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Übersicht

Dieser Abschnitt setzt die Untersuchung von Selbstbezügüchkeit fort und schließt daran die Frage, ob die Realität der Wissenschaft eine Erfindung ihrer Theorien ist. Der Konstruktivismus ist eine Erklärung zum Verhältnis zwischen Wissen und Wirklichkeit; es geht um das Verhältnis zwischen Wissen und der Wirklichkeit, die in diesem Wissen vorausgesetzt wird. Das ist eine zirkuläre Struktur. Sie hat zu der Vermutung geführt, daß — konstruktivistisch gesprochen — die Wirklichkeit erfunden sei, die zu entdecken Wissenschaft behauptet.775

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Literatur

  1. 775.
    Watzlawick 1976 (18/190), 1981 (71991). Die Idee der ‘erfunden Wirklichkeit’ wird auch Heinz vonFoerster zugerechnet; so beispielsweise in Watzlawick 1981: 39ff, oder in Gumin/Meier 1992: 41 ff.Google Scholar
  2. 776.
    Der Titel Der Name der Rose ist (unter anderem) eine Anspielung auf den Satz von Gertrude Stein, Rose is a rose is a rose is a rose, der 1938 zunächst auf ihrem Briefpapier und dann in ihrem Kinderbuch The world is round, 1939 erschien, um ein Baum geschnitzt. Dem Titel folgt bei Eco eine unerschöpfliche Folge weiterer Anspielungen. Dazu schreibt Horst Fuhrmann unter der Überschrift Die kunstvolle ‘vierfache Verpuppung’ der Geschichte: „Als alter Mönch hat [der Benediktinermönch] Adson [von Melk, der Eco als Erlebnisträger und Erzähler dient] seine Erlebnisse — damals noch Novize — an der Seite William von Baskerville [eine erheiternde, wenn auch etwas frivole Kreuzung des berühmten mittelalterlichen Philosophen und Theologen Wilhelm von Ockham und Sherlock Holmes] aufgezeichnet. Aber wie ist Umberto Eco an den Bericht gekommen? Ecos Fundbe-richt ist für sich schon wieder ein kleines und höchst amüsantes Vexierspiel, denn die meisten der angegebenen Personen und Titel gab es wirklich — nur Adsons Bericht ist eben erfunden. Er [Eco] habe den Text im Sommer 1968 in Prag in einer „neugotisch-französische“Fassung (was immer das sei) von der Hand eines Abbé Vallet aus der Mitte des 19. Jh. gefunden, die sich wiederum von einer lateinischen Ausgabe des berühmten Benediktinergelehrten Jean Mabillon (1632–1707) aus dem 17.Jh. herleitet. Als er im August 1968 aus Frag geflohen sei, habe er seinen Fund mitgenommen und übersetzt: zum Glück, denn auf der Reise, die ihn vorbei am stolzen Kloster Melk nach Salzburg führte, sei ihm der Prager Band abhanden gekommen. In der reichen Klosterbibliothek von Melk habe er — unter 75.000 Bänden, 1800 Handschriften und 800 Inkunabeln — nach Adsons Bericht vergeblich gefahndet. In Paris will Eco den berühmten französischen Philosophiehistoriker Etienne Gilson (1884–1978) befragt haben, aber dieser habe ihm ebensowenig weiterhelfen können, wie die Durchsicht von Mabillons einschlägigen Schriften etwas eingebracht habe. Als er — Eco — schon bereit gewesen sei, an Halluzinationen zu glauben, habe er bei einem Antiquar in Buenos Aires eine kastilische Version eines ursprünglich georgischen Buches von einem gewissen Milo Temes-var über den Gebrauch von Spiegeln beim Schachspiel gefunden, angeblich 1934 in Tiflis erschienen. Er habe entdeckt, daß der kastilische Text Exzerpte aus Adsons Bericht wiedergebe, allerdings unter Berufung auf den berühmt-berüchtigten jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher (1601–1680) aus dem 17. Jh. In seiner Nachschrift hat Eco dieses Versteckspiel begründet. Es verschaffe ihm die Möglichkeit, eine Erzählung in der anderen unterzubringen...#x201C;Horst Fuhrmann: Umberto Eco und sein Roman >Der Name der Rose<. Eine Kritische Einführung. (S. 5f) in M. Kerner 1987: 1–20Google Scholar
  3. 777.
    Allerdings bleibt bei Dick offen, wie diese Halluzinationen ‘auf das Papier kommen’. Im Gegensatz zu Eco ist der Roman bei Dick eine in sich geschlossene Struktur ohne Anschluß an die Realität des Lesers. Hingegen schließt Eco seinen (fiktiven) Bericht — äußerst kunstvoll — an die historische Wirklichkeit an, in der sich auch der Leser bewegt.Google Scholar
  4. 778.
    Siehe dazu Kurt Neff (Hg.): Plädoyer für eine neue Uteratur. Mit Beiträgen von Nathalie Sarraute , Miche/ Butor , Alain Robbe-Grillet München (dtv sr 71) 1969.Google Scholar
  5. 779.
    Dagegen Luhmann: „Alle Erkenntnistheorien mit universellem Geltungsanspruch erkennen sich selbst als Teil ihres Gegenstandes, sie heben damit die Unterscheidung von Subjekt und Objekt der Erkenntnis... auf und gründen sich auf einen Zirkel.“Luhmann WiGe, 1990a: 360.Google Scholar
  6. 780.
    Das sagt Luhmann ja auch selbst: „Alle Erkenntnistheorien mit universellem Geltungsanspruch erkennen sich selbst als Ten ihres Gegenstandes... und gründen sich auf einen Zirkel. Alle Erkenntnistheorien dieses Typs müssen deshalb eine Form der Selbstreferenzunterbrechung einfuhren und sich auf sie verlassen können.“WiGe, 1990a: 360.Google Scholar
  7. 781.
    Siehe Davies/Brown Geist im Atom, 1988, insbesondere 44 ff.Google Scholar
  8. 783.
    Siehe dazu auch Heinz von Foerster 1985: 21. Die „sich selbst schreibende Theorie“mag der Wunschtraum jedes Doktoranden sein, ist aber ein Alptraum für die Wissenschaft, die ohnehin im Meer dahingeschluderter Texte versinkt. Was Not täte, wäre die Erfindung der sich selbst lesenden und schleunigst selbst vernichtenden Theorie, sofern sie die Kriterien der Vernunft, der Sprache und vor allem der Brauchbarkeit verfehlt. Aus dieser Bemerkung ersieht man auch, warum der Autor von Selbstbezüglichkeit nichts hält.Google Scholar
  9. 784a.
    Ausgangspunkt dafür ist der (berühmte) Text Heinz von Foersters unter dem doppeldeutigen Titel observing systems, der in Luhmanns Zettelkasten unter dem Stichwort „wunderbare Paraaoxien“geriet, von Luhmanns Theoriemaschine erfaßt, ergiebig ausgearbeitet und zu einem kollektiven Thema gemacht wurde, beispielsweise (um nur einige Publikationen zu nennen) in Watzlawick/Krieg (Hg.), Das Auge des Betrachters; 1991Google Scholar
  10. 784b.
    Redder (Hg.): Beobachter, 1990Google Scholar
  11. 784c.
    Bardmann (Hg.), Zirkuläre Positionen, 1997. Die Titel sagen alles...Google Scholar
  12. 785.
    Luhmann in Redder 1990: 133 sowie an vielen anderen Stellen, ergiebig insbesondere Luhmann 1990a und 1997.Google Scholar
  13. 786.
    Siehe Nachweise in Fußnote 782. Die These geht aber wohl auf frühere Thesen des Futurismus und der Zukunftsforschung zurück (Dennis Gabor; Bertrand de Jouvenel).Google Scholar
  14. 787.
    Siehe Nachweise in Fußnote 777.Google Scholar
  15. 788.
    K. Hübner 1968 und 1978, insbesondere 171. Der Begriff «Komplementarität» stammt von Niels Bohr; er führte das Konzept im September 1927 auf der Volta-Tagung in Como ein; siehe Pais 1982: 444.Google Scholar
  16. 789.
    „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt. Der Beobachter spricht durch seine Äußerungen zu einem anderen Beobachter...“Humberto Maturana 1982: 34. Heinz von Foerster (1993: 84t) hat Maturanas 1. Theorem zu einem Beispiel reflexiver Beobachtung entwickelt.Google Scholar
  17. 790.
    ‘Reflexion’ ist ein Begriff der Optik. Er bedeutet, daß ein Lichtstrahl ‘gebeugt’ — insbesondere ‘zurückgebeugt’ — wird. Selbstreflexion ist entsprechend eine Zurückbeugung auf die Quelle selbst. Der Begriff »Reflexion« im geistigen (philosophischen) Sinne ist zwar älter als der optische, aber vage; erst im Anschluß an die Optik (das heißt, seit der Renaissance) gewinnt der begriff die moderne philosophische Schärfe. In der Grammatik bedeutet ‘reflexiv’ die Verbindung eines Verbs mit dem Personalpronomen; dabei werden echte Formen (die zwingend den Gebrauch des Personalpronomens erfordern) von unechten Formen unterschieden (etwa ‘zeigen’, das beide Formen zuläßt, gegenüber ‘sich freuen’).Google Scholar
  18. 791.
    Das Vorbild solcher vermuteter Paradoxien wäre der bekannte sich selbst (nicht/oder doch?) rasierende Barbier; siehe Sainsbury 1993: 8, 156.Google Scholar
  19. 792.
    So Luhmann an vielen Stellen, beispielsweise in Redder 1990: 127ff.Google Scholar
  20. 795.
    Dazu Sandkühler (Hg.) 1992a.Google Scholar
  21. 796.
    Die Philosophie unterscheidet umfassende Metaphysiken von den spezielleren Ontologien. Dabei nimmt sie Bezug auf antike kosmologische Vorstellungen und ihre Neufassung seit Christian Wolff und Franz Suarez. Aber diese Feinheiten werden wir für unsere einfachen Überlegungen nicht brauchen und können uns daher auf die gelehrte Anmerkung beschränken, wo man sie fände, wenn man sie bräuchte: beispielsweise in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 5 (1980) 1186–1294 unter «Metaphysik/Metaphysikkritik» sowie unter «Ontologie» in Bd. 6 (1984) 1189–1201.Google Scholar
  22. 797.
    „Wer nicht staunen machen kann, der soll Pferde striegeln gehen“, lautet eine manieristische Maxime, zu der Grimmelshausen sich bekannte. Diese barocke Metapher war, in der Abwandlung „erstaune mich“, auch ein Motto von Jean Cocteau. Google Scholar
  23. 799a.
    Es sei denn, die Rolle des Eremiten; und auch diese hat ihren Sinn nur in der Beobachtung der Gesellschaft. Zum Problem des Trivaten’ siehe Wittgenstein sowie die Untersuchungen dazu von Helen Hervey The Private Language Problem, 1957,Google Scholar
  24. 799b.
    und Moreland Perkins Two Arguments Against a Private Language, 1967.Google Scholar
  25. 800.
    Naiv deswegen, weil Maturana Gesellschaft für eine Aggregation von Menschen hält; dazu hatte sich aber schon Durkheim (in einem Beitrag zur Rivista Italiana di Sociología, 4/1900) geäußert: Es hieße die Soziologie negieren, wollte man behaupten, daß die Gesellschaft sich aus Individuen zusammensetze. Ausführliche Nachweise in JonasGeschichte der Soziologie, Bd. 3 (1969) 62f.Google Scholar
  26. 801.
    Ernest Solvay war ein belgischer Industrieller (geboren 1838, gestorben 1922 in Brüssel). Er erfand 1863 den Ammoniaksodaprozeß, der bis 1870 auf dem älteren Leblanc-Verfahren beruhte. Dann setzte sich das Solvay-Verfahren durch. Solvay gründete chemische Fabriken (zur Herstellung von Natriumsalzen), die ihm großen Reichtum brachten Damit förderte er intensiv die Wissenschaften. Unter anderem regte er eine Serie von Tagungen der bedeutendsten Physiker seiner Zeit an, die Solvay-Konferewzen. Die 1. Solvay-Konferenz begann am 29. Okt. 1911; Einstein hatte die Ehre, den Schlußvortrag zu halten. (Pais 1982: 399). Dazu noch ein ausführlicheres Zitat: „Die erste Solvay-Konferenz über Strahlung und Quanten wurde 1911 abgehalten. Diese Konferenzen sind nach Emest Solvay, dem Erfinder des industriellen Verfahrens der Sodaherstellung, benannt. Er begründete und finanzierte eine Reihe internationaler Meetings für Physiker über vorgegebene Themen, zu denen die jeweils führenden Naturwissenschafder des betreffenden Gebiets geladen wurden, Die Anzahl der Teilnehmer war auf dreißig Personen beschränkt. Man kam in Brüssel zusammen. Form und Teilnehmerliste für die erste der Konferenzen wurden weitgehend von Walter Nernst (1864–1941), Professor für physikalische Chemie in Berlin, einem der führenden Thermodynamiker jener Zeit und einer der einflußreichsten Persönlichkeiten der deutschen Wissenschaft überhaupt, festgelegt.... Die beschränkte Teilnehmerzahl sowie die Qualifikationen der eingeladenen Naturwissenschaftler garantierten lebhafte und fruchtbare Diskussionen. Traditionsgemäß bekundete das belgische Königshaus sein Interesse durch Einladung aller Teilnehmer zu einem Diner. Bei dieser Gelegenheit freundeten sich Königin Elisabeth von Belgien und Einstein an und korrespondierten viele Jahre miteinander.“Emilio Segrè 1997:103f. Sie musizierten übrigens auch gemeinsam. Einer der wissenschaftlichen Sekretäre dieser Solvay-Konferenzen war Maurice de Broglie, der 17 Jahre vor seinem (später berühmt gewordenen) Bruder Louis Victor geboren war und die Karriere seines jüngeren Bruders sehr beeinflußte. Maurice de Broglie berichtete seinem Bruder von den Konferenzen, ihren Problemen und Ergebnissen und förderte seine Arbeit als Experimentalphysiker in seinem Pariser rrivatlabor, wo er selbst über Molekülphysik forschte. Er lenkte die Aufmerksamkeit von Louis auf das Problem der Wellennatur der Materie, und das führte dazu, daß Louis de Broglie 1923/24 die Idee der Materiewellen (De Broglie-Wellen) konzipierte, die auch den Anstoß für die Wellenmechanik von Ernst Schrödinger gab. 1929 erhielt Louis de Broglie dafür den Nobelpreis. Auf die gesellschaftliche Bedeutung der Adelsfamilie Broglie (die seit 1742 den erblichen Herzogstitel führt) in Frankreich für Politik und Wissenschaft sei nur am Rande hingewiesen.Google Scholar
  27. 802.
    Gemeint ist damit die These der Selbstbezüglichkeit aller Beobachtung, die sich aus Maturanas Theorem ergibt: Da alles von einem Beobachter gesagt wird, muß dieser Satz selbstbezüglich (auf einen Beobachter) bezogen sein. Dieser muß sich in seinen Formulierungen selbstbezüglich „zu erkennen geben“.Google Scholar
  28. 803.
    Siehe Beilage der Faz vom 20. Dezember 1997, Nummer 296, die unter dem Stichwort Ereignisse und Gestalten über „allerlei Tonstörungen“im „verflixten siebten Jahr“zwischen Claudio Abbado und dem Berliner Philharmonischen Orchester anläßlich der Proben zu Fierrebras berichtete.Google Scholar
  29. 804.
    Beispiele in Redder 1990 oder Watzlawick/Krieg 1991.Eine genaue Erklärung findet sich schon bei Charles S. Peirce: „Weiß der Leser, daß es auf der Netzhaut einen blinden Fleck gibt?...“(Schriften zum Pragmatismus... Suhrkamp/stw 945, 1991b: 17). Dasselbe Beispiel verwendet Peirce in einem Aufsatz von 1890 über „Wahrnehmung als unterhewußtes Schlußfolgern“, wiederabgedruckt in Naturordnung und Zeichenprozeß... (Suhrkamp/stw 912, 1991: 335). Was Heinz von Foerster (beispielsweise in seinem Beitrag zu Watzlawick 1981: 40f. unter dem Titel: Das Konstruieren einer Wirklichkeit) dazu schreibt, konnte man also hundert Jahre früher (fast) wörtlich auch schon bei Peirce lesen. Solche ‘für neu’ ausgegebenen Funde hat der Herausgeber Helmut Pape in seiner Einleitung zu Charles S. Peirce (1991a: 29) deutlich kommentiert.Google Scholar
  30. 805.
    Siehe Sainsbury 1993. Eine Paradoxie entsteht nicht schon dann, wenn eine Menge sich selbst als Teilmenge enthält; sie muß zudem noch so definiert sein, daß sie sich nicht als Teilmenge enthalten darf. Siehe dazu (mit zahlreichen Beispielen) D. R. Hofstadter: Metamagicum, 1991: 33ff.Google Scholar
  31. 807.
    Siehe zur Erklärung Sandkühler 1992a, Einleitung. Google Scholar
  32. 808.
    Ein autopoietisches System „erzeugt, woraus es besteht.“Autopoiesis ist eine Organisationsform für Autoreproduktion; siehe Maturana Erkennen, 1994, insbesondere 157ff und 164ff. Das läßt sich sprachlich auf viele Fälle übertragen: Ein Wald erzeugt, woraus er besteht (Bäume); eine Herde von Schafen erzeugt, woraus sie besteht (Schafe); Kommunikation erzeugt, woraus sie besteht (Kommunikationen). Grundsätzlich ist das aber keine Eigenschaft dieser Systeme, sondern nur eine Folge der Sprache oder der Sprachlogik: jede Gattung ‘erzeugt’ (in ihrer Zusammensetzung) die Elemente, aus denen sie besteht. Mit Sicherheit gilt der Begriff nur für den Bereich, für den er ursprünglich verwendet wurde — die lebende Zelle.Google Scholar
  33. 809.
    Skeptisch dazu der „Erfinder“des Konzepts, Maturana, in einem Gespräch mit Riegas/Vetter 1990: 38ff.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Jensen Stefan

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