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Staats-Kunde pp 258-268 | Cite as

Volk und Staat

  • Rudolf Laun
Chapter

Zusammenfassung

Seit der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 hat sich vielfach der Sprachgebrauch eingebürgert als „Deutsche“ nur die Reichsangehürigen zu bezeichnen, diese aber auch dann, wenn sie etwa — im alten Reiche — polnischer, dänischer, französischer Nationalität waren. Dieser Sprachgebrauch entspricht einer Auffassung, die den Staat in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Man ging in dieser Auffassung vielfach so weit, von jenen fremdsprachigen Reichsangehörigen deutsches Nationalgefühl zu verlangen, und war geneigt, sie sittlich zu verurteilen, wenn sie ein solches nicht hatten. Dagegen nicht als „Deutsche“ betrachtete man die Deutschen außerhalb der Reichsgrenzen, so vor allen die Deutschösterreicher und Deutschschweizer. Mochten diese im einzelnen wie immer über ihr deutsches Volkstum denken, sie waren eben nichts als „Ausländer“. Die staatliche Auffassung kennt beispielsweise nur den „Schweizer“, gleichgültig, ob er deutsch oder wälsch ist. Sie kannte auch in bezug auf das alte Österreich nur den „Österreicher“ als einen im Gegensatz zum „Deutschen“ stehenden Ausländer und warf hierbei die Deutschen, Tschechen, Polen. Ruthenen, Rumänen, Slowenen, Kroaten, Italiener dieses Staates in einen Topf. Auch heute noch meinen die deutschen Gesetze bloß die „Reichsangehörigen“, wenn sie von „Deutschen“ sprechen, und scheinen so anzudeuten, daß die verlorenen Deutschen in Elsaß-Lothringen, Polen, Danzig usw. keine Deutschen mehr seien. Auch heute noch können viele Reichsdeutsche zwischen dem deutschen und dem nichtdeutschen Ausländer nicht unterscheiden.

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Literatur und Nationalitätenkarten

  1. Allgemeines. Die Literatur über die nationale Frage ist fast unübersehbar groß und auf viele Sprachen verteilt. Zur Einführung und als erste Grundlage für ein weiteres Studium eignen sich vielleicht am besten die einschlägigen Aufsätze im Handbuch der Politik, 3. Aufl., Berlin, Rotschild, 1920ff., insbesondere Bd. I, S. 59 ff. (Einfluß des Nationalitätsprinzips auf die Staatenbildung), Bd. II S. 308ff. (die Gebietsveränderungen nach dem Friedensvertrag), 338 ff. (der Friedensvertrag mit Deutschösterreich), 351 ff. (der Friedensschluß mit Ungarn, Bulgarien und der Türkei), Bd. V, 266 ff., 326ff. (Auslandsdeutschtum, nebst zwei nationalitätenstatistischen Anhängen), dazu verschiedene Aufsätze über Einzelgebiete, so Bd. II, S. 1 ff. (Deutschlands Machtstellung vor dem Kriege), 22 ff. (Österreich vor 1914), 60ff. (Panslawismus), 325 ff. (Polen), 346 ff. (Tschechoslowakei, dieser Aufsatz, aus nicht deutscher Feder, wird der ungeheuren Bedeutung der nationalen Frage in dem dargestellten Gebiet nicht gerecht), 365ff. (Irland), 369 ff. (Indien), Bd. V, S. 300 ff. (Danzig). 309 ff. (Deutschösterreich) u. a. Über den Begriff der Nationalität G. Jellinek, Allgemeine Staatslehre, 3. Aufl., Berlin, Häring, 1914, s. 116ff. Über die neueste Geschichte und die völkerrechtliche Seite des nationalen Problems Strupp, Wörterbuch des Völkerrechts und der Diplomatie, Berlin 1922, Artikel Nationalitätenfrage einschließlich des Minderheitsrechts. Alle diese Schriften enthalten weitere Literaturangaben. 1923 ist eine bedeutend kleinere und sehr billige Winklersche Karte, „Völker und Staaten Mitteleuropas“, vom Hilfsverein für Deutschböhmen in Wien VIII, Fuhrmanngasse 18a, herausgegeben worden.Google Scholar
  2. Zu I Volk und Staat in der Geschichte: Handbuch der Politik, 3. Aufl. Bd. I, S. 59ff.; Bernatzik. Die Ausgestaltung des Nationalgefühls im 19. Jahrhundert, Hannover, Helwing 1912.Google Scholar
  3. Zu ll Das gegenwärtige Verhältnis von Völk und Staat: Zur Gebietsfrage s. vor allem Dr. Wilhelm Winkler, Sprachenkarte von Mitteleuropa, Wien, Hermann Goldschmiedt, 1921. Diese Karte zeigt gleichzeitig die ethnographischen und die neuen staatlichen Grenzen und dadurch die ungeheuren nationalen Vergewaltigungen, die auf den übrigen Karten nicht ersichtlich sind. In den Ententeländern sind vielfach unrichtige Nationalitätenkarten verbreitet worden, z. B. die Karte von Gabrys, Lausanne, oder die Karte des tschechoslowakischen Saates nebst Legende in World’s Magazine 1919.Google Scholar
  4. Von Aussätzen vgl. die bereits oben zitierten im Handbuch der Politik, 3. Aufl., Bd. II, S. 308ff. (über die Gebietsfragen des Friedensvertrages von Versailles), 338ff. (über den Vertrag von St. Germain mit Deutschösterreich), 351ff. (über die Friedensschlüsse mit Ungarn, Bulgarien und der Türkei), Bd. V, S. 291 ff. und 295 ff. (über die Nationalitätenstatistik der abgetretenen Gebiete und neugebildeten Staaten). Über die allgemein-politische und völkerrechtliche Würdigung der Gebietsfragen vgl. Strupp. Wörterbuch des Völkerrechts und der Diplomatie, Berlin, 1922, Artikel Nationalitätenfrage, Abschnitte I, II, IV und V.Google Scholar
  5. Zu den Möglichkeiten einer Lösung der nationalen Frage vgl. den eben zitierten Aufsatz bei Strupp, Abschnitt III. Die Vorschläge der deutschen Regierung vom 29. Mai 1919 sind abgedruckt in „Der Kampf um den Rechtsfrieden“, herausgeg. von der Deutschen Liga für Völkerbund, Berlin, Engelmann, 1919, und zwar S. 172, 173. Zu dem näheren Inhalt der dargestellten Vorschläge vgl. den Aufsatz „Die national Frage im künftigen Völkerrecht“ in der Zeitschrist „Deutsche Arbeit in Österreich“ herausg. von Dr. Hermann Ullmann, 18. Iahrgang 7.-8. Heft, April–Mai 1919, S. 199ff.; über die Berner Völkerbundkonferenz noch Heft 2 der „Schriften über Minderheitenschutz“, herausg. vom Deutschen Schutzbund für die Grenz-und Auslanddeutschen, Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1920, S. 19ff.; den Beschluß des Deutschen Schutzbundes und der Liga für Völkerbund, Pfingsten 1920, in der Zeitschrift „Das Vereinsleben“, Mitteilungsblätter des Deutschen Schutzbundes, 1. Jahrgang Nr. 7, vom 15. Juli 1920, S. 6.Google Scholar
  6. Zum Schutz nationaler Minderheiten namentlich Dr. Franz Bordihn, das positive Recht der nationalen Minderheit Heft 2 der Schriftenfolge „Das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen„, herausg. von Johannes Tiedje, Berlin, Engelmann, 1921, ferner den Artikel „Nationalitätenfrage einschließlich des Minderheitsrechts in Strupps Wörterbuch des Völkerrechts und der Diplomatie Abschnitt VI; Epstein, Der nationale Minderheitsschutz als internationales Rechtsproblem Berlin, Engelmann, 1922; dazu die fortlaufenden Mitteilungen in der Rubrik „Minoritäten“ bezw. „Schutz der Minderheiten“ der monatlich erscheinenden Publikation „Die Tätigkeit des Völkerbundes„, Verteilungsstelle für Deutschland: Deutsche Liga für Völkerbund Berlin. Der oben dargestellte Zustand ist der vom 1. August 1922. Es werden sich voraussichtlich den genannten Verträgen noch einige weitere anreihen.Google Scholar
  7. Über das Auslandsdeutschtum Handbuch der Politik, 3. Aufl., Bd. V, S. 266ff. (Deutsche Gebiete unter Fremdherrschaft“) und 326 ff. Ferner ist vor allem wichtig die schon zitierte Sprachenkarte von Mitteleuropa von Dr. Wilhelm Winkler, Goldschmiedt, Wien 1921, eine Karte, welche in allen Schulen Deutschlands verbreitet sein sollte, damit das heranwachsende Geschlecht über die Bedeutung der nationalen Frage für das deutsche Volk aufgeklart werde. Die deutsche Liga für Völkerbund und der Deutsche Schutzbund haben auf ihrer gemeinsamen Tagung für Minderheitenrecht zu Berlin im Oktober 1920 auf meinen Antrag einstimmig den folgenden Beschluß gefaßt: „Die Tagung für Minderheitenrecht fordert ferner die deutsche Regierung auf, dafür zu sorgen, daß im gesamten Schulunterricht im ganzen Reiche von der Volksschule aufwärts sowie durch Massenverbreitung einer vollkommen wahrheitsgemäßen Nationalitatenkarte von ganz Mitteleuropa und auf andere geeignete Weise dem deutschen Volke eine angemessene Kenntnis über alle dem Ausland geopferten Teile des deutschen Sprachgebietes uud deren kulturelle, wirtschaftliche und politische Bedeutung vermittelt werde, und zwar in gleicher Weise, ob diese Gebiete bis 1919 dem Deutschen Reiche angehört haben oder nicht.„ (Abgedruckt in der Zeitschrift „Neue Brücken“, 1920, Nr. 10/11, S. 3.).Google Scholar
  8. Die im Text mitgeteilten Ziffern stützen sich auf Dr. Wilhelm Winkler, Statistik des Grenzlanddeutschtums, in der Zeitschrift „Deutsche Arbeit“ 20. Jahrg., Heft 8 v. Mai 1921, S. 345 ff., doch habe ich die seither in Oberschlesien und in Deutschwestungarn eingetretenen Gebietsveranderungen sowie eine Korrektur bezüglich Jugoslawiens in der Tabelle durchgeführt (vgl. auch Handbuch der Politik, 3. Aufl., Bd. V, S. 297).Google Scholar
  9. Über Elsaß-Lothringen bes. Konig, Der Sprachen-und Schulkampf in Elsaß-Lothringen in Nr. 22 der Hamburger Stimmen, Wochenblatt für Politik, Wirtschaft und Kultur, 1922. Über die Lage der Deutschen in Polen und der Tschechoslowakei vgl. vor allem deren Tagespresse, Zeitschriften und mehrfache Denkschriften an die Mächte und den Völkerbund, es ware kaum möglich. hier aus der Fülle des Materials über diese Millionen von Deutschen einzelnes zu zitieren. Über die Beschlagnahme von Grundstücken zu Zwecken der Entnationalisierung die Beschwerde der deutschen Großgrundbesitzer an den Völkerbund, Prag. Selbstverlag der Deutschen Volkerbundliga in der tschechoslowakischen Republik, Sept. 1922, in welcher Schrift die einzelnen Enteignungsfälle namentlich und mit allen Daten aufgezahlt sind. Über die Volkszahlung die Wechselrede Winkler-Mildschuh im Deutschen Statistischen Zentralblatt XIII, 1921, Heft 1/2 und 5/6. Über Danzig Handbuch der Politik, 3. Aufl., Bd. V, S. 300ff. Über Deutschosterreich ebenda S. 309ff (Geschichte des Verhältnisses Deutschösterreichs zum Reiche von den Karolingerzeiten bis zum Zusammenbruch Österreichs) und 314ff (staatsrechtliche Bemerkungen), Schücking, Kommentar zum Friedensvertrage, Vorveröffentlichung „Deutschösterreich im Friedensvertrag von Versailles„, Berlin, Vahlen, 1921 (enthält die beschichte des Zerfalls Österreichs, der Konstituierung Deutschösterreichs, der Verhandlungen mit dem Deutschen Reich über den Anschluß und des Verbots der Entente, ferner völkerrechtliche Bemerkungen zum Ententeverbot), Ludo Moritz Hartmann, Großdeutsch oder kleindeutsch Gotha, Perthes, 1921 und meine Rede Deutschland und Deutschösterreich, Berlin, Engelmann, 1921 (die beiden letztgenannten Broschüren enthalten politische und wirtschaftliche Bemerkungen zur Anschlußfrage).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1926

Authors and Affiliations

  • Rudolf Laun
    • 1
  1. 1.HamburgDeutschland

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