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Einleitung: Erkenntnis, Konstruktivismus, Systemtheorie

  • Jensen Stefan

Übersicht

Der dritte Teil wendet sich den systemtheoretischen Grundlagen des Konstruktivismus zu. Kapitel 16 dient als Einleitung. Darin werden die drei Leitbegriffe dieses Berichts — Erkenntnistheorie, Konstruktivismus, Systemtheorie — nochmals zusammengefaßt.

Kapitel 17 gibt eine kurze Übersicht zur Entwicklung der modernen Systemtheorie. Diese verläuft im naturwissenschaftlich-technischen Bereich anders als im sozialwissenschaftlichen und kulturellen Bereich. Die Unterschiede zeigen sich vor allem bei der Frage, was Systeme ‘eigentlich sind’.

Kapitel 18 beschäftigt sich mit der Anwendung der Systemtheorie in den Sozialwissenschaften. Der Konstruktivismus entwickelt sich als Theorie der Realität, die in der Beobachtung erscheint. Aber wie entsteht die Realität der Beobachtung? Die Antwort führt zum Begriff Autopoiesis, der auf biologischen Analogien beruht. Deren Übertragung auf die Kultur stellt vor Probleme: wie lassen sich Prinzipien der Molekularbiologie auf den Bereich der Handlungswelt und der Kultur — also materielle Prinzipien auf Sinnzusammenhänge — übertragen?

Kapitel 19 beginnt mit der Frage, ob Systeme real sind, das heißt, in der Außenwelt vorkommen, oder nur gedankliche Konstruktionen, also Konzepte der Innenwelt, sind. Nach Klärung dieser Frage geht es um die konstruktivistische Auffassung luhmanns, der die Bildung von Systemen durch Systembildung erklärt — ein zirkulärer Ansatz, der auf Selbstbezüglichkeit beruht.

Diesem Konzept ist das 20. Kapitel gewidmet. Es geht um das Verhältnis zwischen Wissen und der Wirklichkeit, die in diesem Wissen vorausgesetzt wird. Darin zeigt sich erneut die erwähnte zirkuläre Struktur. Sie hat zu der Vermutung geführt, daß Wissenschaft die Wirklichkeit erfindet, die sie zu entdecken meint. Diese Vermutung wird untersucht. Dazu werden Beispiele für Beobachtungen gegeben, anhand derer das Konzept Selbstbezüglichkeit kritisch betrachtet wird.

Am Ende des Berichts steht als letzter Teil eine kurze Zusammenfassung und Bewertung des konstruktivistischen Ansatzes.

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Literatur

  1. 572.
    Knappe Nachweise bei Rorty 1987: 150ff.Google Scholar
  2. 574.
    Noch vor fünf Millionen Jahren lebte der gemeinsame Vorfahre von Homo Sapiens und Schimpanse. Der Unterschied im Erbgut zwischen Schimpansen und Menschen liegt angeblich bei 1,6%; der Unterschieden zwischen Schimpanse und Gorilla bei 2,1%. Quelle für diese Art der Betrachtung ist das berühmte Great Ape Project, zu dem 1993 ein Bericht von Paola Cavalieri und Peter Singer erschien. Einen Kurzbericht veröffentlichte Der Spiegel 27/1993: 103.Google Scholar
  3. 575.
    Quelle W. Röd Weg der Philosophie, Bd. 2, Teil VI/5 Der Positivismus um die Jahrhundertwende, 1996: 343. Die Position Machss wird als Empiriokritizismus bezeichnet; sie wurde von Richard Avenarius (Paris/Zürich) entwickelt und stellt die ‘mittlere Phase’ des Positivismus zwischen dem ‘älteren Positivismus’ (Comte, Mill) und dem neuen ‘logischen Positivismus’ (V. Kraft) dar.Google Scholar
  4. 575a.
    Siehe dazu das Sticnwort «Positivismus» in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 7 (1989) 1118–1124 oder in Sandkühler (Hg.): Europ. Enzyklopädie Philosophie/Wissenschaften 3 (1990) 928–933.Google Scholar
  5. 576.
    Dieses Verständnis von ‘Wissen als individuelle Kognition’ geht bei einigen seiner Vertreter soweit, daß auch noch das wissenschaftliche Wissen dem einzelnen Wissenschaftler zugerechnet wird Diese Position ist ein «kognitiver Solipsismus» — der schon (in Fußnote 285) zitierte Helmut Schwegler erklärt, daß „erst der radikale Konstruktivismus die skeptizistischen Ansätze konsequent zu Ende gedacht (hat), indem die subjektive Erlebniswelt des Individuums als der Platz angesehen wird, wo allein „Erkenntnis“stattfindet; sie wird dort konstruiert und kann deshalb keine Erkenntnis einer objektiv realen Welt sein.… Auch Wissenschaft findet demnach nur in den subjektiven Erlebniswelten der einzelnen Wissenschaftler statt.“(Konstruierte Wissenschaftswelten in Schmidt 1992: 257.Google Scholar
  6. 577.
    So beispielsweise auch ausführlich Holzkamp, dessen Auffassung (vor rund dreißig Jahren) noch immer die Meßlatte für einen ‘kritisch’ verstandenen Konstruktivismus setztGoogle Scholar
  7. 581.
    Mit der Metapher von Theorien und Landkarten setzt sich ausführlich Stephen Toulmin 1953; 107–143 auseinander.Google Scholar
  8. 582.
    The Fabric of the Universe in ClarkEinstein, 1984, Kap. 9: 272.Google Scholar
  9. 585.
    Um nochmals eine Anmerkung zur Ontologie des Konstruktivismus zu machen: In den Konditionen der Beobachtung steckt die immanente Ontologie. Die wissenschaftliche Reflexion vollzieht sich als Prozeß, der immer jetzt stattfindet — in der unmittelbaren Gegenwart. Bei solchen erkenntnistheoretischen Reflexionen handelt es sich, wie Reininger gezeigt hat, um einen ‘aktualistischen Monismus’ — Zitat: „Als «immanente Ontologie» kennt dieser monistische Idealismus keinerlei Seinsdualismus, also «weder eine Transzendenz des Seins noch eine Immanenz des Bewußtseins», distanziert sich aber ausdrücklich als «aktualistischer Monismus» von allen Spielarten des bisherigen «Geistes-Idealismus», dem gegenüber er die Überlegenheit seines unangreifbaren Ansatzpunktes in der unbezweifelbaren Gewißheit des Erlebnisbewußtseins geltend macht.“Vgl. «Idealismus, monistischem in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Pkilos. 4 (1976) 40–41.Google Scholar
  10. 586.
    Dieses Problem ist schon im früher erwähnten «Grundlagenstreit» der Mathematik von Th. Skolem (1950) erkannt worden: «This is as if we should hang up the ground floor of a building to the first floor, this again to the second floor, etc.» Quelle Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 3 (1974) 914.Google Scholar
  11. 587.
    „Die Naturwissenschaft ist ein spätes Produkt der Hochkultur, also auch des Machtwillens“, sagt C. F. Von Weizsäcker (Geist und Natur) in Dürr/Zimmerli (Hg.) 1991: 19.Google Scholar
  12. 588.
    Vgl. Nachweis in Anmerkung 585.Google Scholar
  13. 589.
    Man nehme als Beispiel die Theorie der Materie — welche ungeheure Veränderungen hat dieser Begriff seit der Antike erfahren, welche gigantische Menge an Metaphorik, an Scharfsinn der Einteilung und Gliederung, der Systematisierung all ihrer Aspekte, der Untersuchung ihrer Gestalten und Erscheinungsformen wurde zum diesem Thema erarbeitet. Was haben allein die Griechen (Demokrit, Porphyrius, Aristoteles, Epikur) an tiefgründigen Spekulationen vorgelegt, was die arabischen Kommentatoren, wie Al-Kindi, Maimonides, Al-Farabi, Avicenna (Ibn-Sina) bis hin zu Al-Ghazali und seinem Gegenspieler Averroes (Ibn-Rushd) dazu entwickelt. Was folgte an geradezu unendlichem empirischen Fleiß in den Untersuchungen zunächst der arabischen, dann der westlichen Alchimisten sowie dann in der ontologisch-theologischen Auseinandersetzung des westlichen Mittelalters, von Robert Grosseteste, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Duns Scotus bis Raymundus Lullus, ehe die ‘moderne’ nominalistische Denkweise (Ockham, Buridan) einsetzte, ihrerseits begleitet von mystischen Gedankengängen (beispielsweise Nicolaus Von Cues). In der neuzeitlichen Philosophie wandelt sich dann der Begriff der Materie und löst sich allmählich auf, eine Entwicklung, die vorbereitet wird von Cardano, Bruno, Gassendi und Descartes, und dann durch Galilei, Newton, Leibniz und Kant fortgeführt wird, bis sich der physikalische Begriff der Materie durch die experimentellen Naturwissenschaften vom ontologischen völlig trennt und endlich durch die moderne Physik dieses phantastische Gedankengebäude völlig in sich zusammenfällt: von den substanziellen Eigenschaften der Materie blieb nichts übrig als eine mathematische Gleichung, die Masse, Energie und Geschwindigkeit verknüpft. Als Übersicht über den Begriff siehe »Materie« in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 5 (1980) 870–924. Dort heißt es am Ende: „Raum bzw. Raum-Zeit und Materie sind keine ‘ontologisch’ radikal unterschiedlichen Entitäten, sondern gewissermaßen Aspekte einer einheitlichen Realität, die untereinander in Austausch stehen können: Der Raum selbst ist Materie. Der letztgenannte Zusammenhang konnte bislang allerdings noch nicht in einer einheitlichen Feldtheorie vollständig befriedigend dargestellt werden… auch ist es bislang noch nicht gelungen, einen Überblick über cue Gesamtheit der Elementarteilchen zu bekommen, aus denen die materielle Realität nach dieser Auffassung bestehen müßte. Man kann jedoch allgemein formulieren, daß die geometrische Struktur des Raumes nach heutiger Auffassung eine Eigenschaft der Materie… ist.… Bedenkt man die… Identität von Masse und Energie, so wird deutlich, daß von den klassischen ‘ontologischen’ Differenzen keine einzige übriggeblieben ist — eine Feststellung, die nicht zuletzt für die philosophische Erkenntnistheorie ein Problem enthält.“Google Scholar
  14. 590.
    Erinnert sei an die Bilder Reichenbachs vom Blinden in der Felswildnis und Glasersfelds vom Schiff in der Meerenge oder dem Stein, der ein Sieb passiert. Google Scholar
  15. 591.
    So schon nachdrücklich Holzkamp 1970.Google Scholar
  16. 594.
    Wissen ist durch Symbole vermittelter Glaube, sagt George Santayana. In: Hampe/Maaßen 1991: 78.Google Scholar
  17. 596.
    Eine These des psychologischen Konstruktivismus; so vor allem Watzlawick.Google Scholar
  18. 598.
    Hinweise bei Clark 1971: 153, ausführlicher Störig 1954 (zitiert nach der Fischer-Ausgabe, Bd 1, 1970: 262); Durant 1961 (zitiert nach der Ullstein-Ausgabe 1982, Bd 11: 389)Google Scholar
  19. 599.
    Wie Störig schreibt: „Stevin war es, nicht Galilei, der als erster im Jahre 1586 die seit Aristoteles festgehaltene Ansicht widerlegte, die Körper fielen entsprechend ihrem Gewicht mit verschiedenen Geschwindigkeiten, durch das Experiment widerlegte: „Das Experiment gegen Aristoteles ist dies:zwei bleierne Kugeln, eine zehnmal großer an Gewicht als die andere, welche wir zusammen fallen lassen aus einer Höhe von fünfzig Fuß auf ein Brett…, das einen deutlichen Schall gibt, und es wird sich zeigen…, daß beide Geräusche als eine einzige Schallwahrnehmung erscheinen.“ Google Scholar
  20. 600.
    Stevinus war ein „archimedischer Geist“: nicht nur ein „guter Beobachter“, Begründer der Statik sowie der Hydrostatik und technischer Erfinder, sondern auch Mathematiker. Seiner „epochemachenden Abhandlung“, Das Dezimalsystem (1585), worin er in Aussicht stellt, „mit einer noch nie dagewesenen Leichtigkeit alle Berechnungen durchzuführen,…, und zwar mit ganzen Zahlen, ohne Brüche“ist es zu verdanken, daß sich diese Form in Kontinentaleuropa beim Messen und Berechnen von Längen und Volumina durchsetzte. (Durant 1982:387)Google Scholar
  21. 601.
    Im Zuge der Anklageerhebung durch die Inquisition schrieb Monsignore Dini an Galilei, wenn er in seine Veröffentlichung einflechte, daß der kopernikanische Standpunkt als Hypothese zu verstehen sei, dann würde er nicht weiter belästigt. Aber Galilei weigerte sich „Kopernikus zu mildern“. (Durant 1982: 409).Google Scholar
  22. 602.
    Diese Empfehlung ließ die Kardinal Bellarmin indirekt Galilei in einer scharf gehaltenen Warnung (in einem Brief an einen Schüler des Astronomen, Foscarini) zukommen: Man wäre gut beraten, nicht in absoluten Begriffen, sondern ‘ex suppositione’ zu sprechen. Durant 1982: 409. Wir würden heute sagen: „in einem mathematischen Modell“— Carl Friedrich Von Weizsäcker 1994: 256f.Google Scholar
  23. 603.
    Die Geschichte der Chemie ist vermutlich die größte und reichhaltigste Fundgrube für die Theorie der Wissenschaftsentwicklung, insbesondere aus konstruktivistischer Sicht. Keine andere Wissenschaft belegt deutlicher, wie sehr die Entwicklung des Wissens von den kognitiven Operationen abhängt. In allen Untersuchungen der Chemie zeigt sich immer nur das, was der Beobachter mit seinen Mitteln erzeugt, und er sieht nur das, was seine kognitive Verfassung zuläßt. Leider ist dieses Wissen sehr viel weniger Allgemeingut als andere (beispielsweise physikalische) Kenntnisse, so daß der Aufwand, mit dem man Beispiele aus der Chemie einführen muß, für Berichte wie den vorliegenden zu groß ist. Ein erheblicher Teil des antiken Wissens über die Chemie ist ohnehin nicht mehr verfügbar oder nur schwer rekonstruierbar, da er mit der alexandrinischen Bibliothek vernichtet wurde, soweit er nicht auf die Araber überging. Schon die Etymologie des Wortes ‘Chemie’ ist unklar. Man erkennt zwar deutlich die Schreibweise als griechisch (‘Chemeia’ oder ‘Chymeia’), vermutlich ist das jedoch eine Graecisierung eines ursprünglich koptischen Wortes ‘Kemi’, welches das Land Ägypten, symbolisiert in seinem schwarzen Erdreich; also die ‘Erde Ägyptens’, bedeutet. (‘Koptisch’ ist die im dritten Jahrhundert entstandene Schriftsprache der christlichen Ägypter im oberen Niltal mit stark griechischen Einflüssen). Diese Rekonstruktion ist verbreitet, jedoch problematisch, denn sie projiziert spätere alchimistische Vorstellungen geschichtlich zurück. Der Alchimie (dem ‘Goldmachen’) lag das Ziel zugrunde, eine besondere Masse (eine Art Ferment) zu finden, welche die Transmutation gewöhnlicher Stoffe in edle (Gold, Silber) bewirkte. Diesem Prozeß mußte immer die Überführungin die qualitätslose schwarze Urmaterie (oder Urerde) vorausgehen, und diese Bedeutung könnte sich mit dem Wort Kemi’ (der ‘ägyptischen Erde’ im symbolischen Sinne) vermischt haben. Der Begriff nahm dann die weitere Bedeutung der unergründlichen Schwärze im Auge an — im Sinne des Dunklen und Verborgenen, so daß Chemie als geheime oder ‘schwarze’ Kunst betrieben wurde. Bei römischen Schriftstellern finden sich Hinweise auf die säentia chimae der Griechen im Übergang vom dritten zum vierten Jahrhundert. Die Verbreitung dieser Kenntnisse im nördlichen Europa geht jedoch auf die Araber zurück: „Die Chemie als Wissenschaft ist im Grunde genommen eine arabische Schöpfung…“, sagt Durant, Bd. 5 (1981) 500. Im Arabischen wurde dem Begriff (wie allen Substantiven) der Artikel hinzugefügt; daraus entstand die Alchimie. Im Arabischen bezeichnete al=Kimijà ein flüssiges Mittel zur Verwandlung von Metallen; daraus ging die mittelalterliche Alchimie hervor, als Kunst Stoffe, insbesondere unedle in edle Stoffe (letztlich in Gold) zu verwandeln, oder magische Elixiere herzustellen. Die Ursprünge der Alchimie als esoterischer Lehre liegen, wie angedeutet, im alexandrinischen Ägypten; dort versuchte man in Tempelwerkstätten, goldähnliche Legierungen herzustellen, um Stoffe zu veredeln. Dahinter liegen naturphilosophische, gnostische und neuplatonische Lehren, Verknüpfungen mit Gottheiten (wie dem ägyptischen Thot, der griechisch als Hermes Trismegistos fortbesteht), Allegorien über Neugeburt zur Vollkommenheit, den Stein der Weisen, die Verbindung mit jenseitigen Kräften. Hinter dieser irrationalen Suche entfaltete sich ein gewaltiges Wissen über ein Bereich, von dem schwer zu sagen ist, ob er ‘Natur’ oder ein vom Menschen erzeugter Zusammenhang ist. Quellen Ritter/ Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 1 (1971) 148ff, Stichwort »Alchimie«; Meyers “Lexikon (7/1924) 305, Stichwort »Alchimie«; Asimov Wissen, 1991; Nabil Osman (Hg.): Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft, München (Beck) 1992, Stichwort »Chemie«.Google Scholar
  24. 604.
    noch immer in diesem Sinne erhalten im medizinischen und pharmazeutischen Sprachgebrauch: antiphlogistisch = entzündungshemmend.Google Scholar
  25. 605.
    Beispielsweise verliert Holz beim Verbrennen Gewicht; Eisen nimmt jedoch bei der Oxydation an Gewicht zu.Google Scholar
  26. 606.
    Auf die philosophischen Auffassungen, die diesen drei Möglichkeiten zugrunde liegen, wird der Bericht noch eingehen. Es sei zunächst nur angedeutet, daß die erste der empirisch nominalistischen Auffassung entspricht (Phlogiston ist ein konkreter Stoff); die zweite der idealistisch platonistischen Auffassung (Phlogiston ist ein reales, aber spirituelles Prinzip, das in der Natur wirkt); die dritte der konzeptualistischen Auffassung (Phlogiston bezeichnet ein kognitives Prinzip, das Wissenschaftler benutzen, um ihre Vorstellungen (die sie in der Beobachtung gewinnen) zu organisieren.Google Scholar
  27. 607.
    Dazu ausführlich Franz Kohl: Ernst Georg Stahl und das Pionierwerk der Phlogistontheorie, in Pharmazeutische Zeitung Nr. 135/142, August 1997: 11–14, unter Verweis auf Popper und Kuhn sowie mit weiteren Literaturhinweisen. Siehe auch Asimov 1991: 199.Google Scholar
  28. 608.
    Optik, Elektrizitätslehre und Lehre vom Magnetismus fielen bis Anfang des 20. Jahrhunderts unter die Thysik des Äthers’ (Weltäther, Lichtäther). Die Vorstellung des Äthers geht zurück; auf die griechische Philosophie; darin ist er ein fünftes Element, das den Himmelsraum erfüllt (der Äther ist in der griechischen Mythologie die Personifikation der oberen reinen Himmelsluft), oder ein Wärmeprinzip, gedacht als göttliches Feuer, dem alles Sein entstammt.Google Scholar
  29. 609.
    In der späteren, populären Fassung: „Entia sunt non multiplicanda sine necessitate“— „Keine überflüssigen (abstrakten) Prinzipien (zur Erklärung konkreter Phänomene) einführen“. Siehe zu ‘Ockhams Messer’ (Ockham’s razor) beispielsweise Jan. P. Beckmann, Wilhelm von Ockham, 1995: 42ff (Das Ökonomieprinzip).Google Scholar
  30. 610.
    Newton vertrat die sogenannte Emissionstheorie (jeder leuchtende Körper sendet sehr kleine Teilchen aus), Huygens die Undulationstheorie (konzentrische Ausbreitung einer Störung des Äthers um die Strahlungsquelle). Über Newtons Theorie wurde noch Anfang des 20. Jahrhunderts mit Bedauern festgestellt, daß er lange Zeit die Forschung auf dem Gebiet der Optik auf einen Irrweg geleitet habe — bis Einstein genau diese Auffassung durch die Theorie der Photonenemission (den photoelektrischen Effekt) bestätigte.Google Scholar
  31. 611.
    Nach aristotelischer Auffassung, die Aristoteles von Vorgängern (etwa Empedokles) übernimmt, besteht die Erde aus vier Elementen, die sich in Schichten überlagern (Erde, Wasser, Luft und Feuer); der Himmel darüber aber unterscheidet sich grundlegend von der Welt und besteht aus einem fünften Element, dem „strahlenden Äther“, in dem die Himmelskörper leuchten. Die Idee einer ‘wesenhaften Fünfheit’ hat sich noch immer im Bildungsbegriff der Quintessenz erhalten. Vgl. Asimov 1991: 46. Dazu noch (wegen seiner historischen Lehrhaftigkeit) ein ausführlicheres Zitat: „Diejenige von allen physikalischen Theorien, die sich wohl am längsten unter den vielen, die jemals über den Ursprung der Dinge aufgestellt worden sind, erhalten hat, rührt von Empedokles aus Agrigent (492–432) her. Es ist dies die bekannte und bis vor einem Säkulum noch in Geltung gewesene Lehre von den vier Elementen, die als Wurzel aller übrigen Stoffe gelten sollten, nämlich Feuer, Wasser, Luft und Erde.… Derjenige, der die von Empedokles begründete Lehre von den vier Elementen weiter ausgebildet hat, war… Aristoteles… (Er) hat zahlreiche Aufzeichnungen über seine physikalischen Ansichten hinterlassen, die später für die alexandrinische Bibliothek angekauft wurden und beim Brand derselben verloren gingen.… Seine Lehre von den vier Elementen zeichnet sich durch große Ausführlichkeit aus, doch ist sie so kompliziert und teilweise — wahrscheinlich durch die Kommentare entstellt — in manchen Punkten so wenig klar, daß sie eigentlich den schwächsten Teil seiner Arbeiten bildet. Nur den einen interessanten ‘unkt möchten wir aus der Lehre von den Elementen herausheben, daß Aristoteles die Existenz noch eines fünften Elements annahm, nämlich jene des,,Äthers“, aus dem seiner Ansicht nach der Himmel besteht. Diese Annanme ist um so bedeutungsvoller, als sie sich vollkommen mit der modernen physikalischen Anschauung deckt. Es gibt auf dem Gebiet unserer modernen Physik eine große Anzahl von Erscheinungen, die wir mit unseren Kenntnissen nicht zu erklären vermögen, wie z. B. die Art und Weise der Fortpflanzung des Lichtes, des Schalles usw. Um nun für all diese Erscheinungen eine Erklärung zu finden und ihre Gesetzmäßigkeiten fesdegen zu können, nimmt man in der modernen Physik die Existenz eines feinen, unwägbaren Körpers an, der alle Körper durchdringt und erfüllt. Dieser hypothetische Körper ist der „Äther“oder Weltäther. Es dekken sich also unsere modernen Anschauungen in gewissem Sinne fast vollkommen mit denen des Aristoteles.“Albert Nenburger, Erforschung und Verwertung der Naturkräfte, in Hans Kraemer (Hg.): Weltall und Menschheit, Berlin/Leipzig/ Wien/Stuttgart (Deutsches Verlagshaus), Bd. V (o. J.) 135. Die Metapher des „Äthers“und der „Ätherwellen“war im 19. (und auch noch im 20.) Jahrhundert weit verbreitet; siehe dazu Pais, Subtle Lord, 1982, Abschnitt III/6: 111f. Sie muß letztlich auch nicht aufgegeben werden, nur wird sie von anderen Konzepten überlagert — etwa der Feldtheorie (Theorie des elektromagnetischen Feldes; siehe Einstein/Infeld 1956: 102ff.) Das gesamte Paradigma verändert sich so, daß ein Festhalten eines ‘veralteten’ Terms, der einer älteren Theorie angehört, keinen Sinn ergibt — er führt zu einem Bildbruch.Google Scholar
  32. 612.
    Die ersten Experimente führte Michelson in Berlin (bei Helmholtz) aus; teilweise der ruhigeren Lage wegen in Potsdam.Google Scholar
  33. 613.
    Michelson war der erste amerikanische Naturwissenschaftler, der einen Nobelpreis gewann — 1907: für Genialität im Bau von Geräten und der Durchführung von Experimenten.Google Scholar
  34. 614.
    In dieser Formulierung erscheint Definition dessen, was ein Naturgesetz ist, in platonistischer Form: Gesetze sind wesentliche Zusammenhänge in der Natur, die unter bestimmten Bedingungen auf ein Feld einwirken. Nominalistisch ist ein Gesetz eine Formel aus allgemeinen Aussagen samt deren Gültigkeitsbedingungen («für alle Gegenstände g eines Bereichs b gilt unter der Bedingung C folgendes:…»). Konstruktivistisch müßte man unter Bezug auf Beobachter formulieren: «In einem gewählten Beobachtungsbereich b erscheinen unter der Bedingungen der Beobachtung C folgende Effekte…»Google Scholar
  35. 615.
    In einem Buch (Studies in Optics, 1927) erkannte Michelson zwar vorbehaltlos die Richtigkeit der Relativitätstheorie an, fand aber das Problem, wie sich Licht ohne Medium (ohne Äther) ausbreiten soll, um so unerklärlicher. „The existence of an ether appears to be inconsistent with the theory (Einstein’s).… But without a medium now can the propagation of light waves be explained?“ Mit dieser Frage stand Michelson keineswegs allein. Noch 1951 überlegte Paul Dirac, ob man nicht auf die Äther-Theorie zurückgreifen sollte; Quelle Pais 1982: 114f. Dort findet sich auch ein ausführlicherer Bericht über die Geschichte der Äther-Theorie und das Michelson-Morley-Experiment. Siehe dazu auch A. N. Whitehead, Wissenschaft und moderne Welt, 1988, Kap. 7.Google Scholar
  36. 616.
    Nachweise der Angaben bei Asimov 1991:46, 145, 233, 348, 362.Google Scholar
  37. 617.
    Solche Fälle sind insbesondere in der Medizin häufig; und alle Wunderheiler (sowie ihre Anhänger) werden sich darauf berufen. Auch die Schulmedizin ist in der Mehrzahl aller Falle nicht in der Lage, den Effekt, der ‘eigentlich’ auftreten sollte, nämlich Heilung, herbeizuführen; sie hält dennoch an ihren Lehren fest.Google Scholar
  38. 618.
    Wir haben hier dieselbe Situation wie in der Kosmologie: Einerseits gibt es die Ebene der astrophysikalischen Messungen, die empirische Daten liefern; andererseits gibt es die Ebene der kosmischen Modelle (die ‘astrophysikalische Märchen-Stunde’), die Theorien liefern, zu denen eine passende Realität noch gesucht wird.Google Scholar
  39. 619.
    Zwar gibt es eine erlebbare Realität. Das Handlungssystem selbst, in dem sich die Beobachtungen vollziehen, ist ein reales System, das in einer realen Umwelt operiert. Aber diese Realität wird kognitiv erst durch Beobachtung zugänglich und erst dann wissenschaftlich (erkenntnismäßig) faßbar. Außerhalb der wissenschaftlichen Beobachtung bleibt sie die „schlichte Realität des Erlebens und Handelns“.Google Scholar
  40. 620.
    Formal sind solche Terme Prädikate, die eine Eigenschaft bezeichnen: Atom-sein. Sie werden als offene Aussagen interpretiert: „Ein Gegenstand x hat die Eigenschaft, ein Atom zu sein“, formal, x(A)“. Ob es einen solchen Gegenstand gibt (und wo), bleibt offen. Wenn es ihngibt, muß diese Behauptung durch einen zusätzlichen Existenz-Operator in die ineorie eingeführt werden; formal „∃x: x(A)“ Hies: „es existiert mindestens ein Gegenstand x, für den die Aussage gilt, x hat die Eigenschaft, ein Atom zu sein“ oder kurz: „Es gibt Atome“. Aber wo gibt es sie? Nach realistischer Auffassung, wie sie Einstein vertrat, referiert der Term Atom“ auf die (gewissen Bindungen unterliegenden) Träger elektrischer Ladungen in einem realen physikalischen Feld. Nach konzeptualistischer Auffassung, wie Mach sie vertrat, referiert der Term ‘Atom’ auf eine gedanklich vorgestellte ‘Kleinste Einheit der Materie’ im Sinne Demokrits, mit der sich Wissenschaftler den Weltaufbau gedanklich erklären. Dieselbe Überlegung gilt auch für den Term ‘System’, wie sich später zeigen wird.Google Scholar
  41. 621.
    Siehe Clark 1984: 203–204. Zur Frage, „gibt es Atome (wirklich)?“ siehe auch Reichenbach, Aufstieg der wissenschaftichen Philosophie, 2/1968, Zweiter Teil, Abschnitt 11.Google Scholar
  42. 622.
    Bernstein, dessen elektrisierende Effekte beim Reiben mit Tuch seit dem Altertum bekannt waren.Google Scholar
  43. 623.
    Thompsons Modell verwendete das Bild einer Melone, in dem die Kerne den Elektronen entsprachen; Rutherford ersetzte es durch das Modell von Planeten, die einen massereichen Kern umkreisen.Google Scholar
  44. 624.
    Über einen die Erzeugung und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt. In Annalen der Physik, 4/17, 1905: 132–148. Nicht für die Relativitätstheorie, sondern für diese Arbeit erhielt Einstein 1921 den Nobelpreis. Ausführlich Pais 1982, Kap. 30: 502ff., How Einstein got the Nobel prize.Google Scholar
  45. 625.
    Zur Theorie der Brownschen Bewegung, in Annalen der Physik, 4/19 (1906): 371–381. Die Brownsche Molekularbewegung ist eine regellose Zitterbewegung von Staubteilchen oder anderen winzigen Teilchen, die in Gasen oder Flüssigkeiten suspendiert sind (Brownsche Partikel); beispielsweise zu beobachten als Tanz von Staubteilchen im (Sonnen-)Licht, das durch eine Scheibe in einen dämmrigen Raum fällt (Fabrikhallen, Kirchen). Es handelt sich um eine Schwankungserscheinung, die statistisch beschrieben werden kann (Einstein 1905). Sie wurde von Biologen schon im 18. Jh. beobachtet, aber erst von dem engl. Botaniker Robert Brown als Beobachtung von Pollen bestimmter Pflanzen (Kömchen mit einem Durchmesser zwischen 5–6 Tausendstel Millimeter) unter dem Mikroskop exakt beschrieben. Diese Bewegung Brown zuzuschreiben, ist insofern gerechtfertigt, als er als erster erkannte, daß sie eine physikalische Erscheinung ist und keine biologische.Google Scholar
  46. Brown war ein bedeutender Forscher, der soviel Ruhm zu beanspruchen hatte, daß die «Brownsche Bewegung» in der neunten Auflage der Encyclopedia Britannica (1878) noch gar nicht erwähnt ist. Die elfte bis dreizehnte Auflagen bis 1926 widmen ihre einige Worte. Inzwischen hatte jedoch die von Brown ausgelöste Forschung die Theorien von Einstein (1905) und die Experimente von Perrin (1909) hervorgebracht. Entsprechend sind in den Auflagen der Encyclopedia Britannica nach Perrins Nobelpreis von 1926 ausführliche Artikel dazu enthalten.Google Scholar
  47. Die Deutung dieses Phänomens in der (molekular-) kinetischen Theorie beruht auf der (selbst im Mikroskop nicht beobachtbaren!) Wärmebewegung der Moleküle, die unregelmäßig in milliardenfacher Bewegung umherschießen. Die Stoßkräfte, die dabei auf die suspendierten Teilchen im Gas oder in der Flüssigkeit wirken, kompensieren sich nicht, sondern es bleibt ein Impulsüberschuß, der die Zitterbewegung auslöst (siehe dazu Einstein/Infeld 1956: 46ff).Google Scholar
  48. Erwähnenswert ist, daß es zwar scheinen könnte, als habe Einstein aufgrund einer Beschäftigung mit Brown eine alte Beobachtung aus dem 19. Jh. erklären wollen, es aber nicht so war. Einstein hatte die Brownsche Bewegung (die er dem Prinzip nach wohl kannte) aus der Mechanik hergeleitet, ohne zu wissen, wie genau sie beobachtet worden war. Seine Arbeit von 1905 beginnt nämlich mit den Worten: „In dieser Arbeit soll gezeigt werden, daß nach der molekularkinetischen Theorie der Wärme in Flüssigkeiten suspendierte Körper von mikroskopisch sichtbarer Größe infolge der Molekularbewegung der Wäre Bewegungen von solcher Größe ausführen müssen, daß diese Bewegungen leicht mit dem Mikroskop nachgewiesen werden können. Es ist möglich, daß die hier zu behandelnden Bewegungen mit der sogenannten ‘Brownschen Molekularbewegung’ identisch sind; die mir erreichbaren Angaben über letztere sind jedoch so ungenau, daß ich mir hierüber kein Urteil bilden konnte.“ (Berichtet von Mandelbrot 1991: 416).Google Scholar
  49. Als weitere Randnotiz zur Brownschen Molekularbewegung sei erwähnt, daß der französische Mathematiker Louis Bachelier einen großen Teil der mathematischen Eigenschaften dieser Bewegung bereits fünf Jahre vor Einstein in seiner Dissertation von 1900 als Mathematische Theorie der [ökonomischen] Spekulation detailliert beschrieben hat. Darin verwendete er ein mathematisches Modell, um die These zu begründen, daß sich die Preisbildung in der Ökonomie wie eine Brownsche Bewegung verhalte. Kolmogoroff, der später Einsteins physikalische Theorie in diesem Bereich mathematisierte, geht ausdrücklich auf den Tall Bachelier’ ein. Auch mit seinen sonstigen Beiträgen scheint Bachelier (er starb 1946) ein ‘unerkanntes Genie’ geblieben zu sein. (Quelle Mandelbrot 1991: 402–405)Google Scholar
  50. 626.
    Beziehungsweise die eigenen Operationen ein Teil der systemischen Operationen eines BeobachtungssystemsGoogle Scholar
  51. 627.
    Die Palo Alto-Gruppe und ihre Bedeutung für den systemischen Konstruktivismus -zunächst nur die systemische Psychologie, dann für das systemische Denken in Form einer ‘Kybernetik zweiter Ordnung’ — wurde in diesem Bericht mehrfach erwähnt. Aber dahinter steht ein Phänomen, das auch schon Jung (und anderen Psychologen) bekannt war: Die Psychologie liefert kein Bild der objektiven Verhältnisse, sondern immer nur eine Selbstbeschreibung. Dazu ein Zitat: „Die Psychologie kann in sich nichts abbilden; sie kann sich nur in sich selber darstellen und sich selber beschreiben. Das ist auch konsequenterweise meiner Methode überhaupt: sie ist im Grunde genommen reiner Erlebnisprozeß, bei dem der Eingriff una Mißgriff, die Deutung und der Irrtum, die Theorie und die Spekulation, e Arzt und der Patient… ein Zusammentreffen und zugleich Anzeichen von Prozessen sind.“ Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen, in C. G. Jung Von den Wurzeln des Bewußtseins. Studien über den Archetypus, 1954: 581. Mehr hat die Palo Alto-Gruppe im Grunde auch nicht herausgefunden, aber sie hat den Gedanken ausführlich systematisiert.Google Scholar
  52. 628.
    Abgesehen von den mathematischen Ursprüngen, vor allem bei Paul Lorenzen.Google Scholar
  53. 629.
    Natürlich sind die Gegensätze zwischen Parsons und Luhmann nicht so hart, wie diese Gegenüberstellung sie erscheinen läßt; und es ist auch nicht offensichtlich, daß Parsons’ Ansatz auf der Linie liegt, die Dingler vorgab. Der Bericht wird Hinweise dazu geben, die der Leser dann selbst prüfen kann.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Jensen Stefan

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