Advertisement

Ergebnisse und Zusammenfassung

  • Sonja Bredehöft
Chapter
Part of the DUV: Sprachwissenschaft book series (DUVSW)

Zusammenfassung

Es dürfte deutlich geworden sein, daß in dieser Untersuchung die Untersuchten mehr sind als Datenlieferanten bzw. Datenempfänger. Die Schwierigkeiten, die sich in den Rückkoppelungsgesprächen gezeigt haben, resultieren ja gerade daraus, daß versucht werden mußte, sich mit den Gesprächspartnern über differierende Deutungen bis in die persönlichen Verästelungen auseinanderzusetzen. Das soll keineswegs auf ein Manko, sondern vielmehr auf die Besonderheit eines derartigen diskursanalytischen Ansatzes hinweisen, der Gesprächsanalyse als Handlungsforschung betreibt. Es geht hier über die linguistische Untersuchung und Beschreibung der Rückkoppelungsgespräche hinaus auch um den Versuch, Gesprächsanalyse als soziale Praxis zu konzipieren. Ich meine, daß sich in den Gesprächen gezeigt hat, daß dieses Anliegen für alle Beteiligten etwas so Neues und Ungewohntes ist, daß sie erst mühsam nach einer Form für solche Gespräche suchen mußten und weiterhin müssen. Daß sich thematische Ausweichmanöver (Tabuisierungen, Harmonisierungen, akademisches Interesse), die bereits in den Erstinterviews sichtbar wurden, auch in solchen Nachbesprechungen wiederfinden lassen, ist ein überraschendes und interessantes Thema für eine erneute Rückkoppelung. In den Gesprächen wurde nämlich ein relativ stabiles Gesprächsverhalten gezeigt, dessen Bewußtmachen für die Beteiligten unmittelbar erhellend sein müßte.217 Ein solches Gesprächsverhalten ist offenbar personengebunden und automatisiert. Es kann durch Bewußtwerdung deautomatisiert, nicht jedoch neu eingeübt werden.218 Es ist (verglichen z. B. mit Phänomenen der Wortwahl: etwa statt “arbeitslos” “erwerbslos”, oder mit stilistischen Phänomenen wie Satzbau und Satzlänge) so komplex, daß es sich Übungen oder Training entzieht. Unter Umständen ist es sogar so subtil, daß es als stabile Disposition außerhalb des Bewußtseins der Untersuchten liegt. D. h., es bleibt selbst dann im Zustand des Nicht-Bewußten, wenn darauf hingewiesen wird. Beispielsweise wird es von den untersuchten Personen lediglich als Einzelfall erkannt.219 Gesprächsverhalten gibt daher eher Aufschluß über Haltungen als über Techniken, und diese Haltungen lassen sich sowohl individuell-biographisch als auch sozial-diskursiv erklä.220

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literature

  1. 217.
    Hierzu ein Beispiel aus der Praxis: In einem Gesprächsführungskurs fiel ein Teilnehmer auf, der seine Gesprächspartner nicht ausreden ließ, sondern sie unterbrach, um sich für sein Verhalten zu rechtfertigen. Während der Analyse tendierte der Teilnehmer wiederum dazu, sich während jeder Bemerkung über sein Gesprächsverhalten zu rechtfertigen. Daß ihm dieses durchaus problematische Gesprächsverhalten bewußt gemacht wurde, dürfte er als unmittelbaren Nutzen aus diesem Kurs mitnehmen.Google Scholar
  2. 218.
    Gerd ANTOS: Demosthenes oder: Über die “Verbesserung der Kommunikation”.Google Scholar
  3. 219.
    WATZLAWICK unterscheidet mit Gregory BATESON drei Bewußtheitsgrade: 1. die Ebene der vollen, abfragbaren Bewußtheit, 2. die bewußtseinsfähige Ebene, mit der man ein Phänomen erfaßt, wenn man darauf hingewiesen wird, und 3. das nicht Bewußtseinsfähige, beispielsweise dann, wenn sich jemand gewohnheitsmäßig von jemand anderem abhängig macht oder die hilfreiche Hand, die ihn füttert, regelmäßig beißt. (Gregory BATESON: Exchange of Information about Patterns of Human Behaviour. Referat anläßlich des Symposium an Information Storage and Neural Control, Houston 1962 [unveröff.], zit. nach: Paul WATZLAWICK/Janet H. BEAVEN/Don D. JACKSON: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, 4. Aufl., Bern 1974, S. 38f.)Google Scholar
  4. 220.
    So wie weibliches Sprachverhalten sich sowohl aus der individuellen Familiensozialisation erklären läßt wie auch aus dem in der Gesellschaft herrschenden Geschlechter-verhältnis.Google Scholar
  5. 22l.
    l Vgl. die umfangreiche psychologische Literatur, angefangen bei Maria JAHODA/P. F. LAZARSFELD/H. ZEISEL: Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt 1975 bis z. B. Thomas KIESELBACH/Ali WACKER (Hg.): Individuelle und gesellschaftliche Kosten der Massenarbeitslosigkeit, Weinheim/Basel 1985.Google Scholar
  6. 222.
    Das ist vergleichbar der sogenannten ‘sauberen Armut’, die ihre Lebensweise an kleinbürgerlichen Normen ausrichtete, um der dem Diskurs über Armut innewohnende Etikettierung von “Verwahrlosung” und “Verkommenheit” zu widersprechen. Schon im Mittelalter übrigens unterschied man sorgfältig zwischen jenen Armen, die sich “ordentlich, mäßig und sittsam” führten und sich an bürgerlichen Normen orientierten und der nicht-seßhaften Armut, die in die alte agrarisch-feudale Ebene zurückgewiesen wurde. Nur die ersten, vorausgesetzt sie hatten ihren Wohnsitz in der Stadt bzw. Gemeinde und waren arbeitswillig, konnten auf öffentliche Unterstützung rechnen. Vgl. hierzu den Sammelband von Christoph SACHBE/Florian TENNSTEDT (Hg.): Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung, Frankfurt/Main 1986, insbes.: Christoph SACHBE/Florian TENNSTEDT: Sicherheit und Disziplin. Eine Skizze zur Einführung, ebd., S. 15ff.Google Scholar
  7. 223.
    Ursprünglich sollten die Untersuchungen im Rahmen einer Arbeitsloseninitiative stattfinden, die jedoch das Anliegen des Projekts mit dem Vorwurf der Sozialtechnologie und des Mißbrauchs der Arbeitslosen zu eigenen Qualifizierungszwecken abschmetterte - nachdem zuvor zwei Stunden auf dem Niveau eines Politikseminars darüber diskutiert worden war, warum die Beratungspraxis der Arbeitsloseninitiative nicht zu einer Politisierung und Organisierung der Arbeitslosen beitrage, sondern lediglich den Status des billigen Anwaltsbüros habe.Google Scholar
  8. 224.
    Die Rede-und Schreibweise der in der ALSO organisierten Arbeitslosen konnotiert immer noch deren studentische Aktions-und Lebensweise, was für andere soziale Gruppen entweder eine zusätzliche Zugangshürde darstellt oder dazu verleitet, sie als “Dutchblicker” in Anspruch zu nehmen (Konsum von Dienstleistungen statt Selbstorganisation). Das belegt folgendes Textbeispiel aus einem ALSO-Bericht aus dem Jahr 1987 über die Entstehung der Arbeitslosenselbsthilfeorganisation: “Wir malten unsere erste ALSO-Fahne, die wir über unserem Kaffeestand aufhängten, und machten hier die wichtige Erfahrung, daß auch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger Stärke entwickeln können, wenn sie selbstbewußt und solidarisch handeln” (ARBEITSLOSENSELBSTHILFE E. V.: [K]ein Grund zum Feiern. 1982–1987. Oldenburg 1987, S. 3).Google Scholar
  9. 225.
    Aus einem internen Beratungspapier der ALSO aus dem Jahre 1986 stammt folgende Formulierung, die dort zur Klärung der obengenannten Fragestellung erstellt und diskutiert wurde: “4. Unsere Beratung soll Kontaktpunkt und Bindeglied zu den Erwerbslosen und damit Ansatzpunkt zu deren Organisation in der ALSO sein.chwr(133) a) Unsere Effektivität bezüglich der Ziele 1 [bestmögliche finanzielle Absicherung der Erwerbslosen; S. B.] und 3 [Beeinflussung der kommunalen Sozialpolitik; S. B.] wirkt hier in der Tat gegenläufig: die dafür notwendige Perfektion schafft ein eklatantes Mißverhältnis zwischen Berater und ‘Opfer’.” (Hervorhebungen von mir; S. B.)Google Scholar
  10. 226.
    Das ist zugegebenermaßen eine etwas drastische Darstellung, sie findet aber ihre Berechtigung darin, daß im Zuge der methodischen Vorüberlegungen auch solche Möglichkeiten prinzipiell erwogen wurden.Google Scholar
  11. 227.
    Diese Vermittlungsprobleme sind nicht nur aus der Atzt-Patienten-Kommunikation hinlänglich bekannt, dort allerdings mit dem Unterschied, daß Laien aus unmittelbar einleuchtenden vitalen Interessen Verständlichkeit und ausreichende Beratungszeit einzuklagen beginnen. Das Phänomen ist aber auch bekannt aus der Eltern-Lehrer-Kommunikation, wo Eltern in Einzelgesprächen oder auch Konferenzen mit Lehrern wie paralysiert wirken. Hier wirken außer Faktoren wie Asymmetrie und Kenntnisdefizite auch eigene Schülererfahrungen und Infantilitätsgefühle hinein.Google Scholar
  12. 228.
    Wissenschaftliche Expertisen haben es an sich, daß sie vom Standpunkt der Wissenschaft aus durchaus plausibel sein mögen, jedoch aus der Sicht derjenigen, die sich mit den in Frage stehenden praktischen Problemen alltäglich auseinandersetzen müssen, als oftmals nur begrenzt hilfreich erfahren werden.Google Scholar
  13. 229.
    Das betrifft im übrigen nicht die Mitarbeiterinnen der Arbeitslosenselbsthilfe, die im Gegenteil die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihrem Problem eher verdächtig fanden. Als Erklärung hierfür kann vielleicht gelten, daß es sich bei diesen Gesprächspartnerinnen fast ausnahmslos um Hochschulabsolventinnen handelte.Google Scholar
  14. 230.
    Dazu kommt das Wissen um die Reproduzierbarkeit der eigenen Äußerungen jenseits der eigenen Kontrolle. Im Hinblick auf eine Dokumentation der Ergebnisse muß dies jedoch in Kauf genommen werden, will man nicht heimliche Aufnahmen anfertigen. Dieser Effekt der Aufnahmesituation - er geht über das Phänomen der Mikrofonbefangenheit innerhalb der ersten zehn Minuten hinaus - sollte jedoch nicht unterschätzt werden.Google Scholar
  15. 231.
    Es soll nicht behauptet werden, daß damit sämtliche Probleme der Rückkoppelungsgespräche behoben wären. Wie die Gruppendiskussion mit der Abiturklasse zeigt, muß dort wiederum mit gruppendynamischen Prozessen gerechnet werden, die nicht vorhersehbar sind.Google Scholar
  16. 232.
    Mit diesem Befund möchte ich auch auf die Fragen von Lerke GREVENHORST/Michael-Sebastian HONIG/Klaus WAHL hinsichtlich der überraschenden Offenheit ihrer Untersuchten eingehen: “Ist es die Unfähigkeit, die gesellschaftliche Bedeutung und Gefahr einer Forschungssituation richtig einzuschätzen, die unsere Familien sich so öffnen ließ? Oder ist es eine Spontaneität, eine soziale Neugier oder sogar eine Fähigkeit, sich auf unerwartete, womöglich herausfordernde Situationen einzustellen? In diesem Zusammenhang stellt sich dann auch wieder die Frage, welche Familien es eigentlich gewesen sind, die sich auf die Gespräche mit uns eingelassen haben, und welche es nicht taten; welches Segment der Wirklichkeit von Familie ist uns durch die Spontaneität unserer Gesprächspartner zugänglich geworden, und was sind die Grenzen dieses Ausschnitts?” (Wissenschaftlichkeit und Interessen. Zur Herstellung subjektivitätsorientierter Sozialforschung, Frankfurt/Main 1982, S. 132). - Ich meine, die Befragten als der Wissenschaft ausgelieferte Datenlieferanten zu sehen, ist eine eklatante Fehleinschätzung der eigenen Möglichkeiten. Forscher und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen sind von den Befragten abhängig und auf das angewiesen, was diese freiwillig preisgeben, umdeuten oder auch verschweigen.Google Scholar
  17. 233.
    Zia Ebd., S. 169.Google Scholar
  18. 234.
    Übrigens einer der Gründe, warum WATZLAWICK der Meinung ist, wir seien durch das Eingesponnensein in Kommunikation, deren Regeln wir nicht restlos kennen, fast unfähig, über Kommunikation zu kommunizieren:“In Analogie zum Begriff der Metamathematik wird dies Metakommunikation genanntchwr(133) Im Vergleich zur Metamathematik steht die Erforschung der Metakommunikation jedoch vor zwei gewaltigen Nachteilen. Erstens besteht auf dem Gebiet der menschlichen Kommunikation noch kein Begriffssystem, das sich auch nur annähernd mit einem Kalkül vergleichen ließe; dies beeinträchtigt allerdings nicht die heuristische Nützlichkeit des Begriffs. Der zweite Nachteil ist mit dem ersten eng verbunden. Während nämlich die Mathematiker über zwei Sprachen verfügen (Zahlen und algebraische Symbole für die Mathematik, die natürliche Sprache zum Ausdruck der Metamathematik), besitzt die menschliche Kommunikationsforschung nur die natürliche Sprache als Medium der Kommunikation und der Metakommunikation.” (Paul WATZLAWICK/Janet H. BEAVEN/Don D. JACKSON: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, 4. Aufl., Bern/Stuttgart/Wien 1974, S. 42.)Google Scholar
  19. 235.
    Lerke GREVENHORST/Michael-Sebastian HONIG/Klaus WAHL: Wissenschaftlichkeit und Interessen. Zur Herstellung subjektivitätsorientierter Sozialforschung, Frankfurt/ Main 1982, S. 219.Google Scholar
  20. 236.
    Ebd., S. 218.Google Scholar
  21. 237.
    Umfragen des Oldenburger Bildungsvereins Arbeit und Leben zur Lage und Entwicklung der Erwachsenenbildung aus dem Jahr 1992 zeigen, daß die Themen der Erwachsenenbildung dann das Interesse auf sich ziehen, wenn sie einen persönlichen Nutzen und Gewinn versprechen und im Lebenszusammenhang der Teilnehmer und Teilnehmerinnen konkret verwertbar sind.Google Scholar
  22. 238.
    Das ist übrigens nicht der Fall bei Rückkoppelungsversuchen unter Sprachwissenschaftlerinnen, wie dem Aufsatz von Peter JARITZ zu entnehmen ist. JARITZ untersuchte Inkonsistenzen in von Sprachwissenschaftlerinnen verfaßten Aufsätzen und berichtet über einen Versuch der Validierung seiner Deutung in Form von Rückkoppelungen. Seine Ergebnisse wurden jedoch von den Verfasserinnen, wie er betont, vehement abgelehnt. Aber auch JARITZ zeigt lediglich das Verfahren der Analyse, und er berichtet über das Ergebnis der Rückkoppelung; dokumentiert wird diese nicht. (Peter JARITZ: Textanalyse mit Rückkoppelung, in: Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 1992, H. 46: Der Diskurs des Rassismus, S. 87–102.)Google Scholar
  23. 239.
    Der Gedanke, daß man Texte wie Kippfiguren lesen kann, ist eines der Ergebnisse der Untersuchung von JARrrz, ebd., S. 100.Google Scholar
  24. 240.
    Wie wichtig dies gerade für einen sprachwissenschaftlichen Ansatz ist, der den Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft zum Untersuchungsgegenstand hat, zeigt der Aufsatz von Gerd SIMON über die Verstrickung der inhaltsbezogenen Sprachwissenschaft in die nationalsozialistischen Machenschaften des Dritten Reiches; Gerd SIMON: Sprachwissenschaft im III. Reich. Ein erster Überblick, in: Franz JANUSCHEK (Hg.): Politische Sprachwissenschaft. Zur Analyse von Sprache als kultureller Praxis, Opladen 1985, S. 97–156.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1994

Authors and Affiliations

  • Sonja Bredehöft

There are no affiliations available

Personalised recommendations