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Seeschlangen

  • Richard Ellis

Zusammenfassung

Als der Priester Laokoon seine Landsleuten davon abzuhalten versuchte, das riesige Holzpferd der Griechen in die mauerumringte Stadt Troja zu schaffen, krochen zwei schreckliche Schlangen aus dem Meer, wanden sich um Laokoon und seine beiden Söhne und würgten sie zu Tode. Manche glaubten, Poseidon habe die Schlangen gesandt, weil sich Laokoon auf die Seite der Trojaner geschlagen hatte, doch was auch immer der Grund war, das trojanische Pferd wurde in die Stadt geschleppt, und Troja fiel in die Hände der Griechen. Laokoons Kampf mit den Schlangen wurde in einer heroischen hellenistischen Marmorskulptur verewigt, die heute im Vatikanmuseum steht. Der römische Dichter Vergil (70 bis 19 v. u. Z.) schreibt im 2. Buch der „Äneis“:

Eben wollte Laokoon, als der erkorene Priester des Neptunus, einen stattlichen Stier am Altare opfern. Da wälzten zwei Schlangen von Tenedos her — beim Erzählen schaudre ich noch! — sich in mächtigen Windungen über die ruhig wogende See und strebten nebeneinander zur Küste. Aufgereckt waren im Wasser die Brüste, die purpurnen Kämme sträubten sich über die Wellen. Die hinteren Teile der Körper wanden, die Oberfläche nur streifend, gewaltig sich vorwärts. Aufschäumend rauschte die Flut. Jetzt erreichten die Tiere das Festland. Blutunterlaufen, wie Feuerglut rot die wütenden Augen, leckten mit schlüpfrigen Zungen sie ihre grell zischenden Rachen. Weit auseinander stoben wir, bleich wie der Tod. Und die Tiere griffen, geraden Weges, Laokoon an. Und fürs erste wanden sie beide sich schwer um die schlanken Leiber der Söhne, schluckten, die Rachen gespreizt, die Unglücklichen hinunter. Hilfe gedachte der Vater zu bringen, erhob schon die Klinge. Aber da packten sie ihn auch und schnürten mit mächtigen Schlingen würgend ihn ein; die schuppigen Fesseln legten sich zweimal je um den Körper, den Hals, überragten das Opfer mit ihren Köpfen und Nacken. Laokoon suchte mit Fäusten die Knoten noch zu zerreißen; doch trieften die heiligen Binden von Geifer, trieften von tödlichem dunklen Schleim schon.

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Literatur

  1. 1.
    Johann Ramus war ein norwegischer Historiker, dessen „Norvegica antiqua“ (1689) die folgende Beschreibung enthält: „Anno 1687 wurde eine große Seeschlange von vielen Leuten in Dramsfiorden gesichtet, einmal sogar von elf Personen gemeinsam. Das Wetter war sehr ruhig, und sobald die Sonne erschien und der Wind ein wenig auffrischte, schoß sie davon wie ein Tau, das sich entrollt, wenn es von den Seeleuten plötzlich ausgeworfen wird; und die Umstehenden beobachteten, daß sie einige Zeit benötigte, um ihre vielen Windungen zu entrollen.“Google Scholar
  2. 2.
    wurde in der Nähe von Eastport, Maine, ein fast zehn Meter langes Wesen gefangen, das als „teils Vierfüßler, teil Fisch“ geschildert wurde. Aus der Illustration in „Harper’s Weekly“ (Abbildung siehe Seite 50) wird deutlich, daß der „wundervolle Fisch“ in Wirklichkeit ein Riesenhai ist, doch die Beschreibung besagt, daß das Ungeheuer „im hinteren Körperdrittel zusammen mit kleinen Flossen zwei riesige Beine aufweist, die in Schwimmfüßen enden“. Diese Beine sind offenbar die Klasper, doch der Illustrator, Charles R. Barry, hat sich an die Beschreibung gehalten und sie zu Füßen gemacht, die an die Pranken eines Löwen erinnern.Google Scholar
  3. 3.
    In seinem Buch „In the Wake of the Sea-Serpents“ nimmt Heuvelmans auf einen privaten Briefwechsel mit Ivan Sanderson Bezug, der vermutete, daß „die Buckel hydrostatische Organe [sein könnten], luftgefüllte Säcke, die mit der Luftröhre in Verbindung stehen und sich willkürlich aufblähen können. (…) Die Zahl dieser Säcke, deren Größe aus mechanischen Gründen beschränkt ist, sollte mit der Größe des Individuums zunehmen. Das würde die großen Meinungsunterschiede der Augenzeugen in Bezug auf Anzahl und Größe der Buckel erklären.“ — „Diese einfallsreiche Theorie würde viel erklären und ist sehr attraktiv“, sagt Heuvelmans dazu, verrät aber nicht, wie sich ein derart ausgestattetes Tier bewegen würde.Google Scholar
  4. 4.
    Es gibt natürlich völlig an das Wasserleben angepaßte Schlangen (Familie Hydrophiidae, Seeschlangen), und die häufigste Art ist Pelamis platurus die Plättchenseeschlange. Diese Seeschlangen sind echte Reptilien und damit Luftatmer, doch sie können beträchtliche Zeit unter Wasser bleiben. Sie sind sehr giftig, aber nicht besonders aggressiv und im Mittel 1,2 bis 1,5 Meter lang. Alle bekannten Arten leben im IndopazifikGoogle Scholar
  5. 5.
    Georges Baron de Cuvier (1769–1832), französischer Naturforscher.Google Scholar
  6. 6.
    Auf die Geschichte, die sich über vier engbeschriebene Seiten hinzieht, folgen Informationen über ihren Ursprung und die Meinung des Herausgebers: „’New York Tribune’, nachgedruckt in der ‘Times’ vom 10. März 1852. (Sehr wahrscheinlich ein Schwindel, aber gut aufgezogen. E. N.)“ Nach Starbucks Standardwerk „History of the American Whale Fishery“ existierte ein New Bedforder Walfänger namens „Monongahela“ unter einem Kapitän Jason Seabury wirklich. Das Schiff ist mitsamt seiner Besatzung 1853 in der Arktis verschollen. Der Bericht über die Seeschlange erschien vor dem Verschwinden des Schiffs in verschiedenen Zeitungen (und im Journal „Zoology“). Wir werden wohl nie mit Gewißheit erfahren, wer der Autor dieses Berichts ist. Unwahrscheinlich ist, daß Kapitän Seabury der Urheber der Story ist und den eigenen Vornamen veränderte.Google Scholar
  7. 7.
    Heuvelmans diskutiert Oudemans Schlußfolgerungen ausführlich, denn seiner Ansicht nach gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, darunter den Meeressaurier, den Riesenotter, die vielflossige Schlange, die vielbucklige Schlange, die gelbbäuchige Schlange, den Riesenaal und den Vater aller Schildkröten, die alle „ganz bestimmte ökologische Nischen besetzen und nur dort miteinander in Konkurrenz treten können, wo diese Nischen überlappen, was perfekt mit den Gesetzen der Natur übereinstimmt.“Google Scholar
  8. 8.
    Am 6. Dezember 1992 berichtet Clyde Farnsworth in der New York Times“, daß Bousfield und LeBlond „annehmen, daß große, schlangenförmige Geschöpfe einer bestimmten Wirbeltierart aus einer gegenwärtig noch unbekannten Klasse’ in den Küstengewässern von British Columbia schwimmen und möglicherweise sogar mit dem Monster von Loch Ness verwandt sind“.Google Scholar

Copyright information

© Springer Basel AG 1997

Authors and Affiliations

  • Richard Ellis

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