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Neuere Strömungen des Konstruktivismus

  • Jensen Stefan

Übersicht

Dieses Kapitel schließt die Darstellung der Entwicklung des Konstruktivismus ab. Darin werden die einzelnen Strömungen des Konstruktivismus genauer betrachtet und den Namen zugeordnet, mit denen diese Entwicklung verbunden ist. Dabei beschäftigen wir uns noch einmal mit Hugo Dingler und dem Operativismus. Im Anschluß an Dingler kommt es zu einer Ausweitung des Begriffs Konstruktivismus; in der Folge dann zu seiner inhaltlichen Neubestimmung durch den «Neuen Konstruktivismus».

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Literatur

  1. 336.
    In den erwähnten Formen des neuen und vor allem des systemischen Konstruktivismus, die in der Folge genauer besprochen werden.Google Scholar
  2. 337.
    „Wenn ich weiter gesehen habe als andere, so deswegen, weil ich auf den Schultern von Riesen stand“. Das ist die berühmte Metapher Newtons, der damit auf ein historisches Bild von ‘Zwergen auf den Schultern von Riesen’ zurückgreift, das schon Bernhards von Chartres bei der Ausgestaltung der Kathedrale von Chartres auf den Glasfenstern verwendete (erklärt Robert Merton 1980).Google Scholar
  3. 338.
    On what there is, in Quine2/1961: 1–19; siehe Nachweise in Fußnote 39.Google Scholar
  4. 339.
    „To be is to be the value of a bound variable“ — ‘existieren’ heißt, ‘als Wert einer gebundenen Variablen vorkommen’. Um das zu verstehen, muß man auf Grundkenntnisse der Logik zurückgreifen. Die Aussagenlogik basiert auf Operatoren; einige davon (die Junktoren) dienen zum Verknüpfen von Aussagen (wie beispielsweise die Partikel ‘und’, ‘oder’, ‘wenndann’), andere (wie der Mengen- und der Existenzoperator) dienen dazu, bestimmte Terme einzuführen, in der Form„ es gibt mindestens einen Gegenstand, für den gilt…“oder „ fur alle Elemente der-und-der-Art gilt,…“. Eine Variable heißt ‘gebunden, wenn sie zum definierten Bereich eines solchen Operators gehört, und dadurch wird ‘Existenz’ im logischen Sinne wiedergegeben. Mit dieser Operation drückt ein Beobachter seine Überzeugung aus (eben das ontologische Commitment), bestimmte Gegenstände seines Universums für ‘real’ (das heißt, wirklich existent) zu halten. Dazu ein Zitat aus Lorenzen, Formale Logik, Teil V. Logik der Quantoren, §10 Einsquantor und Allquanter, 1958: 101f: „Die in der Syllogistik auftretenden Aussagen der Form „alle P sind Q oder „einige P sind Q“sind weder primitive Aussagen noch sind sie aus primitiven Aussagen mit Hilfe der Junktoren zusammengesetzt.… Erst die moderne Logik hat seit Frege und Peirce die Möglichkeit erkannt, auch die Aussagen der Syllogistik als zusammengesetzt aufzufassen — und zwar… derart, daß die Zusammensetzung nicht allein mit Hilfe der Junktoren vorgenommen wird, sondern auch noch die logischen Partikel „alle“und „einige“benutzt werden. Wir behandeln zunächst die partikulare Aussage: „einige P sind Q…“Lorenzen fuhrt als Zeichen für diesen Operator, den Einsquantor oder partikularen Quantifikator, das Symbol V ein und ergänzt: „Nach Peano schreibt man ∃x statt Vx; nach Hilbert (Ex).“Google Scholar
  5. 340.
    Agnostizismus ist zunächst religiöse, dann allgemein metaphysische Skepsis. Agnostiker halten die Gegenstände, mit denen die Gläubigen die Wirklichkeit füllen, für irreale Größen, Produkte der Einbildung, der Hoffnung, des Glaubens und so weiter. Es gibt sie nicht wirklich, das heffit, die entsprechenden Begriffe bezeichnen (referieren auf) nichts, was außerhalb der Innenwelt vorkäme, Oder andersherum: Diese Begriffe haben eine Bedeutung nur in der Innenwelt.Google Scholar
  6. 341.
    Diese Bezeichnung gab ihm Heinz Von Foerster 1993: 84. Eine ausführliche Erklärung des eigenen Standpunkts enthält Maturana 1998: 25f.Google Scholar
  7. 342.
    Siehe dazu Rusch/Schmdt (DELFIN) 1994.Google Scholar
  8. 343.
    Erweitert auf alle möglichen Lebewesen, vor allem auf Frösche, was (wie erwähnt) auf den berühmten Aufsatz von Lettvin/Maturana/McCulloch/Pitts 1959 zurückgeht: What the Frog’s Eye tells the Frop’s Brain. Nachweis in Maturana 71985:320.Google Scholar
  9. 344.
    Diese Linie führt entsprechend zum kognitiven Konstruktivismus (Kognitivismus). Kognition bezieht sich auf die Verarbeitung von Sinnesdaten zu einem inneren Bild der (physischen) Umwelt, in dem sich ein System (aus seiner eigenen Sicht) befindet. übermäßig vereinfacht gesagt, ist Kognition die Umrechnungen von Gegenstände der Wahrnehmung auf Außenwelt. Als Einführung siehe beispielsweise Münch 1992. Kognitivisten rechnen Wissen nicht der Wirklichkeit zu, sondern dem Beobachter, der dieses Wissen ‘in sich’ erzeugt. Ob dieses vermeintliche Wissen eine (‘wahre’) Beschreibung der Wirklichkeit ist, interessiert Kognitivisten nicht, sondern allein die Frage, wie ein ‘kognitiv befähigtes System’ zu seinen Realitätsvorstellungen kommt. Man hat also einen dualistischen Ansatz vor sich, der zwischen kognitiv befähigten Systemen einerseits und deren (intern konstruierter) Realität andererseits unterscheidet. Über Systeme und ihre Kognition werden Aussagen gemacht; über die Realität (und den Realitätsgehalt der Kognition) wird nichts gesagt. Wie ist es nun bei einer Selbstanwendung? Auch in diesem Fall — also bezogen auf seine eigene Erkenntnis — dürfte der Kognitivist über den Realitätsgehalt seiner Forschung nichts sagen, sondern nur feststellen, wie seine eigenen Kognitionen (die er für ‘Erkenntnis’ hält) zustande kommen.Google Scholar
  10. 345.
    Siehe beispielsweise den Ansatz von Karin Knorr-Cetina; dazu Bardmann (Hg.) 1997.Google Scholar
  11. 346.
    Deutsche Fassung Wie wirklich ist die Wirklichkeit? München 1976; hier zit. nach der Ausgabe 18/1990.Google Scholar
  12. 347.
    Kurt Hübner 1978: 171 sagt sogar ausdrücklich: „Erst in der Meta-Theorie erscheint die Realität.“Die Begründung dafür ist der internalistische Standpunkt: Jede Beobachtung erzeugt ihre eigene Beschreibung der Realität, so daß als empirische Realität nur noch die Tatsache bleibt, daß bei dieser Art von Beobachtung diese Phänomene und bei jener Art der Beobachtung jener Phänomene erscheinen.Google Scholar
  13. 348.
    Oder vielleicht doch? Die beobachteten Phänomene der Quantenwelt sind möglicherweise von den Experimenten der Wissenschaft verursacht. Aber gemeint ist (im Sinne Einsteins), daß diesen experimentell erzeugten Effekten eine tiefere Ordnung der Natur zugrunde liege. Diese Auffassung hat Heisenberg jedoch als „Illusion der materialistischen Ontologie“gerügt (in Krüger 1970:426).Google Scholar
  14. 349.
    Physik und Philosophie, 1959, in WatzlawickSinn oder Unsinn, 1995: 56f.Google Scholar
  15. 350.
    So ausführlich Serge Moscovici (Paris 1968, Essai sur l’historie humaine de la nature, dtsch. 1990). Der Mensch ist Schöpfer und Subjekt seines Naturzustandes; die Natur ist etwas Gegebenes und ein Werk des Menschen; es gibt eine eigenständige menschliche Geschichte der Natur — und nur diese ist uns zugänglich.Google Scholar
  16. 351.
    Das ist offenbar eine sehr extreme Fassung der konstruktivistischen Perspektive, die nicht jeder teilen wird. Die Auffassung, daß allen Begriffen, die Gegenstände jenseits der Kultur (außerhalb der Innenwelt) bezeichnen, nichts entspricht, führt zu einem «kulturalistischen Solipsismus» — für ihn ist nur die Gedankenwelt der Kultur (die geistige Innenwelt) real. Zu einer kritischen Diskussion solcher Standpunkte siehe Putnam 1993.Google Scholar
  17. 352.
    Das ist eine Stellungnahme zugunsten der externalistischen Perspektive in der rund 75 Jahre alten Kontroverse über die Frage, welche Faktoren die Wissenschaftsentwicklung bestimmen: innere Faktoren, bedingt durch den ‘geistigen Fortschritt’ in der Bildung wissenschaftlicher Konzepte, Überlegungen und Methoden oder äußere Faktoren, die in den gesellschaftlichen Bedingungen liegen. Dazu Zilsel 19/6, Basalla 1968; Weingart 1974. Der Begriff der ‘externalistischen’ beziehungsweise der entgegengesetzten ‘internalistiscnen’ Perspektive hat allerdings hier — in der Soziologie und der Wissenschaftsgeschichte — eine andere Bedeutung als der «Internalismus» in der Philosophie. Der philosophische «Internalismus» ist eine Variante des Realismus; die vorerwähnte wissenssoziologische Perspektive richtet sich auf bestimmte kulturelle Interpretationen der Faktoren des kulturellen Wandels.Google Scholar
  18. 353.
    Das ist der sogenannte «methodischer Kulturalismus», vgl. Hartmann/Janich 1996, Teil I.Google Scholar
  19. 354.
    Dazu lesenswert Rupert Sheldrake 1993: 35ff.Google Scholar
  20. 355.
    Quelle Lenk 1995: 244.Google Scholar
  21. 356.
    dazu Albert Traktat, 1968, insbesondere Kapitel I: Das Problem der Begründung, ders. 1971; ausführlich Stegmüller 1969aGoogle Scholar
  22. 357.
    Dieses Verfahren war beispielsweise von Hugo Dingler mit dem Term ‘absoluter Sicherung’ gemeint (Mittelstraß 19/4: 90, mit weiteren Verweisen, sowie Janich 1992b.Google Scholar
  23. 358.
    Edgar Morin in Watzlawick/Krieg 1991: 81ff.Google Scholar
  24. 359.
    „Keine Tatsache kann wahrhaft seiend oder existierend, keine Aussage wahr befunden werden, ohne daß ein zureichender Grund sei, warum es so und nicht anders sei.“Fischer Lexikon der Philosophie, Frankfurt/M 1958: 326. Vgl. a. Glockner Leibniz: Monadologie, 1954: 19f.Google Scholar
  25. 360.
    Der Begriff wurde von F. Tönnies 1883 in diesem Sinne eingeführt; das Prinzip des »Wollens« hat eine lange Tradition, die sich bis auf römische Rechtsvorsteilungen zurück verfolgen läßt; vielfach wird auch eine Verbindung zum metaphysisch-theologischen Voluntarismus gezogen (Augustinus), der ausdrückt, daß Gott nicht erkannt, sondern nur über das willentliche Bekenntnis erreicht werden kann. Dinglers Version gehört zum erkenntnistheoretischen Voluntarismus, der auf einer Dezision beruht.Google Scholar
  26. 361.
    Abgeleitet vom lateinischen Wort für ‘entscheiden’ — decernere. Google Scholar
  27. 362.
    Im Bezug auf den individuellen Willen liegt die Differenz zum Konventionalismus, der auf kollektiven Konventionen beruht.Google Scholar
  28. 363.
    Ausführlich Weiss 1991: 207ff.Google Scholar
  29. 364.
    Zur Kritik an Dingler, insbesondere der Feststellung, daß sein Projekt nicht realisierbar sei, Janich 1992b.Google Scholar
  30. 365.
    Siehe dazu Peter Janich Die technische Erzwingbarkeit der Euklidizität, in Janich 1992b: 68–84 sowie Paul Lorenzen Diesseits von Idealismus und Realismus, ebenfalls in Janich 1992b: 207–217.Google Scholar
  31. 366.
    Ob diese Kritik angesichts der quantenphysikalischen Definition von Realität (Realität ist das und nur das, was in der Beobachtung/im Experiment erscheint) haltbar ist, erscheint fraglich. Wenn die Konstruktion der Meßapparate „physisch mißlingt“, kann Realität nicht erzeugt werden — die gemeinten Phänomene erscheinen nicht in der Beobachtung.Google Scholar
  32. 367.
    Vgl. dazu den Beitrag von Peter Janich: Die methodische Ordnung von Konstruktionen. Der radikale Konstruktivismus aus der Sicht des Erlanger Konstruktivismus. In Schmidt 1992: 24–41. Anschließend aber lese man den späteren resignativen Kommentar von Paul Lorenzen Diesseits von Idealismus und Realismus, in Janich 1992b: 207–217.Google Scholar
  33. 368.
    Siehe dazu beispielsweise Peter Janich: Die technische Erzwingbarkeit der Euklidizität in Janich (Hg.) 1992b: 68–84. Als Einführung in die Grundlagen der konstruktiven Wissenscnaftstheorie siehe Lorenzen 1987.Google Scholar
  34. 369.
    Dieses Projekt geht wesentlich auf den schon erwähnten Quine zurück. In diesem Fall handelt es sich um einen seiner five milestones — die fünf Markensteine des Empirismus (1975). Der Naturalismus ist der ‘fünfte Markenstein’, nämlich der Verzicht auf das Ziel einer der Naturwissenschaft vorgängigen „Ersten Philosophie“(damit ist die aristotelischen Metaphysik gemeint, die bei Aristoteles noch „Erste Philosophie“heißt und erst später „Metaphysik“genannt wurde). Zur Erklärung sagt Quine, der Naturalismus assimiliere die Erkenntnistheorie mit der empirischen Psychologie. Ausgangsfrage sei, wie es uns ‘menschlichen Tieren’ gelang, aufgrund der beschränkten sensorischen Informationen (Erregung unserer Sinnesoberflächen) zur Wissenschaft zu gelangen. „Der naturalistische Philosoph gibt dafür eine Erklärung, die mit Spracherwerb und Wahrnehmungsneurologie zu tun hat… Evolution und Zuchtwahl werden bei dieser Erklärung eine weitere Rolle spielen… Der naturalistische Philosoph betrachtet die Welttheorie als ein im Gang befindliches Unternehmen… Er versucht, das System von innen heraus zu verbessern… Er ist der fleißige Matrose auf Neuraths Schiff.“Quelle Quine Theorien und Dinge, 1990: 94ff. Zum Projekt des Naturalismus siehe Bieri Analytische Philosophie des Geistes, 1997.Google Scholar
  35. 370.
    Ausführlich Weiss 1991: 118ff (Das Programm des Operationismus)Google Scholar
  36. 371.
    Dazu Christian Thiel, Stichwort »Anfang« in Seiffert/Radnitzky 1992: 7–9.Google Scholar
  37. 372.
    Eine systematische Behandlung der Frage Ist die Sprache hintergehbar? gibt Arno Ros, Begründung Begriff, Bd. III, Moderne, Abschnitt 4.2 (1989/90) 228. Über Die Hintergehbarkeit der Sprache finden sich speziell konstruktivistische Bemerkungen auch bei Kuno Lorenz und Jürgen Mittelstraß in Kant-Studien 58/1967.Google Scholar
  38. 373.
    So argumentierten schon die griechischen Klassiker (dazu Geier 1989: 63ff); in jüngerer Vergangenheit auch Paul K. Feyerabend 1976. Auch der Diskurs-Ansatz von Jürgen Habermas ist dieser Linie zuzurechnen, siehe Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt/M 1968; Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz, in Habermas/Luhmann Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt/M 1971: 101–141; Theorie und Praxis, Frankfurt/M 1974; Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt/M 1981; kritisch dagegen A. Wellmer, Ethik und Dialog Frankfurt/M 1986; dazu erneut Habermas Faktizität und Geltung, Frankfurt/M 1992. Als Einführung Helmut Dubiel Kritische Theorie der Gesellschaft — einführende Rekonstruktion, 1988; Morel/Bauer et al. Soziologische Theorie, Kapitel 10: 195–214. Kritisch auch Musgrave 1993; derartige Diskussionsverfahren seien letztlich zirkulär.Google Scholar
  39. 374.
    Eine nette Glosse dazu hat Sibylle Tönnies unter dem Titel Hinunter in die Tiefe des Details in der Beilage zur FAZ IV, Samstag, 6. Feb. 1999, Nr. 31, veröffentlicht; sie zieht auch die hier noch zu besprechenden Ansätze der Systemtheorie ein.Google Scholar
  40. 375.
    Zur wissenschaftstheoretischen Kritik an Holzkamp siehe Albert Konstruktivismus oder Realismus, 1972: 342–373 sowie den Schlußbeitrag im selben Band, Politische Theologie im Gewand der Wissenschaft. Google Scholar
  41. 376.
    Vgl. Lorenzen (in Janich 1992b: 217): „So darf ich zum Schluß noch einmal sagen, daß gelernt werden muß, konsensusorientiert zu argumentieren. Das nennt man vernünftiges (lateinisch: rationales) Argumentieren.“Google Scholar
  42. 377.
    Paul Watzlawick, Heinz Von Foerster und Ernst Von Glasersfeld sind ursprüngliche Österreich, letztlich aber alle drei in den Usa gelandet. Ausführliche Würdigungen Heinz Von Foersters enthält (u. a.) der Band von Müller/ Müller/Stadler, Konstruktivismus und Kognitionswissenschaft, 1997.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

  • Jensen Stefan

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