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Heilige Haine. Über Resonanzen zwischen Leib, Natur und Gemeinschaft

  • Frédérique Apffel Marglin
  • Purna Chandra Mishra
Chapter
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Part of the Wuppertal Paperbacks book series (WUTX)

Zusammenfassung

Seitdem der Brundtland-Bericht erschienen ist, lautet das Zauberwort «nachhaltige Entwicklung», und dieses Zauberwort beherrschte die Diskussionen auf der UN-Konferenz für Entwicklung und Umwelt. Die Auffassung, die sich über dieses Konzept entwickelt hat, läßt sich als intellektueller Mix von aufgewärmten Versionen von Progressive Conservation und Wilderness Thinking beschreiben, den beiden populärsten Umweltbewegungen in den Vereinigten Staaten. Die Bewegung Progressive Conservation entstand um die Jahrhundertwende in den USA und ist der Vorläufer des Konzepts der «nachhaltigen Entwicklung». Die Bewegung entstand als Reaktion auf die Umweltschäden, die der Laisser-faire-Kapitalismus verursacht hat, und ist eng verknüpft mit dem wissenschaftlichen Forstwesen und der Verwaltung der Wasservorkommen. Die Bewegung befürwortet die rationale Nutzung natürlicher Ressourcen und hat Handlungsmaßstäbe der Experten geformt und die Zentralisation gefördert. Man findet die entsprechenden Gedankengänge im US Forest Service und im Bureau of Reclamation. Wissenschaftliche Forstverwaltung und das Ingenieurwesen der Wasserversorgung stehen beide im Dienste der rationalen Nutzung natürlicher Ressourcen. Diese Betrachtungsweise gilt heute generell für alle landwirtschaftlichen und industriellen Aktivitäten unter dem Begriff der «nachhaltigen Entwicklung». Unter der Herrschaft von Expertenwissen werden immer neue Bereiche der Natur unter die Kontrolle des Menschen geraten, um die Produktion eines nachhaltigen Ertrags an vermarktbaren Ressourcen zu steigern.

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Literatur

  1. 1).
    Zitiert in Ramachandra Guha, «Two Phases of American Environmentalism: a critical history», 1993, in: F. Apffel Marglin und S. A. Marglin (eds.), Decolonizing Knowledge: from development to dialogue (in Vorbereitung).Google Scholar
  2. 2).
    In dem oben erwähnten Artikel führt Ramachandra Guha das Beispiel des Keldeo-Ghana-Bird-Heiligtums in Indien an, wo 1982 die Polizei auf Dorfbewohner schoß und sie tötete, weil sie ihre Weiderechte nutzten. Das Beispiel der Ik of Uganda ist durch den Anthropologen Collin Turnball bekanntgeworden (The Mountain People, New York, Touchstone Books, 1972); die Jagdgründe der Ik im Kidepo-Tal im Nordosten Ugandas wurden in einen Wildschutzpark umgewandelt, von dem die Bewohner ausgeschlossen worden sind, was zu ihrem Tod durch Verhungern geführt hat.Google Scholar
  3. 3).
    Ramachandra Guha, 1993, op. cit.Google Scholar
  4. 4).
    Purna Chandra Mishra lebt in Puri, Orissa. Seit 1975 haben er und ich bei Feldstudien zusammengearbeitet. Im Juni 1990 bin ich zum Heiligen Hain zurückgekehrt und habe an den Feierlichkeiten teilgenommen. Während des Festes von 1990 verbrachte ich einige Zeit in einem der Dörfer und feierte dort mit den Frauen. Purna Chandra Mishra besuchte auch das Fest im Juni 1991 und hat mir ausführliche schriftliche Berichte zugesandt.Google Scholar
  5. 5).
    Der Casuarina ist ein immergrüner, zu den Fichten gehörender Baum, der aus Australien stammt und vor 30 bis 40 Jahren in Indien eingeführt worden ist. Der Heilige Hain von Haracandi bedeckt heute nur etwa einen halben Quadratkilometer auf dem Hügel selbst. Früher gehörten dazu noch weitere 40 Acker Waldfläche, die aber vollständig abgeholzt wurden und jetzt von den heutigen Priestern von Haracandi mit Casuarina-Bäumen neu bepflanzt werden. Die Abholzung war von der kolonialen Forstpolizei veranlaßt worden: «Die forstwirtschaftlichen Regelungen nach dem Indian Forest Act von 1878 führten dazu, daß die kans [Heiligen Haine] in Staatsbesitz übergingen… Die Ressourcen der Wälder gingen so den Gemeinden verloren. Nur kleine Wälder wurden Gemeinbesitz und standen als Ressource einer großen Zahl von Menschen zur Verfügung. Der allgemeine Mangel an Biomasse in der Bauernschaft führte zu sehr ungeregelter Nutzung.» (M. D. Subash Chandran und Madhav Gadgil, Kans: safetyforests of Uttara Kannada, 1991, ms. S. 15.)Google Scholar
  6. 6).
    Im Sanskrit (und auch der Oriya-Sprache) hat «ritu» denselben Wortstamm wie im Deutschen das Wort «Ritual». Darüber siehe auch mein Kapitel «Women’s Blood: challenging the discourse of development», in: Apffel Marglin und Marglin (n. d.).Google Scholar
  7. 7).
    Chandran und Gadgil (1991) sind beide Biologen und betrachten die Heiligen Haine Indiens als Ausgangsorte für eine potentielle Erneuerung der indischen Forste, weil sie Quellen für die biologische Vielfalt darstellen.Google Scholar
  8. 8).
    Mit Ausnahme der Priesterkaste der Brahmanen, die einzige Kaste, die dieses Fest nicht feiert.Google Scholar
  9. 9).
    Die Arbeit des Sanskrit-Gelehrten Alf Hiltebeil über das Sanskrit-Epos Mahabharata belegt, daß das Haar und die Bekleidung von Draupadi die Wald-und Pflanzendecke der Erde repräsentiert. Draupadi selbst ist das Symbol der Erde. Die von Duhsasana ausgehende Störung ihrer Ruhe während ihrer Menstruation ist gleichbedeutend mit Raub und ist Ausdruck der Entblößung der Erde sowie von Hunger, Dürren und der Ausrottung der Geschlechterfolge. (A. Hiltebeitel, «Draupadi’s Garment», in: Indo-Iranian Journal, No. 22, 1980, S. 98–112 und «Draupadis Haar», in: Perusartha, Vol. 5, 1981, S. 179–214.)Google Scholar

Copyright information

© Springer Basel AG 1994

Authors and Affiliations

  • Frédérique Apffel Marglin
  • Purna Chandra Mishra

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