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Die konstruktivistische These

  • Jensen Stefan

Übersicht

In diesem Kapitel wird die zentrale These des Konstruktivismus entwikkelt. Ausgangspunkt ist die Aufteilung der Realität, in der ein System operiert, einerseits in die Innenwelt der eigenen Operationen und der daraus resultierenden Selbstwahrnehmung, andererseits in die Außenwelt, der zugerechnet wird, was sich als ‘äußerer’ Effekt aus der Durchführung der Operationen ergibt. Schon diese Beschreibung zeigt, wie schwierig es ist, Innenwelt und Außenwelt nach einem objektiven Kriterium zu trennenes gibt kein solches Kriterium, sondern nur den ‘Blick des Betrachters’. Ausgangspunkt ist die lokale Realität, in der sich ein Beobachter befindet. Er verändert sie durch seine Operationen. Diese Operationen erzeugen (um den Beobachter herum) einen speziellen Beobachtungsraum. Diese Beobachtungsraum ist bereits ein modifizierter Teil der lokalen Realität. Die Gegenstände, auf die sich die Operation Beobachtung intentional richtet, befinden sich im Beobachtungsraum. Beobachter tendieren dazu, Ergebnisse ihrer kognitiven Operationen aus dem Beobachtungsraum auf ‘die Wirklichkeit’ zu übertragen. Die Kritik an dieser ungerechtfertigten Verallgemeinerung fuhrt zur konstruktivistischen These: Zwar ist Erkenntnis möglich, aber sie bezieht sich nicht auf die Wirklichkeit, sondern nur auf die besondere Realität, die im Beobachtungsraum entsteht. Es wird gezeigt, wie sich daraus die weiteren Annahmen des Konstruktivismus entfalten.

Der Bericht geht auf eine Reihe von historischen Strömungen ein, insbesondere auf den methodischen Konstruktivismus Hugo Dinglers sowie seiner Nachfolger. Schließlich kommt der Bericht zur Position des „neuen Konstruktivismus“, der sich seit ca. 1970 in den USA entwickelt hat.

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Literatur

  1. 256.
    Der Begriff »Dualismus« bezeichnet zunächst eine religiöse Weltlehre, die ein gutes und ein böses Weltwesen annimmt; dann (seit Wolff) vor allem die philosophische Gegenüberstellung von Geist und Natur (Stoff, Körper) als substantiell verschiedene Wirkungskräfte oder Manifestationen. Der Dualismus ist eine Lehre, die dualistische Prinzipien zur Erklärung von Erscheinungen der Wirklichkeit (im metaphysischen Sinne) verwendet. Er steht in Konkurrenz zum Monismus und zum Pluralismus. Zur Begriffsgeschichte siehe »Dualismus« in Ritter/Gründer (Hg.): Hist. Wb. Philos. 2 (1972) 297–299.Google Scholar
  2. 257.
    „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt… “; Maturana 1998: 25. So auch schon Maturana/Varela 1987, hier zit. nach der Ausgabe bei Goldmann 1990: 32ff (Kernaphorismen — „Alles Gesagt ist von jemandem gesagt.“)Google Scholar
  3. 258.
    Die klassisch-idealistische Lösung (erinnert sei an Berkeley) bestand darin, eine ‘ultimative Einheit’ (Gott oder einen Weltgeist oder eine sonstige Spiritualität) einzuführen, auf deren Operationen die Existenz der Welt beruht. Der Konstruktivismus ersetzt diese Figur durch den Prozeß der Beobachtung selbst. So erklärt Maturana: „daß es meine Absicht ist, den Beobachter im Prozeß des Beobachtens… zu erklären. Ich sage, daß wir Beobachter uns in unserer Erfahrung im Prozeß des Beobachtens ereignen, das heißt, wir finden uns selbst vor als Beobachter im Prozeß des Beobachtens in dem Moment, in dem wir uns die Frage über Operieren als Beobachter im Prozeß des Beobachtens stellen.“… „Das Ergebnis dieser Einstellung ist,… Systeme als sich selbst enthaltende Dynamiken zu verstehen und wahrzunehmen…“(Maturana 1998: 9f).Google Scholar
  4. 259.
    Eine Auswahl aus Berkeley enthält der Band Schriften bei Suhrkamp, stw 496, 1985. Als Einführung siehe beispielsweise Hirschberger, Bd. II (14/ 1991) 220f; Röd, Bd. II (1996) 85ff; oder Störig 15 /1990: 353–355. Daraus ein Zitat: „Berkeley [wurde] 1884 oder 1685 in Südirland geboren…[er hat] ganz Europa bis ins Innere Siziliens kennengelernt; ja er verbrachte sogar einige Jahre in der Neuen Welt, auf den Bermuda-Inseln, mit dem Plan, dort eine Kolonie zu gründen… Nach seiner Rückkehr war [er] achtzehn Jahre Bischof von Cloyne [und] starb 1753 in Oxford. Bereits mit 24 Jahren veröffentlichte Berkeley seine Neue Theorie des Sehens,… mit 25 Jahren sein Hauptwerk Abhandlungen über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis.Berkeley knüpft an Locke an [und beseitigt dessen] Inkonsequenzen, indem er ausnahmslos den Grundsatz durchführt, daß alles, was wir wahrnehmen und erkennen,… stets nur als Phänomen unseres Bewußtseins, als Zustand unseres Geistes, gegeben ist — eine Erkenntnis, die Schopenhauer später in dem Satz »Die Welt ist meine Vorstellung« ausgesprochen hat.… Ein Ding ist weiter gar nichts als eine konstante Summe von Empfindungen im Bewußtsein. Das Sein der Dinge besteht nur in ihrem Wahrgenommenwerden (esse est percipi); besser wäre: Sein ist Wahrgenommenwerden oder »Wahrgenommenwerden können« — denn Berkeley behauptet nicht, der Stuhl im leeren Nebenzimmer werde erst (wieder) existent, wenn jemand eintritt und ihn erblickt. In dem, was wir Welt nennen, gibt es nichts als den denkenden Geist und die in ihm vorhandenen Ideen… [konsequenter Idealismus].… Ideen können den Geistern nur von dorther gegeben sein, wo selbst Ideen vorhanden sind, das heißt, von einem denkenden Geiste, von Gott. Da Gott… ohne Willkür [ist], gibt er allen Geistern die gleiche Idee, und da Gott unveränderlich ist, gibt er sie allen [also auch mir] immer wieder in gleicher Weise.… Mit der Konstanz und Gesetzmäßigkeit in unseren Vorstellungen, die ihren Ursprung eben in Gottes Ordnung und Unveränderlichkeit hat, gibt es auch das, was man mißverständlich »Naturgesetz« nennt. Das sind nichts anderes als die Gesetze, nach denen Gott die Ideen in allen Geistern verbindet.… [Diese] Gesetze [können wir] nicht im voraus wissen oder durch logische Ableitung finden. Wir müssen sie durch Beobachtung, durch Erfahrung kennenlernen. Insofern verbindet sich bei Berkeley der Idealismus mit dem englischen Empirismus.“Google Scholar
  5. 260.
    Um kein Mißverständnis entstehen zu lassen, sei schon an dieser Stelle vorweggenommen, was der Text erst allmählich entwickeln wird: Selbstbezüglichkeit bezieht sich auf die »Operation Beobachtung« — oder umgekehrt: Es ist die »Operation Beobachtung«, welche selbstbezüglich ist. Hingegen ist der zitierte Satz ‘Beobachter beobachten Beobachter’ (Maturana 1998) nicht wörtlich, sondern nur nur bildhaft zu verstehen, wenn man nicht unversehens ins ‘Milieu der Spione’ geraten will.Google Scholar
  6. 261.
    Enno Schwanitz hat dafür ein poetisches Bild gefunden: „Ein System entsteht… zusammen mit den durch es selbst konstituierten Elementen durch einen göttlichen Blitzschlag der Schöpfung. Dieser göttliche Schöpfungsfunke, der ein System zum Leben erweckt, geht aus von der [schon in Schwanitz’ ersten Kapitel] beschworenen Selbstbezüglichkeit. Dieses ‘Es werde’ heißt Selbstreferenz. Die Schöpfung selbst und die Geburt eines neuen Systems wird mit dem systemtheoretischen Begriff der ‘Emergenz’ belegt. ‘Emergere’ ist lateinisch für ‘auftauchen’, ‘zum Vorschein kommen’, und darin wird ausgedrückt, daß Systeme zugleich mit ihren Elementen als totale Neuheiten in Erscheinung treten, die nicht durch die Eigenschaften irgendeiner zugrunde liegenden Basis erklärt werden können.“In: Systemtheorie und Literatur, 1990: 54.Google Scholar
  7. 262.
    Viele Verteidiger des Konstruktivismus haben diese Art des Zirkelschlusses als fruchtbaren oder kreativen Zirkel bezeichnet, um ihn vom Makel des circulus vitiosus, einer logisch fehlerhaften Konstruktion, zu befreien; so Francisco Varela: Der kreative Zirkel. Skizzen zur Naturgeschichte der Rückbezüglichkeit. In Watzlawick 7 /1991:294–309.Google Scholar
  8. 263.
    Paul Watzlawick hat sie in die Form gefaßt: How real is real? (deutscher Titel: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?) und damit die Welle des neuen Konstruktivismus ausgelöst.Google Scholar
  9. 264.
    Ein Beispiel dafür sind die Ereignisse von Fatima — eine Marienerscheinung mit vielfältigen Deutungsmöglichkeiten — je nach ontologischem Commitment. Ein anderes sind die Menschenopfer der Azteken: In unserer Kultur wären sie grausige Tötungen, in der dortigen Kultur waren sie Teil der Religion. Philip K. Dick hat in einer seiner Novellen den Schock beschrieben, den das christliches Abendmahl in einer extraterristischen Kultur auslöst (wir trinken das Blut Christi und essen seinen Leib) und zugleich das unser Entsetzen beschrieben, das (in seiner Novelle) die erfaßt, die einem veränderten Christus begegneten, der den Leib und das Blut seiner Anhänger in sich aufnimmt Siehe Rautavaara’s Case, in Dick 1988: 185–197.Google Scholar
  10. 265.
    So wie das die Kirche von Galilei verlangte; siehe beispielsweise Blumenberg Galileo Galilei. Sidereus Nuncius. Nachricht von neuen Sternen, 1980, oder Becker Galilei und das kopernikanische Weltsystem, 1982. Als kürzere Einführungen siehe Segrè 1990: 33ff oder E. P. Fischer 1996: 101ff Eine Darstellung, die Galilei weniger im wissenschaftlichen Kontext als vielmehr im politischen Beziehungsgeflecht der Zeit zeigt, gibt Mario Biagioli Der Höfling, 1999.Google Scholar
  11. 266.
    Anders Maturana: „(Ich) gebe zu bedenken, daß das, was erklärt werden muß, das tägliche Leben ist, als die Quelle all unserer Erfahrungen… Alle Arbeiten dieses Buches beschäftigen sich mit der Erklärung von Alltagserfahrung“(Maturana 1998: 11f). Man muß sich also beim Stadium der unterschiedlichen Beiträge zum Konstruktivismus immer wieder vergewissem, worüber ein Autor spricht. Der ‘biologische’ Konstruktivismus (insbesondere Maturana) spricht über eine andere Wirklichkeit (genauer gesagt: benutzt eine andere Realitätskon-struktion) als der ‘philosophische’ Konstruktivismus. Bei dieser Gelegenheit sei eine kritische Bemerkung zu Maturana eingefügt. Maturana erklärt Erkenntnis als biologische Kognition und entwickelt dazu eine biologische Kognitionssemantik. Er hält alle Fragen nach Realität, Wissen und Erkenntnis „für Fragen, die auf biologische Phänomene zurückzuführen sind und daher im biologischen Bereich beantwortet werden müssen.… im Prozeß der Beantwortung dieser Fragen entwickele ich eine biologische Theorie der Erkenntnis.“(Maturana 1998: 7). Wir lernen von ihm also etwas darüber, wie ein Biologe sich die Welt erklärt, sowohl die Alltagswelt als auch Wissenschaft und Philosophie. Maturana hat als Biologe nur ein oberflächliches Wissen von Philosophie und Soziologie, er benutzt die schmale Basis der Biologie, um eine umfassende Auslegung der sozialen Realität zu geben. Dabei vermischen sich intelligente Überlegungen mit Banalitäten in sprachlich komplizierter Form (allein durch die Neigung zur political correctness, die Maturana zwingt, jede Bezeichnung des Menschen, einschließlich aller Pronomen, grammatisch in der weiblichen und männlichen Form wiederzugeben). Hinzu kommt, daß Maturana mangels ausreichender philosophischer Kenntnis die Erkenntnistheorie an vielen Stellen neu erfindet, insbesondere den Kantianismus. Ein biologisch gewendeter Kant ist sicherlich nicht ohne Reiz, aber man hat das meiste dazu schon bei Konrad Lorenz (und in der Evolutionären Erkenntnistheorie) gelesen. Die frühen Arbeiten von Maturana (in der Zusammenarbeit mit Francisco Varela) waren sicherlich ein großer Durchbruch, aber seine soziologischen und philosophischen Exkurse der späteren Jahre sind von gemischter Güte.Google Scholar
  12. 267.
    Als Einführung in das Konzept der «Lebenswelt», das aus der phänomenologischen Soziologie (Bergson, Schütz) stammt, Richard Grathoff, Milieu und Lebenswelt, 1995; ausführlicher Schütz 1932 (1974); Schütz-Luckmann 1979. Eine allgemeine Übersicht über »Phänomenologie« und »Phänomenologie und Soziologie« gibt Kurt Wolf in Bottomore/Nisbett (Hg.) 1978: 499–556. Dieser ausführliche Hinweis steht hier deswegen, weil der »neue Konstruktivismus« ohne die Phänomenologie nicht denkbar ist, obwohl dies selten erwähnt wird.Google Scholar
  13. 268.
    Es war eine der großen Einsichten der Evolutionären Erkenntnistheorie, die mit Donald Campbell und Konrad Lorenz verbunden ist, die biologische Abhängigkeit der Kognition und ihre genetische Programmierung erkannt zu haben. Was ihnen (als Biologen) nicht hinreichend bewußt war fund auch von Gerhardt Vollmer 1988 noch übersehen wurde), ist die starke kulturelle Prägung der Erkenntnis. Sie ist aber zugleich die Schicht, die am dichtesten zum ‘Kerngehäuse’ liegt, in der wir uns befinden. Alles, was wir sehen, sehen wir durch diese innerste Schicht oder (in einer anderen Metapher) durch diese ‘kulturelle Brille’. Daher ist es sinnlos, aus der Natur, die doch erst in der Kultur entsteht, Belege für die Richtigkeit (oder ‘Passung’) unserer Erkenntnisleistungen zu ziehen.Google Scholar
  14. 269.
    Die Akademie war nach dem Ort benannt, an diese Schule entstand, dem Hain (mit dem Heiligtum) des Heros Akademos, in dem Platon vortrug und nahe dem dann seine Schule (die Akademie) entstand. Das Lykeion (römisch Lyzeum) war entsprechend die Schule, die neben oder nahe dem Hain (und Heiligtum) des Apollon Lykios (Lichtgott) lag. Die Zuordnung zu einem Hain, in dem ein Heros feine lokale Gottheit) verehrt wurde, geht auf frühere politische Gebietsreformen (Kleisthenes) zurück; darin waren die drei attischen Gebiete in 10 Phylen aufgeteilt worden, die jeweils einen Heros zu verehren hatten. Auf diese Weise entstanden diverse heilige Haine mit lokalen Heroen. ‘Heros’ konnte nach homerischem Sprachgebrauch jeder ehrenhafte freie Mann genannt werden; vorzugsweise aber hießen so die Fürsten und Edlen der alten mythischen Zeit, die ihren Ursprung von einem Gott ableiten. Heroen sind durch größere Körperkraft, größeren Mut, hohen edleren Sinn ausgezeichnet; und diese Vorzüge verwendeten sie zum Nutzen und Heil der Menschen. Sie bekämpften die Feinde der Nation, reinigten das Land von verderblichen Ungeheuern und machten es zu einer Stätte der Kultur; gründeten Städte und Staaten, stifteten Götterkulte und gaben weise Gesetze. Kriegerischer Sinn und Tapferkeit sind so wesentliche Eigenschaften des Heros, daß Held und Heros für gleichbedeutend gelten. In der späteren Zeit erklärte man auch verdienstvolle Menschen, die nicht dem mythischen Zeitalter angehörten, zu Heroen, wie beispielsweise den spartanischen Gesetzgeber Lykurgos, die bei Marathon und Plataea gefallenen Kämpfer u.a.m. Als Grenze der eigentlichen Heroenzeit galt aber allgemein die Rückkehr der Herakliden in den Peloponnes. Quelle: H. W. Stoll, Götter und Heroen, Bd. 2 (1875) 27–29.Google Scholar
  15. 270.
    Siehe dazu Rätsel um die Farbe Rot, in Der Spiegel 24 (1995) 196–201 — ein Bericht über den New Yorker Neuropsychologen Oliver Sacks, der durch sein Buch über den Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, berühmt wurde (Sacks 1985, dtsch. 1987). Siehe Der farbenblinde Maler, in Sacks 1995: 19–71. Vgl. demge-genüber die physikalische Darstellung der Farbwahrnehmung bei Falk/Brill/Storck 1990, Kap. 10: 289ff.Google Scholar
  16. 271.
    Zu seiner prägnanten Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte (als ‘Menge von verpflichtenden Wertvorstellungen, welche die Arbeit von Forschem in einem Wissenschaftsbereich bestimmen’) ist der Begriff des »Paradigmas« durch Kuhn 1962 und die anschließende Diskussion (dokumentiert in Lakatos/Musgrave 1974) gekommen; vgl. a. die Serie ergänzender Aufsätze dazu, insbesondere Neue Überlegungen zum Begriff des Paradigmas, in Kuhn 1978: 393–420. Als Einführung zu empfehlen W. Diederich (Hg.): Theorien der Wissenschaftsgeschichte. 1974.Google Scholar
  17. 272.
    Eine extreme Position vertreten radikale Neurologen (wie Gerhardt Roth) oder Neuro-Informatiker, welche die kognitiven Organe von Lebewesen für die eigentlichen Wirklichkeitsgeneratoren halten („das Gehirn erzeugt einen Beobachter, der das Gehirn für das seine hält“). Beim Menschen sei das Gehirn das ultimative System, in dem sich der gesamte Wirklichkeitsaufbau vollziehe. Einen gemäßigten Konstruktivismus vertreten Soziologen (wie Niklas Luhmann), die das gesell-schaftliche Kognitionssystem im allgemeinen und die Wissenschaftskommunikation im besonderen für das gemeinte Beobachtungssystem halten („ein Kognitionssystem erzeugt autopoietisch die Elemente, aus denen es besteht und schließt dabei selbstreferentiell an seine selbst erzeugten Eigenzustände an“).Google Scholar
  18. 273.
    Maturana2/1985: 34f; vgl. a. VonForester 1993: 84f: „Alles Gesagte wird von einem Beobachter gesagt. Alles Gesagte wird zu einem Beobachter gesagt.… Und aus dieser Keimzelle entsteht die Gesellschaft.“Es ist also kein reiner Biologismus, der hier vertreten wird, sondern eine biologisch interpretierte Theorie gesellschaftlicher Prozesse.Google Scholar
  19. 275.
    So beispielsweise Roth Das Gehirn und seine Wirklichkeit, 4/1996.Google Scholar
  20. 276a.
    Anregend, aber spekulativ. Beispiele dafür bieten Dennett Philosophie des menschlichen Bewußtseins, 1 v94, sowie ders. Darwins gefährliches Erbe. Die Evolution und der Sinn des Lebens, 1997; Crick Was die Seele wirklich ist, 1994;Google Scholar
  21. 276b.
    SearleWiederentdeckung des Geistes, 1993.Google Scholar
  22. 277.
    “kognitiv orientiert’ heißt, auf die Frage bezogen, „warum einem Beobachter die Welt so erscheint, wie sie ihm erscheint“— eine Wendung von Kurt Koffka.Google Scholar
  23. 278.
    Einsteins Frage: „Existiert der Mond nur, wenn ich hinschaue? “in Pais 1982: 5. Siehe dazu auch die Bemerkung von Werner Heisenberg (in Krüger 1970: 416f) über die „Ontologie des Materialismus… also die Vorstellung einer objektiven, realen Welt, deren kleinste Teile in der gleichen Weise objektiv existieren wie Steine und Bäume, gleichgültig, ob wir sie beobachten oder nicht.“Am Ende des Aufsatzes sagt Heisenberg: „Die Ontologie des Materialismus beruht auf der Illusion, daß man die Art der Existenz, das unmittelbar »Faktische« der uns umgebenden Welt, auf die Verhältnisse im atomaren Bereich extrapolieren könne. Aber diese Extrapolation ist unmöglich.“(S. 426). Dieser Satz läßt sich im Sinne des Konstruktivismus so erweitern, daß man sagt: „Die Ontologie des Materialismus -also die Annahme der Existenz einer beobachtungsunabhängigen Realität, beruht auf der Illusion, daß man die Verhältnisse der Alltagswelt auf die Verhältnisse der wissenschaftlich zu erforschen Realität [der Außenwelt] extrapolieren könne. Aber diese Extrapolation ist unmöglich.“Google Scholar
  24. 279.
    Als Einführung Kropp 1950.Google Scholar
  25. 280.
    Der «systemische Konstruktivismus» ist die (hier) bevorzugte, von Luhmann entwickelte, wissenschaftlich wohl am besten begründete Fassung des Konstruktivismus. Aber das wird nicht jeder so sehen. Schriftsteller wie Paul Watzlawick -einer der Erfinder des neuen Konstruktivismus — neigen dazu, in ‘ihrem’ Konstruktivismus mehr zu sehen als nur ein enges wissenschaftliches Schema. Watzlawick gibt umfangreiche konstruktivistische Interpretationen der gesamten Lebenswelt. Der vorliegende Bericht hält sich jedoch an ein enges innerwissenschaftliches Verständnis des Konstruktivismus, und dieser bezieht sich auf wissenschaftliche Beobachtungssysteme.Google Scholar
  26. 284.
    Zu Reputation siehe Luhmann 1968 (Selbststeuerung der Wissenschaft, Jahrbuch für Sozialwissenschaft 19 (1968) 147–170. Siehe auch »Reputation« in Krause Luhmann-Lexikon, 1996: 150.Google Scholar
  27. 285.
    Wie schon früher im Text angedeutet, nimmt der ‘radikale’ Konstruktivismus dazu eine andere Position ein. Er vertritt einen kognitiven Solipsismus, der sich auf Einzelwesen (den einzelnen Menschen) bezieht. Helmut Schwegler erklärt diese Auffassung so, daß „erst der radikale Konstruktivismus die skeptizistischen Ansätze konsequent zu Ende gedacht (hat), indem die subjektive Erlebniswelt des Individuums als der Platz angesehen wird, wo allein „Erkenntnis“stattfindet; sie wird dort konstruiert und kann deshalb keine Erkenntnis einer objektiv realen Welt sein.… Auch Wissenschaft findet demnach nur in den subjektiven Erlebniswelten der einzelnen Wissenschaftler statt.“(Konstruierte Wissenschaftswlten, in Schmidt 1992: 257.) Eine ausführliche Darstellung des ‘radikalen’ Konstruktivismus gibt Ernst Von Glasersfeld 1987, Teil II. Eine wissenschaftstheoretische Diskussion dieser Thesen, anknüpfend an die Darstellung des Neurobiologen Gerhardt Roth, enthält Sandkühler 1992a: 91–136. Bei dieser Auffassung, wie sie Schwegler vertritt, entsteht das Problem zu erklären, wie die sozale Realität zustande kommt, wenn jeder von uns nur seine je eigene Welt aufbaut. (Siehe dazu Peter M. Hejl in Schmidt 1987: 167ff. Tiefgründiger Parsons und Luhmann; vgl. Parsons/Shils 1951 sowie Luhmann SoSy, 1984: 148ff unter dem Stichwort ‘Doppelte Kontingenz’.) Der «kognitive Solipsismus» kann das Paradox nicht auflösen, daß all diese Äußerungen über den „kognitiven Aufbau der Wirklichkeit in neuronalen Operationen des Einzelwesens“ihrerseits gerade nicht solipsistische Bewußtseinsoperationen eines einsamen Ichs sind, sondern das Ergebnis vielfältiger mündlicher und schriftlicher Diskussionen im Kommunikationssystem der Wissenschaft und der Gesellschaft. Das, was der Leser gerade vor sich hat, verdankt er sicherlich nicht „dem Feuern der Neuronen jetzt“in seinem Gehirn, auch wenn es notwendigerweise der Leistung seines Gehirns bedarf, den Text vor seinen Augen zu lesen. Daß dieser Text entstand, hat eine enorme Vielzahl von Ursachen zur Voraussetzung, die sich nicht auf die „Realität jetzt feuernder Neuronen“reduzieren lassen — es sei denn, Du, lieber Leser, wärst das einzige real existierende Wesen und erzeugtest alles, was ist, einschließlich genau dieser Zeilen vor Deinen Augen, just in diesem Moment. Dann hättest Du Dir freilich Gescheiteres einfallen lassen können.Google Scholar
  28. 286.
    Lesenswert, was Ludwik Fleck zum Thema „wissenschaftliche Beobachtung und Wahrnehmung im allgemeinen“sowie zu „Schauen, sehen, wissen“gesammelt hat; siehe Fleck 1983: 59ff; 147ff. Die Erfahrungen Flecks stehen unter dem Motto Goethes: „Der Blick auf die Oberfläche… verwirrt den Beobachter, und man darf wohl hier wie in andern Fällen den wahren Spruch anbringen: Was man weiß, sieht man erst!“(Schriften zur Kunst). Oder in einem Brief an F. V. müller: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“Google Scholar
  29. 287.
    „Das zwingt ihn zum autologischen Schluß, das heißt, zur Anwendung des Begriffs der Beobachtung auf sich selber.“ Luhmann GdG, 1997: 1117.Google Scholar
  30. 288a.
    Siehe beispielsweise Luhmann WiGe, 1990a: 76ffGoogle Scholar
  31. 288b.
    ders. Aufklärung5, 1990b: 228ff;Google Scholar
  32. 288c.
    ders. 1992: 118fGoogle Scholar
  33. 288d.
    ders. GdG, 1997: 93fGoogle Scholar
  34. 288e.
  35. 288f.
    1117f. Die Idee von Einheiten zweiter und höherer Ordnung ist ein älteres kybernetisches Konzept, das auf William Ross Ashby und Heinz Von Foerster zurückgeht. Ausführlich wurde es von Humberto Maturana verwendet, siehe maturana/Varela 1987; Maturana 2/1985.Google Scholar
  36. 289.
    Sonst wäre die Sache zu simpel: Schon der Leser eines Buches oder der Besucher einer Kunstausstellung wäre ein Beobachter zweiter Ordnung, der beobachtet, was ein Beobachter vor ihm gesehen und in eine bestimmte Form gefaßt hat. Solche Mißverständnisse grassieren in der Literatur und in der Publizistik. Beobachter beobachten Beobachter, die Beobachter beobachten. Das hat Anklänge an Dashiell Hammet, Philipp Marlow und die Stasi: hinter jeder Ecke steht einer und beobachtet den Beobachter, der einen Beobachter beobachtet. Auf dieser Ebene von literarischen Anspielungen ist der publizistisch simplifizierte Luhmann höchst plausibel. Man versteht ihn intuitiv (wenn auch nie richtig). Bestätigt die Anspielung auf Stasispitzel im übrigen nicht genau das, was wir aus der Politik über das Verhältnis von Tätern und Opfern und ihrer selbsterzeugten Wirklichkeit gelernt haben? Erst der Täter erzeugt das Opfer, das Opfer selbst ist wiederum Täter, Realität entsteht als wechselseitig erzeugte zirkuläre Wirklichkeit. Wie Volker Zastrow in der FAZ (Samstag, 25. Januar 1992, Nr. 21:27) plausibel, aber falsch erklärt, gibt es Beobachter erster, zweiter und dritter Ordnung (der Beobachter dritter Ordnung oberhalb der Gesellschaft sei Luhmann), über die dann aber noch die Zeitung (in vierter Ordnung) beobachtend berichtet, so daß der Leser am Frühstückstisch zum Beobachter fünfter Ordnung wird, seinerseits beim Lesen vom höchsten Beobachter beobachtet: der Ehefrau (über der dann nur noch der Deus Maximus beobachtend wacht, wie Berkeley meinte).Google Scholar
  37. 290.
    Der Begriff »Komplementarität« stammt von Niels Bohr. Er bezog sich ursprünglich auf das Verhältnis von Teilchen und Welle, die komplementär sind, weil nur beide Aspekte zusammen die ‘ganze’ Wirklichkeit bilden, aber nicht beide gleichzeitig zu Erscheinung gebracht werden können. Diesen Gedanken hat Bohr dann erweitert, auf das Verhältnis von Mikro- und Makrophysik übertragen und schließlich daraus eine umfassende Philosophie entwickelt. Er selbst sagt dazu: „Auf dem Internationalen Physikerkongreß in Como, im September 1927, der als Gedächtnisfeier für Volta abgehalten wurde, bildeten die Errungenschaften der Atomphysik den Gegenstand eingehender Diskussionen. Bei dieser Gelegenheit trat ich in einem Vortrag für einen Gesichtspunkt ein, der durch den Begriff »Komplementarität« kurz bezeichnet werden kann und geeignet ist, die typischen Züge der Individualität von Quantenphänomenen zu erfassen und gleichzeitig die besonderen Aspekte des Beobachtungsproblems innerhalb dieses Erfahrungsgebietes klarzulegen. Hierfür ist die Erkenntnis entscheidend, daß, wie weit auch die Phänomene den Bereich klassischer physikalischer Erklärung überschreiten mögen, die Darstellung aller Erfahrung in klassischen Begriffen erfolgen muß. Die Begründung hierfür ist einfach die, daß wir mit dem Wort „Experiment“auf eine Situation hinweisen, in der wir anderen mitteilen könne, was wir getan und was wir gelernt haben, und daß deshalb die Versuchsanordnung und die Beobachtungsergebnisse in klar verständlicher Sprache unter passender Anwendung der Terminologie der klassischen Physik beschrieben werden müssen.“(in Schilpp 1979: 122). Der letzte Satz ist wichtig: Der Begriff ‘Experiment’ (und auch der Begriff ‘Beobachtung’) verweisen auf Kommunikation — diese ist das entscheidende Medium, in dem sich der kulturelle Aufbau der Realität vollzieht.Google Scholar
  38. 292.
    „Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es je in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.… Otto Neurath. Die Metapher des Schiffs läßt sich bis zu Lukrez zurückverfolgen; siehe Blumenberg Metaphrologie, 1960; siehe auch Blumenberg 1996.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1999

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  • Jensen Stefan

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