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Ursprünge des wissenschaftlichen Konstruktivismus

  • Jensen Stefan

Übersicht

Zunächst zum Alter des Konstruktivismus: Er ist so alt wie die Diskussion über Erkenntnis. Im Altertum treten konstruktivistische Argumente meist in Verbindung mit Erkenntnisskepsis auf. Die eigentlich konstruktivistische These wird historisch erstmals von Giambatista Vico formuliert. Die moderne Diskussion des Konstruktivismus geht auf die Krise der Wissenschaft im 19. Jahrhundert zurück und knüpft an den Konventionalismus sowie an das Begründungsproblem an. Der Begriff Konstruktivismus ist insbesondere mit Hugo Dingler verbunden, dem sich der Bericht ausführlicher zuwendet. Konstruktivismus wird dabei als operatives Verfahren zum Aufbau der Wissenschaft (das heißt, des jeweiligen Beobachtungsbereichs der Disziplinen) beschrieben.

Zur Beschreibung der Operationen der Wissenschaft bietet sich der Vergleich mit Vorgängen in den Industrie an — Wissenschaft wird als Fabrik gedeutet. Das Produkt, das in dieser Fabrik erzeugt wird, ist Erkenntnis. Kann Konstruktivismus daher nicht auch als Untersuchung der Operationen in der Wissenschaftsfabrik verstanden werden? Daraus resultiert der Laboransatz ihm entstammt die konstruktivistische These, daß es die methodischen Operationen der Wissenschaft selbst sind, aus denen die Realität entsteht, welche Wissenschaft angeblich entdeckt. Diese Sicht wird anhand einiger bildhafter Beispiele erläutert.

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Literatur

  1. 293.
    „Am 22. Juni 1633 kniete Galileo Galilei, ein siebzigjähriger, von langer Krankheit geschwächter Greis, im Dominikanerkloster Santa Maria sopra Miverva in Rom vor den Kardinälen und Prälaten des Heiligen Officiums und schwor dem Kopernikanischen System mit den Worten ab: „Ich, Galileo, Sohn des Vincenc Galilei aus Florenz siebzig Jahre alt,…, habe vor mir die heiligen Evangelien, berühre sie mit der Hand und schwöre…“. Nach dieser Unterwerfung soll er, dem Mythos zufolge, gemurmelt haben: „Eppur’si muove — und sie bewegt sich doch!“1835 wurde das Werk Galileis von der Kirche wieder freigegeben. Aber erst 1992, also 359 Jahre nach Galileis Erniedrigung, erklärte die Kirche die Ächtung Galileis als einen ‘Irrtum aus tragischem gegenseitigen Verkennen.’ Eppur’si muove.“(Becker 1982.)Google Scholar
  2. 294.
    Der Mensch macht die Geschichte. Maßgebend für die Deutung Vicos war lange Zeit seine Interpretation durch Benedetto Croce, erst durch Jacobi entsteht die deutsche Vico-Genealogie. Quelle Blumenberg, Lesbarkeit, 1986: 172–179, mit weiteren Hinweisen.Google Scholar
  3. 295a.
    Siehe dazu Ernst Von Glasersfeld Aspekte des Konstruktivismus: Vico, Berkeley, Piaget, in Rusch/Schmidt (Hg.) 1992: 20–33. Vico liegt vor in einer deutschen Übersetzung (Hösle/Jermann) Hamburg 1990.Google Scholar
  4. 295b.
    Als Einführung siehe auch Peter Burke Vico — Philosoph, Historiker, Denker, Berlin 1987.Google Scholar
  5. 296.
    „Konventionalismus ist die allgemeine Bezeichnung für jede Meinung, welche die wissenschaftlichen Gesetze und Theorien als Konventionen in Abhängigkeit von der mehr oder weniger freien menschlichen Wahl zwischen alternativen Wegen der «Beschreibung» von Sachverhalten ansieht.… Als eigentlicher Begründer des Konventionalismus wird H. Poincaré [Wissen und Hypothese, 1904] angesehen. [Er hat aus der Entwicklung der Geometrie] die Folgerung gezogen, daß die Axiome und Definitionen der Mathematik Konventionen seien.… Einstein hat in der allfemeinen Relativitätstheorie Riemanns Gedanken aufgenommen, daß der physialische Raum nicht euklidisch zu sein brauche und daß durch Messung zu entscheiden sei, welche Geometrie physikalische Geltung habe. Demgegenüber stellte Poincaré fest, daß keine Erforschung jemals mit der euklidischen oder mit einer nicht-euklidischen Geometrie in Widerspruch sein könne.… Für die Mechanik nimmt Poincaré an, daß ihre Postulate sich «auf einfaches Übereinkommen reduzieren, welches wir mit Recht eingehen, da wir im voraus wissen, daß keine Erfahrung ihm widersprechen kann.» Die Konventionen sind nicht willkürlich, sondern Experimente haben uns gezeigt, daß sie bequem sind.… In ähnlicher Weise wie Poincaré sagt E. Le Roy: «Der geometrische Raum… ist durch eine Liste von Eigenschaften definiert; er existiert tatsächlich nicht außerhalb und unabhängig von diesen Eigenschaften»… Schon die Tatsachen sind für ihn weniger festgestellt als konstituiert, und die wissenschaftlichen Gesetze sind symbolische Konstruktionen, die ihrem Wesen nach nicht verifizierbar sind. Wir machen Konventionen, und aus diesen folgen die Theorien, und deshalb glauben wir an ihre Objektivität [Le Roy 1899].… [Im Anschluß an den Konventionalismus hat] Dingler… Geometrie, Arithmetik und Mechanik auf einen Willensentschluß zurückgeführt, auf die Übereinkunft, eine exakte, intersubjektiv kommunizierbare Wissenschaft zu begründen.… Der Konventionalismus hat die moderne Wissenschaftstheorie sehr befruchtet. Er hat zu der Erkenntnis geführt, daß wir nur aufgrund gewisser Übereinkünfte Wissenschaft betreiben können. Es ist dann Aufgabe einer Wissenschaftstheorie, jene meist stillschweigenden Konventionen festzustellen, indem man die Wissenschaften einer methodischen Analyse unterzieht.” Quelle: Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 4 (1976) 1078–1079. Siehe auch Du Bois-Reymond, Emil (1903): Über die Grenzen des Naturerkennens. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges. (Nachdruck 1961)Google Scholar
  6. 297.
    Allgemein bezeichnet »Intuition/Intuitionismus« die Absicht, Intuition zur einzigen oder wichtigsten Quelle der Erkenntnis macht. Im Grundlagenstreit der Mathematik bezeichnet der Begriff entsprechend eine Position, die Intuition zu einer Quelle der mathematischen Erkenntnis erklärt. Diese Auffassung wurde vor allem von L. E: J. Brouwer (Amsterdam 1907, 1912) begründet. Dahinter steht das Vorhaben, die Mathematik möglichst unabhängig von philosophischen Voraussetzungen zu begründen. Der Aufbau der Zahlen soll insbesondere von philosophischen Existenzproblemen frei bleiben. Für Brouwer sind daher mathematische Gegenstände durch die geistige Aktivität der Mathematiker erzeugt; sie sind mentale Konstruktionen (Konzeptualismus). Siehe Stichwort »Intuitionismus«, Abschnitt III, in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 4 (1976) 543f.Google Scholar
  7. 298a.
    Oder jedenfalls in die letzte Krise in der Kette der Grundlagenkrisen der Mathematik, von denen bereits in Hinblick auf die griechische Mathematik gesprochen wurde, ausgelöst durch die Entdeckung der irrationalen Größen. Der Begriff der «Grundlagenkrise» stammt (vermutlich) von dem Mathematiker Hermann Weil, Über die neue Grundlagenkrise der Mathematik, 1921. Dieser Grundlagenstreit ist keineswegs beendet und eine Ende nicht abzusehen. Auslöser in diesem (insgesamt für mathematische Laien sehr unübersichtlichen und komplexen) Zusammenhang war vor allem das Scheitern der Logizismus-These, des Postulats, daß sich die Mathematik, insbesondere der Begriff der «natürlichen Zahl», durch rein logische Begriffe definieren ließe. Der Versuch Freges, dieses Programm zu verwirklichen, scheiterte (stark vereinfacht gesagt) an den Antinomien der Mengenlehre, die Russel (1902) nachwies. Ein Lösung zur Überwindung der folgende Probleme war der (zuvor erwähnte) Intuitionismus Brouwers, mit der These, daß die Mathematik identisch mit dem exakten Teil unseres Denkens ist und daher durch keine andere Wissenschaft, auch nicht auf die Logik, gegründet werden kann; ihre Quelle ist eine Intuition, die uns die Begriffe und Schlüsse klar vor Augen stellt. Eine zweite Lösung bot der mathematische Konstruktivismus in Form eines stark vereinfachten Aufbaus der konstruktiven Analysis, der es ermöglicht, die Verwendung der klassischen Logik beim Aufbau der Mathematik unbedenldich zuzulassen. Aber sowohl der Intuitionismus als auch der Konstruktivismus liegen im Streit mit dem Formalismus, der einen axiomatischen Aufbau der Mathematik fordern und die zuvor erwähnten Programme als Vorwissenschaftlich’ kritisiert. In einer Zusammenfassung aller Argumente bemerkt Ch. Thiel: „Gegenwärtig sieht es ganz so aus, als sollte sich…im mathematischen Grundlagenstreit der Wissenscharts- oder Theoriebegriff als der eigentliche Streitpunkt herausstellen. Untersucht man die… Argumente in der gegenwärtigen Diskussion um «Begründung» und «Bewährung» axiomatischer Theorien auf ihren ideologischen Gehalt, so scheint eine Beilegung des Grundlagenstreits noch im weiter Feme zu Hegen.” In: Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 3 (1974) 910–918Google Scholar
  8. 298b.
    Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 3 (1974) hier 915.Google Scholar
  9. 299.
    Dazu ausführlich Charles Morazé, Introduction to Part Three: Social, Cultural and Religious Aspects, History of Mankind, Part V, the Nineteenth Century, 1976; kürzer Edgar Zilsel 1976: 194 f. Eine lesenswerte Diskussion dieser Probleme findet sich auch bei Max Delbrück 1986: 148 (et pass.).Google Scholar
  10. 301.
    Als Einführung beispielsweise Wöhler 1994, Stegmüller 1965 oder Russel 1976. Das letztgenannte Buch wurde tatsächlich schon 1912 geschrieben; es ist ein schmaler Band über Probleme der Philosophie, der — auch in Hinblick auf das Universalienproblem — sehr empfehlenswert ist, insbesondere Kap. 7–10. Es ist darüber hinaus interessant für den Konstruktivismus, weil Russel einen realistischen Standpunkt vertritt, den er — ohne es selbst zu diesem Zeitpunkt bemerken zu können, weil dieser vor der konstruktivistischen Wendung liegt — bis an seine Grenze treibt, an der das konstruktivistische Argument einsetzt. In seiner Argumentation bewegt sich Russel wie ein Magier vor einem imaginären Publikum, er beschwört die Zuschauer, die er die Dinge sehen läßt, welche er sie als Realität sehen lassen möchte, um dann aus ihren Reaktionen zu schließen, daß diese Dinge real sein müssen: wie doch alle sehen konnten. Aber eben darin liegt der Übergang zu Konstruktivismus: sich in der Kommunikation zu einigen, wie die Dinge’ sind. Wieder zeigt sich: Wir ‘machen’ uns die Welt, indem wir uns in der Kommunikation einigen, was ‘eigentlich’ der Fall ist.Google Scholar
  11. 302.
    Gegen die Annahme ideeller Wesenheiten wandte sich der Nominalismus (dessen bekanntester Vertreter Wilhelm von Ockham ist; dazu Beckmann 1995), weil diese keine wirkliche Erklärung der Dinge und Verhältnisse liefern. Eine Frau wird nicht deswegen schwanger, weil sich in ihr das ‘Prinzip Schwangerschaft’ realisiert, ein Mensch nicht deswegen klug, weil sich in ihm die ‘Idee Weisheit’ verwirklicht. Die Natur lebt nicht deswegen, weil in ihr das Prinzip ‘Vitalismus’ wirkt; wir werden nicht älter, nur weil ‘die Zeit vergeht’; die Gesellschaft entwickelt sich nicht deswegen, weil sie dem Prinzip ‘Evolution’ unterliegt — oder doch? Je näher man vertrauten Wendungen kommt, desto schwieriger ist zu entscheiden, ob ihnen nicht doch platonistische Prinzipien zugrunde liegen.Google Scholar
  12. 308.
    Mit ‘konstruktiver Herstellung’ ist gemeint, daß alle Begriffe (mit denen die Gegenstände eines gewählten universe of discourse festgelegt werden) über konstruktive Verfahren eingeführt werden. Es gibt also keine unkontrollierten ontologischen Voraussetzungen, aus denen Widersprüche (Antinomien) entstehen könnten.Google Scholar
  13. 309.
    Jörg Willer beschreibt Diglers Vorgehen: „Ziel der Physik muß es… sein, sich dieser Konstruktionsprinzipien zu versichern. Insofern ist die Physik eine konstruktive Wissenschaft. Die Konstruktionsprinzipien der physikalischen Experimentiergeräte aber sind die Elementarvorgänge der Physik. Sich ihrer zu bedienen, heißt, die natürlichen Vorgänge nicht allein zu beschreiben, sondern sie zu beherrschen.… Damit wurde erstmals der Blick auf die Bedeutung des technischen Handelns für die wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung gelenkt. Dies ist… Dinglers Pioniertat. Doch Dinglers Forderung, sich der technisch-manuellen Elementarvorgänge allen Experimentierens zu versichern, ist ein anspruchsvolles, weitreichendes Programm.“Quelle Janich 1992b: 246f. Es folgt dann die Kritik am Projekt Diglers, das der Autor für gescheitert hält: „So faszinierend der Grundgedanke von Dinglers Wissenschaftstheorie ist, so enttäuschend ist deren Durchführung.“(S. 247). Auch die ‘Erlanger Nachfolger’ haben das Projekt bislang nicht realisieren können; möglicherweise läßt es sich in der angestrebten Form überhaupt nicht realisieren.Google Scholar
  14. 310.
    Zur Fabrikmetapher siehe auch Knorr-Cetina 1984 (1991).Google Scholar
  15. 311.
    K. Hüfner (Hg.): Bildungsinvestitionen und Wirtschaftswachstum. Stuttgart (Klett) 1970.Google Scholar
  16. 311a.
    J. Naumann (Hg.): Forschungsökonomie und Forschungspolitik. Stuttgart (Klett) 1970.Google Scholar
  17. 311b.
    Hüfner/Naumann (Hg.): Bildungsökonomie — Eine Zwischenbilanz Stuttgart (Klett) 1969.Google Scholar
  18. 311c.
    Hüfner/Naumann: Bildungsplanung: Ansätze, Modelle, Probleme. Stuttgart (Klett) 1971.Google Scholar
  19. 311d.
    Hüfner/Naumann: Konjunkturen der Bildungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart (Klett) 1977.Google Scholar
  20. 311e.
    Eine allgemeinere Übersicht gibt der Band von P. Weingart (Hg.): Wissenschaftssozologie: Determinanten wissenschaftlicher Entwicklung. Frankfurt/am Main (Fischer Athenäum) 1974, insbesondere Teil III, Politische und ökonomische Bedingtheit der Wissenschaft. Google Scholar
  21. 312.
    Siehe dazu Jensen/Tinbergen/Hake: Europe 2000, Project 1, Educating Man for the 21st Century, Volume 1, Possible Futures of European Education. The Hague (Martinus Nijhof) 1972.Google Scholar
  22. 312a.
    Teilweise auch in deutscher Übersetzung erschienen unter Edding (Hg.): Über die Zukunft des europäischen Bildungswesens. Frankfurt/Berlin/ München (Diesterweg) 1973.Google Scholar
  23. 313.
    »Internalismus« bezeichnet eine besondere erkenntnistheoretische Position, die im Rahmen des Realismus vertreten wird. Siehe dazu Putnam 1993, Kapitel 6: 156ff. Nach intemalistischer Auffassung gibt es diverse konkurrierende Beschreibungen der Realität. Jede entsteht innerhalb ihres eigenen Beobachtungssystems. Dieser Ansatz stimmt mit dem Konstruktivismus überein, der im übrigen aber kein realistischer Standpunkt ist.Google Scholar
  24. 314.
    Dazu ein Zitat: „Diese Situation (eines Physikers am Cern, der nicht an der Hochzeit seiner Tochter teilnehmen konnte, weil seine Arbeit am Institut unentbehrlich war) ist durchaus typisch für den heutigen Forscher. Seine Existenz wird immer stärker vom langfristig vorgreifenden und zur vollen Ausnutzung der Instrumente vierundzwanzig Stunden pro Tag laufenden »Fahrplan« seines Instituts bestimmt. Er hat aber nicht nur auf den Rhythmus der Maschinen, mit denen er arbeitet, sondern auch auf die wachsende Zahl derjenigen, ohne deren Mithilfe er seine Leistungen nicht mehr vollbringen kann. Wie der in neue Welten vorstoßende Astronaut in seiner Kapsel ist er abhängig von einem ganzen »Netz« von Menschen anderer Berufe. Das sind Spezialisten wie Geologen, Ingenieure, Biologen, Elektroniker, Chemiker, Mathematiker, Magnetphysiker, Gesundheitsphysiker, Administratoren, Personalbeamte, technisch versierte Einkäufer, aber auch Bauarbeiter, Feuerwehrleute, Mechaniker, Telefonistinnen, Schreibkräfte und noch viele andere mehr. Langst sind die Forscher in den Laboratorien zahlenmäßig nur noch eine recht kleine Minderheit… Die Profession des Forschers kann also kaum mehr als »freier Beruf« in der früheren Bedeutung dieses Wortes angesehen werden. Auch er ist heutzutage Mitglied eines »Betriebes«… “(Jungk 196v: 155f), in dem, wie man hinzufügen könnte, auch Betriebsräte und Gewerkschaften in nicht geringem Umfang das Sagen haben. In der Folge geht Jungk auf eine historische, damals monatelang andauernde ‘Computerkrise’ bei Cern ein, die deutlich die Abhängigkeit der ‘geistigen’ Forschung von den technischen Mitteln zeigt; ohne den ubiquitären Computer gäbe es die moderne Wissenschaft und ihre Art der Erkenntnis nicht.Google Scholar
  25. 315.
    Zum Zusammenhang von Herrschaft, Kultur und Wissenschaft bemerkt Stephen Jay Gould (Der Daumen des Panda, 1987: 188): „Bei Fragen, die von so grundlegender Bedeutung sind, wie eine allgemeine Theorie der Veränderung, arbeiten Wissenschaft und Gesellschaft gewöhnlich Hand in Hand. Die statischen Systeme der europäischen Monarchien wurden von ganzen Heerscharen von Gelehrten als Verkörperung des Naturrechts angesehen. Alexander Pope schrieb: „Order is Heaven’s first law and this confessed, Some are, and must be, greater than the rest“(Die Ordnung ist erstes Himmelsgesetz; wer dies erkennt, sieht ein, daß mancher größer ist als der Rest.) Als die Monarchien gestürzt waren und das 18. Jahrhundert in einem Zeitalter der Revolution endete, begannen die Wissenschaftler, Veränderungen als einen normalen Teil einer universalen Ordnung und nicht als Verirrungen oder Ausnahmen zu betrachten. Die Gelehrten übertrugen das liberale einer langsamen und geordneten Entwicklung, das sie für die soziale Transformation der menschlichen Gesellschaft vertraten, auf die Natur. Vielen Wissenschafdern, erscheinen Naturkatastrophen als ebenso bedrohlich wie die Schreckensherrschaft, der ihr großer Kollege Lavoisier zum Opfer gefallen war.” Es gibt noch zahlreiche weitere Stellen in dem erwähnten Buch Goulds, die ebenfalls klar zeigen, wie eng die Verflechtung von Wissenschaft und den kulturellen Vorurteilen ist, die gleichsam die „festen Stäbe des Käfigs” bilden, in dem sich Wissenschafder bewegen dürfen. Siehe vor allem Kapitel IV:149f über die „Ungleichheiten unter den Menschen…” Ebenfalls erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist das Buch von Richard Milton Verbotene Wissenschaften, 1996.Google Scholar
  26. 316.
    Vgl. den Abschnitt über Organisationsebenen der Sozalstruktur, in dem Aufsatz von T. Parsons Zur Allgemeinen Theorie in der Soziologie; deutsch in Jensen 1976: 85–97; einer der wichtigsten Beiträge Parsons‘zur soziologischen Theorie.Google Scholar
  27. 317.
    Über den Zusammenhang zwischen geistiger Erkenntnis und den Handwerksmitteln, mit deren Hilfe sich Ideen überprüfen lassen, ist viel geschrieben worden. Siehe dazu als Einführung De Solla Price, Little Science, Big Science (stw 48) 1974Google Scholar
  28. 317a.
    sowie Weingart (Hg.): Technik als sozialer Prozeß, (stw 795) 1989. Eine Reihe von Überlegungen zum Thema enthält Böhme 1993Google Scholar
  29. 317b.
    vor allem die Aufsätze 3, 4, 5 in Teil Il Als allgemeiner Hintergrund lesenswert Whitehead Wissenschaft und moderne Welt, (stw 753) 1988Google Scholar
  30. 317c.
    sowie Blumenberg Die Genesis der kopernikanischen Welt, 3/1996Google Scholar
  31. 317d.
    eventuell, als Gegenstück zur technischen Betrachtung des Fortschritts, die kulturelle Wissenschaftsanthropologie von Gaston Bachelard, Bildung des wissenschaftlichen Geistes, (stw 668) 1987Google Scholar
  32. 317e.
    sowie Serge Moscovici Versuch über die menschliche Geschichte der Natur, 1984.Google Scholar
  33. 317f.
    Schon die Antike bietet eine Fülle von Beispielen für den Zusammenhang von geistigem und technischen Können (der Ingenieurskunst) — etwa in der Person des Archimedes A (dazu und zur weiteren Wissenschaftsentwicklung Störig Kleine Weltgeschichte Wissenschaft, 1970).Google Scholar
  34. 317g.
    Der Aufstieg der experimentellen Wissenschaft in der Neuzeit hängt nicht zuletzt mit der Neubewertung des handwerklichen Könnens zusammen; siehe dazu Alistair Crombie, Von Augustinus bis Galilei, 1977.Google Scholar
  35. 317h.
    Auch die moderne Wissenschaft ist in äußersten Maße von der technischen Leistungsfähigkeit der Apparate und der Ingeniosität der technischen Tüfder abhängig; siehe dazu das Beispiel Einsteins (im Spiegel seiner Biographen Clark 1984; Pais, Subtle Lord, 1982) oder (auf Forschung als technische Anlage bezogen) Berichte über moderne Kernforschungsanlagen, etwa Jungk 1969; Ledermann/ Teresi 1993.Google Scholar
  36. 318.
    Diese These geht über die intemalistische Perspektive weit hinaus. Ein Vertreter des Internalismus würde nur über verschiedene Beschreibungen der Realität, aber nicht über ‘unterschiedliche Realitäten’ sprechen.Google Scholar
  37. 319.
    Dafür gibt es verschiedene Metaphern: in die Fabrik, in das Labor oder in die Küche — jedenfalls an Orte, wo sich die wirkliche Forschung abspielt, „mundan und diesseits ihrer epistemologischen Verzauberung“durch die Erkenntnistheorie.Google Scholar
  38. 320.
    Knorr-Cetina 1991. Siehe auch ihren Beitrag in Bardmann (Hg.) 1997: 19ff, sowie dazu A. Gerhard, ebenfalls in Bardmann (Hg.) 1997:39ff, über diese Art des Konstruktivismus als ‘Laboransatz’.Google Scholar
  39. 321.
    Dazu sehr lesenswert Gaston Bachelard Bildung des wissenschaftlichen Geistes, 1987. In der Einleitung erwähnt der Herausgeber, W. Lepenies, symptomatisch die sprachliche Veränderung der descartscnen Formel „cogito“zur kollektive Vorm „cogitamus“durch Bachelard. Dieser betont den Gruppencharakter des Wissenschaftshandelns, er verwendet die ‘Stadtmetapher’ für die scientific community; er stellt dem ‘einsamen Dichter’ die Gruppe gegenüber und spricht von der „union des travailleurs de la preuve“.Google Scholar
  40. 322.
    Zu Einzelheiten siehe Stegmüller Universalienproblem, 1965Google Scholar
  41. 323.
    Diese ‘Eigenheiten’ beruhen auf gewissen Auffassungen Dinglers davon, was Physik und wie sie zu begründen sei. Dingler vertrat das Prinzip einer ‘absoluten Sicnerung’ der Physik (und darauf aufbauend der gesamten Wissenschaft). Dieses Prinzip Dinglers wira auch als ‘Certismus’ bezeichnet. Es scheint aber, entgegen der Erwartungen Dinglers, nicht realisierbar zu sein. Siehe dazu Janich 1992b.Google Scholar
  42. 324.
    Zum ersten Punkt siehe beispielsweise den konstruktiven Realismus von Viktor Kraft oder die konstruktive Axiomatik von Hans Reichenbach; zum zweiten Punkt beispielsweise Raymond Smullyan Theory of formal Systems (Princeton 1961) oder Erich Jantsch 1992.Google Scholar
  43. 324a.
    Über den Zusammenhang von Systemtheorie und Konstruktivismus siehe auch Jensen, Bildungsplanung als Systemtheorie, 1970: 11ff sowie Abschnitt 1.2 der Einleitung in Jensen, Parsons — Theorie sozialer Systeme, 1976.Google Scholar
  44. 325.
    Wissenschaftliche Weltauffassung — Der Wiener Kreis, in Neurath 1929.Google Scholar
  45. 326.
    Sie folgen der Darstellung von Kurt Hübner 1978: 20–27.Google Scholar
  46. 327.
    Kritik der reinen Vernunft Elementarlehre Il Teil: 236; zit. nach der Ausgabe bei Felix Meiner 1993.Google Scholar
  47. 328.
    Das Zitat ist entnommen Hübner 1978:24f. Es stammt aus Reichenbach Wahrscheinlichkeitslehre, 1935.Google Scholar
  48. 329.
    Ernst Von Glasersfeld verwendet dasselbe Bild: „Ein blinder Wanderer, der den Fluß jenseits eines nicht zu dichten Waldes erreichen möchte, kann zwischen den Bäumen viele Wege finden, die ihn an sein Ziel bringen…“in Gumin/Meyer 1992: 19f. Ist der Konstruktivismus die Theorie der blinden Wissenschaftler? Das ist keine schlechte Metapher, wenn man sie nicht zu oberflächlich nimmt.Google Scholar
  49. 330.
    Die Unterscheidung zwischen ‘Passen’ und ‘Stimmen’ ist einer der Kardinalpunkte in Glasersfelds Einführung in der Konstruktivismus.Google Scholar
  50. 331.
    Leicht gekürzt und verändert zitiert aus Watzlawick 1985: 14f.Google Scholar
  51. 332.
    Das war letztlich auch von den Anhängern der Feldtheorie in den Sozialwissenschaften (vor allem von Kurt Lewin) gemeint; das ‘Feld’ ist die Gesamtheit aller gleichzeitig bestehenden (das heißt, von einem Beobachter kognitiv wahrgenommenen) Tatsachen. Nicht eine ‘objektive Struktur’ wird beobachtet, erkennbar sind nur die Thänomene im Feld’ — und dieses Feld ist kognitiv vom Beobachter selbst erzeugt. Zur psychologischen Feldtheorie siehe das entsprechende Stichwort in Ritter/Gründer(Hg.): Hist. Wb. Philos. 2 (1972) 923–929.Google Scholar
  52. 333.
    Teilweise wörtliche Wiedergabe von Auszügen eines Gesprächs mit Ernst Von Glasersfeld in Schmidt 1991: 410.Google Scholar
  53. 334.
    Das wird ausführlicher von Kurt Hübner 1978: 25f erklärt.Google Scholar
  54. 335.
    Nagel 1986 (deutsch Der Blick von nirgendwo, Frankfurt/M 1992). Es gibt ein berühmtes Gleichnis Wittgensteins für die Tätigkeit des Philosophen: Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen. Aber der Philosoph ist selbst die Fliege im Glas, und nicht — wie das Bild auch suggerieren könnte — der außenstehende Beobachter, der das Glas (das heißt, die Welt) in seiner Hand hält und sie von außen betrachtet.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

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  • Jensen Stefan

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