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Übersicht

Dieses Kapitel beschäftigt sich zunächst mit der Frage, ob Systeme in der Außenwelt existieren oder nur gedankliche Konstruktionen der Systemtheorie, also Konzepte der Innenwelt sind — eine alte Frage, wie folgende Parabel zeigt:

»Der Lehrer: Si Fu, nenne uns die Hauptfragen der Philosophie!

Si Fu: Sind die Dinge außer uns, für sich, auch ohne uns, oder sind die Dinge in uns, für uns, nicht ohne uns?

Der Lehrer: Welche Meinung ist die richtige?

Si Fu: Es ist keine Entscheidung gefallen.

Der Lehrer: Zu welcher Meinung neigte zuletzt die Mehrheit unserer Philosophen?

Si Fu: Die Dinge sind außer uns, für sich, auch ohne uns.

Der Lehrer: Warum blieb die Frage ungelöst?

Si Fu: Der Kongreß, der die Entscheidung bringen sollte, fand, wie seit zweihundert Jahren, im Kloster Mi Sang statt, welches am Ufer des Gelben Flusses liegt. Die Frage hieß: Ist der Gelbe Fluß wirklich, oder existiert er nur in den Köpfen? Während des Kongresses aber gab es eine Schneeschmelze im Gebirge, und der Gelbe Fluß stieg über seine Ufer und schwemmte das Kloster Mi Sang mit allen Kongreßteilnehmern weg. So ist der Beweis, daß die Dinge außer uns, für sich, auch ohne uns sind, nicht erbracht worden.«753

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Literatur

  1. 753.
    B.BrechtTurandot oder der Kongreß der Weißwäscher, in Stücke, Bd 14; zitierte Stelle entnommen aus Störig15/1990: 699–700, der mit dieser Parabel seinen Bericht über den Konstruktivismus schließt.Google Scholar
  2. 754.
    In der Physik wird Welle definiert als Störung, die ein Medium durchläuft. Daß sich ideelle Prinzipien der Materie (hyle) als Form aufprägen, war — wie erinnerlich — schon die Auffassung, die Aristoteles gegen Platon vertrat.Google Scholar
  3. 755.
    „Alle Erkenntnistheorien mit universellem Geltungsanspruch erkennen sich selbst als Teil ihres Gegenstandes, sie heben damit die Unterscheidung von Subjekt und Objekt der Erkenntnis… auf und gründen sich auf einen Zirkel.“Luhmann WiGe, 1990a: 360.Google Scholar
  4. 756.
    ‘Empirisch’ heißt, daß in diesem Fall Systeme als Gegenstände der anschaulichen Erfanning betrachtet werden (Standardbeispiele: Organismen, Maschinen, physikalische Systeme…); ‘nominalistisch’ heißt, daß Terme wie ‘System’ als Namen für konkrete Individuen (Konstellationen von raum-zeitlich fixierbaren oder lokalisierbaren Einheiten) dienen — nicht für abstrakte Entitäten.Google Scholar
  5. 757.
    Der «systemische Konstruktivismus», den man vor allem, aber nicht nur Luhmann zurechnen kann, schließt auch seine Begründer Heinz Von Foerster, Ernst Von Glasersfeld, Paul Watzlawick (die Palo Alto-Gruppe) und andere ein.Google Scholar
  6. 758.
    Ein Begriff, den Parsons immer wieder verwendet hat, ist frame of reference. Das ist der analytische Bezugsrahmen, in dem die Begriffe der Theorie definiert werden. Wir erinnern uns des Zitats von Novalis: „Hypothesen sind Netze, nur der wird fangen, der auswirft.“Die Arbeit am frame of reference gleicht der Arbeit des Fischers an seinem Netz. Wenn das Netz fertig ist, wird der Fischer auswerfen und fangen. Wenn die Arbeit am frame of reference fertig ist, wird der Theoretiker ein Theorienetz haben, das er auswerfen kann.Google Scholar
  7. 759.
    „Wenn Operationen aneinander anschließen, entsteht ein System.“Luhmann WiGe, 1990a: 271.Google Scholar
  8. 760.
    „Die Welt kann nicht von außen beobachtet werden, sondern nur in ihr selbst“, sagt Luhmann WiGe, 1990a: 75.Google Scholar
  9. 761.
    Wörtlich heißt es: „Was immer Wissenschaft sonst noch ist und wie immer sie sich vor anderen Aktivitäten auszeichnet: ihre Operationen sind auf alle Fälle ein Beobachten und, wenn Texte angefertigt werden, ein Beschreiben. Wissen kommt, im allgemeinen Vollzug von Gesellschaft und ebenso in der Wissenschaft, nur als Resultat von Beobachtung zustande. Beobachter ist dabei immer die Wissenschaft selbst, und die Form der Operation, die die Beobachtung durchführt, ist deshalb immer Kommunikation.“Luhmann WiGe, 1990a: 75f. Aber bestehen die Operationen der Wissenschaft wirklich nur im Beobachten? Diese Beschreibung vernachlässigt einen wichtigen Aspekt: die Abhängigkeit aller Beobachtung von ihren kognitiven Mitteln, von Werkzeugen, von Methoden. Erinnert sei an das Bild der Wissenschaft als Fabrik: sie produziert Beobachtungen und Beschreibungen (Wissen, Erkenntnis), aber das geschieht auf’Maschinen’ (mit Hilfe von Werkzeugen, Theorien, Methoden], die ebenfalls produziert werden müssen. Mit anderen Worten: Wissenschaft wird durch die »Operation Beobachtung« nicht hinreichend beschrieben; es fehlt eine weitere Gruppe von Operationen, die wir vorläufig als ‘kognitive Operationen’ bezeichnen und später genauer beschreiben wollen.Google Scholar
  10. 762.
    LuhmannWiGe, 1990a: 73–74.Google Scholar
  11. 763.
    Der Term second order cybernetics ist eine ‘Erfindung’ Heinz Von Foersters; siehe dazu Von Foerster 1993 oder S. J. Schmidt (Hg.): Heinz von FoersterWissen und Gewissen, 1993. Zu diesem Kontext vgl. a. Luhmann Ich sehe was, was Du nicht siehst, in 1990b: 228–234; generell gehört das Konzept unter das Stichwort Beobachtung. Google Scholar
  12. 764.
    Die zitierten Stelle finden sich (nicht fortlaufend) in Luhmann WiGe, 1990a, 83–87. Ergänzungen in den eckigen Klammern […] wurden hinzugefügt.Google Scholar
  13. 765.
    und veranstaltet dabei gelegentlich ein Fegefeuer der Eitelkeiten, beobachtet von Thomas Wolfe The Bonfire of the Vanities, New York 1987.Google Scholar
  14. 766.
    Parsons selbst bezeichnete seinen erkenntnistheoretischen Standpunkt als «analytischen Realismus». Dazu ein Zitat: „Parsons called his epistemological stance «analytical realism» and justified it in terms of its ability to overcome the weaknesses of both nominalism and realism, much as his voluntaristic theory would overcome the weaknesses of both positivism and idealism. While with Whitehead he rejected the reification involved in empirical realism, he was equally dissatisfied with the relativistic «fictionalism» of nominalism. He thus rejected the commonsense descriptive concepts of both idealist and positivist empiricism as well as Weber’s attempt to overcome the former by the «fictional» ideal-type methodology. In his view, scientific conceptualization had to proceed by analytical abstraction, identifying essential elements of the phenomena and relating systematically to each other through logical-empirical methods, as Pareto had already seen.… This epistemological or metatheoretical position is absolutely central to a full understanding and correct interpretation of Parsons’ work and the theory of action in general. Systems of action, social systems and the like are analytical systems consisting of analytical abstractions from concrete reality, not descriptions of any such reality.“Jan J. Loubser, General Introduction, S. 3, in Loubser et al. (Hg.): Explorations, Bd. I (1976) 1–23.Google Scholar
  15. 767.
    Um wieder das Bild des ‘Nietzes’ zu verwenden: Parsons ist ein Konstrukteur von Fischnetzen. Gelegentlich wirft er auch das von ihm entwickelte Netz selbst aus, um es zu erproben und auch, um tatsächlich ‘zu fangen’. Luhmann hingegen tüftelt an einer neuen Beschreibung, die einerseits das Basteln der Netze, andererseits ihre Verwendung beim Fischen und schließlich auch die damit möglichen Fänge umfassen soll — und zwar aus Sicht des Fischers, der all das macht. Er selbst ist der Fischer, der Netze bastelt, auswirft, fängt und dann wieder das Netz verändert, um in anderer Weise zu fangen.Google Scholar
  16. 768.
    M.EscherGrafik und Zeichnungen, 1959.Google Scholar
  17. 769.
    Für viele Konstruktivisten ist diese solipsistische Lösung offenbar akzeptabel, weil sie ‘die Gesellschaft’ im platonistischen Sinne als ideellen Gesamtsolipsisten akzeptieren. Kommunikation ist ein geschlossenes System in der Gesellschaft und erzeugt eine solipsistische Innenwelt, die Kultur.Google Scholar
  18. 770.
    Man kann eine Parallele zu Wirtschaft ziehen, die unter ‘Produktion’ zunächst die Herstellung von Gütern (und das Angebot von Dienstleistungen) für den Konsumgütermarkt versteht. Die dauerhafte Produktion erfordert ihre eigene Reproduktion über einen internen Kreislauf in Form von Investitionsgütern (Maschinen und qualifizierte Arbeitskraft/ manpower). Auf der operativen Ebene macht es für den einzelnen Arbeiter und die Fabrik jedoch keinen Unterschied, für welchen der Märkte sie arbeitet; Tätigkeit und Ablauf sind dieselben. So auch bei der Konstruktion von Beobachtungssystemen: es macht keinen Unterschied, was intern in einem Beobachtungssystem beobachtet wird: die Mechanismen der Konstruktion von Beobachtungssystemen sind dieselben.Google Scholar
  19. 771.
    Anders Luhmann WiGe, 1990a: 360: „Eine Systembildung kommt nur dadurch zustande, daß das System sich mit Hilfe der Verknüpfung selbstreferentieller Operationen schließt, das heißt: gegen eine Umwelt abschließt. Jeder “Beobachter kann dann das Resultat eines solchen Vorgangs mit Hilfe der Unterscheidung von System und Umwelt beschreiben, und auch das System selbst kann, wenn hinreichend ausgerüstet, ein solcher Beobachter sein. Wenn dies für Systeme schlechthin gilt, kann und muß ein erkennendes System daraus den Schluß auf sich selbst ziehen.… wenn man Selbstreferenz, sei es als Paradoxie, sei es als Tautologie, mit herkömmlicher logischer Genauigkeit als ein Problem ansieht und dafür eine Lösung sucht, kann man sie in der Theorie selbstreferentieller Systeme finden.… Die Theorie selbstreferentieller Systeme bietet… eine — nicht logisch einwandfreie, aber empirisch überzeugende — Alternative an“— [für ein Problem, das sie zunächst selbst erzeugt — mein Zusatz!]Google Scholar
  20. 772.
    Es trifft zu, daß alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird (Maturanas Theorem), aber logisch bedeutet das nur, daß Aussagen Beobachtern zugerechnet werden. Was Maturana möglicherweise (obwohl das nicht klar wird), darüber hinaus sagen will, ist, daß der Inhalt jeder Aussage nicht von den Gegebenheiten der Wirklichkeit abhängt, sondern ausschließlich die kognitiven Eindrücke des Beobachters wiedergibt (er sagt nicht, „was — objektiv — der Fall ist“, sondern „was er sieht“). Das ist nicht Konstruktivismus, sondern subjektiver Idealismus. Konstruktivismus entsteht erst durch den Bezug auf die Gesellschaft, die so beobachtet, das heißt, ihre Beobachtungen in der gesellschaftlichen Kommunikation erzeugt und verarbeitet.Google Scholar
  21. 773.
    Stanislaw Lem hat in einer Geschichte von den drei geschichtenerzählenden Maschinen des Königs Genius mit einer solchen Kette von Träumen in Träumen gespielt und dabei diese Idee ad absurdum geführt; siehe Lem Altruizin, 1985b: 45–67, teilweise auch enthalten in Hofstadter/Dennett 1992: 99ff.Google Scholar
  22. 774.
    Siehe dazu Hans Haferkamp Autopoietisches soziales System oder konstruktives soziales Handeln? In: Haferkamp/Schmid 1987: 51–88.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Jensen Stefan

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