Advertisement

Landschaft und Raum als Gegenstände sozialwissenschaftlicher Forschung

Chapter
  • 552 Downloads

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 76.
    Das Problem des Raumes wird bei Durkheim in erster Linie aus erkenntnissoziologischer Sicht behandelt. Grundlage der Raumbetrachtungen bei Durkheim (1977 — zuerst 1893) ist „die soziogenetische Analyse der Anschauungsformen“ (Konau 1977: 19). Aus dieser Grundlage wird die These evident, die elementarsten Kategorien des Denkens (Raum, Zeit, Substanz) seien sozialen Ursprungs. Durkheim (1977 — zuerst 1893) unterstellt — im Sinne des prinzipiellen Soziodeterminismus — die Abhängigkeit der Kategorienbildung von der sozialen Struktur (vgl. Konau 1977).Google Scholar
  2. 77.
    Lévi-Strauss (1969) nimmt an, dass die Beziehungen zwischen räumlichen Konfigurationen und sozialer Struktur vielschichtig und bisweilen widersprüchlich sind. Ein Widerspruch ergibt sich dabei in besonderer Weise häufig aus den nicht offensichtlichen Strukturen der Gesellschaft, sich unbewusste Strukturen in Raumvorstellungen und räumlichen Vorstellungen zu manifestieren, was nicht ausschließlich für primitive, sondern auch für komplexe Gesellschaften gilt (vgl. Konau 1977). Grundsätzlich lassen sich nach Lévi-Strauss (1969, vgl. Konau 1977) drei Grundmuster der Umsetzung von Sozialordnungen in Raumordnungen unterscheiden: Erstens, die unmittelbare Projektion der Sozialordnung in eine Raumordnung; zweitens, die (vordergründige) Indifferenz der Sozialordnung gegenüber dem Raum; drittens, die bewusste Ge-und Beplanung des Raumes.Google Scholar
  3. 78.
    In der Soziologie Simmels nehmen Raum und Landschaft eine bedeutende Stellung ein. Ein zentrales Element in der Soziologie des Raumes ist bei Simmel der Zusammenhang zwischen kognitiver Raumanschauung und handlungsbezogener Raumanschauung im Raum, aus dem sich eine Emanzipation vom Raum ergibt (vgl. Konau 1977). Die räumliche Dimension der Gesellschaft stellt damit einen Aggregatzustand einer Vergesellschaftung dar, „die ihn rückwirkend tragen helfen“, wobei das „soziologisch Entscheidende [...] die Bildung einer Einheit aus einer Vielheit“ (Simmel 1958: 518–519) darstellt.Google Scholar
  4. 79.
    Löw (2001: 63) würdigt die Sicht des Behälterraumes in historischer Perspektive wie folgt: „Das euklidische Denken, welches in Sozialisations-und Bildungsprozessen vermittelt wird, ist für die Konstitution vieler Räume ohne Zweifel eine kulturell notwendige Leistung, um Gegenstände, sich selbst oder andere Menschen in ein Raster einordnen zu können. Diese ordnende Aktivität wird unterlegt und stärkt die Vorstellung, ‚im Raum zu leben’“.Google Scholar
  5. 82.
    Krämer-Badoni (2003: 276) betont, dass der konstruktivistische Raumbegriff — im Gegensatz zum marxistischen oder auch positivistischen — „heute die einzig mögliche Basis raumbezogener Wissenschaften zu sein scheint“.Google Scholar
  6. 83.
    Eigens die Landschaftsmalerei des frühen 19. Jahrhunderts trug zu einem geänderten Naturverständnis bei. Sowohl die Portraitlandschaften als auch die komponierten Ideallandschaften thematisierten die Distanz von Mensch und Natur (König 1997), eine Differenz, die das Beobachten von einzelnen Naturphänomenen als ästhetisierte Landschaft induziert.Google Scholar
  7. 84.
    Die prinzipielle Unmöglichkeit, die Frage zu beantworten, was das Ästhetische, das Schöne sei, wird auch in der Landschaftsbetrachtung — und insbesondere-planung — deutlich: die Problematik der Operationalisierbarkeit von Ästhetik bzw. Schönheit, die Frage also, „ob Schönheit etwas Objektives, dem Objekt anhaftend und damit beweisbar oder doch ‚nur’ etwas Subjektives, das individuell und emotional ist und somit nicht messbar sein kann“ (Wöbse 2002: 114–115). Dieses Problem der Objekt-Subjektpolarität setzt über die Dualität von „Landschaft als ästhetischem Objekt und dem Menschen als wahrnehmendem Subjekt“ (Wöbse 2002: 115) hinaus im Bereich der Ästhetik fort: der Polarität von objektiver und subjektiver Ästhetik. Die Position der objektiven Ästhetik wird dabei von Plato formuliert, der die Auffassung vertritt, jedem Gegenstande läge eine Idee zugrunde, die umso schöner erscheine, je mehr sich diese Idee materiell auspräge, während Kant die Position der Auffassung der subjektiven Ästhetik vertritt, schön sei das, was ohne Begriff allgemein gefalle. Wobei mit „ohne Begriff“ ohne Besitzanspruch und mit „allgemein“ die Mehrheit der Wahrnehmenden zu verstehen ist (Wöbse 2002). Frohmann (1997: 175) unterscheidet zwischen subjektorientierter Ästhetik, auf Basis von „soziokulturellen Werten, erlernten Normen, persönlichen Erfahrungen, Charaktereigenschaften und Wunschvorstellungen“, objekt-orientierter Ästhetik, die auf „objektiven Gesetzmäßigkeiten“ basiere und dem intersubjektiven Ansatz, der eine Verbindung zwischen den beiden genannten Ansätzen darstelle, „wenn in der Wahrnehmung der ästhetischen Wirkung einer Landschaft oder einzelner Elemente Subjekt und Objekt miteinander verschmelzen“. Hunziker (2000) arbeitet fünf Prinzipien der Ästhetik auf Grundlage bislang publizierter landschaftsästhetischer Vorstellungen heraus: Erstens, die Landschaftsästhetik der klassischen Ästhetik, als interesselose ästhetische Erfahrung im Sinne Kants; zweitens, die biologische Dimension der Landschaftsästhetik, im Sinne einer, die urmenschlichen Überlebensbedürfnisse am besten befriedigenden, Verfügbarkeit von Wasser, Überblick und Schutz; drittens, Die soziale Dimension der Landschaftsästhetik, im Sinne einer Aneignung von Symbolen im Prozess der Sozialisation, viertens, Die individuelle Dimension der Landschaftsästhetik, im Sinne individueller Vorstellungen und Wahrnehmungen, die Hunziker (2000) jedoch als nahezu unbedeutend charakterisiert; fünftens, das integrierte Modell der Landschaftsästhetik, das die unter Punkt 1 bis 4 genannten Modelle zu integrieren sucht.Google Scholar
  8. 85.
    Diesen Vorgang der Entstehung von Landschaft im Bewusstsein des Betrachters fasst Simmel (1990: 71) noch genauer: „Denn das Verständnis unseres ganzen Problems hängt an dem Motiv: das Kunstwerk Landschaft entsteht als die steigernde Fortsetzung und Reinigung des Prozesses, in dem uns allen aus dem bloßen Eindruck einzelner Naturdinge die Landschaft — im Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs — erwächst. Eben das, was der Künstler tut: dass er aus der chaotischen Strömung und Endlosigkeit der unmittelbar gegebenen Welt ein Stück herausgrenzt, es als eine Einheit fasst und formt, die nun ihren Sinn in sich selbst findet und die weltverbindenden Fäden abgeschnitten und in den eigenen Mittelpunkt zurückgeknüpft hat — eben dies tun wir in niederem, weniger prinzipiellem Maße, in fragmentarischer, grenzunsicherer Art, sobald wir statt einer Wiese und eines Hauses und eines Baches und eines Wolkenzuges nun eine ‚Landschaft’ schauen“.Google Scholar
  9. 87.
    Falter (1999) weist daraufhin, dass bereits in der Antike Räume als Landschaften wahrgenommen wurden, die „Eigenart“ von angeeigneten physischen Landschaften wurde mit Hilfe der Benennung mit Universalcharakteren, wie sie in den Götternamen dargestellt waren, vorgenommen. D.h. es wurde von Landschaften gesprochen, in denen „z.B. das Dionysische dominiert“ (Falter 1999: 176).Google Scholar
  10. 88.
    Da die Termini Urbanisierung und Verstädterung häufig synonym verwendet werden, sei darauf hingewiesen, dass In der vorliegenden Arbeit unter Verstädterung „die Konzentration der Bevölkerung in den Städten — also die Veränderung der Siedlungsstruktur“ (Häussermann/ Siebel 2004: 19) verstanden wird, während mit Urbanisierung „die damit verbundene Veränderung der Lebensweise“ bezeichnet wird (Häussermann/Siebel 2004: 19).Google Scholar
  11. 89.
    Simmel (1990: 69–70) stellt in diesem Zusammenhang fest: „Die Religionen primitiverer Zeiten scheinen mir gerade ein besonders tiefes Gefühl für ‚Natur’ zu offenbaren. Nur die Empfindung für das besondere Gebilde ‚Landschaf’ ist spät gewachsen, und zwar gerade, weil dessen Schöpfung ein Losreißen von jenem einheitlichen Fühlen der Allnatur forderte“.Google Scholar
  12. 91.
    Sofern diese Regulationscluster mit einem hohen Grad an Kohärenz aufeinander abgestimmt sind, lässt sich — so IPSEN (2002a) — von einem Regulationsregime sprechen. Wobei nicht auszuschließen ist, dass Ungleichzeitigkeiten existieren, so können auch in neuen Regulationsregimen Elemente älterer Regulationsregime persistieren. Unter Kohärenz ist ein relativer, fließender Zustand zu verstehen, der in sich wiederum durch Spannungen, Widersprüche und Konflikte gekennzeichnet ist. Eins dieser Regulationsregime ist der moderne Fordismus. Auch die Postmoderne lässt sich — unter Berücksichtung der verringerten Wirkung von Normativität — als Regulationsregime bezeichnen.Google Scholar
  13. 92.
    Die in den Raumwissenschaften vielbeschworene Identität der Landschaft (wie bei Gerhards 2003; abgegrenzt von der Identifikation mit der Landschaft) stellt somit aus soziologischer Sicht (wie auch die Identifikation mit der Landschaft) ein bewusstseinsinternes Konstrukt dar. Die Zusammenschau von Objekten bleibt eine bewusstseinsinterne Konstruktion — ob mit oder ohne die Attribute von Identifikation und Identität.Google Scholar
  14. 93.
    Den „semantischen Hof des Begriffs der Landschaft beschreibt Hard (1969: 10–11): „Die (wahre) Landschaft ist weit und harmonisch, still, farbig, groß, mannigfaltig und schön. Sie ist primär ein ästhetisches Phänomen, dem Auge näher als dem Verstand, dem Herzen, dem Gemüt und seinen Stimmungen verwandter als dem Geist und dem Intellekt, dem weiblichen Prinzip näher als dem männlichen. Die wahre Landschaft ist etwas Gewachsenes, Organisches, Lebendiges. Sie ist uns eher vertraut als fremd und dennoch eher fern als nahe, eher Sehnsucht als Gegenwart, denn sie hebt uns über den Alltag hinaus und grenzt an die Poesie. Aber so sehr sie auch ins Unbegrenzte, ja ins Unendliche weist, so bietet die mütterliche Landschaft doch immer Heimat und Geborgenheit. Sie ist ein Hort der Vergangenheit, der Geschichte, der Kultur und der Tradition, des Friedens und der Freiheit, des Glücks und der Liebe, der Ruhe auf dem Land, der Einsamkeit und der Erholung von der Hast des Alltags und dem Lärm der Städte.“Google Scholar
  15. 94.
    Der Konstruktion von Landschaft vorgelagert ist das Begreifen räumlicher Relationen, das einen entwicklungspsychologisch fortschreitenden Prozess — sowohl auf der Wahrnehmungsebene als auch auf der Vorstellungsebene — darstellt (Piaget/ Inhelder 1975 — zuerst 1947).Google Scholar
  16. 95.
    Diese Kenntnisse des Zeichensystems der Landschaft sind dem Naiven verborgen, weswegen er nicht in der Lage sei — so Burckhardt (1990) — Landschaft zu sehen.Google Scholar
  17. 96.
    Insbesondere der ästhetische und der emotionale Dimensionsbereich lassen die Atmosphäre von Landschaft entstehen, hier konstituiert sich die Luhmannsche (1997: 181) „Einheit der Differenz“ am deutlichsten.Google Scholar
  18. 97.
    Unter Kultur versteht Ipsen (2002: 99) in diesem Zusammenhang „das Insgesamt an Deutungen und Bedeutungen, mit dem einzelne Personen und Gruppen eine Beziehung zu ihrer Umwelt herstellen“.Google Scholar
  19. 100.
    Die Problematik sprachlich-kultureller Restriktionen macht DAVIS (2004: 20) anhand der Besiedlung Südkaliforniens deutlich: „Die Neuankömmlinge wurden von ihrer Sprache und ihrem kulturellen Erbe regelrecht im Stich gelassen. Denn die auf ein feuchtes Klima zugeschnittenen englischen Begriffe erwiesen sich als unbrauchbar für die präzise Erfassung der Dialektik von Wasser und Dürre, die eine mediterrane Landschaft kennzeichnet. Zum Beispiel kann man selbst bei großzügigster Auslegung einen arroyo nicht als ‚glen’ (Schlucht) oder ‚hollow’ (Talmulde) bezeichnen, denn er ist das Resultat eines völlig anderen hydrologischen Prozesses. Den englischen Einwanderern blieb oft keine andere Wahl als die zutreffenderen spanischen Bezeichnungen zu übernehmen, wobei sie allerdings den weiterreichenden landschaftlichen Kontext außer Acht ließen“. Mit den Folgen einer — den klimatischen Bedingungen unangepassten — Besiedlung sieht sich Kalifornien noch heute konfrontiert: Die Bebauung der Täler führt — aufgrund des raschen Abflusses infolge der klimatypischen Starkniederschläge — zu großen Sach-und Personenschäden in Folge von Überschwemmungen. Phänomene, die es im gemäßigten Klimaraum West-und Mitteleuropas in dieser Form nicht gibt.Google Scholar
  20. 101.
    Hinsichtlich der Frage, ob und inwiefern diese Definition wirklich von Alexander von Humboldt stammt, siehe Wöbse (2002).Google Scholar
  21. 102.
    Neef (1967: 19) kommentiert die Definitionsbemühungen zum Thema Landschaft in der Geographie folgendermaßen: „Alle geographischen Vorstellungen axiomatischen Charakters — darunter auch die Landschaftsvorstellung — entziehen sich der Definition. Wie viel Kraft ist vergeudet worden, geographische Grundvorstellungen zu definieren, ohne damit zu einem anerkannten Ergebnis zu kommen“Google Scholar
  22. 103.
    Insgesamt kann die Konstruktion von Grenzen als ein Charakteristikum der Moderne angesehen werden. Die Abgrenzung von menschlichem Körper und seiner Umwelt, des Körperäußeren zum Körperinneren, ist ein charakteristisches Beispiel hierfür. Dadurch wurde der Körper etwas, was man hat, und nicht mehr was man ist (vgl. Löw 2001). Seit den 1990er Jahren sind hingegen verstärkt Vorstellungen artikuliert worden, die den ständigen Austausch des Körpers mit seiner Umgebung betonen (z.B. bei Grosz 1994, zit. nach Löw 2001), so dass hier eine Grenzdifferenzierung bzw. Grenzauflösung konstatiert wird.Google Scholar
  23. 104.
    Burckhardt (1995: 166) stellt zum Begriff der Kulturlandschaft treffend fest: „Kulturlandschaft — Vorsicht! Auch dieser Begriff ist eine Chimäre, er suggeriert Ewigkeit. Wir stehen vor der Versuchung, Landschaft geschichtslos zu sehen: Die Höfe und Reisfelder der Poebene, die Weingüter des Bordelais, die Büffelherden der römischen Campagna spiegeln uns die scheinbar zyklische Produktion und Reproduktion zeitloser Gesellschaften vor. ‚Die alten Kulturlandschaften’, das klingt so wie ‚die Wiege der Menschheit’. [...] Und doch ist das Ganze paradox: Kultur ist Tätigkeit, ist Erfindung, ist Fortschritt. Die Kulturlandschaft ist also gerade nicht ewig, sondern entspricht einer historischen Momentaufnahme“.Google Scholar
  24. 105.
    So definiert Wöbse (2002: 185) den Terminus Kulturlandschaft folgendermaßen: „Kulturlandschaft ist eine vom Menschen gestaltete Landschaft, deren ökonomische, ökologische, ästhetische und kulturelle Leistungen und Gegebenheiten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, die eine kontinuierliche Entwicklungsdynamik gewährleisten und langfristig geeignet sind, Menschen als Heimat zu dienen“. Auf die einzelnen Zusammenhänge wird an späterer Stelle noch detaillierter einzugehen sein. Landschaft ist — wie bereits festgestellt wurde — in der Regel nicht (allein) auf gegenwärtige Nutzungen zurückzuführen, sondern stellt das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses dar. Daraus ergibt sich der — in dieser Arbeit ebenso wenig wie der der Kulturlandschaft verwendete — Begriff der historischen Kulturlandschaft, den Wöbse (2002: 186) folgendermaßen fasst: „Eine historische Kulturlandschaft ist eine von Menschen vergangener Zeiten geprägte Landschaft. Sie gibt Zeugnis vom Umgang früherer Generationen mit Natur und Landschaft und lässt Rückschlüsse auf das Mensch-Natur-Verhältnis unserer Vorfahren zu, sie gibt Ausdruck von deren Lebensstil, Bedürfnissen und Möglichkeiten. Historische Kulturlandschaften tragen in starkem Maße zur Eigenart und Schönheit von Landschaft bei“. Haber (1991) differenziert wiederum die Kulturlandschaft in die drei möglichen Hauptbestandteile der städtisch-industriellen, der ländlichen sowie der „echten“ Landschaft, die als Elemente der Naturlandschaft zu verstehen sind (vgl. hierzu auch Schafranski 1996). Burckhardt (1995: 167) stellt sich dem Begriff der Kulturlandschaft in anderer Weise: „Kulturlandschaft ist die Landschaft, in die man zu spät kommt, deren Reiz darin besteht, dass man darin gerade noch lesen kann wie es einmal war“.Google Scholar
  25. 106.
    Haber (2000) widerspricht der Sinnhaftigkeit einer solchen Trennung von Natur-und Kulturlandschaft: Er unterstreicht, Landschaft sei ein Ausdruck von Kultur und sei es nur in ihrer Wahrnehmung. Die strikte Trennung von Kultur und Natur lässt sich — nach Holzinger (2004) — als Projekt der Modere verstehen, die in der Postmoderne überwunden werde: In der Postmoderne werde Natur und Gesellschaft vernetzt. Ein wesentliches Element der ökonomischen Moderne ist ein Naturkonzept, „das auf einer Ausblendung und Ausbeutung der Natur beruht“ (BECK/BONSS/LAU 2001: 20). Dadurch wird Natur — in der Denktradition der Aufklärung als „‘objektiv’ existierendes, großes Uhrwerk, das nach strengen, unabänderlichen Gesetzen in Raum und Zeit abläuft“ (SCHAFRANSKI 2000: 182) konstruiert — als eine neutrale Ressource betrachtet, die unbegrenzt verfügbar erscheint und zu einem beherrschbaren „Außen“ der Gesellschaft degradiert wird (BECK/BONSS/LAU 2001): „Die Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft ist eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die dem Doppelzweck diente, die Natur zu beherrschen und zu kontrollieren. Natur ist unterworfen und vernutzt am Ende des 20. Jahrhunderts und damit von einem Außen-zu einem Innen-, von einem vorgegebenen zu einem hergestellten Phänomen geworden. Im Zuge ihrer technisch-industriellen Verwandlung und weltweiten Vermarktung wurde Natur in das Industriesystem hereingeholt. Zugleich ist sie auf diese Weise zur unüberwindlichen Voraussetzung der Lebensführung im Industriesystem geworden“ (BECK 1986: 9).Google Scholar
  26. 107.
    Ähnlich vielschichtig wie der Begriff der Landschaft ist auch derjenige des Raumes. Aus geographischer Sicht unterscheidet Blotevogel (1995, unter Hinzunahme von Wolkersdorfer 2001) sieben verschiedene Raumkonstruktionen: 1. Gegenständlicher Raum. Hierbei handelt es sich um das alltägliche Raumverständnis, eine Geographie der Dinge. 2. Raum als Anschauungsform. Raum und Zeit werden als a priori der Wahrnehmung vorgeschaltete Instanzen betrachtet. 3. Absoluter Raum. Dabei handelt es sich um einen dinglichen, vom Menschen unabhängigen Raum. 4. Relationaler Ordnungsraum. Raum wird als Ordnungsraum konstruiert, als ein System von Lagerelationen. 5. Raum als natürliche Umwelt des Menschen. Im Vordergrund der Raumuntersuchung stehen dabei der Raum in seiner physischen Ausprägung und die Interferenz zwischen menschlicher Gesellschaft und natürlicher Umwelt. 6. Subjektiver Raum. Raum wird nicht als objektiv betrachtet, Raum wird vielmehr als durch den Menschen wahrgenommener und gedeuteter Raum verstanden. 7. Sozialer und ökonomischer Raum. Raum unterliegt in diesem Konzept der Konstruktion von Gemeinschaften und Gesellschaften. Diese unterschiedlichen Raumdimensionen, die in der wissenschaftlichen Geographie diskutiert werden, bedeuten den Abschied von einer positivistischen Wissenschaft (z.B. aus handlungstheoretischer Perspektive bei Werlen 1995 und Werlen 1997, aus systemtheoretischer Perspektive bei Fliedner 1993).Google Scholar
  27. 108.
    Damit wird deutlich, dass ein-und dieselbe physisch-räumliche Einheit durchaus unterschiedliche Landschaftsdimensionen aufweisen kann. Aus geologisch-geomorphologischer Perspektive mag es sich bei dem selben Ausschnitt der Erdoberfläche um eine „Buntsandstein-Schichtstufenlandschaft“ handeln, aus klimatologischer Sicht um eine „Waldklimalandschaft“, aus siedlungsgenetischer Perspektive um eine „Straßendorflandschaft“, aus dem Blickwinkel des Wanderers um eine „schöne Landschaft“, aus architektonischer Sicht „Landschaft der südwestdeutschen Einhäuser“, aus soziologischem Blickwinkel um eine „Landschaft, geprägt von einer Wohnbevölkerung des liberalintellektuellen Milieus“ u. a., wobei diese „Landschaftsschichten“ nicht strikt in ihrer Verbreitung in einer „Ganzheit“ begrenzt sein müssen, sondern in jeder Landschaftsschicht individuelle Übergangszonen zu anderen Landschaften (z.B. vom liberal-intellektuellen Milieu zum postmodernen Milieu) festzustellen sind. Innerhalb der Geographie ist die Art der Raumbetrachtung durchaus different: Hat sich in der Sozialgeographie die Betrachtung des Raumes als individuelles oder soziales Konstrukt weitgehend durchgesetzt, ist der eher „altgeographisch“ (Hard 1999) orientierten physischen Geographie und der Landeskunde eine solche Orientierung größtenteils fremd.Google Scholar
  28. 110.
    Soja bezieht sich hier auf die Kurzgeschichte „The Aleph“ von Jorge Luis Borges, in welcher der Autor seine Verzweiflung darüber zum Ausdruck bringt, über Simultanitäten von Raum in linearer Weise schreiben zu müssen. Henri Lefebvre wird von Soja (1996: 6) als „Meta-Philosoph“ charakterisiert. Lefebvre verband mit der Bezeichnung „Transdisziplinarität“ die Forderung nach einer Verbindung zwischen historischen Wissenschaften, Sozialwissenschaften und Raumwissenschaften. Mit den Worten „recherces des espaces perdus“ spielt er auf den Roman von Marcel Prust „A la recherche du temps perdu“ an, in dem die Abfolge von Ereignissen und die Rekonstruktion von Ereignissen in der Erinnerung thematisiert wird. In dieser zitierten Passage wird die für postmoderne Autoren charakteristische Vorgehensweise deutlich, einerseits Anleihen aus belletristischer Kunst zu übernehmen, anderers eits teilweise sehr wortgewaltig zu argumentieren. Damit setzen sie sich deutlich gegen moderne wissenschaftliche sachlich-terminologisch gefasste Texte ab, in denen Anleihen aus der schöngeistigen Literatur selten und dann lediglich zur Illustration eingesetzt wurden. Auch in der postmodernen wissenschaftlichen Literatur wird somit eine Ästhetisierung deutlich.Google Scholar
  29. 111.
    Vgl. hierzu auch Hasse (1993) und Schafranski (1996).Google Scholar
  30. 113.
    Die unterschiedlichen Verfahren zur Bewertung der Landschaft können im Rahmen dieser Arbeit lediglich angerissen werden. Einen genaueren Einblick in die Landschaftsbewertung geben die Überblickswerke von Preu/ Leinweber (1996) und Bastian/Schreiber (1999) sowie der Grundlagenteil in der Arbeit von Schafranski (1996).Google Scholar
  31. 114.
    Sowohl Krause/ Klöppel (1996), Schafranski (1996) wie auch Rudolf (1998) kritisieren solche quantifizierenden Verfahren der Bewertung der Landschaftsästhetik als unzureichend hinsichtlich der Angemessenheit von Definition und Inhalt der ästhetischen Kategorien Vielfalt, Eigenart und Schönheit. Ferner seien Handhabbarkeit und Planungsrelevanz methodologisch unterbewertet.Google Scholar
  32. 116.
    Eine ausführliche Abwägung von Chancen und Problemen der quantifizierenden Bewertung von Umwelt findet sich bei Kühne 2004e.Google Scholar
  33. 117.
    Das hier dargestellte Konzept stellt eine Weiterentwicklung der in Kühne (2004b) dargestellten Gedanken dar.Google Scholar
  34. 118.
    Aus diesem konstruktivistischen Vorstellungssystem generiert sich eine wissenschaftliche Weltsicht, die sich als „Hypothetischer Realismus“ (Vollmer 1983: 34–40) bezeichnen lässt. Wobei „der Geltungsanspruch des ‚Hypothetischen Realismus’ bezüglich der Aussagen über die Welt [...] bescheiden [ausfällt]: Alle Aussagen über die Welt sind bloße Hypothesen“ (Hügin 1996: 10). Somit lässt sich weder Raum noch Landschaft niemals unfalsifizierbar — im Sinne Poppers — beschreiben. Die bewusstseinsinterne Rekonstruktion von Landschaft ist somit stets der Beschränkung durch kognitive Filter, der sensorischen Beschränkung der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit sowie soziokulturellen Beschränkungen unterworfen.Google Scholar
  35. 120.
    Der angeeignete physische Raum — im Sinne von Bourdieu (1991b) — wird durch die relationale Anordnung von Gütern, Dienstleistungen und der physischen Lokalisierungen von einzelnen Menschen und Gruppen bestimmt, teilweise von immateriellen Anordnungen also, die bei der bewusstseinsinternen Konstruktion von Landschaft keinen unmittelbaren Einfluss haben (vgl. Löw 2001).Google Scholar
  36. 121.
    Ipsen (2002a) und Läpple (2002c) bestimmen diese Zusammenhänge zwischen Raum einerseits und Ökonomie, Politik, Sozialem und Kultur allgemeiner und ohne Landschaftsbezug als „Funktionsräume“.Google Scholar
  37. 122.
    Begreift man angeeignete physische Landschaft als Nebenfolge des Agierens der Gesellschaft, lässt sie sich im Sinne von Fayet (2003) auch als Abfall (der modernen Gesellschaft) interpretieren.Google Scholar

Copyright information

© Deutscher Universitäts-Verlag ∣ GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006

Personalised recommendations