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Die philosophischen Grundlagen des Konstruktivismus

  • Jensen Stefan

Übersicht

Die philosophischen Grundlagen des Konstruktivismus beginnen bei der Frage, ob der Konstruktivismus, wie Luhmann meint, auf „festen realistischen Beinen steht“, oder ob er, wie andere meinen, ein Teil der idealistischen Erkenntnisauffassung ist. Die zweite Auffassung wird oft mit dem Vorwurf des Solipsismus verbunden. Wir gehen diese Frage in zwei Schritten an: Im ersten Schritt machen wir uns klar, was mit den genannten Positionen (Realismus, Idealismus, Solipsismus)378 gemeint ist; im zweiten Schritt prüfen wir, was auf den Konstruktivismus zutrifft.

Da der Konstruktivismus eine Theorie der Beobachtung ist, stellt sich die Frage, was in der Beobachtung erscheint. Mit dieser Frage bezieht sich der Konstruktivismus auf den Zusammenhang von Wissen und Wirklichkeit. Gründet Wissen über Wirklichkeit auf Kognition? Was der Beobachter Erklären will, ist die Außenwelt. Beobachtungen beruhen jedoch auf kognitiven Effekten der Innenwelt. Gibt es eine empirische Brücke zwischen Außenwelt und Innenwelt, so wie sich das manche Biologen in ihrem Verständnis von Kognition vorstellen? Dazu werden verschiedene Auffassungen diskutiert. Im Zusammenhang damit kommt der Bericht auch zum Konzept Autopoiesis.

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Literatur

  1. 378.
    Früher auch als «Egoismus» bezeichnet; mittlerweile aber ist die andere Bezeichnung gängig. Siehe zur Entwicklung und Bedeutung des Begriffs das Stichwort »Solipsismus« in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 9 (1995) 1018–1023.Google Scholar
  2. 379.
    Siehe dazu Maturana 2/1985; 1994; 1998; Maturana/Varela 1987.Google Scholar
  3. 380.
    Natürlich könnte man hier Haare spalten und einwenden, auch in der Bibliothek sitzend, Bücher lesend, befände man sich ‘in der Wirklichkeit’ und ‘sehe’ sie also. Selbstverständlich ist Philosophie, wie jedes Handeln oder jedes bloße Da-Sein, aus Sicht des Subjektes Wirklichkeit. Um diese Art der ‘selbstbetriebenen Wirklichkeitserzeugung’ von jener Art der Wirklichkeit zu unterscheiden, auf die sich die Erkenntnisanstrengungen richten, wird von der Unterscheidung von Innenwelt und Außenwelt Gebrauch gemacht.Google Scholar
  4. 381.
    Noch einmal als Erinnerung: Keith Raring hat Passanten, die ihn beim Ausmalen der New Yorker Metro nach der ‘Bedeutung’ fragten, im Sinne Marcel Duchamps geantwortet: „Ich mach die Zeichnung, Sie die Bedeutung.“Bedeutung ist, was der Betrachter sieht. Im konstruktivistisch ‘korrekten’ Sinne muß dieser Satz heißen: „Worüber sich Betrachter in der Kommunikation verständigen“— keine unwichtige Korrektur!Google Scholar
  5. 382.
    Diese Frage ist in der Erkenntnispsychologie deswegen ‘berühmt’, weil Koffka einer der bahnbrechenden Forscher dieser Richtung war und seine Untersuchungen unter dieses Motto stellte: Why do things look as they look, Koffka 1936, zitiert von Bischof in Metzger 2/1974:49.Google Scholar
  6. 383.
    Operative Geschlossenheit ist etwas anderes als physikalische Geschlossenheit. Um Verwechslungen zu vermeiden, wäre es vorzuziehen, von „operativer Autonomie“zu sprechen. Gemeint ist, daß Operationen im System ablaufen und nicht von dem abhängen, was außerhalb der Fall ist. So ist idealerweise die ärztliche Behandlung einer Krankheit davon unabhängig, wer der Patient und was im Gesundheitswesen der Fall ist; ebenso ist idealerweise die Rechtsprechung autonom. Auch Erkenntnis ist ein autonomer Prozeß, in den ‘von außen’ nichts eingreift. Gilt das möglicherweise für alle kognitiven Prozesse?Google Scholar
  7. 384.
    Dies ist ein schwieriger Punkt, denn glauben nicht fast alle Menschen in irgendeiner Form, die Natur halte eine Flut von Information bereit, die unsere Sinne beständig erreichen? Aber vielleicht ist es nur eine ‘biologische Programmierung’, die bewirkt, daß Lebewesen auf bestimmte Effekte der (ihnen zugeordneten) Umwelt — ihres Lebensraumes — in bestimmter Weise reagieren. Mit Luhmann „korrigieren wir… einen populären Begriff der Information. Information ist eine überraschende Selektion aus mehreren Möglichkeiten. Sie kann als Überraschung weder Bestand haben noch transportiert werden; und sie muß systemintern erzeugt werden, da sie einen Vergleich mit Erwartungen voraussetzt.“Luhmann GdG 1997: 71. Ähnlich argumentiert Stanislaw Lem: Alles Entschlüsseln von Information setzt schon immer die Information voraus, daß es sich tatsächlich um Information (um Ordnung und nicht um Zufall) handelt.Google Scholar
  8. 384a.
    Siehe Lem Philosophie des Zufalls, Bd. 1 (1983a) 68.Google Scholar
  9. 385.
    Systeme, zu denen der Mensch nicht gehört; eine Annahme von „unplausibler Evidenz“, wie Luhmann gelegentlich sagt.Google Scholar
  10. 386.
    Einige (kurze) Argumente zu diesem Standpunkt liefert Heinz Von Foerster in Simon (Hg.) 1997:165ff.Google Scholar
  11. 387.
    „Was immer seine Anhänger sagen mögen: selbstverständlich ist der Konstruktivismus eine realistische Erkenntnistheorie, die empirische Argumente benutzt.“Und: „Tatsächlich steht der Realismus des Konstruktivismus auf sicheren Beinen, denn weder Jean Piaget noch Heinz von Foerster, weder Humberto Maturana noch Ernst von Glasersfeld lassen den geringsten Zweifel daran, daß es sich um Konstruktionen real operierender Systeme handelt.“Luhmann Aufklämng5, 1990b: 9 sowie 15, Fußnote 2.Google Scholar
  12. 388.
    Ähnlich in einem Festvortrag, aus dem Merton 1980 spöttisch zitiert: „Heute sitzen wir neben den Riesen, auf deren Schultern wir stehen“.Google Scholar
  13. 389.
    Außer einem solchen selbst, denn der Solipsist kann sich einbilden, was immer er will.Google Scholar
  14. 390.
    Gemeint ist „… ein Vorgang auf der Ebene der Elemente, der für jede Erhaltung und Änderung des Systems unerläßlich ist, [und daher wollen wir] die Reproduktion der ereignishaften Elemente als Operation bezeichnen. Immer, wenn im folgenden von »Operationen« die Rede ist, ist dies gemeint.“Luhmann 1984: 79.Google Scholar
  15. 391.
    ‘Komplementarität’ drückt die Eigenschaft von Komponenten aus, die einem komplementären Zusammenhang angehören. Komplementär ist die Erscheinung von Wellen- und Teilcheneigenschaft der Materie; allgemein werden Erscheinungen dann ‘komplementär’ genannt, wenn zwar nur eine von ihnen zur Erscheinung oder zu Bewußtsein gebracht werden kann, aber beide notwendig sind, um ein Phänomen vollständig zu beschreiben. Im Konstruktivismus geht es um die Komplementarität von Operationen einerseits und darin erscheinenden Phänomenen andererseits.Google Scholar
  16. 392.
    siehe dazu Sandkühler 1992a: 11–26 und Putnam 1993, Kap. 6.Google Scholar
  17. 393.
    Die Mittel der Anordnung entstehen im Prozeß der Kommunikation. Kommunikation ist das Verfahren, mit dem wir Symbole erzeugen und verarbeiten. Das ist das Thema der Medientheorie. Der Bericht wird — zumindest in diesem Band — darauf nicht tiefer eingehen; der Autor setzt seine Hoffnungen auf einen Folgeband. Dazu muß jedoch die Trägheitsbarriere überwunden werden — und dies ist keine geringe Aufgabe.Google Scholar
  18. 394.
    Die Forschung an Fröschen war der Ausgangspunkt; der Titel eines dieser Berichte („what the frog’s eye tells the frog’s brain — Lettvin (u.a.) 1959) ist merkwürdiferweise sehr populär geworden, vermutlich, ohne daß die Untersuchung selbst adurch mehr gelesen wurde.Google Scholar
  19. 395.
    Siehe Maturana/Varela, Baum der Erkenntnis, 1990Google Scholar
  20. 395a.
    Maturana, Erkennen, 2/1985Google Scholar
  21. 395b.
    Maturana, Was ist Erkennen, 1994Google Scholar
  22. 395c.
    Maturana, Biologie der Realität, 1998.Google Scholar
  23. 396.
    Jacob Von Uexküll nennt die Welt, die um jedes Lebewesen ausgespannt ist und die nur von ihm erlebt werden kann, die Erscheinungswelt, in Von Uexküll 1921: 45, Umwelt und Innenwelt der Tiere. Google Scholar
  24. 397.
    Als ‘biologische Kognitionssemantik’ oder ‘Biosemantik’ wird ein Theorieprogramm mit dem Ziel bezeichnet, Bedeutung oder Repräsentation (von Phänomenen der Außenwelt) in biologischen Begriffen zu bestimmen. Die Ursprünge dieses Programms reichen historisch teilweise weit zurück. Führende Vertreter in der Gegenwart sind beispielsweise Ruth Millikan oder David Papinau. Ob dieses Programm Erfolg haben kann ist zweifelhaft. Zur Kritik siehe G. Keil, Biosemantik: ein degenerierendes Forschungsprogramm, 1993.Google Scholar
  25. 398.
    Dazu beispielsweise Musgrave 1993.Google Scholar
  26. 399.
    Das Entstehen von Durchzug, verstärkte Geräusche, die Freigabe bisher versperrter Wege, den freien Blick in neue Perspektiven und so weiter.Google Scholar
  27. 400.
    Mit diesem Argument hat sich Paul Feyerabend 1976 ausführlicher beschäftigt. Ist das ‘teleskopische Sehen’ auf der Erde und im Kosmos dasselbe oder ist es verschieden? Zumindest wurde (und wird) es — mit guten Gründen! — für verschieden gehalten. Gemäß der überlieferten Vorstellungen hat man zumindest mit verschiedenen ‘Reichen’ zu tun, und das Licht, das beide (himmlische und irdische) Bereiche verbindet, kann beim Zusammentreffen mit den optischen Geräten durchaus unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Hinzu kommt die Korrektur der Wahrnehmung durch die Sinneserfahrung, die bei den himmlischen Körpern, mit denen wir keine (korrigierenden) Erfahrungen haben können, versagt. Siehe Feyerabend Methodenzwang, 1976: 161ff Insgesamt sind all dies interessante Argumente zugunsten des Konstruktivismus, denn sie zeigen immer wieder, daß wir uns der Realität vergewissem, in dem wir uns über die Auslegung der beobachteten Phänomene einigem Wir probieren alle möglichen Deutungsmuster, bis ‘es paßt’ oder — wie es in einem berühmten Kinderstüch einer gewissen schwedischen Autorin heißt — „wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.“Und in vielen Fällen hängt „machen“auch mit „Macht“zusammen.Google Scholar
  28. 400a.
    Dazu Wilson Die neue Inquisition, 1992, insbesondere Kap. 2Google Scholar
  29. 401.
    Über konstruktivistische Experimente mit der Frage nach der Stärke von Überzeugungen berichtet Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? zit. nach der Ausgabe 18/1990. Siehe auch Wilson 1992Google Scholar
  30. 402.
    Es müßte sich in diesem Fall um lebendes Plasma’ handeln; beispielhaft dargestellt in der Erzählung: Die Wahrheit in Lem Erzählungen, 1980: 188–211.Google Scholar
  31. 403.
    zitiert nach der Ausgabe von 1966. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1934 (mit Jahresangabe 1935) bei Julius Springer, Wien.Google Scholar
  32. 404.
    Gemeint ist der berühmte englische Astrophysiker Sir Arthur Eddington; das Bild vom Netz des Fischer stammt aus The Philosophy of Physical Science, 1939.Google Scholar
  33. 405.
    Ausfuhrlicher wird das Beispiel Eddingtons erörtert (u.a.) von Musgrave 1993 — Kapitel 12 — und Hans-Peter Dürr 1988 (hier zitiert nach der Ausgabe bei dtv von 1990). Ich zitiere aus Dürr: „Eddington vergleicht in [seiner] Parabel den Naturwissenschaftler mit einem Ichthyologen, einem Fischkundigen, der das Leben im Meer erforschen will. Er wirft dazu sein Netz aus, zieht es an Land und prüft seinen Fang nach der gewohnten Art eines Wissenschaftlers. Nach vielen Fischzügen und gewissenhaften Überprüfungen gelangt er zur Entdeckung von zwei Grundgesetzen der Ichthyologie: 1. Alle Fische sind größer als fünf Zentimeter [im Original 2 Zoll], 2. Alle Fische haben Kiemen. Er nennt diese Aussagen Grundgesetze, da beide Aussagen sich ohne Ausnahme bei jedem Fang bestätigt hatten. Versuchsweise nimmt er deshalb an, daß diese Aussagen auch Dei jedem künftigen Fang sich bestätigen, also wahr bleiben werden. Ein kritischer Betrachter… ist jedoch mit der Schlußfolgerung des Ichthyologen höchst unzufrieden und wendet ein: »Dein zweites Grundgesetz, daß alle Fiscne Kiemen haben, lasse ich als Gesetz gelten, aber dein erstes Grundgesetz, über die Mindestgröße der Fische, ist gar kein Gesetz. Es gibt im Meer sehr wohl Fische, die kleiner als fünf Zentimeter sind, aber diese kannst du mit deinem Netz nicht fangen, da dein Netz eine Maschenweite von fünf Zentimetern hat!« [Der] Ichthyologe… entgegnet: »Was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, liegt prinzipiell außerhalb fiscnkundigen Wissens, es bezieht sich auf kein Objekt der Art, wie es in der Ichtyologie als Objekt definiert ist. Für mich als Ichthyologen gilt: Was ich nicht fangen kann, ist kein Fisch.« Soweit die Parabel“Dürr 1990: 29f.Google Scholar
  34. 406.
    Viel Material dazu bietet Olaf Breidbach Die Materialisierung des Ichs, 1997.Google Scholar
  35. 407.
    Die Ansätze dazu sind mittlerweile über hundert Jahre alt; sie gehen vor allem auf die physiologische Forschung durch Wilhelm Wundt zurück. Über Erkenntni-stheorie im Medium der Psychologie schreibt Schnädelbach 1971: 196f und erinnert dabei an Wittgenstein: „Die Psychologie ist der Philosophie nicht verwandter als irgendeine andere Naturwissenschaft“. Dem steht der Ansatz des Naturalismus gegenüber, der bereits (mit Hinweisen auf Quine) erwähnt wurde; siehe dazu als Einführung Bieri Analytische Philosophie, 1992.Google Scholar
  36. Seine philosophische Legitimation als ‘Neurophilosophie’ erhielt der Kognitivismus vor allem durch Popper/Eccles 1977. Dazu ein Zitat: „Trotz aller Einschränkungen, die das von Popper und Eccles formulierte Konzept einer eigenen Welt von Bewußtseinszuständen mit sich brachte, blieb als Grundaussage, daß eine sich auf neurobiologische Befunde stützende Philosophie möglich sei.“(Breidbach 1997: 392).Google Scholar
  37. 408.
    So anscheinend Gerhardt Roth; siehe Roth in Schmidt (Hg.) 1987: 229ff sowie die Diskussion mit Roth in Sandkühler (Hg.) 1992b: 91ff, insbesondere den Beitrag von Läsker, 131ff.Google Scholar
  38. 409.
    Hysteron — Proteron = das Spätere als Früheres; ein Beweisfehler (auch eine rhetorische Figur), konstruiert aus der Umkehrung der Verhältnisse.Google Scholar
  39. 410.
    Ausführlich S.J. Schmidt Gedächtnis, 3/1996.Google Scholar
  40. 411.
    Siehe dazu Edgar Morin in Watzlawick/Krieg 1991: 75ff.Google Scholar
  41. 412.
    Mit Luhmann gesagt, beobachten Beobachter zweiter Ordnung andere Beobachter erster Ordnung. Diese Aussage eilt aber nur oberflächlich. Genauer gesagt, wird in der Beobachtung zweiter Ordnung selbstbezüglich, das heißt, die «Operation Beobachtung» beobachtet; siehe Luhmann, WiGe, 1990a: 77.Google Scholar
  42. 413.
    Der empirische Ausgangspunkt war kognitiver Art und bezog sich auf die Frage, wie Wissen über die Umwelt im einzelnen Lebewesen einer Art entsteht. Erinnert sei an die Forschung Piagets als Ausgangspunkt des neuen Konstruktivismus.Google Scholar
  43. 414.
    Keine bloße Wahrnehmungsverarbeitung, wobei man bedenken muß, daß schon die physiologische Wahrnehmung ein vom Gehirn aktiv gesteuerter Selektionsprozeß ist; siehe dazu beispielsweise Roth Gehirn und Wirklichkeit, 4/1996.Google Scholar
  44. 414a.
    Zur Begriffsgeschichte von ‘Beobachtung’ siehe unter «Observado» in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 6 (1984) 1072–1081.Google Scholar
  45. 415.
    ‘Agnostizismus’ ist ‘ontologische Enthaltsamkeit’; ‘Skeptizismus’ ist wissenschaftlicher Zweifel. Die Skepsis (aeren stärkster Vertreter Hume war, dessen Argumente auch meist zugrunde gelegt werden) richtet sich gegen die Annahme ‘sicheren’ Wissens: Wir wissen nicht, wir glauben nur zu wissen. Die Begründung dafür ist im wesentlichen der Umstand, daß wir stets gewisse Dinge als unbezweifelbare Grundgegebenheiten voraussetzen müssen, um überhaupt etwas sagen zu können — wenn wir (beispielsweise) nicht glaubten, daß Wörter über Nacht ihren Sinn behielten, unser Erinnerungsvermögen funktionierte oder wir wirklich lebten, dann wäre jeder Versuch, etwas über Erkenntnis zu sagen, sinnlos. Der Weise müßte verstummen (und viele wahrhaft Weisen scheinen diesen radikalen Schluß tatsächlich auch gezogen zu haben — im Gegensatz zu Buchautoren. Das sollte den Leser nachdenklich stimmen!) Der Agnostizismus ist mit dem zuvor erwähnten ‘radikalen Zweifel’ verknüpft: Er drückt den ontologischen Unglauben aus, der den Agnostiker erfüllt. Während Skeptizismus auf Wissen bezogen — also ein erkenntniskritischer Standpunkt — ist, bezieht sich Agnostizismus auf den ‘ontischen Grund’; der Agnostiker sieht nur einen Abgrund von Dunkelheit und versteht nicht, wie man über dort angeblich vorhandene Gegebenheiten sprechen kann, von denen doch absolut nichts zu erblicken ist. Seine Standardformel lautet: „Zu nichts ist nichts zu sagen.“Auch dieser Standpunkt wird von vielen wahrhaft Weisen geteilt. Im Rahmen der westlichen Philosophie wird Agnostizismus nur auf wissenschaftliche Ontologien bezogen — als Weigerung, über metaphysische Gegenstände zu sprechen. Es mag sie geben, aber da wir nichts von ihnen sehen, ist es sinnlos, sich dazu zu äußern.Google Scholar
  46. 416.
    Nach dem Muster… beginnen wir ohne weitere erkenntnistheoretische Zweifel mit der These, daß es Beobachter gibt“, so wie Luhmann 1984: 30 das mit dem Begriff des Systems versucht hat. Zum Begriff der Beobachtung und dem des Beobachters im hier gemeinten Sinne siehe Bohr in Krüger 1970: 389–402.Google Scholar
  47. 417.
    Zur Entstehung und Bedeutung des Begriffs Autopoiesis bei Maturana siehe Fischer 1993. Maturana selbst sagt dazu, daß er in einer Unterhaltung mit einem Freund über Don Quichote auf das griechische Wort poiesis gekommen sei; und fährt fort: „I understood for the first time the power of the word ‚poiesis‘ and invented the word that we needed: autopoiesis. This was a word without a history, a word that could directly mean what takes place in the dynamics of the autonomy proper to living systems…“ (Quelle Fischer 1993: 11, Fußnote 3).Google Scholar
  48. 418.
    Siehe James Gleick Seltsame Attraktoren, in G. Kurth (Hg.) 1994: 65–101.Google Scholar
  49. 419.
    Ausführlich dazu Prigogine 1979; Lewin 1993.Google Scholar
  50. 420.
    Siehe dazu beispielsweise Kratky/Wallner 1990; Simon 1997.Google Scholar
  51. 421.
    Siehe dazu Paslack 1991; in Kurzfassung auch enthalten in Rusch/Schmidt (Hg.): Ursprünge der Selbstorganisation, 1992: 59–90.Google Scholar
  52. 422.
    Siehe dazu beispielsweise Futuyma Evolutionsbiologie, 1990.Google Scholar
  53. 423.
    Ausführliche Darstellung beispielsweise bei Campbell 1997; populärwissenschaftlich Dawkins 1994.Google Scholar
  54. 424.
    Maturana in Riegas/Vetter 1990: 35ff. Ausführlich Maturana2/1985.Google Scholar
  55. 425.
    Siehe dazu H. R. Fischer (Hg.) 1993.Google Scholar
  56. 426.
    Wenn es dem Leser nicht klar ist, so kann er es doch ohne Mühe nachlesen, etwa bei Campbell Biologie, 1997. Gerade diese Möglichkeit des leichten Nachlesens’ hat man in der soziologischen Theorie (insbesondere der Theoriebildung Luhmanns) bislang nicht.Google Scholar
  57. 427.
    Diese Warnung wurde in den berühmten Satz gefaßt: „Entia non (sunt) multiplicanda präter necessitatem“ (oder „sine necessitate“), der allerdings bei Wilhelm von Ockham (noch) nicht vorkommt, sondern erst später nachzuweisen ist. Wilhelm warnt allgemein vor dem ungerechtfertigten Gebrauch von ‚Universalien‘ (durch Verwendung singulärer abstrakter Terme) zur Erklärung des Individuell-Konkreten. Das bedeutet nicht, daß ein Term wie ‚Autopoiesis‘ nicht verwendet werden darf, sondern nur, daß die Erklärung — beispielsweise der Erneuerung der Zelle — durch detaillierte Analyse der konkreten Vorgänge, nicht aber durch ein allgemeines Prinzip („hier wirkt Autopoiesis“) erfolgen muß. Was Autopoiesis ist, wird durch die konkreten Abläufe in der Zellreproduktion beschrieben, nicht umgekehrt die Reproduktion der Zelle durch abstrakte autopoietische Wirkungskräfte. Aber wird das auch in Anwendung auf Sozialsysteme so verstanden?Google Scholar
  58. 428.
    Die Gattung wird als semantische (oder logische) Einheit aufgefaßt, nicht als „real existente“Vielheit. An einem Beispiel: Norninalistisch gibt es sowohl Kühe als auch Herden von Kühen als konkrete (zeigbare, abzählbare) Gegenstände der Erfahrung. Aber weder gibt es eine „ideelle Kuh“als Ur- oder Sinnbild aller Kühe, die in jeder empirischen Kuh emaniert, noch gibt es ein abstraktes Prinzip ‚Herde‘, ‚Herdenbildung‘ oder ‚Herdentrieb‘, das den Zusammenschluß von Lebewesen zu Herden bewirkt.Google Scholar
  59. 429.
    Man erklärt nicht die Realität, sondern unsere kognitive Erfahrung der Realität. In der Physik wurde diese Auffassung als Empiriokritizismus oder Positivismus insbesondere von Ernst Mach vertreten. Gregory Bateson Ökologe des Geistess, 6/1983, hat die kognitive Deutung von Prinzipien nicht als Wirkungskräfte, sondern als Erklärungsmuster dargestellt (Metalog: Was ist ein Instinkt? 73–96). Schwerkraft ist kein physikalische Wirkung, sondern ein kognitives Prinzip, mit dem wir die Beobachtung erklären, daß Dinge ‘nach unten fallen’.Google Scholar
  60. 430.
    Bei jeder Erklärung — oder überhaupt bei jeder wissenschaftlichen Beschäftigung mit Gegenständen — wird ein semantisches Programm verwendet, um eine symbolische Ordnung zu erzeugen, in der zu erklärende Gegenstand (das Explanandum) als Element vorkommt, so daß sich seine Funktion aus dem Gesamtzusammenhang ergibt. Wissenschaft ist unter diesem Aspekt nichts anderes als ein umfassendes Programm zur Symbolmanipulation. Das Bild der Wirklichkeit, das auf diese Weise immer wieder erzeugt und verändert wird, um immer wieder neue Phänomene zu erklären, entsteht durch Manipulation der Symbole, die als Repräsentationen der realen Dinge und Beziehungen interpretiert werden. Diese Idee geht schon auf Platon (Kratylos) zurück, findet aber ihre geradezu manieristische Ausarbeitung erst im Mittelalter (das heißt, im Neuplatonismus), vor allem bei Ramon Llull oder Nikolaus Von Cues. Ausführlich dazu Eco 1994, Kap. 4. In romanhafter Weise („als narrative Fortsetzung der Theorie im Roman“ — eine Formel, die auch für Stanislaw Lem gilt) hat Eco diese Idee ebenso im Foucaultsche(n) Pendel, aber natürlich auch schon in vielfacher Form in der Darstellung der „Großen Bibliothek“im Namen der Rose dargestellt; vgl. den Klappentext (der italienischen Ausgabe), in dem Wittgenstein mit der (nicht gänzlich unernst gemeinten) Bemerkung parodiert wird, daß man über das, was man nicht theoretisieren könne, erzählen müsse. Zurück zur wissenschaftlichen Semantik: Aus ihr ergeben sich zwei Probleme: erstens die platonische (aber nicht beantwortbare) Frage, ob symbolische Darstellungen — zumindest in der Wissenschaft — die ‚gemeinten‘ (realen) Dinge und Zusammenhänge in einer ihrem ‚wirklichen Sein‘ entsprechenden Weise abbilden — das heißt, ob unsere symbolischen Repräsentationen dem eidos (den ‚wahren Dingen‘) homomorph oder isomorph seien; zweitens die Frage: inwiefern unsere analytischen Operationen auf der Repräsentationsebene eine adäquate Wiedergabe’ der realen Prozesse in der wirklichen Welt sein können, das heißt, inwiefern die Bearbeitung der Symbole (also mit den Namen und Rektoren, welche die Dinge und Verhältnisse darstellen), die ja nicht den Eigenschaften der Dinge folgt, sondern der Logik der Symbolmanipulation (Sprachregeln, Denkmustem, der explanativen Logik, Deduktions- und Induktionsregeln und so weiter), eine Entsprechung in den realen Prozessen der Wirklichkeit haben kann. In der llullischen Logik was das noch als fester Glaube vorausgesetzt: „Die Kombinationskunst muß die Bewegung der Wirklichkeit selbst widerspiegeln, und sie arbeitet mit einem Begriff von Wahrheit, der von der Ars [gemeint Ramon Llullus, Ars Magna et Ultima, Straßburg 1598] nicht nach den Formen der logischen Schlußfolgerung gestaltet wird, sondern nach der wirklichen Daseinsweise der Dinge“, erklärt Eco 1994: 77.Google Scholar
  61. 431.
    Es ist allerdings fraglich, ob der so häufig behauptete „Sieg des Nominalismus“(über den Piatonismus oder Universalienrealismus) wirklich stattgefunden hat. Die Erklärungen der Wissenschaft strotzen geradezu von „Prinzipien“, „Kräften“und „Prozeßbildungen“, und der gesellschaftliche Aberglaube, der sich in unzähligen sektiererischen Wannsystemen offenbart, die alle in der Berichterstattung der Medien ihren Platz finden, ist wüster denn je. Der Konstruktivismus ist nicht nur eine Erklärung dieser Ideen, sondern zugleicn eine gegen sie gerichtete Aufklärung.Google Scholar
  62. 432.
    „Der Grundakt der Metaphysik… [ist] eine Wiedererinnerung“(Heidegger). Die reinen Gedanken sind in der Präexistenz bei den Göttern geschaut; angeregt durch die Sinneswahmehmung in Raum und Zeit erinnert sich der Mensch ihrer. Wir erwerben das apriorische Wissen nicht neu, nicht aufgrund der Sinneserfahrung; es ist vielmehr schon fertig aufgrund der präexistenten Schau der unsterblichen Seele. Diese ist ohne Anfang und Ende und der Weltseele gleichartig. Der philosophische Eros ist gänzlich Suche und Streben nach der Erinnerung der Seele. Textgrundlage ist zunächst Menon, vor allem aber dann Phaidon — oder Die Unsterblichkeit der Seele. In Platon — Dialoge, Bd. 2, Hamburg 1993. Als Einführung Hirschberger, Bd. I (1991) 91f; Storig 15/1990: 164f. Siehe auch »Anamnesis« in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 1 (1971) 263–266.Google Scholar
  63. 433.
    Diese Zwei-Welten-Lehre war allerdings nicht völlig neu, sondern schon von den Eleaten (Parmenides, Zeno) vorbereitet; vgl. beispielsweise Röd, Bd. I (1994) 56ff oder Hirschberger, Bd I (1991) 36f. oder Durant, Bd. 3 (1981) 114–128.Google Scholar
  64. 434.
    Siehe Popper Objektive Erkenntnis, 1973, Kap. 3: 109 ff sowie Kap. 4: 158 ff. Leider ist unklar, ob Popper auf der Ebene des Kultursystems oder auf der des menschlichen Bewußtseins argumentiert. Viele Argumente sind psychologischer Natur, auch seine Annahme, daß die Psychologie zur Erklärung der Welt3 eine wichtige Rolle spiele, fällt darunter. Andererseits können „objektive Gedankeninhalte“(Popper bezieht sich mit diesem Begriff ausdrücklich auf Frege) nur im Kultursystem bestehen.Google Scholar
  65. Zur Idee einer „dritten Welt“lohnt sich zu lesen, was der große Borges unter dem Titel Tlön, Uqbar, Orbis Tertius über die Erfindung ideeller Wirklichkeiten geschrieben hat; beispielsweise den Hinweis, daß nur Banausen die göttliche Kategorie des Seins lächerlichen physischen Gegenständen beilegen würden. In: Labyrinthe, 1959: 142–162 (München: Hanser).Google Scholar
  66. 435.
    „Demonstratio quia“gegenüber der „demonstratio proper quid“Vgl. dazu Crombie 1977: 239f. Dort findet sich auch eine genauere Darstellung der mittelalterlichen Argumentation, die sich in der Form von Kommentaren anhand eines Kanons feststehender Fragen (quaestiones) vollzog.Google Scholar
  67. 436.
    Bacon verwendet ausdrücklich den Term leges = Gesetze, die beispielsweise im Zusammenhang der optischen Brechung auftreten. Quelle Crombie 1977: 259.Google Scholar
  68. 437.
    So argumentieren auch heute noch zahlreiche Mathematiker. Für sie gibt es eine Welt mathematischer Beziehungen, die objektiv besteht, in die der menschliche Geist vorstoßen und in der er Entdeckungen machen kann. Ein neues Beispiel dafür sind die Fraktale; siehe dazu Mandelbrot 1991.Google Scholar
  69. 438.
    Dies hatte im Bereich der Quantenphysik zur Annahme von ‘verborgenen’ Parametern geführt, mit denen man erklären wollte, warum keine ‘scharfen’, das heißt, streuungsfreien Messungen verbundener Größen möglich sind. Aber diese Hypothese wurde wieder preisgegeben.Google Scholar
  70. 439.
    Was ist ‘Natur’ — die Bezeichnung der natürlichen Wirklichkeit selbst, zu der alle Lebewesen gehören, die „physis“im phänomenalen, empirischen, materiellenergetischen Sinne? Oder ist ‘Natur’ Bezeichnung für ein schöpferisches Prinzip: natura naturans, die ‘generierenden Naturkraft’, welche die phänomenale natura naturata erst hervorbringt? Platonisten haben diesen zweiten Naturbegriff vor Augen, wenn sie vom „Kosmos“sprechen, der aus ihrer Sicht immer ein ideeller Wirkungszusammenhang ist. Dieselbe Überlegung läßt sich auf das Konzept ‘Evolution’ übertragen: Ist ‘Evolution’ ein Term, den wir rein kognitiv zur Erklärung von Beobachtungen innerhalb unserer Theorien verwenden, oder ein Prinzip, das in der kosmischen Natur wirksam ist oder eine empirisch nachweisbare Veränderungen gewisser Variablen des natürlichen Prozeßgeschehens? Und schließlich: Gibt es nicht in der Physik die Auffassung, alle Elektronen seien ‘in Wahrheit’ nur ein einziges Elektron (Feynman) — so wie alle Frösche ‘in Wahrheit’ nur ein einziger ideeller Frosch sind? Dahinter steht die philosophische Idee, daß den flüchtigen physischen Einzelwesen überhaupt keine Existenz zukommt — in dem Sinne, wie man ‘flüchtigen Wolkenbildungen keine eigene Existenz zuschreibt; die Kategorie des Seins ist ‘dem Dauerhaften’ oder ‘Wesenhaften’ vorbehalten.Google Scholar
  71. 440.
    Das (offene) Prädikat lautet: „… ist ein Frosch“. Logisch zerfällt eine Aussage in das Subjekt, vom dem (mittels des Prädikats) etwas ausgesagt wird. Die Aussage lautet: „Gegenstand g ist ein Frosch“. „Froschsein“tritt darin als Prädikat auf.Google Scholar
  72. 441.
    Anstelle des ‘ideellen Froschwesens’ muß man sich die wissenschaftlich relevanten Terme vor Augen fuhren: Wie verhält es sich mit Prinzipien wie,Autopoiesis’, ‘Systembildung oder ‘Zeit’?Google Scholar
  73. 442.
    M. Delbrück 1986. Delbrück war zusammen mit Lurija und Hershey Begründer der Molekularbiologie und erhielt dafür den Nobelpreis.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

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  • Jensen Stefan

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