachtern erscheint: konstruktivistisch ist beides als Einheit gemeint. Zur Unterscheidung von Wirklichkeit’ und ‘Realität’ sei nur am Rande erwähnt, daß andere Sprachen sie zum Teil gar nicht kennen (sie ist eine Besonderheit der germanischen Sprachen), so daß romanische und angelsächsische (oder asiatische) Philosophen sie anders ausdrücken, ohne irgendeine der deutschen Feinheiten zu übersehen. Wir machen es uns also lediglich sprachlich bequemer, wenn wir das metaphysische Ganze als Wirklichkeit’ und spezielle Bereiche als ‘Realität’ bezeichnen. Damit läßt sich beispielsweise ausdrücken, daß Wissen immer nur eine kognitive Repräsentation der beobachteten Realität, nicht aber ‘der Wirklichkeit’ ist.Google Scholar
  16. 54.
    Franz Suarez (1548–1617); Christian Wolff (1679–1754). Vgl. Hirschberger Bd. II (1976) 74f sowie 259ff. Als Übersicht siehe »Ontologie« in Ritter/ Gründer (Hg.): Hist Wb. Philos. 6 (1984) 1189–1202.Google Scholar
  17. 55.
    Licht (Strahlung) durchquert nicht den Raum, sondern das Raumzeit-Feld. Dieses Feld wird durch die schweren Massen verformt. Eine Reise (physikalisch: Bewegung, Transport) durch das Universum gleicht einer Fahrt in einem rollercoaster — es erfolgen Beschleunigungen in Richtung der schweren Massen oder Verzögerungen beim Verlassen ihres Schwerefelds. Aber was passiert im Falle der Lichtstrahlung? Da bei Einstein die Lichtgeschwindigkeit eine Naturkonstante ist, wird nicht der Photonenstrom gebremst oder beschleunigt, sondern die Zeit gedehnt oder kontrahiert. Strahlung in der Nähe schwerer Massen (etwa der Sonne) wird gebeugt, aber dabei weder verlangsamt noch beschleunigt; ihre Geschwindigkeit bleibt unverändert, nur die (Zeit) Größen im Raumzeit-Feld verformen sich relativ zu anderen Bereichen des Universums.Google Scholar
  18. 56.
    Hawking 1988 sowie 2/1994. Als Einführung Davies 1987.Google Scholar
  19. 57.
    Der Begriff des ‘Dabeiseins’ des Körpers tritt insbesondere in der Philosophie Whiteheads auf; siehe Prozeß und Realität, 1987.Google Scholar
  20. 58.
    Richtiger: auf Positionen, die man aufgrund der im Mittelalter bekannten Quellen (die weder zuverlässig noch vollständig waren), mit den Namen Platons und Aristoteles’ verband.Google Scholar
  21. 59.
    Wie verhält es sich mit Evolution, Zeit, Struktur oder Systembildung — sind das nur wissenschaftliche Konzepte oder auch reale physische Gegebenheiten oder sogar aktive Prinzipien, die auf eine metaphysische Weise reale Wirkungen entfalten. Nehmen wir Evolution: bezogen auf die menschliche Spezies kann sie verstanden werden als eine Änderung in der Häufigkeit bestimmter Genotypen (Jon W. Gordon in Science, 283 (5/1999). Aber was bedeutet Evolution auf der Ebene von Gesellschaft oder Kultur? Hier ist man weit entfernt davon, eine ähnlich operable Definition zu besitzen, dennoch wird der Begriff mit größter Selbstverständlichkeit verwendet. Ähnlich verhält es sich beim (soziologischen) Strukturbegriff, den Andreas Reckwitz 1997 einer genaueren Untersuchung unterzogen at. Ist eine Struktur ein grundlegendes Muster, das als solches existiert, oder sind Strukturen nur ein gedankliches Netz, das der Beobachter spannt? Wie ist es mit Zeit — ist sie, wie Einstein sagt, eine „hartnäckige Illusion“oder real? Wie verhält es sich mit Systemen: gibt es sie ‘als solche’ oder erscheinen sie nur dem Betrachter, der im Prozeßgeschehen Systembildungen zu erkennen glaubt?Google Scholar
  22. 60.
    In diesem Sinne hat Mach noch gegen Einstein argumentiert, daß der Begriff ‘Atom’ keineswegs eine reale physische Größe bezeichne, sondern lediglich die Vorstellung einer Ideinsten Einheit der Materie’ sei, die der physikalischen Theorie als kognitive Grundlage diene.Google Scholar
  23. 61.
    Dazu ausführlicher Stegmüller Das Universalienproblem, 1965.Google Scholar
  24. 62.
    Dieser Gedanken ist insbesondere von Popper ausgebaut worden. Die grundsätzliche Erklärung der ‘objektiven’ Welt3 findet sich im Sammelband von 1973 über Objektive Erkenntnis in den Aufsätzen 3. Erkenntnistheorie ohne erkennendes Subjekt (109–157) und 4. Zur Theorie des objektiven Geistes (158–197).Google Scholar
  25. 63.
    Tatsächlich erscheinen in der Beobachtung immer nur Phänomene — in dem Sinne, wie Bohr Beobachtung und Phänomen definiert; siehe Bohr in Krüger 1970: 394. Erst in der Deutung entsteht die Realität.Google Scholar
  26. 64.
    Das byzantinische Reich endete 1452; nach seinem Zusammenbruch strömte eine große Zahl griechischer Gelehrter nach Italien, was dort nicht wenig zum geistigen Aufstieg beitrug.Google Scholar
  27. 65.
    Die platonische Akademie wurde 529 (als eines der Zeichen des Sieges des Christentums über die heidnische Philosophie) von Kaiser Justinian gewaltsam geschlossen, ihr letzter Leiter war Boethius, zugleich Kanzler am Hof von Ravenna, der aufgrund eines vermeintlichen Verrats (oder seiner pro-byzantnischen Haltung) hingerichtet wurde. Sein Nachfolger war Cassiodorus — sowohl als Kanzler als auch im Sinne des Schriftenbewahrers der Akademie.Google Scholar
  28. 66.
    Wobei man bedenken muß, daß überhaupt nur ein geringer Teil seine Schriften -vor allem der Timaios — bekannt war.Google Scholar
  29. 67.
    Quellen Hirschberger 1991: 153 ff; Zemb 1961: 22f et pas.Google Scholar
  30. 68.
    Er ist eine der historischen Persönlichkeiten, an welche die Faust-Legende anknüpft. Sein Wissen und sein Erkenntnisdrang beeindruckten Zeitgenossen so sehr, daß sie an Zauberei glaubten und es für möglich hielten, daß er sich dem Teufel verschrieben hätte. Aber ähnliches hat man auch von Albertus Magnus geglaubt, dem aufgrund seiner großen Naturkunde der Ruf eines Magiers anhing. Quellen Röd 1994, Crombie 1977, Durant 1981, Dhont 1968.Google Scholar
  31. 69.
    Inwiefern existieren ‘Raum’ und ‘Zeit’, die doch „von Stund an zu bloßen Schatten herabsinken“sollten, wie es in dem berühmten Zitat (Minkowski 1908) heißt. Kein anderer Begriff ist so verrätselt worden wie jener der Zeit, der in einem simplen Sinne doch nichts nicht anderes ausdrückt als das Prozeßgeschehen selbst. Siehe Whitrow 1991.Google Scholar
  32. 70.
    Dazu K. Deschner, Christentum, Bd. I (7 /1989) 359ff.Google Scholar
  33. 71.
    Vgl. Röd, Bd. I (1994) 320.Google Scholar
  34. 72.
    Dazu ausführlich Durant, Bd. 6 (1981). Es geht um den ökonomischen Aufschwung Europas, der viele Faktoren umfaßt, nicht zuletzt den Aufschwung des Handels im gesamten europäischen Raum, der sich bis weit nach Asien ausdehnten.Google Scholar
  35. 73.
    Allerdings ist die mittelalterliche Endzeitstimmung weniger deutlich ausgeprägt, als populäre Berichte — insbesondere in Hinblick auf die zweite Jahrtausendwende unserer besonderen kulturellen Zeitrechnung — sie gern darstellen. Belegbar scheint sie überhaupt nur in Frankreich, nicht östlich des Rheins. Hinzu kommt, daß sich im ottonischen Reich zahlreiche Kalender überlagerten, so daß der ‘Zeitpunkt’ der Jahrtausendwende über eine Zahl von rund fünfzig Jahren variiert. Soweit es eine Endzeitstimmung gab, so war sie eher auf religiösen Vorstellungen anderer Art begründet — dem Glauben, daß die Erde nicht sehr alt sei und auch nicht mehr viel älter werden würde. So äußerte sich beispielsweise auch noch Roger Bacon; Quelle Durant, Bd. 6 (1981).Google Scholar
  36. 74.
    Als Einführung dazu Mensching 1992; kulturgeschichtliches Material bei Dhondt 1968, Durant 1981.Google Scholar
  37. 75.
    Als kurze Rekapitulation der Wissenschaftsentwicklung Störig 4 /1970, Kapitel 8, Abschnitt II und III; tiefergehende philosophische Deutungen gibt Blumenberg 1981; 1996.Google Scholar
  38. 76.
    Interessant deswegen, weil die kognitive Forschung vielfach Sinnestäuschungen und Wahrnehmungsdefekte in den Mittelpunkt ihrer Argumente gestellt hat (siehe dazu die wunderbaren Berichte von Oliver Sacks 1987, 1995). Eine der Ausgangsthesen des Konstruktivismus war entsprechend die Behauptung, daß (auch) die Wissenschaft die Realität erfinde, über die sie berichtet. Steht also der Konstruktivismus auf der Seite der Fortschrittsgegner, der Kritiker Galileis?Google Scholar
  39. 77.
    Nicht in der Theorie, sondern in der Meta-Theorie erscheint die Wirklichkeit. Empirisch sind nicht die Inhalte der Beobachtung selbst, sondern empirisch ist die Tatsache, daß bei Verwendung dieser Operation diese Art von Phänomenen, und bei Verwendung jener Operation jene Art von Phänomenen erscheint. Hübner 1978: 171f. Siehe auch Hübner Theorie und Empirie, 1968.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

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  • Jensen Stefan

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